inc. // no world

Im Auto Musik zu hören ist besser als alles andere. Das ist wissenschaftlich belegt so. Ich glaube, das liegt daran, dass das Soundsystem im Auto auch auf die Person am Steuer ausgerichtet ist. Der Sound ist einfach viel besser, selbst wenn er schlecht ist.
Aber das ist ja auch nur Quatsch. Wann hast du das letzte Mal nichts gemacht außer die Musik laut aufzudrehen und dich hinzusetzen und einfach nur zu zu hören? Beim Auto fahren passiert das ja ständig. Man vergisst alles. Man dreht das Fenster auf und hält die Hand heraus und macht die Augen bitte nicht zu und schreit aus ganzem Leib mit, wenn Justin Timberlake im Radio kommt, oder man fängt auf einer beseelten Landstraße an zu heulen und macht eine ganze Abenteuerreise der Emotionen mit obwohl man doch nur an die Tanke musste um Kippen und Kondome zu holen aber da war dann auf einmal The National angelaufen und wenn The National läuft wird jeder plötzlich zur 16-jährigen Prinzessin mit Liebeskummer. WENN THE NATIONAL LÄUFT IST ALLES VORBEI.

Das Auto als musikalischer Funktionsträger und emotionaler Katalysator: ich muss da immer an diese Zeiten des Abiturs denken. Um 3 Uhr morgens bin ich in meinen popeligen Opel Astra gestiegen und quer durch die Dörfer gefahren, einfach so. Nicht mal unter dem Vorwand nachzudenken. Ich war schlaflos und gelangweilt, und das war das teuerste Heilmittel, und ich konnte heimlich rauchen. Mittlerweile ist das ganze Autofahren-Gedöhns einfach zu politisch geworden, täglich sterben jede Sekunde eine Trillionen Bäume, weil ein kleines Mädchen durch deutsche Kuhkäffer fährt und Incubus hört. Unsere Kinder werden dieses Gefühl vielleicht nicht mehr kennen, wenn Rauchen, laute Musik und Auto fahren in der Zukunft verboten werden. Sie werden nicht mehr wissen, was es transportiert – nicht nur den Menschen im Vehikel, sondern das Roadtrip-Gefühl der Freiheit, wenn die Musik läuft.

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March 13th, 2013 Posted in Musik | 1 Comment »

Cyril Hahn Guest Mix For Rob Da Bank

BBCs Radio 1 setzt die Messlatte für gute Musiksendungen im öffentlichen britischen Radio – oder generell überall – ziemlich hoch. Immer wieder holen sich die Moderatoren für ihre Sendungen die angesagtesten und heißesten DJs ins Studio, die ihre raffinierten Tanzmusik-Selektionen für die Ohren ungeschulter auflegen. Ich bin ein großer Fan vieler dieser Mixe – man erinnere sich an James Blake, Jamie XX und viele andere Sendungen, die es regelmäßig in den Umlauf schaffen.

Für Radio 1s Rob Da Bank durfte nun Cyril Hahn seine Kunst zum Besten geben. Eine halbe Stunde gut komponierte House-Exzellenz! Whoop Whoop! House hat sowieso derzeit sein großes Comeback. Man denke da an Bicep, die mit ihren 90er Jahre Synth wieder ein bisschen die Stimmung aufpeppen. Cyril Hahn bleibt allerdings klassisch ruhig und gewohnt uneklektisch: stringente Beats und magische Vocals.

Cyril Hahn hat mit seinem Destinys Child Bootleg “Say My Name” vor einigen Wochen einen Monster-Hit für alle House-Besessenen erschaffen. Immer häufiger werden die klassischen R&B- & Popsongs der frühen 2000er gesampelt, sodass der Erinnerungswert, Mitsinggehalt und Eingängigkeit der bereits erfolgreichen Stücke in das House-Genre transportiert werden. Cyril Hahn perfektioniert dieses Anliegen, und sein neuester Mix kann sich – überraschenderweise ohne die kontemporäre EDM-Trap-Bass-HipHop Schiene zu fahren – voll und ganz sehen lassen. Schade, dass die meisten Club DJs nicht so richtig wissen, wie man abwechslungsreiche und spaßbringende House-Musik auflegt. Ich wäre mit Sicherheit wieder öfter beim Tanzen zu finden.

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January 7th, 2013 Posted in Musik | Comments Off

Der Aufstieg der elektronischen Musik in den USA oder: Usher.

Die aktuelle Entwicklung von Pop-Musik sieht man am besten an Ushers Diskographie. Er ist nicht nur schon ziemlich lange dabei, er ist dabei auch konsequent erfolgreich. Und das nicht trotz, sondern weil er sein Genre subtil (und dann nicht mehr ganz so subtil) mit der Zeit in etwas anderes reformiert hat. Einst von R&B geformt ist er nun die Bronze-Statue auf dem Dancefloor der elektronischen Tanzmusik.

Usher: My Way (1997)

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November 21st, 2012 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 8 Comments »

Chester French // Drop

Man hat das Gefühl, jeden Moment könnte dieses Musikvideo sich in einen Softporno der 90er Jahre verwandeln. Die Art, die man früher heimlich auf VOX nach 22 Uhr geschaut hat, wenn Mama und Papa schon geschlafen haben. Keine Sorge; das einzige, was man fürchten muss, ist zu sehr an die schmerzliche Erfahrung schlechter Popmusik erinnert zu werden.
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November 15th, 2012 Posted in Musik | 2 Comments »

How To Dress Well // Konzert Review Berlin

How To Dress Well hat mich überfahren wie ein Betonmischer auf einer schockgefrosteten Autobahn ohne Leitplanken in Russland. Bisher fand ich das lo-fi Geplänkel nur annehmlich und bezeichnete Tom Krell’s kleine Abenteuer der Geräuscheproduktion als typischen White Noise, den ich mir beim arbeiten anhöre. Leider – oder glücklicherweise – musste ich feststellen, dass mir so ziemlich alles entgangen ist, was How To Dress Well richtig gut gemacht hat. Und dass es wesentlich mehr ist als Einschlafgedusel mit einem kriminellen R&B-Twist.

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October 31st, 2012 Posted in Berlin, Musik | Comments Off

Woman + Woman

Das Konzept der ménage à trois ist ja ein altbekanntes und womöglich der Traum vieler Männer und Frauen. Michael Francis kann davon ein Lied singen. Vielmehr singt er vor allem von der wunderbaren “Girl on Girl” Konstellation. Ich möchte es eine neu-formulierte “Sex-Architektur” nennen, seine “Vision”, eine Einladung in “Welten”. Weil ich einfach nicht aufhören kann, über so viel (aber immerhin schön anzuhörende) Niveaulosigkeit zu lachen und mir auch sicher bin, dass dieser Typ es absolut ernst meint, habe ich mir an dieser Stelle auch die Mühe gemacht, euch das lyrische Meisterwerk runterzuschreiben.

Michael Francis – Woman

I’ve never seen nothing as beautiful, no
like your body
never seen nothing as beautiful, no
like a womans body
so baby come and share my world,
my vision, yeah
cause I brought something home for you, to try, try, try
girl you gon love a woman tonight
you gon love a woman tonight, just like me
you gon love a, oh
girl you gon love a woman tonight,
you gon love a woman, just like me

baby go ahead and put your lips on her
when you’re done she gon do the same

you love it don’t you love it…
BABY COME AND SHARE MY WORLD, MY VISION
CAUSE I BROUGHT SOMETHING HOME FOR YOU TO TRY, TRY, TRY

Übrigens bin ich ja kein Hater, ich finde das alles sehr, sehr amüsant (und so typisch fucking R&B), aber das Potenzial von so viel Sex, R&B und Rap (der Typ rappt angeblich) machen die Sache immerhin noch spannend, daher auch der Hinweis das sein neues Mixtape morgen erscheint und ich ihm definitiv noch eine Chance gebe.

October 30th, 2011 Posted in Musik | Comments Off

Jesse Boykins III

Was macht Jesse Boykins III anders (oder besser), als Rihanna’s We Found Love es jemals könnte? Eigentlich bestehen beide Songs, sogar beide Videos, aus denselben Zutaten: glitzerpoppige Synth-Rhythmen mit R&B-Stimme und Vintagefeeling. Es gibt womöglich nur eine kleine, feine Linie der Würzmischung, die dann das Rezeptergebnis abrundet, und obwohl ich verlockt bin hier die Köche  aufzuführen (Calvin Harris vs. Gold Panda), komme ich eher zu dem Schluss dass das eineRezept  nämlich das Original von Muttern ist, das andere die skalierte Formel für die Systemgastronomie.

Der Kantinenfraß ist notwendig und richtungsgebend und bereichernd, aber er enthält keine Vitamine und wahrscheinlich keine Inhalte, hat keinen gesellschaftlichen Mehrwert, dient nicht dem Genuss sondern nur der Sättigung und rechtfertigt nur noch die Existenz von Radiosendern und bedient Menschen, die sich gerne einreden, innerhalb der Populärkultur zur Subkultur zu werden.

Ich bin mittlerweile ein großer Fan von Jesse Boykins geworden, der sich perfekt in den aktuellen Synth-Bass-R&B-Post-Dubstep Trend einreiht, immerhin doch mit konsequentem Sound und sympathischer Bewandung. Sein Mixtape, Way Of A Wayfarer, welches ausschließlich von Gold Panda produziert wurde, kann man sich kostenlos herunterladen.

October 23rd, 2011 Posted in Musik | 2 Comments »

Terius Nash

The-Dream ist nicht ein altbackener Usher, der jetzt (genauso wie Swiss Beats oder Rihanna) auf den “oh mein Gott RAVE IS THE NEW SHIT” Trend aus der USA aufspringt. Das schöne an The-Dream ist, dass er dem kitschigen, melodischen R&B seiner Zeit treu bleibt, seine Lyrics in Liebessaft tränkt und dann Frauen mit widerlicher Romantik bezirzen möchte. Wenn man aber hinter den Horizont der Klischees blickt, merkt man schnell, dass er sich auch auf Experimente einlässt, kleine Ausschläge in einer geraden musikalischen Kurve. Mit seinem aktuellen Alter Ego Mixtape “Terius Nash” beweist er, wie Vielfältig R&B/Hip-Hop heute ist. Fick dich, Usher, dafür dass du dich beugst um von Pop gebumst zu werden. Und mit Pop meine ich schlechten Mainstream-Geschmack. Alicia Keys, du dumme Nutte.

Ich muss dazu sagen, dass ich nicht jeden Track von Terius Nash / The-Dream feier als wäre es Prince. Im Gegenteil- einiges ist ein bisschen too much, anderes zu crazy. Aber an keiner Stelle fehlt die Innovation, das finde ich schön, das finde ich rund. Und er bleibt durchweg konsequent bei dem, was er macht: Experimente ja, sich wie David Guetta anhören nein. Soviel Konsequenz muss eben belohnt werden, von mir. Und irgendwie macht es ihn ja nur sympathischer, dass er ein Pummelchen ist, das gibt ihm den Credibility Bonus. Ich glaube ihm vielmehr als Usher, dass er Herzschmerz empfindet und sensibel ist. Aber eigentlich steht der obige Song – This Shit Real Ni**a für sich selbst ganz gut. Und Pharrell? Der beweist, dass er auch mehr kann als nur gut aussehen. Obwohl das bei ihm auch ausreicht. Ich weiß auch nicht, was ich hier erzähle. Es war ein perfekter Sonntag und ich bin leicht verstrahlt.

September 25th, 2011 Posted in Musik | 2 Comments »

Lovestep Nation

Mit der unmittelbaren Vernetzung von Kulturen und dem schier endlosen Archiv an klassischer sowie gegenwärtiger Musik war es nur eine Frage der Zeit, bis Genregrenzen ein für alle Mal durchbrochen werden und Musik von jungen, konventionsignorierenden Künstlern auf neue Dimensionen stößt.

Bisher waren vor allem die demographischen Gegebenheiten ausschlaggebend für die Entwicklung von Musikrichtungen und verfiel (in meiner flachen Fantasie) den gängigen Klischees: aus England kommt die beste und innovativste Musik, in den USA wird sie glattproduziert und kommerzialisiert (BOYGROUPS), in Deutschland wird sie nur noch gekauft, niemals erschaffen (sogar Caught in the Act war keine deutsche Boygroup). Zumindest war das schon immer mein Anblick auf unsere Null-Gegenwarts-Popkultur. Weil aber Deutschland es schon selbst auf täglicher Basis schafft sich die Fresse einzuschlagen, werde ich zumindest für die nächsten Absätze vom Bashing absehen und mich auf das Wesentliche konzentrieren: was zur Hölle passiert gerade mit der im Zeitgeist liegenden Musik, und wieso?

Ich denke da an Schlagwörter, die sich wie eine Tagcloud bei Last.FM lesen: Synth, Synth’n’Bass, Hip Hop, Dirty South, Sampling, Dubstep, Grime, Garage, R&B, Chillwave, Lo-Fi, Indie, Filthy Dubstep, Drum’n’Bass, Bass Music, Post-Dubstep, Hyperdub, Post-R&B, Indie R&B, Prog-Step, Lovestep, Emotional Dubstep, Contemporary, Avant-Garde, Experimental Electronic, IDM… die Zahl der Begriffe erscheint mir endlos und die Möglichkeiten der Vermischungen geradezu pervers. Wenn man die Zweige und Knoten dieser “Genrenischen” aufmalen würde, hätte man ein ziemlich undurchsichtiges Spinnennetz auf Crack. Glaubt es mir, ich habe es versucht. Nicht Crack, sondern das Aufmalen. Aber auch Crack.

In den letzten Jahren hat sich vor allem ein Trend bis heute merklich zugespitzt: Dubstep schlägt ein, und zwar mit der Faust in die Wand durch Beton und Stahl und trifft den absoluten Nerv, zieht eine lange und komplexe Geschichte seiner Entstehung mit sich her. Während der Bastard, der irgendwann aus Garage und 2 Step heraus irgendwo in Südlondon entstand, sich erstmal mit Benga und Skream seinen Weg durch die Clubs etablierte, nestelte sich schon irgendwo ein kleiner Spuckefaden ab, der sich nahtlos in die aktuellen Musik-Zeitgeist Reports einfügen würde: der düstere, atmosphärische (von mir so betitelte) Heroin-Dubstep. Allen voran Burial und sein Label Hyperdub machten die Vorarbeit. Und immer war es die Bassline, die uns völlig entmachtete. Immer waren es die Drops aus dem Drum’n’Bass, die uns begeisterten, mit einem Sub-Bass, der immer eine Begleiterscheinung des Comebacks ist. Aber all das sind nur Möglichkeiten, denn Dubstep hat nie eine Einheitsform bekommen.

“Der Filth kloppt sich im Strobo bei 140 BPMs, harten Drops und gehirnzerfetzenden Wobbles wie damals schon Trance in den Schädel des Hörers. Burial jedoch schafft es, dem Zuhörer Melodien, Dramatik und die Enge eines Sarges zu vermitteln, ohne auf Tanzbarkeit zu verzichten. Es ist ein bisschen so, als würde man mit einer Nadel im Arm, kurz vor dem Gefühl des ultimativen Glückes, endlich verstehen, worum es bei elektronischer Musik aus Londons schäbigsten Puffs geht.” – Ich.

Und, das darf man nicht vergessen, schon immer hat sich der Dubstep dem Sampling bedient. Schon immer haben seine größten Macher in erster Linie bereits bestehendes gemixt, vielleicht auch vielmehr re-interpretiert, obwohl in den Anfängen die meisten Tracks als Instrumentals mit untergemischten Sounds aus Vocals gelten. Gerade Hip Hop und R&B Samples waren beliebte Fundamente für die krassesten Banger, und es erschließt sich auch warum: würde man ein kleines Diagramm malen, bei dem Dubstep den Mittelpunkt bildet, dann siedeln sich in unmittelbarer Nähe Grime und Garage an, welche nicht zuletzt sozusagen das Hip Hop der UK bilden. Und was für ein “Hip Hop”: hinter dem POW eines einzigen Songs versteckt sich die Gewalt tausender Ghettobomben. Dagegen wirken Tupac und Biggie wie ein händchenhaltendes Pärchen, das gerade auf einem weißen Einhorn den Strand heruntergaloppiert.

Es ist also nur Naheliegend, das Dubstep, einst selbst ein Hybrid, ein Experiment, zum Basislager aller Entwicklungen wird. Der Wobble, ein ziemlich charakteristisches Element des Dubsteps wird zum Trageflügel von Popsongs, das Tempo fluktuiert ohne BPM Restriktionen, die schönen Vocals, die aus gegenwärtigen Hip Hop oder R&B Nummern des Mainstreams gezogen werden, dominieren einen Track nun und machen ihn geschmeidiger, obgleich trotzdem spannend und anders, neu, fresh, rollend. Nur: es passiert nicht mehr ausschließlich in England.

Wie schon eingeleitet ist es vor allem die Vernetzung, die diese Entwicklung so schnell möglich macht. Londoner Jünglinge wie James Blake und Jamie XX, die gerade mal 20 Jahre und ein paar Monate hier oder da auf ihrem Buckel haben, setzen die Mainstream Pop Musik ihrer Generationen in einen neuen Kontext (ähnlich wie Grime Größen auf die Melodien ihrer Kindheit setzen – zum Beispiel Konsolenspiele). Und so vermischen sich nicht nur Genres, sondern auch Kulturen, denn gerade der zuletzt noch als “kitschige, seichte” bezeichnete R&B aus den USA findet nun eine Chance, die Hürden seiner Schmalzigkeit zu überwinden, nämlich inmitten der pumpenden Beats der Engländer.

Die TAZ schreibt, dass beispielsweise SBTRKT diesen Prozess verschönert hat – die glattgezogene, massentaugliche Produktion – indem er Dubstep poppiger macht und seinen Fokus auf die Vocals setzte. Mag sein, dass jetzt erst das alles die Oberfläche des Mainstreams erreicht, aber neu ist das nicht, nur eben durchdachter (ähnlich wie Skrillex den Filth in den USA vorantreibt und dort auch noch als Revolutionär gefeiert wird).

SBTRKT hat Dubstep aus dem Untergrund geholt und in die Mitte geschoben. Die seltsamen Sounds und Samples, die er dennoch einsetzt (hier sowohl an Skream und Burial als auch an Hudson Mohawke erinnernd), werden also auf seinem Album durch die polierten R&B-Vocals auf Linie gebracht. Natürlich spiegelt diese Beschreibung auch Hörgewohnheiten wider: Durch Dubstep und Produzenten wie Burial ist man es so gewöhnt, dass Gesang verhackt und untergemischt wird, dass man es, wenn sie mal wieder im Vordergrund stehen, als “antiexperimentell” ansieht.

SBTRKT hat Dubstep aus dem Untergrund geholt? Bitch please. Da hab ich ja mehr für getan.

Ich würde nichts an getaner Arbeit SBTRKT zuschreiben wollen. Er ist, genauso wie Jamie Woon einfach kalkuliert (und zwar mit höchster Wahrscheinlichkeit von dem Label, auf dem SBTRKT erschienen ist: Young Turks, die schon The XX, Sampha und nicht zuletzt Creep auf der Rolle haben – alles neue Acts, die sich irgendwo in diesem Bereich der Musik befinden). Und ich finde es sogar sehr gut: die Präzision des Sounds ist für andere Momente geeignet, als es Dubstep vor Monaten noch war. Ihn als Wegbereiter für ästhetischen Pop-Sound zu titulieren finde ich aber ein bisschen weit hergeholt. Wegbereiter sind für mich Produzenten wie Flying Lotus oder Hudson Mohawk, die schon mal eine intelligente, elektronische Ebene fanden, den musikalischen Ozean zu überwinden.

Die Musiknazis unter uns möchten jetzt mit Scheisse werfen, weil sie der Meinung sind, dass dies und das kein Dubstep ist, das ist zu Kommerz, das nächste zu Pop, und ach, wie langweilig. Das ist nicht Kern der Diskussion: Kern ist, wohin es geht. Und was kein Dubstep ist (oder von mir aus auch kein R&B, wobei ich selten jemanden erlebe, der R&B verteidigt), muss ja nicht schlecht sein; es braucht nunmal Zeit, um solche Titel wie “Post-Dubstep” zu vergeben und darauf zu hoffen, dass sich jemand was besseres einfallen lässt.

Und dann gibt es ja auch noch den harten Angriff von der anderen Seite, denn die ästhetische Vorgabe mag aus England kommen, aber der wichtige Knackpunkt ist in den USA geboren: auch der R&B bedient sich, und das nicht zu bescheiden. Der Kanadier Abel Tesfaye, der hinter dem Alias “The Weeknd” steht, hat schon etwas länger begriffen, dass die Summe aus Chillwave-Atmosphäre, Hip Hop Lyrics und englischen Breaks wunderbar funktioniert. Oder etwa die Schweden jj, deren Songs sich anhören wie vom Nebel verdichtete Träume, übersungen von einer süßlichen, weiblichen Stimme – und diese Stimme bedient sich hauptsächlich der Lyrics kontemporärer US-Rap Songs.

Es sind nicht mal mehr Remixe – es sind Interpretationen, Reworks, Rekontextualisierungen von Außen. Sie nehmen sich das, was sie im Fernsehen und im Radio hören (und in ihrer Jugend/Kindheit gehört haben) und mischen es mit ihren kostengünstigen Synthesizern und Mix-Programmen auf Apple Produkten rund. Das sind die Produzenten von heute. Addiert man darauf den konventionellen R&B, der sich hier und da die Spritze der Innovation setzt (Künstler wie The-Dream stehen ganz oben auf meiner Liste der wichtigsten kontemporären Urban Music Künstler, was vielleicht auf ersten Blick nicht ersichtlich ist), so erkennt man dass es sogar viel mehr als nur zwei oder drei parallele Entwicklungen sind: scheisse, die Entwicklungen selbst laufen ineinander und haben nicht mal mehr Zeit sich vollständig zu entfalten, bevor sie in den nächsten Mixer geworfen werden (und das dann auch von allen Beteiligten, international).

Vielleicht war es auch das latente Verstecken hinter dem Konsens “wenn es ironisch gemeint ist, darf man es auch” – vielleicht wurden R&B Samples mit stark dominierenden Vocals experimentell mit dem Vorortprodukt Dubstep vermischt, weil sich die Arbeit nicht mehr für ihre Queerness schämen muss. Everything goes.

Diesen Prozess der sich vermischenden Einflüsse und Inspirationen hat für mich einen immensen Wert. So sehr ich den minimalen, fast schon beruhigenden Techno Berlins Liebe, irgendwann kann man mich nicht mehr mit Drogen betäuben und mir erzählen dass es jetzt genau das richtige ist, 8 Stunden lang auf dem gleichen Beat zu tanzen. Irgendwann ist damit Schluss. Und das haben auch viele DJs in der Stadt schon kapiert. Zwischendrin blitzen kleine große Songs aus, die man sonst nur “aus dem Internet” kennt.

Wie gesagt, all das passiert nun unabhängig von lokalen Grenzen, denn die Musik spielt sich auf Plattformen wie YouTube und Soundcloud ab. Immer mehr und mehr mischt sich die Vergangenheit mit der Gegenwart (die Retromanie scheint kein Ende zu nehmen), aber wie verrückt, dass sich die Gegenwart mit… der Gegenwart selbst vermischt! Bei dem Gedanken an die Explosionen, die hier kulturell noch stattfinden werden, kriege ich Gänsehaut. Aber auch Angst: denn noch gehören zum Mischen von Einflüssen nunmal die Einflüsse selbst. Rein subjektiv beobachte ich gerade eine Tendenz zum “Verwaschen” aller Inspirationen, die aus dem Leben selbst stammen, sprich: aus Erziehung, Umgebung, sozialem Stand und all den anderen Faktoren, die dazu gehören. Wenn unsere Charts in einigen Jahren von den Trends im Netz regiert werden, was bleibt dann in den darauffolgenden Zeiten noch, um darauf aufzubauen? Spielen wir das Spiel durch: je jünger das Internet wird, und je weiter es sich ausbreitet, wie viel Raum für Kreativität bleibt dann noch ohne einen leeren Fleck im Individuum?

Divine Interface: I grew up on bass-heavy Southern Country rap – Cash Money Millionaire stuff, or Pastor Troy, or DSGB (Down South Georgia Boys), Three Six Mafia. But being a child of the internet, I was soaking in all kinds of media growing up – I was in a hardcore band, I was into jazz, I was collecting records. I remember once reading an interview with Flying Lotus and he talked about UK dubstep, so I got big into people like Burial and James Blake. Then I found all the LuckyMe stuff – Hudson Mohawke, Rustie, Lunice. Those dudes are really tripping me out, because you can tell they listen to rap music too. It’s all on the same page, just in a different city.

Kids in South London in what’s considered the hood are just making music with whatever they have – and it’s the same with the kids in Atlanta, making trap-rap beats on Fruity Loops. That’s essentially where the Ghetto Lo-Fi came from. When you listen to rap demos or rap mixtapes in the South, it sounds like it was recorded in someone’s living room. It’s got that rawness to it. But when we found all the bedroom pop producers like Ariel Pink and Washed Out called that “lo-fi” – to us, it sounded like the same thing. Same raw edge. (Dazed Digital)

Jeder, der einen vielschichtig geführten Feedreader besitzt oder im Internet arbeitet merkt selbst, wie stark die Tendenz zum Einheitsbrei ist: immer sind es überall die gleichen Themen. Wie können wir Kultur, oder spezifisch: Musik, davor bewahren, sich in einer Uniform zu verstecken? Ist das überhaupt ein realistisches Problem, oder nur meine ganz persönliche Medien-Dystopie?

Acts wie Death Grips geben mir Hoffnung darauf, dass es nicht so sein muss. Ich glaube jedem, der sagt, dass das die furchtbarste Verstümmlung von Breaks und Raps ist, die er je gehört hat. Für mich ist das die ultimative Euphorie, denn es ist innovativ und neu und stellt euch vor, wie ich verrückt werden würde, wenn das mal ein risikofreundlicher DJ im Bumsbunker spielen würde! Und gleichzeitig freue ich mich auch darauf, dass Lovestep nach einigen Jahren des unterschwelligen Herumduseln in irgendwelchen geheimen Locations in London es auch endlich in das Gehör aller Passanten schafft.

Lovestep – meine aktuelle Lieblingsabzweigung – es ist nichts anderes als emotionale Musik, auf die man tanzen kann. Irgendwo zwischen 120 und 140 BPM. Jungs wie Jacques Greene können das ziemlich gut. Der kommt aus Kanada, also ganz weit weg von England. Aber das ist völlig egal, denn alles, was er braucht, um diesen Sound zu machen, ist eine gute Internetverbindung.

September 8th, 2011 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 16 Comments »