Kein Pirat, kein Verrat
Ich bin dieses Wochenende zu Hause in FFM und lasse mich mal wieder von meiner Mama mästen, weshalb es hier ungewöhnlich still ist (obwohl das Internet mal wieder vor Neuigkeiten explodiert). Ich will euch nicht mit alten Nachrichten füttern oder ewige Diskussionen fortsetzen, aber wenn ich schon nichts zu sagen habe, dann will ich jemand anderen mal ans Mikrofon lassen. Das wird dann wohl der letzte politische Beitrag sein.
Mathieu ist kein Pirat und hat in einem Kommentar zu meinem Artikel “Geh nicht Wählen” ausführlich erklärt, wieso das so ist. Ich stimme nicht unbedingt mit allen Aussagen überein, bin aber ein Fan von Kritik. Deshalb vielen Dank an dich, M., dafür, dass ich das hier veröffentlichen darf.

Hilfe, ich fühle mich einsam. Ich bin umzingelt von Piraten. Ich überlege mir gerade, ob ich fliehen soll. In die reale Welt. Wählen ist wie Kaufen, reinste Gefühlssache. Deshalb werde ich mir hier auch Argumente verkneifen.
Seltsame Sache: Parteien fand ich schon immer unsexy, Piraten hört sich nach Karneval an, so wie Cowboys oder Indianer. Und die Funktionäre erinnern mich irgendwie an die Typen, die mich anmachen, wenn ich mich im Aldi vor den beiden Pfandautomaten nicht in EINER Reihe anstelle, weil EINE Reihe vor ZWEI Automaten gerechter ist. Mich haben sie nicht romanized. Ich bin auch ein elitäres Schwein, das immer behauptet, sein eigener Pirat zu sein, und dass mich Massenansammlungen ankotzen (was sich aber nicht halten lässt, egal, ich behaupte es trotzdem). Deshalb bekomme ich bei den Piraten eine Gänsehaut. Wie gesagt, das ist die Gefühlsseite daran. Ich muss auch sagen, dass ich Werte-Wähler bin und nicht Protest-Wähler. Ich lese mir keine Wahlprogramme und Standpunkte zu allen Themen durch (außer bei den Piraten, weil`s so schön überschaubar ist) Und: ich wähle zwar nicht konservativ, aber ich muss ehrlich sagen, wenn eine Partei verspräche, es bleibt alles so wie es ist… so etwas hätte schon seinen Reiz. Ich bin manchmal radikal, aber die Politik möchte ich so nicht, die soll sein wie ein Lieblingsonkel, nett und gerecht, über alles Bescheid wissen und mich ansonsten in Ruhe lassen.
Ich bin nicht als Piratengegner geboren worden. Sie haben mich interessiert, weil sie den Nerd-Aspekt meiner Persönlichkeit vereinnahmt haben. Wer spricht also in meinem Namen? Wer hat sich zur Internet-Partei ausgerufen? Das hat mich dann ziemlich schnell angekotzt. Jetzt höre ich von verschiedenen Seiten, engagier dich doch, du kannst die Piraten verändern, mitgestalten. Nein danke. Ich bin kein Politiker. Mein politisches Engagement reduziert sich darauf, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen. Ansonsten, könnte man sagen, ist sowieso alles politisch, also, was du kaufst, wie du wegwirfst, was du sagst, an wem du vorbei gehst usw.
Interessant ist aber trotzdem, ob die Piraten sich nun verändern, ob sie professioneller werden, ob sie zu einer Partei werden, die genug Macht erhält, um etwas zu verändern. Man zieht den Vergleich zu Grünen. Das sehe ich anders. Die Öko-Bewegung war viel größer, es gab eine ganze Reihe ökologischer Parteien, von denen die meisten verschwanden. Die Grünen haben viel aufgesaugt von den Vorgänger-Protest-Bewegungen. Das sehe ich bei den Piraten nicht. Kein Bezug zu den Globalisierungsgegnern zum Beispiel. Ich befürchte eher, dass die Piraten nach der Wahl auseinander brechen werden. Die Anliegen kann man eh nicht durchsetzen und dann wird zwangsläufig die Frage kommen, was sind denn die Piraten überhaupt: eine Internet-Partei, eine Generationen-Partei, ein Sammelbecken für Frustrierte? Die meisten Sympathisanten werden sich entlieben und merken, dass sie außer dem “hallo ihr Vollpfosten, könnt ihr mal bitte aufhören, uns was wegzunehmen?” nicht so viel mit anderen Anhängern gemeinsam hatten. Die Piraten sind ja keine normale Partei, die man wählt und dann machen die schon. Die Piraten, das sind ja wir. Noch kann ja jeder mitreden. Jeder kennt ja zehn Piraten mindestens. Die sind ja alle zum Anfassen. Wer hat schon mal einen CDU- oder SPD-Politiker angefasst? Aber das Wir ist eben eine Illusion. Nein, man kann die Piraten sicher nicht für das verantwortlich machen, was ihre Anhänger so loslassen, aber es zeigt, wie der gemeinsame Protest auch eine Welle von Vorurteilen, von Beschimpfungen, Frust bis hin zu durchsickernder brauner Soße losgetreten hat. Vielleicht sollte man dafür dankbar sein, jetzt ist es raus.
Die Piraten haben vielleicht die Generation Doof aufgeweckt und wenn es so wäre, könnte man das meinetwegen als Verdienst ansehen. Aber die Romanze ist irgendwann vorbei und dann muss man anders argumentieren, als „die haben ja gar nicht verstanden, um was es geht, die Vollpfosten“.

