Du bist mir egal.

Ich blättere das Fotoalbum hektisch durch, ich suche nach einem bestimmten, dem Foto, das, auf dem ich mit meinen Eltern bin, ich brauche es schnell. Erst nach vielen Minuten der Suche fällt mir auf, dass ich an deinen Bildern völlig uninteressiert vorbeigeblättert habe. Ich bin verdutzt, weil es mir das noch nie passiert war. Ich denke nicht lange darüber nach und suche weiter.
Ich spüre nichts.
Mein Telefon klingelt, dein Name ist auf dem Display, ich bin gerade mit Freunden in einer Bar, kurz vor Aufbruch zum nächsten Ort. Ein kurzer Stich irgendwo, aber ich lasse es weiterklingeln. Zwei Sekunden später habe ich es schon vergessen.
Du bist viel zu spät.
Der Schmerz ist noch zu spüren, vor allem, wenn ich die alten Songs höre oder mit Leuten darüber rede, wann wir mal wieder was machen und wer dabei ist und dein Name fällt. Ich muss mir manchmal noch in den Kopf rufen, dass ich es war, ich hatte keine Lust mehr, keine Nerven, keine Geduld, und dass die Dinge jetzt gut so sind, wie sie sind. Wir brauchen uns nicht. Ich brauche dich nicht.
Ich bin frei.
Ich vermisse dich. Auch, wenn ich dabei weinen muss, wenn ich daran denke wie es zum Schluss war, ich vermisse dich und das Gefühl der Hoffnung, dass es jemals wieder so werden könnte wie früher. Das denkt man ja immer so: dass es irgendwann wieder so wird wie damals, als es noch gut war, frisch, neu, unentdeckt, unausgenutzt. Es war meine Entscheidung, diese Hoffnung abzutreten.
Ich will nicht darüber reden.
Wir können nur darüber telefonieren, über diese endgültige Sache, über das “ich will nicht mehr”, das ich nach so vielen Jahren endlich aus mir herausbekomme. Du bist unendlich weit weg, und ich frage mich, ob ich dir das auch von Angesicht zu Angesicht so hätte sagen können. Ich sehe uns selber beim Streiten zu, wie ich versuche, ruhig und sachlich zu erklären, was du mir angetan hast und warum ich nicht mehr weitermachen werde, aber ich höre nichts. Die Szene ist stumm. Ich kann nur sehen, wie du anfängst zu weinen, wütend bist, mich wegstößt. Ich blicke nicht verschämt weg, denn ich weiß, dass du nicht um mich, sondern um dein Ego weinst.
Ich kann einfach nicht mehr.
Warten. Das ist unsere Beziehung geworden. Ich warte auf dich, darauf, dass du anrufst, dich meldest, oder wenigstens ab und zu darauf reagierst, wenn ich mich bei dir melde. Ich warte darauf, dass du deine Versprechen einlöst, ich warte darauf, dass du Entschuldigung sagst, ich warte darauf, dass du mir gratulierst, ich warte darauf, dass du mich anlächelst, ich warte darauf, dass ich wieder ein Teil deines Lebens werde, ich warte darauf, dass du auch mal auf mich wartest. Ich merke, wie ich erkalte, in Anbetracht des Schmerzes, den du mir zufügst. Mir ist es nicht egal, mir tut es weh, aber das merkst du nicht, obwohl ich es dir nicht zum ersten Mal sage.
Wenn ich an dich denke, werde ich wütend.
Ich rufe dich an um dir etwas zu erzählen, aber du unterbrichst mich schon nach wenigen Sekunden und fängst an zu reden, über die Dinge, die dir passiert sind, über die Ungerechtigkeit der Welt und die Depressionen und die schweren Zeiten und die ganzen Probleme. Ich höre dir zu und bin geduldig, so, wie man sein sollte, wenn einem etwas wichtig ist. Ich gebe dir mein Feedback. Ich überlege kurz, ob ich dich darauf aufmerksam machen sollte, dass wir schon seit Stunden telefonieren und ich noch kein einziges Mal gefragt wurde, wie es mir eigentlich geht, aber du lebst in deiner eigenen kleinen Blase. Ein bisschen gelangweilt bin ich, weil ich mir das schon siebentausendsten Mal anhören muss, und sich nie etwas ändert. Ich wollte dir dabei helfen, etwas zu ändern. Du hast mich nicht gelassen. Wir streiten uns, du wirst sauer auf mich, aber ich weiß nicht wieso.
Ich freue mich darauf endlich wieder mit dir zu telefonieren.
Wir sitzen in deinem Auto, fahren an unseren liebsten Ort, und singen zu alten, kitschigen Songs während die Sonne uns auf den Kopf scheint und wir das Leben genießen. Wir lachen darüber, das alles so einfach ist. Morgen fahre ich endgültig weg, ein kurzfristiger Abschied, eigentlich hättest du mitkommen sollen, aber du hast dich kurzfristig anders entschieden. Ich kann mich nicht dazu aufraffen, wütend zu sein, dein Leben ist schon schwierig genug, auch ohne dass ich dir Vorwürfe machen muss.
Du sagst mir, dass du nicht mitkommst.
Ich bewerfe dich mit Papierkügelchen und du regst dich darüber auf. Wir lachen, uns geht es gut. Der Sommer hat gerade begonnen. Wir haben große Ziele. Wir werden für immer zusammen sein. Nein, es ist nicht immer gut, aber wir bleiben für immer zusammen. Ich weiß das jetzt.
Auch wenn du mir weh tust.
Du lässt mich, wie oft, im Regen stehen. Du tauchst nicht auf. Ich zwinge mich dazu, nicht wütend zu werden; das hast du nicht verdient. Alles ist in Ordnung. Als wir uns endlich wiedersehen, zuckst du mit den Schultern: ist ja auch nicht schlimm. Und es stimmt: ist ja auch nicht schlimm.
Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.
Sie reden über uns und darüber, wie gut wir zusammen sind. Sie reden darüber, wie viel Spaß wir haben, wie viel gute Laune wir verbreiten, und ich komme nicht umher dich zu bewundern: für deinen Humor und für deine Ausdrucksstärke, für deine Freunde und für deine Macht, vor allem über mich.
Du versetzt mich, aber es macht nichts.
Wir tun verbotene Dinge. Wir lachen. Ich bin überrascht darüber, dass du das mit mir durchziehst. Ich hätte dich niemals so eingeschätzt. Du bist unglaublich spontan und ich mag das. Deine Wegwerfmentalität und dein Achselzucken sind großartig, endlich jemand, der Eier hat.
Ich will dir imponieren.
Du schaust mich wissend an. Wir trauen uns nicht, zu grinsen, weil uns das wirklich Stress einbringen könnte. Wir sind wie gemacht füreinander. Und dir ist das auch klar. Das wird gut.
Ich will wissen wer du bist.
Wir rennen ineinander, du guckst mich völlig verwirrt an. Ich frage mich, wer du bist, und wieso ich dich noch nie hier gesehen habe. Du sagst irgendwas, aber ich kann mich nur darauf konzentrieren, wie viel Ausstrahlung du hast. Ich sage dir meinen Namen, während deine Freunde dich schon weiterziehen. Du blickst dich noch mal nach mir um, winkst mir lachend zu, und dann bist du weg. Wer bist du?
Ich habe – und das ist mir vor einer Woche nach einem lange andauernden, furchtbaren Zwischenfall aus meinem engsten Umfeld aufgefallen – nach fast 26 Jahren am Leben sein nie wirklich offen und ehrlich über meine Probleme gesprochen. Auch wenn ich guten Freunden und meinen Partnern versucht habe, ehrlich alles zu erzählen. Irgendwas blieb immer geheim. Ich habe nie verstanden wie das mit dem über seinen Schattenspringen funktioniert. Alles wurde immer irgendwie gut. Und während ich jetzt – nach der nervenaufreibenden Zeit der letzten Wochen – versuche, Dinge anders zu machen, zu lösen und meinen Blick nicht mehr abwende, muss ich morgens manchmal lächeln, obwohl mir noch immer ganz flau im Magen ist. Ich muss lächeln, weil es irgendwie doch nicht so einfach ist, ein paar wichtige Dinge anders zu machen. Das Komische ist, dass sich damit nichts geändert hat: Vieles fällt einem nicht leicht, wenn es um sich selber geht.
[via blazinuzumaki]
Und gerade diese eigentümliche, unspektakuläre Veränderung, die ich gerade in mein Leben einzubauen versuche, ist so ausschlaggebend. Es sieht so aus, als würde wieder alles gut werden. Es bedarf nur einiger Zeit. Und vielleicht ist man erst dann geduldig, wenn man ein Ziel vor Augen hat, dass nicht so langfristig angelegt ist, sodass es einem manchmal wie eine Illusion vorkommt. Das Ziel.
Es ist wirklich schwer, was ich da mit mir versuche. Manche Gedanken und Handlungsabläufe sind einfach schon so lange da, dass es ohne sie kaum noch Sinn macht. Ich versuche keine neuen Ufer zu erreichen. Ich will nur was in meinem Leben anders machen, damit ich nicht wieder so aus den Latschen kippe und liegen bleibe. Weil ich nicht mehr kann.
So unspektakulär kann das Leben sein. Unspektakulär und scheiße schwer. Selbst wenn man es wirklich will und vor Augen hat.
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
Alle mögen Björn. Auch Katharina, die alle Kathi nannten, außer er. Jeder Name hat es verdient komplett zu sein, sagte Björn immer, für ihn war es ein Zeichen des Respekts.
Seit ihrem ersten Treffen hatte es ein Jahr, elf Monate und neunzehn Tage gedauert, bevor Katharina langsam herausfand dass Björn sie belog. Drei Monate und vier Tage später stritten sie sich zum letzten Mal. Es war kein Hollywood-Streit, statt Tellern flogen Anschuldigungen, Schimpfworte und Tränen. Alles Dinge, die mehr wehtun als zerbrochenes, mit Blumen bemaltes Porzellan. Sie wollte sich nicht von ihm trennen, doch schlussendlich hatte sie begriffen dass sie nicht ihn liebte, sondern den Traumprinzen den er für sie erschaffen hatte. Ihr schien als seien die letzten beiden Jahre mit ihm nie da gewesen, als würde sie plötzlich einem völlig fremden Menschen gegenüber stehen, der äußerlich nach dem aussah wonach sich ihr Herz sehnte, innerlich jedoch ein ganz anderer war, und während das anderswo nur eine Metapher ist, so entsprach es hier der Wahrheit. Björn wollte sich auch nicht von ihr trennen, obwohl er es hatte kommen sehen war sie immernoch diejenige bei der er sich selbst seine Liebe fast abgenommen hatte. Fast, und so verlor Katharina die Schlacht, Björn aber den Krieg, in dem er selbst sein größter Feind war. Doch er blieb gelassen.
Für Björn gibt es keine Freiheit. Freiheit bedeutet, der zu sein der man ist. Freiheit bedeutet Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber, etwas was wohl nicht auf der Liste der Dinge steht die Björn ausmachen. Es fing ganz klein an, eine kleine Bemerkung, eine Meinung, ein einziges Wort, und schon begann der Baum der Lügen zu wachsen, zog seine Wurzeln durch ihre Beziehung und zeigte an der Krone das Bild eines Menschen der nur noch wenig mit dem tatsächlichen Menschen zu tun hat. Björn war ein toller Mensch, respektvoll, tolerant, liebevoll und schwer nicht zu mögen, ein stiller Begleiter, zufälligerweise genau der Mensch nach dem sie gesucht hatte, ihr Traumprinz, nach dem sie lange gesucht hatte. Ihm war es nicht so wichtig ob sie religiös war oder nicht, obwohl er selbst an keinen Gott glaubte tat er ihren Glauben nie als Humbug ab, oder versuchte sie davon abzubringen. Ihm machte es nichts aus dass ihr Sex größtenteils aus Blümchen bestand, obwohl er das Kama-Sutra bei sich im Schrank stehen hatte verlangte er von ihr nie mehr als sie wollte. Mit Katharinas besten Freundin, der Kuh mit dem übergroßen Ego, verstand Björn sich immer blendend, ihm machte es mehr Spaß in der Scheißkälte Schlittschuh laufen zu gehen anstatt den ganzen Tag im Bett zu liegen und sich Filme reinzuziehen, und sie war für ihn immer die Nummer 1. Björn war immer wie sie es sich wünschte, nur er selbst, der war selten.

Anfangs wusste sie das noch nicht. Anfangs weiß es niemand, manche wussten es nie, wissen es bis heute nicht, aber für Björn war da immer ein kleiner Schatten, tief in seinem Innern begraben, der mit der Zeit zwar kleiner und kleiner wurde, doch immer da war. Immer. Früher war es sein größter Wunsch gewesen möglichst gelassen zu sein, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, für die durch Emotionen angetriebenen Ausbrüche seiner Mitmenschen hatte er stets nur Verachtung übrig. Doch dann, eines Tages, merkte er dass ihr Preis teurer war als das was er durch sie gewonnen hatte. Der Fluch der Gelassenheit kostete Björn seine Liebe, seinen Hass und seine Trauer. Er hatte es erreicht, kaum mehr etwas konnte die Mauer um seine Gefühle durchbrechen, und plötzlich fehlte im etwas. Ihm wurde klar, Katharina hatte ihn nie geliebt, sie hatte ihn nicht mal gekannt, sie hatte sich in das verliebt was aus ihm geworden war, das was er für sie geworden war, und er hatte sie nie geliebt, er mochte nur die Vorstellung von wahrer Liebe, von einem Topf und einem Deckel die aufeinander passen, einer Scheinwelt, die er erschaffen hatte.
Der Übergang hat gedauert, verlief schleichend, und heute weiß Björn nicht einmal mehr womit, oder warum es damals begonnen hat. Aus dummer, naiver, aber echter Wahrheit wurde Schweigen, ein großes Schweigen, dass keinem zustimmt, aber auch nie anderer Meinung ist. Lieber ließ er andere im Glauben Recht zu haben, anstatt einen Keil zwischen die Beziehung zu stampfen, so dachte er anfangs. Die Taktik funktionierte gut, alle mochten ihn, und mit seiner Moral kam er in Einklang indem er sich immer wieder sagte er habe seine Prinzipien nicht verraten, er könne nichts dafür wie andere sein Schweigen interpretieren. Das Argument eines Kindes, des Kindes das er damals war. Er unterdrückte sein Ich, und gaukelte seinen Mitmenschen damit Toleranz und Gleichgesinntheit vor. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr aus, irgendwann merkte er wie leicht es war zu sehen wonach sich andere sehnen. Er fing klein an, er veränderte seine Vergangenheit, er erzählte Geschichten anders und gab Entscheidungen anders wieder, er pflanzte seine Wurzeln um, für sie, oder ihn, oder sie. Er merkte wie leicht es ihm fiel, und so kamen die Lügen in der Gegenwart an, bekamen Hand und Fuß, aus Björn wurde ein anderer Mensch, und der Baum wuchs. Er hatte Erfolg mit dem was er tat, die Leute mochten ihn, manche liebten ihn, und er bekam immer mehr Übung darin jedem ein anderes, passendes Bild von sich zu zeigen, Gefühle vorzutäuschen und die Wahrheit immer weiter zu vergraben. Es war kein Spiel mehr, sein Leben war zu einer großen Lüge, zu einer großen Täuschung geworden, was gerade die Menschen betraf die ihm am nähsten standen. Die, die ihn am allermeisten liebten, bekamen die größten Lügen aufgetischt, denn sie waren es deren Verlust er am meisten zu verhindern versuchte, sie waren es für die er sich komplett aufgab.
Doch das war nicht das Ende, den letzten Schritt auf seinem Weg ging er ohne es zu wissen. Björn war 21, als ihm eines Tages bewusst wurde dass er angefangen hatte seinen eigenen Lügen zu glauben, dass er nicht mehr wusste was er fühlte, dass er im Grunde gar nichts mehr fühlte, nur noch zeigte was von ihm erwartet wurde, dass er zig verschiedene Menschen war. Irgendwo zwischen all den Lügen hatte er sich selbst verloren, er konnte graben so tief er wollte, die Gedanken und Emotionen die er fand waren nur Bruchstücke von dem was er wirklich war, und nicht mal bei ihnen wusste er ob sie wirklich wahr waren. Plötzlich war aus dem Baum ein Wald geworden, und er fand nicht mehr heraus. Plötzlich war das Schweigen kein Mittel zum Zweck mehr, sondern das einzige was er noch tun konnte ohne sich selbst zu fragen ob er es war, oder jemand anderes, den er irgendwann mal für einen Freund, seinen Vater oder eine Freundin erschaffen hatte. Sein Geist hatte die Lügen legitimiert, indem er die Wahrheit sterben ließ.
Es war die Zeit der großen Entscheidungen, als Björn klar wurde, dass die Mauern die er erbaut hatte ihn nun selbst ausschlossen, dass er weder Ja noch Nein sagen konnte. Ihm wurde bewusst dass jeder, der sich selbst für jemand anderen aufgibt, und sei der Gedanke dahinter auch noch so nobel, aufhört zu existieren, und damit die Liebe zu Grabe trägt. Er stand vor einem großen Fragezeichen, er wusste nicht wie weit er seinen eigenen Gedanken trauen konnte, er wusste nicht mehr was er wollte oder wohin ihn sein Leben führen sollte. Alles was er wusste war dass er sein halbes Leben damit verbracht hatte nicht zu lieben, nicht zu trauern, nicht zu weinen, nicht zu lachen und nicht zu hassen, dass alles nur ein einziges großes Schauspiel gewesen war, und dass es das war, wonach er sich jetzt am allermeisten sehnte, zu lachen und zu weinen, alles, bloß keine Gelassenheit. Er fühlte sich leer, so verdammt leer, ohne auch nur grob seine Zukunft vor Augen, ohne Menschen die ihn wirklich kannten, und fing an zu kämpfen, die unangenehme Wahrheit der angenehmen Lüge vorzuziehen, immer ein kleines bisschen mehr, immer weiter zu sich selbst, Menschen verlieren, Wahrheit gewinnen.
Nach Zwei Jahren, zwei Monaten und 23 Tagen mit Katharina hatte Björn eine weitere Schlacht im Krieg gegen sich selbst verloren. Heute bin ich 24 und kämpfe immernoch.
“Lieber als Liebe, als Geld, als Ruhm, gebt mir Wahrheit.”
- Chris McCandless
Danke Björn. Foto
Ich war im Kino und habe mir den Bushido-Film reingezogen, diese Tatsache alleine verdient es schon, von anwesenden erwachsenen Menschen belächelt zu werden- so wie immer alles belächelt wird, was irgendwie aus dem Bild fällt, wenn man sich S-Bomb zu Gemüte führt. Leidenschaften werden zu Makeln und kleinen “Spleens”, über die man hinwegsehen kannt, weil das Kind ja Abitur hat und einer guten Stelle nachgeht und sich ohne große grammatikalische Probleme ausdrücken kann.
Die meisten vergessen, dass das nicht immer so war, und ich jahrelang auf einer schmalen Spur zwischen “Durchschnittliches Deutsches Mädchen” und “Kanacke” wanderte, bevor ich dann anfing, es selbst zu vergessen. Und heute merkt man erst, dass ich woanders her komme, wenn man mich wirklich kennt– oder wenn ich jemandem meinen Nachnamen buchstabieren muss.

Ich rede nicht gerne über meine Herkunft, weil es anstrengend ist. Es ist schon schwierig genug, andere Menschen in die richtigen Kategorien und Schubladen zu stecken. Vorurteile, so falsch sie manchmal sein mögen, machen das Leben bis zu einem bestimmten Grad effektiv einfacher, weil man nicht jedes Mal ein Verhaltensmuster zuordnen oder abrufen muss, sondern gelerntes anwendet. Ja, es ist faul und oberflächlich, aber man kommt eben nicht immer drumherum.
Wie ist das also erst, wenn man nicht mal sich selbst einordnen kann? Die Eltern geben einem gute und schlechte Dinge aus Kultur und Religion mit und stellen unmögliche Ansprüche an ein Leben, das woanders geführt wird. Die Freunde aus dem Gymnasium sind verwundert und distanzieren sich von dem fremden Wesen, dass den Knoblauch schon im Frühstück verzehrt, kein Schweinefleisch isst und ihre Eltern belügen muss, um auf eine Party zu gehen.
Die Freunde aus der Heimat wundern sich, dass man es bis ins Gymnasium geschafft hat, dass man den Slang nur hin- und wieder mal bedient und problemos ins Hochdeutsch wechseln kann und belächeln einen für die Schreibwut und die Träume, die man hat.
Irgendwo dazwischen kifft man sich die Birne mit Skatern weg, hängt mit Goths herum, prügelt sich mit marokkanischen Schlägerschlampen die härter zuschlagen als jeder Bodybuilder und schwänzt notorisch die Schule. Mutter will, dass man souverän bleibt und trotzdem früh heiratet und Kinder kriegt; Vater stellt einen riesigen Berg Erwartungsdruck vor, weil es “als Ausländer in Deutschland” nicht leicht ist.
Und ich fragte jahrelang: “Aber Papa, ich bin doch Deutsche?”
Und prinzipiell ist das auch so, immerhin sind die Eltern deutsche Staatsbürger, und immerhin besitze auch ich den deutschen Pass. Aber irgendwo, hinter dem Stapel Büchern im Regal, irgendwo da liegt auch verdreckt und verstaubt mein anderer Pass, der, der mir das Leben so schwer macht.
Ich gehe also ins Kino und schaue mir den Film von Bushido an, der jeden Filmliebhaber zum würgen bringt, und bleibe als Kind zwischen zwei Stühlen dabei hängen, frage mich: schaffen es Ausländer in Deutschland, jemals Deutsch zu sein, und wenn ja- wollen sie das dann auch?
Irgendwann hat das also geklappt, das Deutsch sein. Heute spricht mich der Dönermann nicht mehr auf türkisch an, obwohl ich “Mittlerer Osten” auf meine Stirn geschrieben habe. Keiner fragt mich nach “meiner Kultur”, wenn ich erwähne, dass meine Eltern woanders herkommen, ist das als ob ich nichts gesagt hätte. Es wird verschwiegen, weil ich eine Ausnahme zu sein scheine. Weil ich deutscher bin als alle anderen, die ich kenne, wenn wir über Klischees reden.
Meine Brüder sind Vorzeige-Kanacken, smart und charmant, aber gesellschaftlich irgendwo am Rande des Deutschen Erfolgsleitfadens. Irgendwo zwischen Loser und “sozialer Standard”, aber nicht sie selber halten sich dafür, sondern andere, Deutsche, “etablierte Menschen”, der wohlgeformte Durchschnitt- ich. Sie sind glücklich. Sie haben ihren Platz nie gesucht, sie haben ihn immer nur gefunden. Sie sind zufrieden in einer verrückten Welt zu sein, wo sie Menschen, die sie nicht respektieren, einfach ignorieren können- ohne sich anpassen zu müssen. Ich war es nicht.
Heute nennt mich meine Oma nur noch “die Deutsche”, weil ich natürlich nicht mit zwanzig geheiratet habe und weil ich von zu Hause ausgezogen bin. Sie meint es nicht böse, aber es tut weh. Ich habe irgendwann vergessen die Balance zu halten und mich unweigerlich für die bequemere Seite entschieden, meine Herkunft bis auf Oberflächliches verdrängt und es geschafft, mich genau in dieselbe Situation zu katapultieren- nur diesmal von der anderen Seite.
Ich weiß nicht, wie ich mir das selbst verzeihen soll.
Nach vielen Versuchen, die alle in meinem kläglichen Versagen und unausgesprochen großer Unzufriedenheit resultierten, fiel mir gestern auf dem Weg nach Hause plötzlich auf, dass ich eigentlich gar nicht das perfekte Love-Mixtape brauche. Also hörte ich auf, nach den perfekten Songs zu suchen.
In den letzten Tagen hatte ich meine eigene Herausforderung angenommen, endlich das zu tun, was jeder 12-Jährige 1985 schon tat: ein Mixtape für das Herz zusammenbasteln. Ich wollte es niemandem schenken, also kein klassisches Give-Away-Mixtape machen (das dauert auch wesentlich länger als nur ein paar Tage), sondern eins machen, dass irgendwie den Moment, in dem ich mich gerade befindet, festhält. Nicht, dass ich mich je wieder so wirklich an diese völlig hirnrissigen Stimmungsschwankungen erinnern möchte. Aber ok.
Tatsächlich besitze ich für jeden Menschen und für jeden Moment in meinem Leben den passenden Soundtrack- nur das Thema Liebe, Herzschmerz, Sehnsucht, Yadda Yadda Bang Bang, das habe ich bisher gepflegt und großzügig ignoriert, vielleicht, um es aufzuheben. Für dann, wenn ich die perfekte Sammlung habe. Oder für dann, wenn ich es wirklich empfinde.
Ich dachte, das wäre jetzt- aber es stimmt nicht, es gibt keine Liebe, und es gibt auch keine perfekte Sammlung, sonst würde es mir nicht so schwer fallen. Meine gescheiterten Versuche beweisen mir, dass es nicht die Zeit dafür ist. Es ist nicht das, was ich suche. Es geht nicht um Love & Heartbreak. Es geht um viel weniger: etwas, dass dieses zerbrechliche Thema am Rand ankratzt, berührt, etwas, dass davor passiert (oder auch nicht passiert) und endet, ehe man sich versieht. Dinge, die man nicht mehr mit Worten erklären kann (weshalb man zur Musik greifen muss), Situationen und Momente, die zu schnell vorbeirauschen und nur eine Staubwolke von Verwirrung und Wehmut zurücklassen. Es geht um Abschiede, verpasste Gelegenheiten, die What-Ifs und all das, was man mit Sicherheit nicht in einem Mixtape über die Liebe finden wird.
Das hier ist nicht Time After Time von Cyndie Lauper, man. Aber es hat lange genug gedauert, das herauszufinden.

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Le Love
Veröffentlicht January 19, 2010
Ich habe da etwas entdeckt, dass ich eigentlich für mich behalten wollte. Ein kleines, glitzerndes Geheimnis- ein Geheimnis, wie es der erste Kuss war, von dem man noch nie jemandem erzählt hat. Ein Geheimnis, so wie den ersten Liebesbrief, den man nach zwanzig Jahren immer noch besitzt. Ein kleiner Schatz, der ein Lächeln erzeugt.
Aber natürlich kann ich es nicht für mich behalten. Es wäre nicht fair ((ok, abgesehen davon, wahrscheinlich kennt den eh schon jeder)).
Es heisst Le Love, ein TumblR, der sich als Blogspot verkleidet hat. Ein Scrapbook voller Geschichten, Bilder, Erfahrungen- gut und schlecht. Es ist kitschig, ja. Vor allem für einen Eisblock wie mich sehr waghalsig. Und trotzdem: wunderschön. Ein Thema, das so oft durchgekaut wurde, dass man nichts mehr damit zu tun haben möchte. Und trotzdem: fesselnd. Ich habe mich noch nie bis auf den Grund eines Blogs durchgeklickt. Bis jetzt.

Hier liegt noch ein Brief herum, der niemals verschickt wird- überflüssige Worte. Nichts, was ein bloßer Augenblick nicht auch vermitteln könnte. Aber vielleicht ist es wichtig, diese Dinge einmal auszusprechen. Nur um mal zugegeben zu haben, dass der Eisblock schmelzen kann. Nur um mal sich selbst zu erlauben, dass es sich gut anfühlt. Um einmal einfach zu sagen: das stimmt schon so.
Z. Thank you.
Thank you for inspiring me to do what I have always dreamed of. Thank you for your amazing and huge smile that warmed up my heart in the cold snowy weather. Thank you for being the most pleasant guy I have met in a long time. Thank you for being, not simple as you like to call yourself, but for being satisfied.
From all my heart, I mean it when I say: I hope you’ll always be happy.
Missing you already.
S.
Einfach mal Kontrolle über das erringen, gegen das man immer machtlos sein wird: die verfluchte Zeit – die Nemesis der Gegenwart, die ohne Unterlass Rache an dir verübt und auf den Bewertungsskalen deiner Gedanken und deines Handelns (und Nicht-Handels) ihren ganz eigenen emotionalen Abdruck hinterlässt. Mann, sie ist stets bereit zu reagieren um dann doch nur wieder der eigene Film mit Werbepause zu bleiben. Sie ist und bleibt unkontrollierbarer Luxus – eine Erkenntnis, die einen regelmäßig erleuchtet ohne dass man aus ihr schlau wird.
Mann, was gäbe ich darum, diesen verdammten Dolorean vor meiner Tür stehen zu haben.
Fragen, die mich seit Monaten sehr beschäftigen und auch hin und wieder quälen: Wo ist meine Zeit geblieben und wie kann ich sie mir zurückerobern? Wie kann ich Kontrolle über die fehlende Zeit gewinnen, die doch unkontrollierbar bleibt? Wie kann ich verhindern, dass der Mangel an Zeit, das Schwinden der Freizeit mein Leben verändern?
[Grafik: Tebe Interesno]
Ich weiß auf diese Fragen keine Antworten, was wirklich ziemlich erschlagend ist, wenn man seit Monaten daran arbeitet, seine Alltagsmechanismen zu verstehen um dann daraus das beste für sich und sein soziales Umfeld zu machen.
Ich glaube fast, dass dieses Unterfangen unmöglich sein muss. Der perfekte Zeitpunkt um sich damit anzufreunden, dass das Leben wirklich nicht einfach ist.
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Die allgemeingültige Entschuldigung für “Wieso hast du eigentlich keinen festen Freund?” ist ja heutzutage irgendwas zwischen “Ich habe nicht den richtigen Kerl mit den richtigen Skinny Jeans und dem richtigen Musikgeschmack gefunden” und “Ich bin jung und wild und will noch an mehreren Orgien teilnehmen, bevor ich mich festlege“. Wenn diese Frage auftaucht, sieht man, wie ich mich leise im Hintergrund aus dem Zimmer zu stehlen versuche. Bitte nicht schon wieder.

Diese Frage verfolgt mich mein ganzes Leben schon ((In dem kurzen Zeitraum, als ich tatsächlich einmal einen “Freund” hatte und tatsächlich irgendwie “verliebt” war, hat mich natürlich keiner danach gefragt.)). Aber was antwortet man schon auf so etwas, wenn man die Antwort selbst nicht kennt?
Wie sagt man zu erwachsenen Menschen, Arbeitskollegen und anderen neugierigen Leuten, “nein, ich habe keinen Freund, aber keine Angst– ich werde trotzdem regelmäßig durchgeflext.”? Und wie erklärt man ihnen, dass man seit Jahren nicht mehr soetwas wie Liebe empfunden hat und selber nicht weiß, wieso? Wie sagt man: ich flüchte lieber in Affären mit Haltbarkeitsdatum, um eine Intensität zu erreichen, die sonst nicht möglich wäre. Und um Problemen aus dem Weg zu gehen, die unweigerlich kommen würden?
Definiere: Ich liebe ihn nicht, aber ich vermisse ihn, wenn er nicht da ist. Definiere: Ich will nicht mein ganzes Leben mit ihm verbringen, aber ich küsse ihn trotzdem in der Öffentlichkeit. Definiere: ich genieße die Zeit, in der er da ist, aber ich werde nicht weinen, wenn er geht. Wie sage ich: Menschen langweilen mich nach einiger Zeit. Wie sage ich: Um fair zu sein, gehe ich nichts ein, was realisierbar ist. Wie sage ich: Ich gebe mich nur dann hin, wenn ich weiß, dass es nur für einen kleinen Augenblick sein wird. Reisende, ja. Flüchtigkeitsbekanntschaften. Nachtmenschen. Die andere Frau sein. Bloß: kein Commitment. Ich ruf dich irgendwann an, und vielleicht auch nicht.
Vielleicht habe ich selbst irgendwann mein Herz ausgeknipst. Aber diese Vorstellung ist sogar für mich zu pathetisch. Stattdessen: ich stelle mir vor, dass ich eine andere Richtung einschlage: vielleicht will ich eine andere Sorte Mensch. Vielleicht fällt irgendwann mal meine Traumfrau vom Himmel. Ich hoffe es jedenfalls. Denn ansonsten stehe ich ohne Grund da. Ohne Ursache. Und damit auch ohne eine Lösung. Es erfüllt mich mit Angst zu wissen, dass ich auf weiter Flur für immer dieses Spiel spielen werde: das Spiel der Flucht, der Vertrauenslosigkeit, der Verantwortungslosigkeit. No Strings Attached. No Hard Feelings. Das Leben ist zu kurz, um sich festzulegen, zu schmal, um alle Gefühle im Vollen auszuleben. Kurze, intensive Kicks: Mann Frau Sex Party Harder Better Faster Stronger, und dann ist alles vorbei, der Rauch verschwindet, und schon warte ich wieder auf das nächste Mal, das mich ein Stück leerer zurücklässt.
Aber versteht mich nicht falsch: ich bin nicht unglücklich damit. Ich bin sogar sehr zufrieden mit dieser Art zu Leben, weil ich es nicht besser kenne, und weil ich mich nicht danach sehen, das zu verändern. Normalerweise nicht. Nur dann passiert etwas, plötzlich tut etwas in meinem Bauch weh… dann merke ich, dass vielleicht doch etwas nicht stimmt. Dass es doch nicht nur an einer bequemen Entschuldigung wie “ich bin halt so” liegt. Dass ich nicht anders bin als alle anderen, sondern mich nur anders benehme.
Ich verurteile jeden, der so mit diesen Gefühlen spielt, selbst wenn es die eigenen sind. Ich bin die erste, die damit am Pranger steht und das nicht nur bewusst, sondern auch noch wiederholt. Und am Ende liege ich wieder alleine da, starre in Schlaflosigkeit an die Decke und bin überzeugt davon, dass es anders gehen kann. Bis es so weit ist, und ich wieder einfach weggehe. Aus Selbstverständlichkeit. Aus Langweile. Aus Angst. Denn so ist es ja immer.
Die meisten scheitern an Erwartungsbildern. Weil das Zusammensein mit einem Menschen irgendwann einen Namen bekommt: Eine Beziehung. Wunsch und Panik. Und weil das irgendwann so heißt, hat es so und so zu laufen.
Kein schlimmes Ende, kein hässliches Ende, aber ein sehr schmerzhaftes Ende. So schmerzhaft, wie es sein kann, wenn man irgendwie erwachsen geworden ist. Ich – oder auch wir – sind am Ende immer irgendwie über unsere Erwartungsbilder gestolpert. Oder wir haben schlichtweg das Interesse, den Flow für den Anderen, für das Sichere, für das Vertraute verloren. Mit Wohlwollen oder einfach nur wegen der allgemeinen Vergesslichkeit, die eintritt, wenn man mit Menschen lebt.
[Fotografie: Lena Burmann]
Man vergisst verdammt schnell, dass keine Beziehung wie ein Hollywood-Streifen abläuft und schon gar nicht so, wie die von das Glück auskotzenden Freunden, die im Übrigen auch nie besser oder schlechter dran sind, als man selbst. Zu den Erwartungsbildern, die sich verflucht hoch auftürmen können, die der Physik am Fundament trotzen, das einfach nicht so stehen kann, so wie es da wackelt, ja, zu diesen Erwartungsbildern vergleicht man auch noch.
Nie mehr muss sich Rauch wieder legen. Auch der Status Quo ist Geschichte. Irgendwie und irgendwann hat man aufgehört darüber nachzudenken, wie es war, als man noch glücklich war. Daran wollen oder können sich die Wenigsten erinnern, wenn sie ihr Erwartungstürmchen und das letzte bisschen Verständnis für das Denken und Fühlen des Anderen wegfegen: Grau-staubiger Beziehungskehricht aus der Vergangenheit in strahlender Frische der Gegenwart. Bitte mit Drama, wenn es geht, und mit Vergessen des Umstandes, dass irgendwer alleine eine Entscheidung getroffen hat.
Es gibt da drei Dinge, über die es sich lohnt – wie ich finde – nachzudenken:
1. Macht man es sich zu leicht? Wenn alles schon so furchtbar schwer sein muss, dann sei es doch einmal gestattet, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Oder machen es einem die Anderen zu schwer? Oder doch vielleicht genau andersherum? So ein ehrlicher Umstand ohne Mittelweg?
Liebe – großes Wort – ist nun mal keine Verpackung, die man wegwirft, weil man glaubt, der Inhalt sei verloren gegangen. Diejenigen, die das tun, verlieren sehr viel, wenn sie nicht mehr auf pubertäre Albträume angewiesen sein wollen. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die mit so einem Verhalten mehr Liebe verfeuern, als andere in ihrem ganzen Leben erhalten. Erwartungstürme und Trophäen sind voll nicht gut.
2. Man ist mal ganz furchtbar auf die Schnauze gefallen, wurde hintergangen, betrogen, abgeschossen, einfach ganz mies behandelt, redet sich danach ein, keine Lust mehr auf eine Beziehung zu haben und scheitert aber genau an dieser komischen Vorstellung über Erleuchtung. In einer Sache läuft vor allem Folgendes falsch: Man ist der Meinung, man müsse geliebt werden, weil einem vorher ja so was Schlimmes passiert ist.
(Oder man will prinzipiell keine Beziehungen, weil entweder nur Ficken in die Tüte kommt oder eben die Erleuchtung über sich und seine Wünsche und auch Erwartungen noch ausgeblieben ist).
Dazu gibt es eigentlich auch gar nichts Schlaues zu formulieren. Das sind einfach nur Geschichten, Geschichten des Lebens und so, die auch in diesem Fall ein jähes Ende finden, weil man eingesehen hat, dass man was ändern muss. Und zwar bei sich selbst, wenn man nicht möchte, dass sich die Dinge wiederholen. Wiederholungen passen auch nicht zum Finden des Glücks.
3. Man muss sich selber aus der Scheiße ziehen. Und dann vergisst man diese blöden und naiven Flausen im Kopf, die einem ohne Unterlass einreden wollen, dass es eine viel spannendere, komplexere, erleuchtendere, intensivere und tiefergreifendere Antwort gibt, als diese hier:
Man sollte sich nicht mit der Vergangenheit vergleichen oder mit mit anderen Menschen. Andere Menschen sind anders, weil sie anders sind. Dafür, dass sie anders sind, sind sie ja andere Menschen. Wir sind wir – für immer und in alle Ewigkeit. Und das muss man so easy schlucken, wie es sich anhört. Was auch ganz einfach klingt: Man muss sich dabei treu bleiben mit allen Macken, Ängsten und Spinnereien. Derjenige, der das mitmacht, der ist genau Derjenige, der zu einem passt. Punkt.
So was geht im Drama schnell unter oder wird unter den zusammenpurzelnden Erwartungstürmen begraben. Begraben unter einer grau-staubigen Schicht Beziehungskehricht. Und so.
Alles andere ist zwischenmenschlicher Zufall und ungünstige Sternkonstellation. Oder ein Mensch, der am Ende einer Beziehung in den Irrwegen der Zeit seine Liebe verloren oder verletzt zurückgelassen hat. In der Brust pocht es: Bumm Bumm. Frei übersetzt heißt das: „Ich war da…!“
Ich habe mich von meiner besten Freundin getrennt. Yop. Regelrecht: getrennt. Wieso? Weil 500 Kilometer und konsequente Belastung wie eine explosives Gemisch sind. Sicher, eigentlich könnte man sich einfach ignorieren, anstatt die Seile so zu kappen; aber dann tut es trotzdem noch weh. Also ist jetzt Schluss, und zwar genau mit diesen Worten.

Drei Jahre lang war sie Nummer 1 für mich. Ich stellte letztens fest, dass ich ihre Nummer 38 bin, Tendenz nach unten. Erinnert jetzt tatsächlich ein bisschen an die vorletzte Folge Gossip Girl- aber oh so glaubt mir doch. Ich habe (bildlich) meine Sachen gepackt, bin in meinen Mustang gestiegen, habe dem Himmel einen Fickfinger entgegengeschleudert und fuhr mit Arsch aus dem Fenster gen Sonnenuntergang am Wüstenhorizont.
Band of Skulls – Friends
Not really.
Denn dann kam die Einsamkeit, und die Panik: Oh Gott, was mache ich jetzt? Versteht ihr, eine beste Freundin kann man nicht ersetzen. Erst recht nicht, wenn man im Arbeitsleben steckt (das fast ausschließlich aus Typen besteht). Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich ja nicht irgendeine beste Freundin will.
Ich will eine, die genauso war wie meine alte beste Freundin. Eine, die mich keuchend vor Lachen anruft und erzählt, dass sie gerade von ihrem eigenen Furz würgen musste. Eine, die Gänsehaut vor Fremdschämen bekommt, wenn sie sich Talkshows anguckt. Eine, die am liebsten den ganzen Tag zu Hause schimmelt und gute Filme guckt. Eine, die sechs Stunden im Club Spastis beim Tanzen nachmacht. Eine, die so ein Lebensmittel-Nazi ist, dass ich automatisch mehr Spaß am Essen habe, wenn sie dabei ist. Eine, die im Auto lauthals zu The Cure mitgröhlt und dabei fast gegen einen Baum fährt. Eine, die sich die ganze Nacht in Bars vergnügen kann, ohne einen Cent für ihre Getränke zu zahlen oder sich dafür prostituieren zu müssen. Eine, die so hysterisch wird, wenn man sich streitet, dass man sich selbst den Bauch halten muss vor Lachen. Eine, die sich von mir Mixtapes machen lässt und diese großartig findet. Eine, die mich die ganze Zeit wie ein Idiot behandelt und auslacht. Eine, die meinen Geburtstag vergisst. Eine, der es egal ist, ob ich da bin oder nicht. Eine, die mich im Regen stehen lässt, wenn ich sie brauche. Eine, die sich alle sechs Wochen meldet, um mir zu erzählen, wie beschissen es ihr geht. Eine, die mich geradeheraus anlügt. Eine, mit der ich immer im Wettbewerb stehe, wer cooler und stolzer sein kann. Eine, die ich irgendwann so hasse, dass ich sie am liebsten mit bloßen Händen erwürgen würde. Eine, die es nicht verdient hat, mit mir befreundet zu sein. Eine, die nicht dankbar ist für all das, was ich für sie getan habe. Eine, für die ich alle meine Ansprüche und Erwartungen herunterschraube, und trotzdem noch enttäuscht bin.
Ach, scheisse.
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