"Girl gone wide."


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Das letzte Mal, als ich einen Song von Wy Lyf postet, war es Mai. Das Video enthielt mächtige Szenen und gewaltvolle Bilder von Aufständen, Protesten und Märschen. Das Video war eine Ode an die Demonstration. Ich machte mir meine Gedanken dazu – sagte aber nichts. Manchmal spricht eine Collage, die audiovisuell funktioniert, mehr als die Sprache, derer wir uns mächtig sind.

Im Mai, das war irgendwie vor und nach dem Arabischen Frühling gleichzeitig. Das war noch vor den Englischen Riots, das war vor den Occupy Wall Street Protesten in New York. Das war nach Fukushima. Das war noch, bevor Levis sich entschied seine Kampagne “Go Forth!” global aufzubauen und in Berlin neu zu formulieren. Das war bereits sehr lange nach dem Zusammenbruch des Finanzmarktes und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, aber es war noch vor dem Zusammenbruch der Europäischen Gemeinschaft dank der Verschuldungspolitik von Staaten.

Ich habe damals, im Mai, einen Text geschrieben, der zu Gewalt aufforderte. Vielmehr: Auflehnung. Ich habe damals ein Gefühl genommen, welches in mir ruhte und langsam herausbröckeln sollte, und es in die einzigen Bilder gesteckt, die ich ausmachen konnte: Fäustschläge und brutalste Eskalation. Es war passiv-aggressive Stimmung, die ich nicht einordnen konnte. Dieses Nicht-Können machte mich wütend. Der Geist, die Gedanken, sie sind abhängig von der Sprache, und die Sprache ist genauso abhängig von ihnen. Wie konnte ich empfinden, ohne es formulieren zu können? Diese Machtlosigkeit vor dem abstrakten Gerüst der Realität lässt einen gewalttätig werden wollen, denn nun gibt es kein Ventil mehr für das, was sich tief drinnen aufstaut.

Es war eine globale Stimmung, die durch die Medienlandschaft transportiert wurde. Völlig egal, ob es sich dabei um ein Bild oder eine Nachricht handelte, die Atmosphäre des Auflehnens war schon im Mai zu spüren. Sie war schon die letzten Jahre dagewesen, aber subtiler, stellenweise, ohne besondere Reaktion. Die Rebellion der iranischen Jugend war eine kleine Welle der Gerechtigkeitsforderungen, doch er versank in den Tiefen, am Grund des Ozeans. Die entstandenen Strömungen jedoch, sie waren weiterhin da – sie zeichnen sich heute umso deutlicher ab. Unsere jungen Menschen, Generation Facebook, Generation Internet, Generation Hipster, ihnen wird der Nihilismus, der gedankenlose Konsum, die Resignation vorgeworfen — doch müssen sie sich beweisen, profilieren, gegen die Punks, gegen die Hippies, gegen die 68er, gegen alle Bewegungen, die die Vorarbeit geleistet haben. Kein Wunder – wer will da nicht resignieren, bei Erwartungen, die kaum einzuhalten sind? Was haben die Generationen vor uns geschafft, wenn nicht die Fehler, die wir heute ausbaden müssen? Wie kann man sich da noch trauen, nach Idealen oder Gutmenschlichkeit zu streben? Friss oder stirb sind unsere großzügigen Alternativen, die all diese reaktionären Subkulturen vor uns, für uns erarbeitet haben. Sie haben es nicht besser gewusst, und ihre Versuche scheiterten. Wir wollen es besser machen: es gar nicht erst versuchen.

Das Gesicht der Menschheit hat sich zu einem hässlichen verändert, wo es schwieriger geworden ist, zwischen gut und schlecht, zwischen Kollektiv und Individuum zu unterscheiden, ohne daran zu zerbrechen. Wir bekommen das Erbe unserer großen Brüder und Schwestern ausgehändigt mit den Worten, “Jetzt ist alles gut”, und kriegen gar nicht mit, wie schlecht alles ist. Wir zucken resigniert die Schultern, denn man hat uns alle Waffen aufgrund eines Friedensversprechens genommen.

Aber diese Stimmung, dieses unaussprechliche Gefühl, das gedämpfte Raunen in einer Masse voller anonymen, schulterzuckenden, katzenrettenden Schatten von Menschen, es ist der Beweis dafür dass wir noch nicht am Ende sind. Wir sind nicht abgestumpft. Wir sind keine willenlosen Marionetten, keine konsum- und marketingverblendeten Hipster, jedenfalls nicht immer. Wir sind frei, wir sind jung, wir haben alle Möglichkeiten, die Welt zu verbessern und wollen das auch, aber wir resignieren – manchmal – eben im Angesicht der Problemberge, die man vor uns stellt und geben uns mit einer kleinen Welt voller Narzissmus und Ich und Ich und Ich zufrieden. Unser kleines Ghetto der Unwirklichkeit. Doch die Stimmung vernichtet unsere heile Welt der Ignoranz. Sie steckt uns über Kontinente, soziale Netzwerke und Medienberichterstattung an. Wir merken: wir fühlen uns nicht ungerecht behandelt. Aber an diesem Gefühl stimmt etwas nicht.

Wu Lyf haben ein neues Video aus ihrem Album Go Tell Fire To The Mountain veröffentlicht. Ich führe das an, weil das ganze Album in seiner Gesamtheit, aber das Video und der Song “We Bros” speziell, diese von mir als unbetitelte “Stimmung” zusammengefasste Atmosphäre einfängt. Diese Dringlichkeit, die aufgekratzte Stimmung des englischen Quartetts, dieses unfertige, schrammelige, aber irgendwie doch ziemlich harmonische Ding, das spricht so viel aus, was unsere Generation vielleicht gerade auszuformulieren versucht. Ich glaube daran, dass wir uns auflehnen können, dass wir es besser machen können, wenn wir weiter machen, und dieses Gefühl durch alle Netze und Schichten durchtransportieren, bis wir endlich, endlich, endlich die Musik zur Politik machen.

Im Video rennen Kinder vor etwas davon. Erst am Ende sehen wir, was es ist. Sie rennen vor unserer Welt weg. Wir rennen vor unserer Welt weg. Wir werden ständig dazu aufgefordert, Dinge zu verstehen. Was, wenn wir die Dinge einfach sein lassen könnten? Wenn wir alles liegen lassen – die Supermärkte, die Gesellschaftstrukturen, die Staatsgewalten und die Normative unserer von Dichotomien zusammengesetzten Kultur – und irgendwo, frei davon, unserer Kinder zur Welt bringen und ihnen dabei zusehen, wie sie es machen?

It’s a sad song that makes a man put
money before life
a sad song that puts a man for sale
A sad song that make a man put
money before life

In jedem Fall kann ich euch Go Tell Fire To The Mountain nur ans Herz legen. Es inspiriert mich, und es wird euch inspirieren. Hört es euch an und sagt mir, dass ihr auch diese Ernsthaftigkeit unserer Schritte auf dieser Erde spürt. Sagt mir, dass euch nicht alles egal ist.

Wer mich kennt weiß, dass ich mich aus dem politischen Spiel gerne heraushalte; einerseits, weil ich kein fundiertes Wissen habe, andererseits weil mich Politik und das ganze Mediengewälze immer sehr frustriert. Ich frage mich meistens, was das für Menschen sind, die irgendwo da oben sitzen und Scheisse verzapfen und mir einen nicht zu vernachlässigenden Teil meines Gehaltes wegnehmen und was damit eigentlich passiert und wieso der Bus schon wieder nicht pünktlich da ist.

Das heisst allerdings nicht, dass ich keine Meinung zu bestimmten Themen habe (und diese Meinung kann auch gerne als falsch abgetan werden, es ist halt nur eine Meinung). Diese Multikultischiene wird immer dann zum Ding für mich, wenn meine Mutter anruft und mich zusammenstaucht, wieso ich nicht “etwas dagegen tue”, heute morgen im Fall Sarrazin. Was meine Mutter meint ist Engagement- sie selbst macht seit Jahren im Ausländerbeirat mit und mischt unsere kleine beschauliche Vorstadt mit ihren Vorträgen über Integration und Islam auf. Sie hält mich für den größtmöglichen Rassist, weil ich selber eine verzerrte Beziehung zu Ausländern und Multikulti habe, hat mich aber im Wesentlichen falsch verstanden: ich bin nicht gegen Ausländer oder Migration oder sonstirgendwas, schließlich bin ich selber Migrationskind. Ich habe nur was gegen Menschen, die die Kurve nicht kriegen und damit auch ein schlechtes Licht auf mich werfen. Weil ey, so ist das eben.

Und dann, so laut Mutter, soll ICH hingehen und mich für diese Leute einsetzen. Obwohl ich in der Schule war, Deutsch spreche, nie Stress mit der Polizei hatte und genau so gelebt habe wie man es von mir als gutdeutscher Bürger erwaret hat. Obwohl ich mir von DIESEN Leuten – und ja, es sind größenteils südländisch stämmige Ausländer, die dieses Bild verursachen, was wohl aber hauptsächlich an der Anzahl liegt als an genetischen Ursachen – selber anhören darf, wie verfickt Deutsch ich bin. Von Ausländern verprügelt wurde und gehänselt wurde, weil ich so gut Deutsch spreche. Von anderen Kids, die nicht so viel “Glück” hatten wie ich, verstoßen wurde. Obwohl meine Eltern selbst verarscht wurden.

Seht ihr, mir ist es völlig egal, was so ein Sarrazin von sich gibt. Wegen mir soll er den ganzen Tag erzählen wen er hasst und welches Tier er morgen ficken will. Dafür wird es immer ein Publikum geben, und die ollen NPD-Atzen in MeckPomm wichsen dann jedes mal auf die Bild-Zeitung. Wir alle sind so politisch korrekt und wollen das nicht hören, aber 90% der gutsituierten Leute in meiner Umgebung, die sich gebildet nennen und ach so tolerant sind, denken insgeheim doch das Gleiche. Schubladen, Prollos, Kanacken, der Türke, der Russe. Insgeheim ist hier jeder froh, nicht in die benannten Gruppen zu gehören und erfreut sich deshalb der Verteidigungshaltung, die genauso elitär ist wie die Einstellung Sarrazins, der wenigstens noch die Fresse aufmacht und sagt, was er denkt.

Ich sage jetzt klipp und klar auch genau das, was ich denke: es gibt keine Ausländer für mich, es gibt nur Menschen, die im Leben verloren haben und Menschen, die ständig absahnen und gewinnen und keine Erbsünden mit sich herumtragen müssen. Das heisst aber nicht, dass ich jetzt hier für jeden Verantwortung übernehmen muss, nur weil ich selber in diese Randgruppe dreckig stinkender Araber gehöre und zufällig – oh, als wäre das ein Wunder – sogar Abitur habe. Ein glückliches Kind war, und eine gute Familie hatte, wie die meisten meiner “Landsleute”. Man sieht halt genau das, was man sehen will, und da werde ich niemandem die täuschenden Gläser aus der Brille abschrauben. Ich bin kein Gutmensch, ich bin auch kein “Ausländer” oder ein “Immigrationskind” das stellvertretend als Positivbeispiel für die Welt gehandelt werden will, ich bin einfach nur jemand und ich habe keinen Bock mehr auf das Kanackengelaber.

Ständige Identifizierung und dieses “zwischen zwei Stühlen sitzen” und Integrationsprobleme; die fangen ja nicht mit Thilo Sarrazin an. Korrekte Deutsche, die regen sich darüber auf, was er von sich gibt, weil er ausspricht was die meisten denken, ein riesiges Tabu, fast so als würde man den Holocaust leugnen nur auf einer ganz anderen Ebene von Wahrheit und Unwahrheit. Ich bin auch rassistisch, das ist erschreckend und furchtbar, ja, aber ich weiß es wenigstens und ich versuche meinen Horizont zu erweitern, aber das Thema gehört weiterhin in die Medien, genauso wie die Schlammschlacht, und ich werde diesen Konflikt nicht totschweigen so wie es der Rest gerne hätte. Herr Sarrazin, reden Sie ruhig weiter, reden sie so lange bis die Leute erkennen, dass sie dasselbe fühlen und denken, so lange bis sie merken dass es falsch ist.

by yeahs in Gangster


Ich bin dieses Wochenende zu Hause in FFM und lasse mich mal wieder von meiner Mama mästen, weshalb es hier ungewöhnlich still ist (obwohl das Internet mal wieder vor Neuigkeiten explodiert). Ich will euch nicht mit alten Nachrichten füttern oder ewige Diskussionen fortsetzen, aber wenn ich schon nichts zu sagen habe, dann will ich jemand anderen mal ans Mikrofon lassen. Das wird dann wohl der letzte politische Beitrag sein.

Mathieu ist kein Pirat und hat in einem Kommentar zu meinem Artikel “Geh nicht Wählen” ausführlich erklärt, wieso das so ist. Ich stimme nicht unbedingt mit allen Aussagen überein, bin aber ein Fan von Kritik. Deshalb vielen Dank an dich, M., dafür, dass ich das hier veröffentlichen darf.

Pirates Only!

Hilfe, ich fühle mich einsam. Ich bin umzingelt von Piraten. Ich überlege mir gerade, ob ich fliehen soll. In die reale Welt. Wählen ist wie Kaufen, reinste Gefühlssache. Deshalb werde ich mir hier auch Argumente verkneifen.

Seltsame Sache: Parteien fand ich schon immer unsexy, Piraten hört sich nach Karneval an, so wie Cowboys oder Indianer. Und die Funktionäre erinnern mich irgendwie an die Typen, die mich anmachen, wenn ich mich im Aldi vor den beiden Pfandautomaten nicht in EINER Reihe anstelle, weil EINE Reihe vor ZWEI Automaten gerechter ist. Mich haben sie nicht romanized. Ich bin auch ein elitäres Schwein, das immer behauptet, sein eigener Pirat zu sein, und dass mich Massenansammlungen ankotzen (was sich aber nicht halten lässt, egal, ich behaupte es trotzdem). Deshalb bekomme ich bei den Piraten eine Gänsehaut. Wie gesagt, das ist die Gefühlsseite daran. Ich muss auch sagen, dass ich Werte-Wähler bin und nicht Protest-Wähler. Ich lese mir keine Wahlprogramme und Standpunkte zu allen Themen durch (außer bei den Piraten, weil`s so schön überschaubar ist) Und: ich wähle zwar nicht konservativ, aber ich muss ehrlich sagen, wenn eine Partei verspräche, es bleibt alles so wie es ist… so etwas hätte schon seinen Reiz. Ich bin manchmal radikal, aber die Politik möchte ich so nicht, die soll sein wie ein Lieblingsonkel, nett und gerecht, über alles Bescheid wissen und mich ansonsten in Ruhe lassen.
Ich bin nicht als Piratengegner geboren worden. Sie haben mich interessiert, weil sie den Nerd-Aspekt meiner Persönlichkeit vereinnahmt haben. Wer spricht also in meinem Namen? Wer hat sich zur Internet-Partei ausgerufen? Das hat mich dann ziemlich schnell angekotzt. Jetzt höre ich von verschiedenen Seiten, engagier dich doch, du kannst die Piraten verändern, mitgestalten. Nein danke. Ich bin kein Politiker. Mein politisches Engagement reduziert sich darauf, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen. Ansonsten, könnte man sagen, ist sowieso alles politisch, also, was du kaufst, wie du wegwirfst, was du sagst, an wem du vorbei gehst usw.

Interessant ist aber trotzdem, ob die Piraten sich nun verändern, ob sie professioneller werden, ob sie zu einer Partei werden, die genug Macht erhält, um etwas zu verändern. Man zieht den Vergleich zu Grünen. Das sehe ich anders. Die Öko-Bewegung war viel größer, es gab eine ganze Reihe ökologischer Parteien, von denen die meisten verschwanden. Die Grünen haben viel aufgesaugt von den Vorgänger-Protest-Bewegungen. Das sehe ich bei den Piraten nicht. Kein Bezug zu den Globalisierungsgegnern zum Beispiel. Ich befürchte eher, dass die Piraten nach der Wahl auseinander brechen werden. Die Anliegen kann man eh nicht durchsetzen und dann wird zwangsläufig die Frage kommen, was sind denn die Piraten überhaupt: eine Internet-Partei, eine Generationen-Partei, ein Sammelbecken für Frustrierte? Die meisten Sympathisanten werden sich entlieben und merken, dass sie außer dem “hallo ihr Vollpfosten, könnt ihr mal bitte aufhören, uns was wegzunehmen?” nicht so viel mit anderen Anhängern gemeinsam hatten. Die Piraten sind ja keine normale Partei, die man wählt und dann machen die schon. Die Piraten, das sind ja wir. Noch kann ja jeder mitreden. Jeder kennt ja zehn Piraten mindestens. Die sind ja alle zum Anfassen. Wer hat schon mal einen CDU- oder SPD-Politiker angefasst? Aber das Wir ist eben eine Illusion. Nein, man kann die Piraten sicher nicht für das verantwortlich machen, was ihre Anhänger so loslassen, aber es zeigt, wie der gemeinsame Protest auch eine Welle von Vorurteilen, von Beschimpfungen, Frust bis hin zu durchsickernder brauner Soße losgetreten hat. Vielleicht sollte man dafür dankbar sein, jetzt ist es raus.

Die Piraten haben vielleicht die Generation Doof aufgeweckt und wenn es so wäre, könnte man das meinetwegen als Verdienst ansehen. Aber die Romanze ist irgendwann vorbei und dann muss man anders argumentieren, als „die haben ja gar nicht verstanden, um was es geht, die Vollpfosten“.

by yeahs in Ohne Worte


Ich werde die Piraten wählen ((an dieser Stelle danke an Mathieu für die Inspiration, mal etwas ausführlicher etwas zum Thema zu schreiben)). Das soll zu Anfang gesagt sein. Ich werde sie wählen im vollständigen Wissen, dass ich ohne ihre Existenz a) sonst niemanden gewählt hätte, b) meine Stimme womöglich völlig wertlos ist, und c) ich selbst im Falle des Erfolges nicht das serviert bekomme, was ich eigentlich von der Politik erwarte.

Ach so. Sind wir nicht?

Schwachsinn und Polemik

Jeder kann die folgende Geschichte erzählen. Jeder aus meiner Generation. Generation Doof, Generation Praktikum, Generation Pirat. Hier ist die Geschichte: Ich bin zwanzig Jahre alt, und ich scheiss auf die Politik. Und wisst ihr was? Die Politik hat auf mich zurückgeschissen.

Ich weiß noch, welche Streber damals der Jungen Union beigetreten sind ((ich habe das Beispiel schon mal im Beitrag “Sinead’s Hand” benutzt, aber einmal ist keinmal )). Ich weiß noch, dass deren Eltern schon da drin waren. Das waren die Typen, die nur Äpfel essen durften und maximal zum Tippen an den PC konnten. Das waren gutbürgerliche Familien, die Mercedes und BMW fuhren, um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln. Das waren die, die die Ausländer jetzt irgendwie nicht “raus” haben wollten, oder so, aber “es sind ja jetzt auch schon genug da, oder?”. Sicher, sicher. Dagegen hätte man früh ankämpfen können: entweder jeden Tag dem Nachwuchs die Nahrungsmittel aus dem Schulranzen klauen, oder selbst bei einer Partei eintreten, um mal den alten Tattergreisen ein bisschen frischen Wind in den Arsch zu blasen.

In die SPD zum Beispiel. Man hätte auch mal den Grünen einen Besuch abstatten können. Sogar in die CDU, dann kann man wenigstens von Innen arbeiten. Aber wisst ihr, was wir gemacht haben? Wir saßen vor dem PC, haben Freunde geknüpft, Webseiten programmiert und uns illegal Musik runtergeladen. Klar, hat ja auch Spaß gemacht. Das Internet ist für uns ein Universalspielzeug geworden. Wir brauchen jetzt nicht (nur noch) zu daddeln wie die Bekloppten, sondern können bei der Informationsflut zeitig mit ADHS unser Grab besteigen. Und wieso streuben die sich jetzt so gegen diese Funktionalität und erzählen uns irgendetwas von Kinderpornos? Weil die auf einmal an Kriminellen keine Exempel mehr statuieren können, und Angst haben, ihre Gewalt zu verlieren. So würde ich das jedenfalls machen.

Rewind: Anstatt uns mal früher zu überlegen, dass man das was Spaß macht ja auch irgendwie Oma & Opa erklären muss, haben wir uns zu einer Elite an Schwachmaten zusammengeschlossen, die ihre eigenen Weltregeln aufgestellt haben. Ich will dabei nicht von der Ignoranz heutiger Politiker und “Internetgegner” (bitch please. Wer bitte schön hat denn jemals was von “gegen Internet” erzählt?) ablenken, sondern einfach verdeutlichen, was ich bei der ganzen Sache empfinde. Ja, die blöden Ärsche verstehen es nicht, und jetzt wollen die uns das wegnehmen, was für uns wichtiger geworden ist als die eigene Mutter. Herzlichen Glückwunsch: Das haben wir uns auch selbst zu verdanken.

Ich betone noch einmal: Ich habe keine Ahnung von Politik, und es hat mich nie interessiert. Wenn man mir mein Gehalt wegnimmt, weil die Steuern so hoch sind, dann halte ich das irgendwie für angebracht, immerhin müssen doch die armen Kinder arbeitsloser Asozialer was zu essen bekommen. Und wenn die hier irgendwo Atomkraftwerke anschalten, dann habe ich keine größeren Probleme beim Atmen. Aber wenn die jetzt kommen und mir mein Internet in seiner vollen Pracht wegnehme, dann werde ich zu einem exorbitanten Monster. Ich suche mir Gleichgesinnte und gründe eine Partei.

Die Piraten Partei.

Und weil man so wie ich nicht argumentieren kann – “hallo ihr Vollpfosten, könnt ihr mal bitte aufhören, uns was wegzunehmen?”, argumentieren wir – rechtmäßig – damit, dass hier die demokratischen Prinzipien eingeschränkt werden, was aber natürlich niemanden interessiert. Wieso auch? Was sind schon 8000 Nerds gegen den Rest von Deutschland? Generation Teenager, Generation Zweifel, Generation Irgendwas-Mit-Medien. Und bis auf die drei Typen, die wirklich was über Politik wissen und die Piraten auch zurecht hier und da kritisieren, weiß doch keiner, was Deutschland eigentlich braucht. Schon gar nicht wir.

Rein Hypothetisch: Was wäre wohl passiert, wenn das “politische Interesse”, welches nun in uns entfacht wurde, vor zehn bis zwanzig Jahren schon entfacht worden wäre? Ich frage mich: was wäre, wenn diese Nerds, die sich heute Piraten nennen, heute flächendeckend auf die Volksparteien verteilt wären, die sich jetzt so wehement unserer Armee der Zukunft widersetzen? Wir haben uns diese Mühe nie gemacht, Leute. Man kann sich natürlich auch über meinen Idealismus streiten und sagen, dass das ja auch nichts gebracht hätte, weil die Motivation hitner Zensur und Kontrolle ja nichts mit der PiratenPartei zu tun hat, oder mit dem Internet an sich, sondern eben mit dem Profit, der dahinter steht. Joah, und genau dafür brauchen wir ja auch eine Piratenpartei. Die Piraten Partei, die von einigen cleveren und weniger cleveren Menschen geführt, und von tausenden Halbstarken verfolgt wird. Halbstarke, die drei Schamhaare und keinen Plan von Steuern, Hartz IV oder Bildungspolitik haben, sondern einfach nur emotionalisiert sind. Kids, die Angst haben um ihre Freiheit, Angst haben um das, was sie so tatkräftig aufgebaut haben. Ich gehöre dazu. Ich weiß von nichts.

Ich werde die Piraten Partei wählen, weil auf dem Bundestagswahl-Menü nichts steht, was mir besser schmeckt. Das bedeutet aber nicht, dass das die Empfehlung des Tages ist. Es bedeutet nur, dass ich so unglaublich enttäuscht von uns bin, von unserer Generation, von mir. Ich bin enttäuscht von unserem Land. Wir legen hier Prinzipien und Normen fest und dann zerbomben wir sie wieder, wie es uns gefällt? Ich meine, mir braucht ja keiner was von Gerechtigkeit zu erzählen — aber Integrität, das ist doch Vorraussetzung für einen Staat, oder? Vor allem und gerade WEIL wir die Regeln hier doch ständig selbst aufstellen könnten!

Ich will die Piraten weder gut noch schlecht machen. Ich will damit nur sagen: Was für eine Alternative bleibt mir? Wenn ich gar nicht wähle, dann habe ich minus Tausend dazu beigetragen. Und wenn ich was anderes wähle, dann ja auch nur mit Halbwissen… Himmel Arsch und Zwirn, dann wähle ich doch zumindest mit stolzem Halbwissen das, womit ich wenigstens teilweise übereinstimmen kann! Und wenn jetzt jemand zu mir sagt: Man, was laberst du da für eine Scheisse, du hast ja keine Ahnung, wo das Problem ist, dann ist das auch angebracht. Weil es stimmt. Aber ich bin nicht die einzige.

Ja, ich habe Angst. Keiner von meinen Freunden ist in irgendeiner Partei. Weit und breit niemand. Ach, Partei, ich würd mich mittlerweile darüber freuen, wenn überhaupt jemand wählen gehen würde. Und hier ist der Punkt: Mittlerweile. Ich würde mittlerweile wählen, ja freilich dazu animieren, wählen zu gehen. Weil das hier mein Leben ist, worüber die bestimmen wollen.

Das, was die schon die ganze Zeit gemacht haben.

by yeahs in Ohne Worte


Hm, ich bin ja kein besonders politischer Mensch. Das mit den Piraten ist ja mehr ein Trend, sozusagen eine Proteststimme meinerseits, als tatsächliches Interesse an der Politik, und letztendlich hat es bei mir nur dann etwas mit Leidenschaft zu tun, wenn es persönlich wird.

Sineads Hand

Daher bin ich immer sehr zurückhaltend, was Kommentare zu Parteien, Politik und so weiter angeht (mal abgesehen davon, dass meine Kommentare wenig hilfreich wären). Eben habe ich allerdings ein Video gesehen, dass es definitiv wert ist, mal ein Wort zu verlieren – vor allem, weil es einen durchaus zum nachdenken anregt. Das Video wurde in Irland gedreht und soll für die Rechte Homosexueller einstehen. Ich möchte es so ausdrücken: wenn Werbespots so gut wären, würde ich definitiv häufiger auch fernsehen. Und hier die politische Frage:  Wieso müssen Homosexuelle immer noch protestieren, für ihre Recht betteln?

Seitdem ich in Berlin wohne, bin ich mit vielen Leuten zusammen, die eine völlig andere Weltansicht haben als ich. Ich dachte früher, nur die letzten Dinosaurierer in Deutschland würden noch CDU oder SPD wählen, in die Kirche gehen und “sich nicht für Musik interessieren”. Ausgerechnet in Berlin, dem hedonistischen Gefilde der Seligen,  musste ich dann kapitulieren. Junge Menschen, gebildete Menschen, mit Verstand, Herz und Charme– das können Leute sein, die den Download von urheberrechtlich geschützten Dateien für Diebstahl halten, oder die einfach mit den Achseln zucken, wenn es um Atomkraft geht. Das sind Leute, die wissen nicht, was Blogs sind und keinen Lieblingsfilm haben. ICH MEINE, WIE KANN MAN KEINEN LIEBLINGSFILM HABEN?

Ja, für die meisten mag das jetzt keine Überraschung sein, jeder hatte schon mal das Vergnügen mit dem opportunistischen Streber in der Oberstufe, der in seiner Freizeit Junge Union Sticker verteilte. Damals dachte man, dass seine Eltern ganz schön kaputt gewesen sind. Ich meine, wem macht schon Politik Spaß? Natürlich wurde der dazu gezwungen, der Klaus! Und Klaus hat einfach bestimmt noch nie Zucker gegessen oder ein Schmuddelmagazin in der Hand gehalten.

Ich will das ja gar nicht verurteilen, auch wenn sich das in erster Linie so anhört. Am Anfang war das, wie schon erwähnt, einfach neu, nicht nur mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Sei es aus beruflichen Gründen oder einfach, weil man sich selbst auch ein bisschen ändert und aufhört, mit dem Kopf im Arsch die Welt zu betrachten. Also, keine Kritik. Im Gegenteil: diese Begegnungen haben mich in meinem eigenen Horizont bereichert. Ich kann nur hoffen, dass diese Begegnungen (mit mir) auch in irgendeiner Form bereichernd war, selbst wenn die meisten jetzt nur glauben, dass meine Frisur noch schlimmer ist als die von Wolle Petry.

Doch genau so ist es, wenn man sich sein Leben lang fragt, wer eigentlich diese drei Millionen Leute sind, die angeblich jeden Tag die Bild Zeitung lesen. Sind das alles Typen ohne Schulabschluss und Vokuhila? Sind wir/bin ich wirklich schon so verblendet in meiner eigenen Arroganz, dass ich in die gleichen Fallen tappe, die ich so großmäulig kritisiere?

Es ist gefährlich, Menschen den Maßstab anzulegen, den man für sich selbst in langer Arbeit erschaffen hat (und meistens merkt man gar nicht, wie hoch die Fluktuation der eigenen Prinzipien ist). Es ist vor allem dann gefährlich, wenn man nicht sieht, das man auf weiter Flur alleine da ist mit seiner Meinung, weil man ganz fest daran glaubt, dass man eines Tages diese ganzen Zurückgebliebenen ausrotten kann. Und schon wird das “irgendwann” zum “heute”, und die Bild Zeitung in den Händen der Menschen verschwindet aus dem Blickfeld und man sieht nur noch Gleichgesinnte, die das “doch einfach verstehen müssen“.

Freunde kann man sich aussuchen, Gesellschaftsformen, Maßstäbe von Moral und Normen allerdings nicht. Wer das versucht, erschafft sein eigenes Loch. Es hilft genauso wenig, Menschen neue und revolutionäre Technologien und Philosophien aufzudrücken, wie den Iraq einzunehmen und da Demokratie zu pflanzen, wo der Boden noch gar nicht vorbereitet ist.

Es frustriert mich, ja! Es frustriert mich, mit Menschen über Dinge zu diskutieren, nur um dann festzustellen, dass jegliche Logik einfach ausgesiebt und durch wertlose Meinungen und Überzeugungsarbeit ersetzt wird. Es bedrückt mich, weil ich weiß, es wird noch so lange Dauern, bis Homosexuelle gleiche Rechte haben und bis jeder gerafft hat, dass man alte Methoden zur Unterdrückung von Kriminalität nicht in heutigen Zeiten anwenden kann; aber ich will nicht die andere Partei unterschätzen. Und vor allem will ich nicht als letzte Wissen, wenn ich doch einen Denkfehler gemacht habe.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte: Jeder Mensch muss fünf Wochen damit verbringen, jeden Tag einem anderen Menschen zuzuhören, und zwar mindestens 50% des Tages. Vielleicht gibt es dann einige weniger, die sich mit Menschenbildern das Leben ausmalen.

Ab heute tritt in Mexiko ein neues Gesetz in Kraft, dass den persönlichen Besitz von Drogen (bis zu einer bestimmten Menge) legalisiert. Das gilt für so ziemlich jede vorstellbare Droge: Kokain, Heroine, Gras, LSD und sogar Meth. (An dieser Stelle ignorieren wir auch bitte den Typo, der zwar im Titel korrigiert wurde, in der URL aber noch steht)

Drogen in Mexiko

Leute, die in Besitz dieser Drogen gefunden werden, müssen sich nicht mehr vor Gericht erscheinen, sondern werden zu einer Entzugstherapie aufgefordert (die sie freundlicherweise auch ablehnen können). Erst ab der dritten “Festnahme” (wie soll man das denn sonst nennen) muss der Entzug absolviert werden.

Mexican authorities said the change only recognized the longstanding practice here of not prosecuting people caught with small amounts of drugs. ((NYTimes))

Das gleiche (bzw. ein ähnliches) Gesetz wird schon seit 2001 in Portugal praktiziert. Drogentouristen aufgepasst… Spaß beiseite. In Portugal gibt es auch schon einige ansehnliche Statistiken zur Entwicklung des Drogenkonsums.

The Cato paper reports that between 2001 and 2006 in Portugal, rates of lifetime use of any illegal drug among seventh through ninth graders fell from 14.1% to 10.6%; drug use in older teens also declined. Lifetime heroin use among 16-to-18-year-olds fell from 2.5% to 1.8% (although there was a slight increase in marijuana use in that age group). New HIV infections in drug users fell by 17% between 1999 and 2003, and deaths related to heroin and similar drugs were cut by more than half. In addition, the number of people on methadone and buprenorphine treatment for drug addiction rose to 14,877 from 6,040, after decriminalization, and money saved on enforcement allowed for increased funding of drug-free treatment as well. ((Time))

Crazy, oder? Das Geld, das für den Knast gespart wird, hilft nun beim Drogenentzug. In Mexiko, wo die “Drug Wars” anscheinend überhand nehmen, soll das nun eingetretene Gesetz dabei helfen, die Zahl der Drogentoten zu senken. Ich weiß nicht, was ich über so ein Gesetz in Deutschland halten sollte. Nicht, das es überhaupt zur Debatte steht; die anstehenden Wahlen sind auch so schon prädestiniert für Chaos und Meuterei. Aber angenommen, man würde das in Frage stellen? Marihuana ist ein no-brainer, auch wenn ich kein Kiffer bin (ahem, im Gegensatz zu den Teenager-Jahren), ist das Zeug für mich jetzt schon legal. Ich sag nur: Alkohol. Aber die Diskussion ist ewig alt.

Trotzdem wäre es seltsam zu wissen: Hey, ich darf jetzt Heroin besitzen ohne in den Knast zu kommen.  Und auch wenn Deutschland da nicht an der Spitze der Staaten steht mit den meisten Drogenopfern, sind die Zahlen (angeblich) wieder gestiegen.

Der erneute Anstieg der Drogentodeszahlen im Jahr 2008 auf 1.449 Drogentote zeigt, wie wichtig es ist, die gesundheitliche Versorgung von Drogenabhängigen durch verschiedene Angebote sicher zu stellen. Eine bewährte Säule in der Behandlung Opiatabhängiger ist die medikamentengestützte Behandlung Opiatabhängiger mit Methadon, Buprenorphin oder mit Diamorphin. ((Suchtmittel.de))

Das Gesetz, wie es in Portugal und nun auch in Mexiko in Kraft getreten ist, ist also immerhin gut genug, um einige Statistiken zu verschönern (wobei auch hier das Interesse des jeweiligen Auftraggebers – in diesem Fall das Land Portugal – wahrscheinlich einen großen Einfluss hatte. Wenn man die richtigen Fragen stellt, bekommt man auch die richtigen Antworten). Und wenn man diesen Zahlen glauben darf, dann ist diese radikale Maßnahme für ein Land mit massiven Drogenproblemen (wie Mexiko oder die USA) vielleicht genau das richtige.

Ich bin gespannt, wie das Ganze sich in Zukunft für Mexiko auswirken wird.

by yeahs in (Pop)Kultur