DPS/SYD – Run Away

Veröffentlicht December 27, 2010

Es ist schwierig, sich in der Welt zu verlieren. Es ist anders als den Nat Geo Adventure Channel einzuschalten und den Abenteurern bei ihren Abenteuern zuzusehen. Ich beschwere mich nicht darüber; nicht mehr. Ich bin ein einfacher Tourist mit CO2 Fußabdrücken, einer dicken Kreditkartenrechnung und freue mich über kostenlose Business Class Upgrades und vielleicht werde ich niemals die Gelegenheit haben, in einen Zug ohne Final Destination zu steigen. Vielleicht werde ich nie das Gefühl haben, verloren zu sein, nie umgeben von der Unsicherheit der Wüste. Vielleicht war das mal so. Vielleicht gibt es Menschen, deren Leben daraus bestehen, von Kathmandu nach Bondi Beach zu jetten um zu surfen, zu tauchen, zu skydiven, zu fotografieren, zu skateboarden, zu leben und zu entdecken. Ich kann mit Sicherheit für die Existenz absolut hirnverstümmelter Goa-Spasten attestieren, klebengebliebene Insekten mit furchtbaren Frisuren und einem Faible für schlechtgedröhnten Psy-Jungle-Trance und ebenso schlechten Mushroomdröhnungen. Aber das sind keine Abenteurer, das sind Hobbyphilosophen, deren Wichtigtuerei auch Ghandi noch zum Genozid herausfordern könnten. Nukleare Wegbombung von 95% abrasierten Dreadlocks, eine neue Petition in meinem Namen, und glaubt mir, ich unterschreibe drei Mal.

Meine Reisehelden sind verrostet; meine idyllischen Reiseträume und -erwartungen und -illusionen verstaubt. Ich bin zu müde um mich darüber aufzuregen, denn ich habe jetzt schon sechs Tage am Stück damit verbracht, genauso flüssig zu scheissen wie zu trinken und ich bin zu paralysiert um mich darüber aufzuregen, weil ich nicht mehr an das Reisen glaube. Nicht mehr an die Romantik des Reisens. Ich glaube daran, dass es mir Spaß macht, Menschen an lauen Abenden bei rumgehenden Spliffs kennen zu lernen und meine Jokes zu formulieren. Ich glaube daran, dass ich es liebe, nicht zu wissen, was ich am nächsten Tag machen werde (insofern ich nicht tatsächlich reise). Ich muss nicht arbeiten und für die nächsten 2-3 Monate werde ich auch weiterhin nicht über das große Geld (oder eher die große Geldverlustigkeit) nachdenken müssen. Ich glaube daran, dass das Reisen ein inflationäres, aber auch selbstverständliches Angebot unserer Jugend geworden ist, brought to you by Ryan Air und wirtschaftlichem Erwartungsdruck was den Lebenslauf angeht. Wie, du hast mit fünf Jahren noch keinen Abschluss einer anerkannten Elite-Privat-Windelschule gehabt? Na dann auf auf, ins Ausland! Und, natürlich, danke auch der Militärtechnologie, ohne welche unsere Welt wohl noch im Mittelalter stecken würde. Krieg (Macht, Verteidigung, Schutz, politische Wahrung seiner Selbst, oder eben Krieg) ist der Antrieb in unsere Zukunft, und ich bin mitten in reingeboren worden. Nur, weil ich mir gerne die Rolling Stones anhöre und Bob Dylan nicht aufhört in meinem Kopf zu spucken, heisst das nicht, dass ich die Zeit zurückdrehen kann. Zeiten, wo man nicht alles über jeden Ort wusste. Wo jeder Schritt durch die nasse Pampa irgendwo in Balabuga einen epischen Moment im Leben eines Niemanden spielte, der dann zum Held gekürt wurde. Meinem verstaubten Held.

Sich in der Welt zu verlieren ist schwierig, weil es keinen Ort mehr gibt, an dem man sich verlieren kann. Oder, wenn man kann, will (denn es gibt auch für Verloren-Sein gewisse Grenzen, das mit den Schlagen und Spinnen, das haben wir ja schon ausführlich besprochen, das ist nichts für mich). Also irren von Thailand nach Kuta Beach auf dem ganzen Weg Backpacker umher und flüstern sich im Stille-Post-Verfahren ihre sogenannten „Geheimtipps“ ins Ohr, doch jedes Mal, wenn man diesen Tipps folgte, jedes Mal wenn man seine Sachen aufgeregt packte und weiterzog und auf etwas mehr Verlustgefühl hoffen durfte, jedes Mal traf man ein weiteres Pack Gleichgesinnter, alle wieder im selben Prozess des Austausches, „ich habe gehört, Burma ist noch ziemlich jungfräulich, da muss man mal mit der Machete durchgehen, das muss man sich mal trauen“. Aber, ganz im Ernst, ich will nicht nach Burma und mit einer Machete den Wald bekämpfen um mich dort dann wider meiner urbanen Natur niederzulassen um ein Buch darüber zu schreiben wie ich mich mit wilden Pilzen selbst vergiftet habe. In Alaska. Mit Eddie Vedder im Hintergrund. Ich will das nicht, ich will das nicht, ich will das nicht. Ich will keinen Ed-Hardy-Strass-Steine-Resort-Urlaub auf Ibiza mit furchtbaren Pop-Medleys und Schlager-House-Remixen, und nach all meinen Beschwerden und nach meinem ganzen Rummosern und dem ständigen Suchen nach irgendetwas, was mir diese Reise bringen soll, fällt es mir wie Schuppen vor die Augen, wie ein dicker Pickel, der darauf pochte, seinen Eiter an den Spiegel zu spritzen: ich kann mich nicht in der Welt verlieren. Ich kann mich nur in Menschen verlieren. Oder mit ihnen. Oder um sie herum oder vor ihnen, aber die Welt ist völlig egal.

Jetzt ist es zum ersten Mal so weit: kein Plan. Absolut keine Richtung. Niemand, der mich begleitet. Ich bin völlig frei (wenn auch zerfickt vom Jetlag und 300 Euro leichter dank überteurer Hostels) in Sydney angekommen und es gibt nichts, was ich mir für diesen Tag erdacht habe. Nichts, was ich vor 8 Monaten schon mal auf eine Excel Liste geschrieben habe. Ich kann nicht in mein Dorm, weil gefühlte 30 Leute dort noch schlafen. Es regnet. Alles ist anders als gedacht. Aber alles ist gleichzeitig viel besser. Und so geht es einfach weiter.

Chile, Hawaii, Libanon, Deutschland, Vietnam, egal ob es die Reisenden oder die Natives sind, Indien, Nepal, China, scheiss drauf; und wenn ich eines Tages auf dem Mond lande und meinen Namen in Stein ritze, „Sara war hier und hatte Dünnschiss, vielen Dank, Thailand!“, dann hat das alles meine Helden nicht mehr zum Leben erweckt. Egal wie viele Länder ich bereise, egal was ich sehe oder nicht sehe oder mache, egal ob ich aus einem Flugzeug springe oder mir die Wirbelsäule beim Surfen anknacke, nichts davon wird The Beach sein. Nichts davon wird das sein, was meine Helden verkörpern. Aber manchmal muss man eben sein eigener Held sein. Und genau das einzige genießen, was einen so völlig aus der Bahn geworfen hatte: das man auf dieser ganzen weiten Welt niemals verloren sein wird.


(By the way, Weihnachten zog an mir vorbei wie der D-Zug an Bielefeld. Nicht, dass es mich je großartig interessiert hätte, als Moslem besteht mein einziges Weihnachtsritual daraus an Heiligabend mit meinen Brüdern bei McDonalds vorbeizufahren und mit den anderen Kanacken rumzuhängen. Diesmal lag ich den ganzen Tag am Pool und habe Shroomies gefüttert und bin letztendlich wieder bei McDonalds gelandet. Wie jedes Jahr also).

DPS/SYD – Run Away · Kategorien: Ohne Worte Weltreise · Comments Off
 
 

Have Love Will Travel

Veröffentlicht January 3, 2010

Ich mache mir für neue Jahre immer nur maximal Meta-Vorsätze. Sehr beliebt sind die Varianten “Dieses Jahr mache ich mir einen Vorsatz, den ich halten kann” oder “Dieses Jahr habe ich bis zum 6. Januar Zeit, 3 Menschen von ihren Vorsätzen abzubringen“. Ja, ich bin ein schlechter Mensch, aber wir hatten ja jetzt schon genug Zeit herauszufinden, dass schlechte Menschen sexy sind und auch in der Hölle noch mehr Spaß haben werden als die ganzen dahervegetierenden Pimmel da draußen. Ups, hat jemand Pimmel gesagt?

Dieses Jahr startete dafür Abseits jeglicher Norm. Nein, ich war nicht plötzlich gut gelaunt und fand mein Leben schön. Es war auf eine andere Art und Weise.. anders. Am 31. Dezember 2009 wachte ich mit Herzklopfen auf (ich weiß, ich habe das jetzt schon sehr oft erwähnt, aber ich bin wirklich mit Herzklopfen aufgewacht und das ist nicht nur ein stilistisches Mittel, welches die Dramatik meiner Entscheidung & Gefühle betonen soll, nein, es war tatsächlich so und ich dachte ich müsste sterben vor Anstrengung), ich war schweißgebadet von einer wahnsinnigen Eingebung.

Das letzte Mal, dass ich soetwas empfand, war der Tag, an dem ich plötzlich wusste, dass Cumin die geheime Zutat für alles war, was Hackfleisch beinhaltete. Mein Leben war schlagartig nicht mehr freitodgefährdet. Außerdem ist mir das auch mal passiert, als ich eines morgens wusste, dass ich meine Sachen packen und einfach so nach Berlin ziehen würde, mit Sicherheit eine der besten Entscheidungen meines Lebens, auch wenn das vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich nicht mehr so viele behinderte Emos um mich herum habe. Vielleicht.

Und so war es auch dieses Mal: ich wachte auf und wusste, ich würde eine Weltreise machen. Endlich. Jetzt, ja. Es war ein Vorsatz, und mein Herz brannte. Es geht nicht darum, dass man auf einmal überraschend einen völlig absurden Traum verfolgt, nur weil man gelangweilt ist von seinem Leben. Ich bin ganz und gar nicht gelangweilt. Ich bin müde, gestresst, ich renne von einem Menschen zum nächsten, ich habe Spaß, ich bin gut gelaunt (meistens) und erst vor einigen Tagen musste ich feststellen, dass ich doch kein Block aus Schokoeis bin, sondern sogar in der Lage sein kann, Gefühle für jemanden zu hegen. Ok, und manchmal bin ich auch gelangweilt. Aber so war das nicht.

I mean, lol?

Es war ein Moment, in dem ich wusste, dass ich es schaffen könnte. Nicht der Traum war neu, sondern lediglich die Motivation dahinter. Worauf ich die ganze Zeit gewartet habe – ein innerlicher Arschtritt und, so schmerzhaft es auch wird, die finanziellen Möglichkeiten – ist endlich eingetroffen. Ich habe jetzt schon bestimmt 10 verschiedenen Menschen versucht zu erklären, wie das ist. Ich dachte, jeder hätte diesen Moment, einfach aufwachen und wissen, was zu tun ist, aber alle gucken mich immer an als wäre ich Gilbert Grape und hätte es nur noch nicht gemerkt. Banausen, das alles.

… am gleichen Tag noch verbrachte ich 12 Stunden damit, mich über diese Weltreise zu erkundigen, Pläne zu schmieden, mich einzulesen. Sylvester ging irgendwie an mir vorbei, meine Gedanken galten nur der Reise (übrigens war der Kommentar meiner Mutter dazu original (mit Grammatikfehlern weil sie erst seit 25 Jahren in Deutschland lebt, zwei Studiengänge und eine Ausbildung hinter sich hat und das mit der Sprache immer noch nicht hinbekommt), ich schwöre bei meinen ungeborenen Kindern, “du bist wie der schwulen Junger von dieser Fernsehen, der lebt  nuuur in seinem Kopf, warum musst du reisen, hä? ICH BRINGE DICH UM!!“). Ich hab schnell tausend Seiten vollgetippt und so viele Informationen zusammengetragen, die schlussendlich sortiert werden müssen, und ich habe immer noch nicht den Grund der Recherche angekratzt. Das auf diesem Blog für mich auseinanderzufriemeln wäre nur zum Leidwesen aller Leser. Aber weil die Infos und der ganze Prozess auf jeden Fall trotzdem interessant sind, habe ich einfach einen anderen Blog gestartet:

Have Love Will Travel (übrigens auch der Titel eines sehr cooler Songs). Ja, das Layout ist hässlich, aber ich habe es meine Mutter aussuchen lassen, weil die ihn ja dann irgendwann lesen muss während sich alle von meinen Postkarten-Posts langweilen. Ich werde meinem Schreibstil trotzdem treu bleiben und hin und wieder mal das Wort “ficken” einschmeissen, for the kicks.

DragstripGirl.de bleibt dann wohl für’s Erste weltreisefrei, während Have Love Will Travel ein Wochenendprojekt wird. Es wird nicht so langweilig, wie man es sich vorstellt, aber es wird vor allem hoffentlich auch noch ein bisschen Kohle bringen, damit ich in den nächsten 10 Monaten nicht vollständig hungern muss. Ich bin ja kein Fan von Selbstmarketing, aber ich weiß, dass manche Menschen sich für das Thema interessieren, daher würde ich mich freuen, wenn ihr den Feed abonniert und hin und wieder für ein bisschen Traffic sorgt (ihr wisst schon, Dinero muchacho). Außerdem gibt’s da auch bestimmt irgendwann Titten. Und wer einen Werbeplatz braucht sagt Bescheid.

Ich erlaube außerdem ausschließlich in diesem Beitrag hier, dass man sich über mich und meine Träume lustig macht. Dann hat jeder mal seine Zweifel geäußert und mit dem Finger auf die fette Trulla gezeigt, die glaubt, irgendwie genug Kohle sammeln zu können und dann echt alleine durch die Pampa zieht, obwohl sie noch nicht einmal in ihrem Leben in einem Zelt übernachtet hat und nicht aus dem Haus gehen kann, ohne sich die Haare zu glätten. Das dürft ihr alles hier in den Kommentaren hinterlassen. Aber danach: danach haltet ihr entweder die Fresse und lasst mich alleine in meinen wahnsinnigen Vorstellungen versagen, oder ihr gebt mir alle Informationen, Tipps, Hinweise und gebrauchten Dingen, die man so benötigen könnte, die ihr habt. Ja, verdammte scheisse, ich nehme auch Visa und Schecks an.

 
 
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