Public Enemy

Ich versuche mich davon abzuhalten, in unsinnige Meta-Diskussionen über die Funktion, das Haltbarkeitsdatum oder die Sicherheit im Internet eingespannt zu werden. Es reicht mir schon, dass ich Berlin ständig aus der Vogelperspektive betrachten muss und mich selten richtig entspannen kann (wobei das durchaus auch nur meine eigene Schuld ist). Wenn mir jetzt auch noch das Internet genommen wird, weil ich es ständig als Medium und nicht als Realität ansehen muss, dann schneide ich mir die Pulsadern auf und saug mir mein eigenes Blut aus damit ich schneller sterben kann.

Wenn ich also im Feedreader irgendetwas zum Thema Internet oder Facebook oder Twitter sehe, klicke es schnell weg, überfliege es maximal, um nicht ganz außen weg zu bleiben. Durch die Arbeit muss ich mich schon oft genug über Infrastruktur und Marketing im Internet aufregen; privat will ich nichts damit zu tun haben. Ich möchte nur bloggen und googeln und facebooken und craigslisten und skypen und twittern und linken und streamen und flickern und readen. Ich möchte drin sein, daran glauben, es nutzen, es genießen.

Aber es gibt Momente – so wie dieser hier – wo ich auch das Gefühl habe, etwas sagen zu müssen. Gedanken ordnen. Ein wichtiger Punkt ist die ganze Privatsphären-Diskussion, die ich nur am Rande verfolgt habe. Eines hat mich dabei gestört, und ich möchte es hier an einem kleinen erzählerischen Beispiel darstellen.

Vor einigen Jahren meldete ich mich in einer Community für Drogen an, weil ich ein ungesundes Interesse an Biochemie und der Wirkung von synthetischen Mitteln hatte. Ich war damals kaum siebzehn Jahre alt, wollte mich aber in die Materie vertiefen. Diese Leidenschaft zerfiel zwar schon einige Monate später, als mein Chemiekurs in der achten Klasse nicht mehr lehrreich genug war, um mir bei den Formeln zu helfen, und außerdem war es Partysaison, aber die Community und einige ihrer Mitglieder wuchsen mir sehr ans Herz und so blieb ich zumindest in den Off-Topic Diskussionen und trug meinen Senf zu allem bei.

Nun war es aber auch so, dass man als Sechzehnjährige nicht unbedingt oft ernst genommen wurde. Egal, was ich sagte oder meinte, ich wurde mit gemeinen und überflüssigen Sprüchen angetrollt. Da wir uns aber hier im Schutz des anonymen Internets befanden, und ich mich nicht einfach so fertig machen lassen wollte (lies: ich unbedingt dazugehören wollte), heckte ich einen cleveren Plan aus: ich erschuf eine neue Person, eine ältere Person, jemand mit Profil, jemand mit Charakter.

Und es machte mir unendlich viel Spaß. Und plötzlich war ich jemand anderes. Und ich schrieb ganze Bücher und Romane über mein anderes Leben. Es ist gut möglich, dass mich das davor bewahrt hat, auch in der Realität zur notorischen Lügnerin zu werden und irgendwann in die Klapse eingewiesen werden zu müssen; im Internet bin ich King, Queen und Staatsoberhaupt.

Fast Forward. Heute habe ich ungefähr 10 verschiedene Charaktäre, die ich im Internet bedienen könnte, wenn ich sie aktiviere. Zehn Personen, zehn Facebook-Profile, zehn Xing-Accounts, zehn Domains, unendlich viele Bilder, sieben verschiedene Blogs, acht Twitter-Accounts, Rezensionen und Empfehlungen von anderen, ausgedachten Menschen. Ich habe nie irgendetwas anderes getan als in Foren zu trollen oder mir Geschichten aus den Fingern zu ziehen. Es war meine Art, einen Film zu drehen. Als ich später noch lernte, wie man Google ausnutzt, um Suchergebnisse bestimmter Keywords zu beeinflussen, war es nur selbstverständlich, dass ich das auch tat.

Ja, es ist ein seltsames Hobby, das wahrscheinlich auch sehr viel über meine (echte) Persönlichkeit aussagt, wenn man sich damit mal auseinandersetzen will; wie vielschichtig und unterschiedlich diese erfundenen Personen sind kann ich gar nicht beurteilen. Es sind mehrere Geschlechter, viele Geschichten und Excel-Tabellen, die alle nötigen Informationen zu den einzelnen Personen beinhalten.

Keine Ahnung, was ich damit eigentlich anstelle, sobald ich im Urlaub bin. Ich werde wohl kaum aus dem Dschungel noch daran arbeiten wollen. Letztendlich ist das gar nicht so schlimm, wenn ich mich endlich davon trenne; es war ein interessantes und zeitfressendes Experiment, das mich zu nur einem Schluss kommen ließ: es geht nicht um Privatsphäre, es geht um Manipulation.

So logisch es erscheint, so wenig habe ich diesen Teil in der Diskussion bemerkt (vielleicht ist es an mir vorbei gegangen). Während sich also alle darum streiten, wer ihre Daten erhält und wo es gefährlich ist, seine Telefonnummer einzutragen, frage ich mich, was und wer im Internet überhaupt echt ist? Angenommen, ich nehme meinen Charakter und bewerbe mich mit seinem Profil und meinem Foto bei einer Firma: würde die zuständige Person mich daraufhin googeln, sähe es völlig so aus, als wäre ich legitim. So weit muss man aber nicht mal gehen, es fängt ja wirklich bei den Suchergebnissen schon an, wenn man nach einem Hotel, einem Produkt oder irgendetwas sucht, was man zu Geld machen könnte: die Suchalgorithmen sind geknackt, auf Platz 1 steht nicht mehr das beste Produkt, sondern die beste Marketingstrategie.

Mir ist es völlig egal, ob meine Daten im Internet herumschwirren; ein bisschen Reputationmanagement betreibe ich zwar auch (z.B. finde ich es furchtbar, meinen eigenen Namen mit dragstripGirl zu verbinden, weil das nicht unbedingt ein Vorzeige-Blog ist), aber es ist kein Weltuntergang, sollte ich da mal nachlässig werden. Ich weiß, ich weiß; das ist nicht für jeden so, und ich sollte das Recht haben, darüber bestimmen zu können, wer meine Daten bekommt, das unterstütze ich auch voll und ganz und fick diejenigen, die sagen, “aber wer etwas zu verheimlichen hat,…” Es geht nicht um das verheimlichen, es geht um Kontrolle. Nichtsdestotrotz ist die ganze Diskussion darauf ausgelegt dogmatisch zu behaupten, “die Öffentlichkeit ist gefährlich, weil sie echte Daten beinhaltet”, obwohl dem ganz und gar nicht so ist. Die Öffentlichkeit ist gefährlich, weil keiner mehr weiß woher diese Daten kommen.

Das merkt man an The Onion, und an 4chan, und am Trollen generell. So viel Lüge wird mit Wahrheit vermischt, weil sich keiner mehr die Mühe macht richtig zu differenzieren, und ich meine nicht nur die Profis – Journalisten – sondern auch den allgemeinen Verbraucher, der Google blind vertraut, der nicht weiß, dass seine Daten von 123people gescraped und überall hingekotzt werden; wenn er sich nicht darum kümmert, öffentlich zu sein und seine Daten dahingehend zu kontrollieren, übernimmt das halt jemand anderes, und jetzt sollte man sich mal fragen, was wahrscheinlicher ist: volle Absicherung der Privatsphäre, vom Staat garantiert, oder dass jemand einfach Daten zusammenklaut und selber davon profitiert. Auch ich habe mich “echten” Namen und Adressen bedient, und echten Fotos (mit neuen Namen), zwar ohne Hintergedanken, aber das kann ja jeder behaupten.

Ich weiß nicht, wieso mich das in diesem Augenblick so stark beschäftigt; letztendlich wurde wohl auch alles wichtige dazu schon viel besser gesagt und formuliert als ich es je könnte, falls also jemand einen guten Link kennt, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

August 15th, 2010 Posted in Ohne Worte | 6 Comments »