Blame It On The Molly

Dass Rapper auf Verballerung stehen ist keine Neuigkeit: wie weit sie sich aber in den Themenkomplex der Lifestyledrogen vorgewagt haben, sieht man erst seit dem EDM wie ein überfüllter Wasserballon über den großen Teich explodiert und die Rap-Renaissance im Minutentakt neue leichtfüßige Partymonster aus den Projects gebärt. Wo die Jungs aus dem Gangsters Paradise bisher nur SELBSTGEZÜCHTES OG KUSH oder reines kolumbianisches Puderzucker in ihren durchdachten Lyriks bewarben, sind es mittlerweile vor allem gefühls- und bewusstseinserweiternde Substanzen wie MDMA und LSD, die immerwährend in den Partyzeilen angesagter Popsongs dominieren (mal ganz abgesehen von erfrischenden Codeingetränken oder den unschicklichen Pennerdrogen wie Hero und Crack, die immer mal wieder gewisse Hypes haben um dann wieder dank Todesopfern abzuflachen).

In der NEW YORK TIMES GAB ES EINEN ARTIKEL, DER GENAU DIESES PHÄNOMEN – DROGEN ALS KIND DER ZEIT, ABER INSBESONDERE DEN NEUEN RUN AUF MDMA - beschreibt und erklärt, wieso MDMA fälschlicherweise als “pur” durch die Clubszene gereicht wird und eigentlich nur ein Sinnbild für gewisse Entwicklungen ist. Die Clubszene im Wandel und mit ihr die Drogen.

Liegt der vermehrte Konsum bestimmter Substanzen im Zeichen der Zeit? Sind LSD und “Molly”, der Rufname von MDMA/Ecstacy, nun beliebter, weil die Welt so viel kälter geworden ist und Kokain oder Amphetamine dieses Gefühl nur verstärken würde?

Rick Doblin, the founder of the Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies, which has helped finance MDMA studies since the drug first entered the club scene, put Molly in the context of past drug trends: in the 1960s, he suggested, people searched for deeper spirituality and found LSD; in the ’70s, as hippie culture became mainstream, marijuana entered the suburban household; in the ’80s, COCAINE complemented the extravagance and selfishness of the greed decade; and by the early ’90s, youths dropped out of reality, dancing all night on Ecstasy or slumping in the corner on heroin. MDMA, which in addition to acting as a stimulant also promotes feelings of bonding and human connection, just might be what people are looking for right now.

Die Zeiten der gefühlskalten Banker sind vorbei! Wie THE WEEKND ja schon mit Gefühl, Pein und Leidenschaft besungen hat, geht es auch in der wertentleertesten Partynacht noch um die Verbundenheit zum anderen (wobei der andere in diesem Zusammenhang eine bis drei vollbusige Frauen sind, die verdammt gut aussehen, fast unzurechnungsfähig sind und hauptsächlich vor Extase schreien). Die stellt man dann dank MDMA und Doggystyle-Orgie problemlos hin.

Was so plakativ erscheint ist ja tatsächlich – wie immer – die poetische Suche nach Liebe und Geborgenheit. Erschreckend, oder nur eine neue Perspektive auf ein altbekanntes Ding? Ist doch egal, wer den Konsum proklamiert – ob LCD Soundsystem, Your Favorite Techno DJ oder eben, so ganz nebenbei, irgendwelche Rapper (der wesentliche Unterschied dürfte wohl sein, dass erstere Werbeträger niemals offiziell verlautet haben lassen, dass Drogen dazu gehören, auch wenn es jeder wusste und generell Akzeptanz fand. Letztere hingegen sprechen ein Imperativ aus, das an die Fans raus geht).

Je früher der Konsum ausgereizt wird, desto eher wird keiner mehr Spaß auf dem Dancefloor haben (meine ganz persönliche Prognose). Es wird ja lediglich die Möglichkeit dieser Form von Affekten damit gelebt. Wer immer in relativer Nähe zu diesen Möglichkeiten sein kann – für ein paar Euro, no less – der wird es auch sein. Wer immer friedvoll einschlummern kann, der wird auf die Gelegenheit nicht verzichten – wie etwa beim exzessiven Cannabiskonsum. “Ist ja nur halb so schlimm”, aber es ist eben nicht die komplette Wahrheit. Nur eine Möglichkeit. Und die Gefühle auf dem Floor? Auch nur Möglichkeiten. Sobald die Beschaffungsmaßnahmen zurückgehen und “this molly is currently not available” auf dem Smartphone diktiert wird, versiegt die Party wieder. Ein Trauerspiel für die Oberfläche, ein Aufatmen für all diejenigen, die sich ihre intime Clubatmosphäre zurückwünschen (never ever).

So dient aber die Musikszene, nicht alleine durch die Rapper (aber mit besonderem Verdienst) vor allem als Vermarktungsplattform der angesagten Szenedrogen. Was es macht, wenn nicht mehr lediglich die eingeschworenen Restrealität-Besucher das Zeug nehmen, sieht man dann an seiner kleinen Schwester oder so. Ist ja auch billiger als Koks. Und dann ist es plötzlich in einem ganz neuen Bereich Mainstream und ich frage mich, wann die Pharmakonzerne genug Lobbydruck machen um die Gesetze zu lockern und den Stuff selber zu verbreiten. Ich kann mir da einige gute Werbespots einfallen lassen.

Ein neu gelernter Begriff ist in diesem Zusammenhang besonders interessant: der Wook, ein verwahrloster Hippie-Festivalbesucher, der sich durch die Städte und Drogen schnorrt. Diese oberkörperfreien Typen mit halbabrasierten Dreadlocks die auf Skateboards durch die Gegend pullern und im Sommer niemals Schuhe tragen und manchmal ein bisschen müffeln. Und mit müffeln meine ich: fies abstinken. Jeder hatte mal einen in seiner Klasse, der heute ein Wook ist, ein Wanderer und Streuner. Find ich eigentlich eine recht gut Betitelung, weil sie unabhängig von der Musik zu sein scheint. Sie scheinen sich auch oft in Thailand aufzuhalten.

In jedem Fall wird es langsam aber auch ein bisschen langweilig – STIMMT’S, K.DOt? Bis eine Epidemie der falsch betitelten Pillen ein paar Berghaindruffis umhaut, wird es noch dauern, aber mich würde es nicht wundern wenn beim Splash! ‘n paar Fünfzehnjährige statt Berentzen Apfel lieber 2C-B geknallt haben und umgefallen sind. Und dann schreien wieder alle: That’s why we can’t have nice things!

(By the way: mich würde es nicht wundern, wenn die nächste lyrische Reaktion darauf eine Art Straight Edge Bewegung im Sinne von ODD FUTURE ist; aber eben ein bisschen missionarischer. Zielgruppenmarketing, hallo!)

July 30th, 2013 Posted in (Pop)Kultur | Comments Off

Freddie Gibbs / ESGN

… aber, weil wir ja nicht behaupten wollen, ich könne mich über Hip Hop nur noch beschweren: hier ein Album, das mir wunderbar reingeht, weil der Künstler in-question nicht versucht, etwas anderes als Gangster zu sein. Freddie Gibbs’ ESGN ist eine formvollendete Ode an die dicke Ghetto-Klatsche. Die Angeberei mag auf ein anderes Level verfrachtet worden sein als bei Jigga, aber Himmel, noch eine Maybach-Referenz und ich kack ab. Die Großen kommen ins Altersheim, die kleinen bleiben bei ihren verdichteten Horizonten. Hinzu kommt die Tatsache, dass Freddie Gibbs rappt als würde er unbehelligt mit Steinen gurgeln. Hart, gut, und wunderbarerweise ohne zynische Erwartungen aufgeladen.

July 11th, 2013 Posted in Musik | Comments Off

Magna Carta Holy… Fail?

Das neue Album von Jay-Z fühlt sich an wie eine Beta-Vision: die Beats, die Beats, die Beats! Diese Zeitalter setzt voraus, dass der Produzent im Vordergrund steht oder mindestens eine Symbiose mit dem perfomenden Künstler eingeht. Ich freue mich ja über die plötzliche Wertschätzung derjenigen, die einst im Hintergrund agierten und nun vor ausverkauften Hallen spielen und damit selbst zur Performance werden (wobei ich mir das im Fall von David Guetta nicht gewünscht hätte, und auch Skrillex und Diplo sollten einfach aufhören, sich selbst im Vordergrund zu positionieren). Herzlichen Glückwunsch, jeder darf alles sein. Kanye West hat bewiesen, dass das die beste Idee aller Zeiten sein kann, bis Hit-Boy kam und das schöne Bild eines rappenden Beatproduzenten zerstörte. Gangster, bleib bei deinen Fruity Loops!

Da sind ja einige wunderbare Namen im Abspann zu finden. Skateboard-P, Swizzy, The-Dream, Boi 1-da, Wondagurl, Travi$ Scott, Mike Will… irgendwie ist das alles jetzt nicht soooo spannend. Ich meine, die Beats sind der Kanller, nicht wahr?

Yet Jay doesn’t seem to love the paintings but rather the social echelons they represent, an elitism somehow more odious than his Tom Ford and Maybach homages. The conspicuous waddling of his auction paddle, like the yearning he expresses to get “bluebloods” to attend his housewarming, is a more alienating class betrayal than hip-hop’s usual aspirational materialism—a transformation not just of circumstances but of identity and allegiance. – Slate

Aber ganz ehrlich, um Beats zu besprechen bin ich nicht hier. Erinnert ihr euch noch an das Narrativ, das Jay-Z seit jeher in seine Alben brachte? Kleine Geschichten, die erzählt wurden, um den Menschen näher an seine Hood, sein Life, seinen Struggle, sein Business zu bringen? Erinnert man sich da noch dran? Wo ist das hin? Holy Dingsbums, mal abgesehen von den nervigen 90s-Remakes (SERIOUSLY?!), ist das lyrische Äquivalent zu jedem schlechten Rick Ross Song ever. Die Liste der Produzenten hätte echt um ein paar Namen zu Gunsten des ein oder anderen Songwriters genutzt werden können.

Jigga hat Geld, y’all. Habt ihr davon schon mal gehört? Ist das nicht schön, 16 Songs lang zu hören, wie er Kunst sammelt und besser ist als die ganzen anderen Cats aus dem Ghetto, aber er ist ja trotzdem Street, weil er es kann.
Und dieser Nas Song…

Yeezus, halp.

Aber: ich pumpe das Teil, als säße ich in einer Mercedes S-Klasse mit Frank Ocean auf dem Beifahrersitz, weil es eingängig ist. Meiner Mutter gefällt das Album auch ganz gut, es fordert jetzt nicht so heraus und bei Losing My Religion summt sie mit. Tom Ford, y’all.

So schlimm ist das nicht. Man hat mir Pasta mit Garnelen versprochen und stattdessen servierten sie mir Yum Yum mit Shrimpsgeschmack, mein ganz spezielles Comfort Food, aber nicht unbedingt für die Seele. Nicht so wild. Ich genieße trotzdem, und wer Hunger hat, der frisst auch Ungesundes.
Die Frage, die sich mir stellt: ist das jetzt der Sound für den Club? Bei dem der Ingenieur aus dem Hintergrund nun auf Kosten des Gesamtwerkes in den Vordergrund gerückt wird? Wenn die Liste der Produzenten eines Albums interessanter wird als die Lyrics, dann wird Musik entleert. Das ganze Braggadocio der Rapmusik ist natürlich seit eh und je da gewesen, aber ging es nicht auch hier beim vermeintlich besten Rapper der Welt um eine Erzählung der besonderen Art?

“Lass uns doch noch mal was über Basquiat erzählen…”

July 11th, 2013 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 1 Comment »

Beyoncé / Bow Down / I Been On


Hit-Boys Beats dominieren vor allem da, wo sie unerwartet sind. Als Producer schafft er es problemlos, gute Rapper – oder gute Musiker – zu besseren zu machen, sie an ihren Schwächen herauszufordern und bei ihren Stärken zu schmeicheln. So gab er – in seiner göttlichen Funktion erinnert er geradezu an Kanye West – Beyoncé für dieses zerstörerische Gerät viel mehr Edge, als sie tragen kann, ohne ihre Stimme oder mit ihrer Attitüde zu brechen. Ich hoffe, da kommt noch mehr; das Schicksalskind könnte als Midlife-Crisis-Mutti mit neuer Subversität und Rebellion gegen die Hausfrau-Schiene mit den Death Gripz auf Tour zurück kommen und dann wäre Popmusik auch endlich gerettet.

March 18th, 2013 Posted in Musik | Comments Off

WHOA

Earl Sweatshirt ist zurück bei seinem 2010 Rap Shit und mein Rücken beugt sich auf erotische Weise nach oben während ich vor Lust kreische. Was für ein Wahnsinnstyp er ist. Ich könnte auch noch viel über Odd Future generell sagen – immerhin habe ich seit knapp 2 Jahren nichts mehr über Tyler und seine Crew geschrieben, obwohl sie mich einst sehr bewegt haben – aber es reicht dabei zu verbleiben, dass ich beeindruckt bin, wie oft sie ihre Formel anwenden können ohne zu langweilen. Zumindest insofern sie souveräne Musik liefern. In diesem Fall ist das definitiv so, und ich freue mich Doris, die alte Scheisse, und alles was Earl sonst bringen mag.

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March 12th, 2013 Posted in Musik | Comments Off

Hafti Abi Babi Straßenstar International

Leute, wir müssen noch mal ganz kurz über Haftbefehl reden. In der FAZ stand letztens ein extrem nichtsaussagender Artikel, der ganz großartig das Licht am Ende des Tunnels nicht sieht.

Derart spießige Allüren treiben Haftbefehl nicht um. Es gibt bei ihm generell keinen Wunsch nach sozialer Aufwärtsbewegung, es gibt nur die grotesk überzeichnete Inszenierung des Tauschs. Und wo man die Euros, Dollars, Pesos scheffelt (alle Währungen kommen in den Songs von Haftbefehl vor), ob im Untergrund, in der Chefetage, im Wohnsilo oder im Nobelbordell, das ist letztlich egal. „Ich zähl’ die Millen, chillen, Villen, du bist still, Dicker, keine Zeit für Facebook, um Unsinn zu twittern“ – so spricht der Rapper, und so denken sich’s vermutlich auch Fondsmanager und Investmentbroker, die ebenfalls für neue Kulturtechniken nur wenig Zeit haben, denn Zeit ist: Geld.

Ich weiß überhaupt nicht, was das bedeuten soll. Also es gibt bei Haftbefehl keinen Wunsch nach Aufwärtsbewegung? Zugegeben, ganz so pathetisch wie Bushido macht er das nicht, dieses “mir ging’s beschissen und heute schaukel ich meine Eier im Immobiliengeschäft”, aber ist “Gestern Gallus heute Charts” nicht ungefähr DAS Äquivalent zu dem angesprochenen Inhalt?

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February 7th, 2013 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 9 Comments »

Rejjie Snow / Lost in Empathy

Ich kann mich nicht daran erinnern, je Lecs Luther erwähnt zu haben. Der irische Rapper hat sich stark an den Odd Future / Tyler, The Creator Schwag in ihrer Primetime angelehnt, allerdings nicht vergeblich: der Stil steht ihm. Obwohl ich anfangs skeptisch war – so viel geklaute Innovation kann ich nicht feiern – bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher, ob die Beurteilung fair war. Sein neuer Track “Lost in Empathy” – der Künstler heißt übrigens mittlerweile Rejjie Snow – fährt weiterhin eine konsequente Linie, die nicht zwingend abkopiert sondern schön umgesetzt wirkt.

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January 11th, 2013 Posted in Musik | Comments Off

Wobble Video // Travis Porter

Ich bin genervt von Travis Porter. Ihre Stimmen und Sounds sind Kopien von Kopien. Keiner braucht Travis Porter. Aber das ist so wie mit jedem Dieter Bohlen Song: irgendwann hat er sich. Und dann brüllt man mit den anderen an Karneval plötzlich aus ganzer Seele YOU’RE MY HEAAAART, YOU’RE MY SOOUUUL und glaubt mit Überzeugung, dieser Titel sei die größte musikalische Errungenschaft der deutschen Musikgeschichte.

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January 3rd, 2013 Posted in Musik | Comments Off

Backseat Freestyle Video // Kendrick Lamar

Am 1.2.2013 ist Kendrick Lamar live on Tour in Berlin – und zwar im Huxley’s. Das ist ein bisschen so, als würden sich 1000 Leute dem blechernden, kaputten Reisefön meiner Mitbewohnerin ans Ohr halten – für zwei volle Stunden. Irgendwo im Hintergrund brüllt das an Tourette erkrankte Nachbarskind mit türkischen Schimpfwörtern gegen Erwachsene auf der Straße an und zwischendurch hört man noch durch die rauschenden Frequenzen eines kaputten Duschradios den Beat, für den man knapp 30 Euro bezahlt hat. So ungefähr ist es, wenn man sich “Musik” im Huxleys anhören möchte.

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January 3rd, 2013 Posted in Berlin, Musik | 4 Comments »

Chabos Wissen Wer Der Babo Ist (Remix)

Lasse ich unkommentiert stehen. Ich habe gestern abend beim hören des Liedes den größten Spaß meines Lebens gehabt. Wo ist eigentlich Schwesta Eva? Was ist mit diesem Typen, der seine Zähne nicht auseinander kriegt beim Rappen? In other news: ich kenne keinen widerlicheren Typen als Abdi, und doch ist meine Liebe zu ihm so groß wie tausend alles. Nächste Hausarbeit dann doch wieder in Linguistik, dann über die kulturellen Eigenheiten verschiedener Rap-Szenen und ihrer sprachlichen Finesse.

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December 14th, 2012 Posted in Musik | 6 Comments »