Akute Lebensmittelvergiftung 2012

Veröffentlicht January 4, 2012

Das Leben rauscht an mir wie ein D-Zug vorbei, aber zur Silvesternacht hatte ich die einmalige Gelegenheit, einmal in Ruhe durchzuatmen und meine konstruierte Welt von oben zu betrachten. Genauer gesagt: ich saß auf einem Bett im Urbankrankenhaus vor dem Panoramaausblick und starrte auf den Himmel von Schöneberg, während die Stadt in einem tosenden Feuerwerksinferno erleuchtet wurde. Es war ein sehr fightclubesquer Moment. Das war so ein Augenblick, bei dem ich immer von dieser Überzeugung eingeholt werde, dass er von besonderem symbolischen Wert sein muss, ich diesen symbolischen Wert aber noch nicht so richtig erkannt habe. Trotzdem: in dieser kurzen Minute der totalen Hingebung für Zeit und Raum sauge ich die Bilder und Geräusche auf wie ein ausgedörrter Schwamm und setze die interpretativen Teile für mich später zusammen. Bisher hatte ich mit dieser Strategie noch nie Erfolg, denn auch in Retrospektive sind meine persönlichen, bedeutungstragenden Momente nie so richtig transparent.

Schon wieder war alles anders gekommen als gedacht. Schon wieder hatte ich Pläne, das Leben, sogar meine zukünftigen Gedanken und Taten in Stein gemeißelt und wurde anschließend von der Realitätsdampfwalze eingeholt: dein Leben kann nicht nur aus To-Do Listen bestehen, aus sorgfältig gepflegten Kalendereinträgen, aus unvergessenen Geburtstagen, aus behutsam ausgewählten Argumenten, aus rationalen Überlegungen und vernünftigen Entscheidungen. Die Realität will nämlich Platz, der nicht von dem strukturierten Netz der Sicherheit eingenommen werden sollte, sonst wird dieses Netz nämlich trotz aller Mühe beim Aufbau gnadenlos zerrissen und Realität macht es sich sowieso bequem. Ich kann also machen, was ich will: nicht das Unerwartete ist das Problem, sondern mein Umgang mit dem Unerwarteten. Mein Gesicht kann sich keine Stresspickel mehr leisten. Ich kann mir keine Versicherungen mehr leisten. Ich kann es mir nicht mehr leisten, mich an den weltlichen Aufgaben des Erwachsenwerdens zu zermürben. Jedes Mal, wenn es so weit war, habe ich Entschlüsse gefasst, die doofen Sachen alle abzubrechen “und endlich das zu tun, was ich wirklich tun will”, sprich: Job kündigen, Weltreise machen. Oder Job kündigen, Studium aufnehmen. Und dann noch mal kleinteiliger. Aber am Ende des Tages komme ich trotzdem an den Punkt der Überforderung, an dem ich mich frage:

Warum habe ich so viel Angst davor, zu schnell in die Kurve zu gehen in der Autobahnauffahrt, und was ist bitte so schlimm daran, wenn ein Plan nicht aufgeht? Sicherheiten sind Trugschlüsse. 2012 muss ich hart auf die Fresse fallen, um vielleicht endlich zu verstehen, dass es nicht so schlimm ist, wie ich dachte.

 
 

punktpunktpunkt

Veröffentlicht September 28, 2010

photo by the duckduckcollective, from "Americana II"

Wir haben alle Uhren, die wir finden konnten, rückwärtsgedreht. Haben gegenwärtige Impulse an Lunten angezündet und die Streichhölzer danach ausgeblasen. Wir haben von ‚Morgen‘ geredet und ‚Gestern‘ gemeint. Haben falsche Fährten für das Outro gelegt. Haben das Repeat rücksichtslos, aber gutgemeint in die Logik installiert und das Warten mit Hoffen ausgewechselt. Wir wollen nichts sagen, nur halten, auftürmen, alles in unsere Taschen stecken und für uns behalten. Wir haben Luftschlösser mit Granit angedeutet, Fenster in dunkle, feuchte Keller gebaut. Wir haben ‚auf leisen Sohlen gehen‘ gelernt und sind rückwärts geschlichen. Wir haben nachts das Licht angemacht und tagsüber die Augen geschlossen. Ja, du hast recht, wir lassen einfach nichts unversucht

- danke, bisaz

punktpunktpunkt · Kategorien: Inspiration Netzwelt · Comments Off
 
 

Horcrux

Veröffentlicht August 23, 2010

Obwohl ich schon immer wusste dass ich nach der Schule weggehen würde – weil ich alles und jeden hasste und nie richtige Freunde und Zusammenhalt fand – war es kurz vor meinem Umzug nach Berlin doch nicht so einfach. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, plötzlich war es auch gut, zu Hause zu sein. Nachdem meine damals beste Freundin von unserem Plan absprang und ich mich auf einmal völlig alleine in dieser riesigen und beeindruckenden Stadt befand, war es so als hätte mir das Schicksal einen Streich spielen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinwegkam. Und jetzt, wo ich endlich angekommen bin, reise ich wieder aus in die weite Welt.

Vielleicht brauche ich das, damit dieser befürchtete Stillstand nie einsetzt, der mich geistig völlig lähmt; vielleicht ist das jetzt auch nur so weil ich jung bin und Entscheidungen treffe, die ich nicht richtig einschätzen kann. Ich nehme keine dieser Entscheidungen zurück: auch wenn es hart war, Berlin hat mir nicht nur gut getan sondern mein Wesen regelrecht verändert. Und auch wenn es jetzt erst mal hart wird, mein endlich, ENDLICH geschmücktes und vorbereitetes Nest zu verlassen, wird auch die Reise gut, keine Frage.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, meine Seele gerade ein bisschen aufzusplitten und meine Horcruxe in der Welt zu verteilen. Niemals richtig zum Atem gekommen sein. Nie wissen, wo ich nächstes Jahr bin – und obwohl ich das genau SO will, macht es mich auch völlig verrückt. Ich fange ja jetzt schon an zu planen, was nach der Reise ist, obwohl ich noch hier bin. Gleichzeitig möchte ich nichts darüber wissen, so verwirrend das klingen mag. Ich provoziere das geplante Chaos. Es wirkt verzerrt und kompliziert und auswegslos, aber für mich ist es ganz klar konstruiert und kontrolliert. Ich warte auf den Tag, an dem ich unerwartet, unbewusst stolpere und so tief falle und hart aufpralle wie noch nie in meinem Leben.

Diese Entscheidungen waren aus der Flucht heraus geboren; sie haben mich befreit, jedes Mal wieder haben sie mein Leben besser gemacht. Aber nicht, weil ich gegangen bin, sondern weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich gehen kann wenn ich will. Vielleicht ist es auch das, was mich in dieser ganzen Beziehungswelt so aufhält, diese langen Strecken, aus denen man eben nicht mehr flüchten kann sobald man sich darauf eingelassen hat. Diese augenscheinliche Bewegungslosigkeit, der einem den Wind aus den Segeln nehmen will- ein anderes Leben zu führen, dass einen dazu zwingt, einen anderen Weg zu wählen, vielleicht sogar ein anderes Ziel. Einer der nicht schlechter ist, sondern anders und gefestigter. Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt? Wenn man gar keinen Grund hat zu flüchten und es trotzdem tut, um seine Seele zu beruhigen, so lächerlich es klingt? Und dabei tun wir gerade nichts lieber als in der Vergangenheit und in unserer Kindheit herumzuwühlen um vielleicht eines Tages ein bisschen zu verstehen, woher unsere Angst eigentlich rührt.

Ich und alle anderen sagen auch immer “du bist so jung”, aber so jung fühle ich mich gar nicht mehr. Es liegt alles vor mir, jede Möglichkeit mein Leben zu gestalten, und ich entscheide mich bewusst gegen Commitment, egal ob es um Arbeit, um Freundschaften, um Beziehungen, um Familie geht. Vielleicht komme ich davon eines Tages weg. Aber die traurige Wahrheit ist: ich wäre nicht die erste, die es nicht schafft. Ich sehe mich selbst in zehn Jahren an der selben Stelle herumtreten wie jetzt, wo man es noch entschuldigen kann, und der chaotischen, nie festgelegten Unendlichkeit hinterherrennen ohne jemals eine richtige Berechnung angestellt zu haben, ohne mal angehalten und nach dem Weg gefragt zu haben: im Alleingang, Top-Speed, mit flüchtigen Bekanntschaften und einem Hustenanfall auf halber Strecke.

Und in zehn Jahren immer noch alleine und festgebunden an meine “Freiheit”. Genauso festgebunden wie man in einer Beziehung wäre; nur einsamer.

Wie es sich anfühlt.

Horcrux · Kategorien: Chaosplanet · 4 Kommentare
 
 

Bewusstsein/slos

Veröffentlicht August 22, 2010

Ich habe keine Ahnung von Ernährung, ich habe nie hinterfragt, wieso es Menschen gibt, die sich vegan oder vegetarisch ernähren. Ich wusste bis gestern nicht wer Christoph Schlingensief ist und um ehrlich zu sein weiß ich jetzt immer noch nicht und ein bisschen ist es mir auch egal. Die Geschichte von Berlin ist ein unaufgeschlagenes Kapitel für mich, besetzte Häuser, die Entwicklung der Stadt, die Menschen die in ihnen und in der Stadt leben oder gelebt haben. Politische Auseinandersetzungen, links gegen rechts, Antifa, Neonazis, Demonstrationen: willkommen in eine neue Welt, die außerhalb deines Blickfeldes stattfindet. Ich kann nicht alles wissen, aber nicht nur das, ich weiß anscheinend gar nichts.

Zwei Jahre lang arbeiten in einer Videothek und alles, was ich mitgenommen habe, ist oberflächliches Wissen. Zwei Jahre lang im Online Marketing gearbeitet und nicht mal in der Nische groß geworden. Dreihundertfünfzig Blogs später und ich habe immer noch nicht die Muse, ein richtiges Buch zu schreiben, richtige Geschichten zu formulieren.

Fotografie, Skaten, Graffiti, Filme, Musik; unendlich viele Hobbies angebrochen und nie etwas fertig gebracht. Das Bewusstsein nie für Dinge entwickelt, die um meine Seifenblase herum passiert. Mich nie auf irgendetwas festgelegt, eine saftige Portion Halbwissen und Halbgemeinbildung, die für Konversationen mit der Peer Group reichen, bei Konversationen mit gebildeten Menschen allerdings auf Belustigung stoßen.

Alles und nichts können und wissen scheint auch ein exklusiv auf mich zugeschnittenes Talent zu sein.

 
 

We Own The Sky

Veröffentlicht August 10, 2010

Aber die Wahrheit ist dass ich hier weg muss, erst mal, um mein eigenes Ding zu finden. Um mich nicht ständig neuen Eindrücken so hinzugeben, dass ich in ihnen aufgehen und explodieren möchte. Ich muss die Einsamkeit über mich schwappen lassen, auch in der Angst, alles zu verlieren was noch im Wachsstum steckt. Ob es dumm ist, das frage ich mich, aber es ist völlig irrelevant.

Ich muss hier weg und Dinge denken, die wichtig sind- ich muss hier weg um mir einzugestehen, dass ich durchaus Schmerz empfinde, ich muss hier weg und mitbekommen, dass die Welt trotzdem weiter geht, auch ohne mich, oder gerade ohne mich. Ich muss lernen wie ich mich selbst beherrschen kann ohne bei jeder Niederlage direkt zusammenzubrechen, nicht mehr zu funktionieren.

Weg, vielleicht auch, um nicht mehr funktionieren zu müssen. Nicht weg vor allen anderen, sondern auch weg von mir selbst, diesem Bild, was ich von mir habe, was ich hier gemalt habe, um neu anzufangen. Dabei habe ich nie neu angefangen, sondern die Vergangenheit umgangen und gelogen. Hier ist sie, die nächste Chance; vielleicht auch die letzte.

 
 

YEAH SARA IS A FUCKING HIPSTER

Veröffentlicht July 20, 2010

Wenn man erst mal versteht, dass alles so berechenbar ist, und das Selbstbestimmung fast schon ein Witz ist, sobald man mal alles an Äußerlichkeiten addiert. Wie es zu dieser Erkenntnis kommt kann auf viele mögliche Arten passieren. Man kann das brutal vorgehalten bekommen (Standpauken oder von Nazis und anderen Hatern verprügelt werden), oder man kann sich einfach selbst als Klischee wiederentdecken, in einer absolut perfekten Illustration, ja, geradezu einer Karikatur seiner selbst. Oh hai, ich bin ein KLON.

The Hipster Runoff mag literarisch gesehen vielleicht ein anstrengend zu lesendes Werk sein, trifft aber – konkurrenzlos – alles, was unsere derzeitige Szeneentwicklung angeht, den Nagel immer auf den Kopf. Nicht immer ist alles unbedingt relevant und auch keine Kausalität, aber wie gesagt, ich erschrecke mich schon hin und wieder (und fühle mich ertappt), wenn ich mich so schön in den kategorischen Schubladen der Authoren wiederfinde.

Ein schönes Beispiel ist der neueste Artikel zu den Persönlichkeiten der derzeitigen Festivalbesucher/Blogger:

I remember when the festival bro was first invented, he represented a simpler, chiller bro in an Incubus/raver kind of way [link]. It seems like the modern festival bro might be more of a bloggy bro–a hyperconnected bro with high level opinions on indie music who ventures out into the real world several times per year for relevant shows and music festivals. He ‘creates his own merch’, making it clear that he ‘gets’ the ’scene’, hopefully looking to attract the attention of an entry level blog reader lil slut who giggles at his shirt. If that plan doesn’t pan out, ‘being blogged about by a festival blogger’ seems like a ‘decent consolation prize’ [via getting to share it in your facebook feed.’ (alt report)

Hehehe. Ja, die Zeiten der kleinen journalistischen Ambitionen sind eigentlich vorbei, heute will jeder Blog ein kleines (anderes) Magazin mit eigener Brand (Persönlichkeit) werden, mit Eventeinladungen und Ansehen und Reputation und VIP-Status. Will in seinen Nischen vertreten sein, am besten ganz oben, auch wenn die Nische mir manchmal selbst nicht wirklich transparent erscheint (das einzige, was wir auf diesen Parties dann alle gemeinsam haben, ist wahrscheinlich dass wir uns selbst feiern und dabei angähnen).

Und jetzt muss ich doch ein bisschen lachen, weil ey, besser hätte ich mich und 3/4 meiner Markennamen-Freunde auch nicht beschreiben können. Ich freue mich wirklich auf meine Weltreise und den Austritt aus diesem Pseudo-”Ich bin was wirklich wichtiges“-Leben. Nicht, weil ich so zwingend anders und toll und “auf dem Boden geblieben” sein möchte, sondern weil ich es mir, wenn überhaupt, doch immerhin das Abheben auch verdient haben möchte.

Nee, so schlimm ist das aber auch gar nicht, es ist nur bemerkenswert, dass mich vor allem der Blog, nicht Berlin in diese bestimmte “Ecke/Szene” gedrängt hat. Wie war das? Born To Be A HIPSTER. Oder eben auch Born to be a hipster influenced blogger in Berlin, wobei das wahrscheinlich sowieso auf dasselbe hinausläuft (nur die Musik, die lass ich mir nicht nehmen: das kann ich. Musik hören, meine ich). Ein Hipster bin ich nicht, ich bin nur ein Spasti mit Röhrenjeans und bekomme Dinge von Unternehmen geschenkt, die wissen, dass ich für drei Leute (meine Mutter, ein Stalker und ein fettes Kind) sowas wie ein Meinungsmacher bin. Könntet ihr mal bitte anfangen, mich zu feiern?

(Überhaupt, dieser ganze Meta-Circlejerk-Haufen aus dem Internet, der sich dann in Berlin versammelt – nicht vergessen, ich zähle mich bei dieser Kritik mit dazu – ist doch auch nur ein Haufen Kids, die sich von Marketingmenschen durchficken lassen, oder? Ich meine, klar, wir sind die Endkonsumenten und wir lieben die glitzernden Produkte und wir tun gar nicht erst so, als wären wir keine Fashionhuren, aber irgendwie ist das doch ganz schön amüsant wenn man das mal so großflächig betrachtet. Schön ist auch, wenn man sich als Individuum nahtlos in eine Masse gleichdenkender Leute einfügt, die dann aber alle gegeneinander arbeiten und sich immer weiter “hochkraxeln” wollen. Hat eigentlich jemand darüber nachgedacht, was “oben” eigentlich ist? Was ist oben? Der rote Teppich? Konfus, Konfuser, Konfuzius!

Bei findingberlin hatte ich das glaube ich auch mal treffender verpackt, auch wenn nicht direkt im Zusammenhang mit Blogs oder der eigenen Brand. Selbstmarketing ist ja auch nichts schlechtes, im Gegenteil, es ist das einzige. Nur ja, wofür, wenn man nicht gerade eine super Dienstleistung anbietet oder in eine Kooperation fallen möchte?)

(Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, deshalb noch so ein Absatz: es überrascht mich, dass es vor allem die “kreative Elite” dahin geschafft hat, solche Scenester-Schoßhündchen für Unternehmen zu werden, say American Apparell oder ach, von mir aus auch Nike und Adidas. Vielleicht, weil man sich dort gerade die kreativsten Menschen leisten kann, die den eigenen Konsumgeschmack, die Zeichen der Zeit sozusagen, ganz gut verstehen? Vielleicht ist es auch an dieser Stelle genau notwendig, zwischen SCENESTER und HIPSTER zu differenzieren, wobei sich Hipster ja aussuchen, wem sie das Geld/die Liebe/das Verständnis entgegenbringen (gerade im Wirtschaftssektor wird ja eher von Hipsteria profitiert als es die Kunst tun würde, mal ganz ehrlich), und Scenester einfach den “trendschaffenden”, also markierenden Hipstern hinterherrennen. Wenn man mich mal so fragen würde: 10% aller Röhrenjeanstragenden gehören damit also der Hipsterkategorie an, die restlichen 90% waren mal Emos, die sich weiterentwickelt haben. Was jetzt auch nicht so schlimm ist, weil es dafür weniger Emos gibt. Aber man muss es halt auch schon mal so sagen: Scenester = Blender. Hipster = irgendwas macht ihn einzigartig, auch wenn es nicht immer unbedingt ersichtlich ist. Bei den Scenestern kommt übrigens auch dieses mit der Fremdbestimmung zum tragen: sie laufen den Hipstern ja nicht hinterher und denken “iih ich will nicht so aussehen/diese Musik hören, aber ich tu’s trotzdem weil’s angesagt ist”, sondern sie finden das ja WIRKLICH gut, aber die Frage ist halt: findet man es selber gut oder findet man das als manipulierter Mensch gut? Und dann muss man ja auch davon ausgehen, dass der Hipster selbst nicht manipuliert wurde, weil er sich ja frei etwas “ausgedacht” hat. Was ja so aber niemals sein kann. Ach, irrelevant. Ob sich Gesellschaftspsychologen mit soetwas auseinandersetzen?)

Keine Ahnung, was ich ursprünglich mal sagen wollte. Ich freu mich schon darauf, wenn ich die +50 erreicht habe, und diese Gedanken und diese Belanglosigkeiten belächel und mir sage, “Dude, du hättest einfach machen, und niemals darüber nachdenken sollen, wie das wirkt oder ob das Spaß macht, denn ändern kannst du das, was du augenblicklich fühlst, sowieso wohl kaum, und ändern kannst du irgendwelche Fremdeinflüsse, die dich dann bewegen, ja auch nicht”. Aber ey: ich bin jung. Ich darf noch spinnen und philosophieren, ich hab in meiner Pubertät schon genug Menschenhass und Depressionen geschoben. Jetzt? Erwartet nicht zu viel von mir. Erwartet gar nichts außer ein Lachen (aber immerhin sowas wie ein glückliches Lachen, mit Ausnahme von diesen genauso hipsterigen We Fly High Momenten) und die Illusion, dass nichts Schlimmes passieren kann, wenn man die Augen nur fest genug schließen kann… denn früh genug schon wird mich das blaue Wunder wieder wecken, habe ich das Gefühl…

 
 

An einem Punkt

Veröffentlicht May 22, 2010

Nur ein kleines bisschen noch“, verspricht er sich für die Zukunft. Unter dem nötigen Ernst und den Augen seiner persönlichen Umwelt bewegt er sich leichtfüßig und definiert sich.

Er ist das wandelnde Abziehbild eines Menschen, der seinen Ernst, seine Vernunft und seinen Wunsch nach Sicherheit vor sich her spielt wie einen viel zu alten und abgenutzten Ball.

Menschen wie er kommen zwangsläufig an einen Punkt, egal wie alt oder jung sie sein mögen, sich ein paar Fragen zu stellen:

Bin ich so wie ich sein will? Passt das, was ich will, überhaupt zu mir? Bin ich neidisch auf die Menschen, die unbefangen und leichter sind? Ertrage ich es, wenn man mich nicht so sieht, wie ich es schön finde? Bin ich zu ernst? Ist Ernstsein so was wie Erwachsensein oder erwachsener sein? Erwarte ich zu viel von anderen Menschen? Erwarte ich zu viel von mir selber? Sind die Anderen freier als ich? Nur durch ihre Art? Ist schüchtern, ernst oder nachdenklich zu sein etwas, das man im ungesunden Maße praktizieren kann? Reflektiere ich zu viel und dränge andere damit? Was ist Zufriedenheit und was ist Glücklichsein? Sind das Dinge, die man gleichsetzen kann oder unterscheiden sich die Dinge und wenn ja, ist es wichtig, das zu wissen und vielleicht auch ein bisschen darüber nachzudenken? Nur für sich? Messe und vergleiche ich mich zu sehr mit anderen? Leben die Anderen besser, die unbeschwert sind? Bin ich anstrengend, kompliziert oder beides?

[via]

Nur ein kleines bisschen noch“, verspricht er sich, „dann habe ich verstanden, dass ich so bin wie ich bin und dass es nur wichtig ist, meinen wirklichen Freunden nicht fremd zu werden.

Egal wie der Lebensentwurf aussieht, für den man sich entschieden hat, auch wenn das ein Leben ist, das man so nicht erwarten oder geplant hat, es ist da und es bringt nichts weg zu laufen oder sich Freiheiten und Vorstellungen zu erkämpfen, von denen man keine Vorstellungen hat. Nicht wenn man sich da wo man ist, trotz der vielen Zweifel, eigentlich angekommen fühlt. Auch wenn das ein Leben ist, das man unter 20 nie leben wollte.

Wenn es da ist, dann ist es da. Und es gibt immer Möglichkeiten noch woanders zu suchen. Nach Zufriedenheit, nach Glück, nach Irgendwas. Es wird diese Möglichkeiten immer geben. Die einen nutzen diese Möglichkeiten um auszubrechen, neue Wege zu gehen. Welche Gründe solche Menschen auch immer haben, das zu tun. Sie tun es. Und das ist gut.

Kategorien über Kategorien. Sie abzustreiten ist seltsam.

Für beiden Schlag von Menschen, die Unbeschwerten und die Komplizierten gilt, wie ging das Sprichwort doch gleich: „Stärke wächst aus unbeugsamen Willen.

Beide sind auf ihre Art und Weise frei. Manchmal auch zufrieden. Und manchmal auch glücklich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

 
 

Diet Mtn Dew

Veröffentlicht May 15, 2010

 

Ich sitze mit meinem kleinen stonerhead Bruder im Keller des Gammelns, wir sind gerade erst aufgestanden. Meine Mutter schläft, mein Vater guckt fernsehen. Wir löffeln Cornflakes und essen Erdnussbuttersandwiches. Er erzählt mir von seiner Freundin, ich erzähle ihm von meinen Plänen, davon, dass ich um die Welt reisen werde. In einem unvorsichtigen Moment versucht er mir seine Socken in den Mund zu stopfen und verpasst mir dabei einen blauen Fleck. Ich räche mich später indem ich Nacktbilder von ihm, als er klein war, ins Internet stelle.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich an etwas erinnern kann, dass mehr als zehn Jahre her ist. Es sind meine Erinnerungen, keine Erzählungen- meine Gefühle und meine Bilder, alles gespeichert. Lückenhaft, aber existent. Als ich von zu Hause auszog, weil ich samstagmorgens nicht mehr vom Hämmern des Staubsaugers gegen die Schlafzimmertür aufgeweckt werden wollte, war mein Bruder noch 16 Jahre alt. Nächste Woche wird er 18. Für mich hat sich fast nichts geändert; für ihn alles.

Wir kennen uns nicht, aber ich glaube, dass er ein ziemlich cooler Typ ist.

 
 

Mos Lem

Veröffentlicht May 12, 2010

Gestern wurde Lars Vilks, der schwedische Künstler, der damals den Propheten Mohammad als Hund gezeichnet hat, in Uppsala von ungezügelten, naja, “Moslems” attackiert. Ich setze das ganz absichtlich in Anführungszeichen, weil die sich maximal selbst als Moslems bezeichnen. Würde ihnen ja doch viel lieber die Bezeichnung “Evolutionsbremsen” geben.

Ich gehe jetzt das große Risiko ein, von allen möglichen Fronten angegriffen zu werden, aber ich habe es satt mich wegen solchen blutpissenden Vollidioten für meine Religion, für meine Kultur und für meine Taten zu rechtfertigen und das, obwohl ich noch nicht mal was getan habe. Ich habe es satt, dass man es meinen Eltern schwer macht, obwohl  sie ganz stinknormale Menschen sind, die niemanden missionieren wollen, die eine Familie haben, die ein Leben haben wie das von unserem guten deutschen Nachbarn Rainer. Mit dem Unterschied, dass Rainer Bier trinkt, und meine Eltern Tee.

Lars Vilks, the Swedish cartoonist who drew Mohammed as a dog, was recently told that a scheduled lecture on free speech, to be held at Jönköping Högskolan, would be canceled due to “security concerns.” This, of course, is a common evasion, intended to protect the brittle sensibilities of Muslim students while supposedly standing four square behind the right of free speech.

Alas, the administrators in Jönköping had a point. During a lecture in Uppsala today Vilks was attacked by a pack of feral fundamentalists, one of whom managed to headbutt the artist and break his glasses. Police intervened and waged a short battle with the religious nutters who can be heard in the video below, captured by the newspaper UNT, shouting Allahu Akbar! The AP has a quick report, explaining that “Uppsala University spokeswoman Pernilla Bjork said Vilks was showing a provocative film with sexual content to the crowd when the attacker ran up and hit him in the face with his fists.”

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Mos Lem · Kategorien: Realwelt · 8 Kommentare
 
 

j.kinski

Veröffentlicht April 19, 2010

Im j.kinski warten wir auf dampfende Honey Mustard Burger in mehlig-knusprigem Ciabatta-Brot mit Kartoffelspalten, warten auf unsere Drinks, lauschen den leisen, ehrlich, kalkbrenneresken Beats aus den Winkeln der himmelblau-violett gestrichenen Wänden und sind uns einig, dass wir der Liebe und dem Spiel, dessen Regeln Viele nicht folgen wollen und können, auf die Schliche gekommen sind.

Unsere Regeln sind wertlos. Die Gläser sind leer, die Burger werden zwischen unseren Kiefern zermalmt und eine kleine braun-weiß-gefleckte Dogge streift unseren Tisch zu unseren Füßen. Keine Regeln für die Liebe, wenn sie ungreifbar ist; und ja, sie ist greifbar. Sie ist greifbar, ohne ihren Zauber, ohne ihren Trick zu verraten.

Wie unsagbar gleich alles geblieben ist, wenn sich Menschen im Lieben verlieren wollen, aber aus irgendeinem Grund alles dafür tun, um eben das zu verhindern. Und es ist so unglaublich schwierig herauszufinden, was in dem Kopf des Anderen passiert, der einem das Wasser abgräbt, nicht weiß wohin.

Drink Nummer 2. Die Regeln sind radikal und jeder hat seine Blaupause dafür, wenn es darum geht, wie und ob man was zu entscheiden hat. Menschen sagen sie lieben einen und dann spüren die anderen das gar nicht. Vielleicht liegt das daran, dass sich Menschen, die es sagen eigentlich nur in das Gefühl verliebt haben und es eigentlich nicht teilen wollen.

Wir kauen zu Ende und bündeln unsere naiven Erkenntnisse über das größte Geheimnis der Zwischenmenschlichkeit. Die kühle Luft von draußen weht durch die geöffnete Tür des j.kinski und kühlt unsere Köpfe. Alles, was du ihr zu sagen hast, sagst du:

ziemlich viel was du da verlangst. ich kann nichts versprechen. und wenn es jetzt das vorerst letzte ist was du von mir hören wirst. es vielleicht dir weh tut oder einfach dumm von mir ist. ich liebe dich. werde glücklich und sei das glück der anderen.”

Es ist so, dass wenn jemand sich dafür entschieden hat, sich nicht zu entscheiden, dann steht man als der Andere auf einer ganz schlechten Position, in der man so wenig richtig und so viel falsch machen kann. Man kann in den Kopf des Unentschlossenen nicht rein sehen. Man weiß nur, da passiert etwas, das einem vorenthalten wird. Als würde man sein Ohr an die Außenwand einer großen Fabrik aus rotem Backstein legen mit dampfenden Essen und horchen, was darin produziert wird. Man hört Lärm, aber es reicht einfach nicht aus um genau zu bestimmen, was es ist.

Sowas kann einen wahnsinnig machen.

Wir zahlen. Tequila Silber zum Abschied. Ich ziehe meine blaue Jacke an und rieche schmerzenden Zigarettenqualm draußen, der sich aus rauchenden Aschenbechern das letzte Mal regt.

Danke B+. Auch für die Drinks.

Wir sind ein Stück voran gekommen. Es hat uns nicht schlauer gemacht. Nur ratloser. Aber lieber die Bewegung erzwingen, als den Stillstand zu akzeptieren.

j.kinski · Kategorien: Chaosplanet · 7 Kommentare
 
 
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