Momente aus Marrakech

Veröffentlicht February 23, 2011

Mutter’s Kommentar über die Innenstadt: “So viele Hawaks und Kanacken und Maroks, das hätten wir in Offenbach auch haben können.” Fremdenfeindlichkeit und Zynismus sind bei mir ganz offensichtlich erblich veranlagt.

Man glaubt mir nicht, wenn ich sage, dass ich Deutsche bin. Selbst, wenn ich Deutsch spreche, glaubt man mir nicht.

Ich verstehe jetzt, wieso sich so viele Ausländer über den Ruf zum Gebet am Morgen (oder egal um welche Tageszeit) beschwerten, obwohl ich mich daran erinnere, das in Damaskus immer als ganz großartigen Moment erlebt zu haben. Der Unterschied liegt in der Koordination der Akustik. In Marrakech kann man immer und überall jeden Imam und jede Moschee hören, sodass man das Gefühl bekommt, den Alarm einer Naturkatastrophe mitzubekommen. Und das fünf Mal am Tag. In anderen Städten (ich kann nur für den Libanon und für Syrien attestieren) kann man meistens immer nur eine Moschee hören. Keine Stimme war schöner als die unserer Moschee in Damaskus… seitdem ich denken kann stehe ich jedes Mal auf dem Balkon um dem Gesang zuzuhören, wenn es so weit ist, und jedes Mal fesselt es mich. Ich hoffe, dass es eine Aufnahme ist, und dass ich das für immer hören werden kann. In Marrakech wollte ich mir in den Kopf schießen.

Meine Mutter und ich haben uns nicht viel zu sagen, und wir mussten feststellen, dass wir beide unsere Süchte mit uns tragen: sie das Fernsehen, ich das Internet. Um den Verlust unserer Stimulanten zu kompensieren, guckten wir uns die einzige Serie an, die ich auf meinem Laptop hatte: Bored to Death. Eine komplette Staffel in zwei Tage. Bored to Death mit seiner konservativen, islamischen Mutter zu gucken, ist in etwa so wie mit einem Priester einen Porno auszuleihen. Überraschenderweise fand sie die Serie sogar lustig; könnte aber auch an den Entzugserscheinungen gelegen haben.

Marrakech kann man sich getrost in 3 Tagen anschauen. Das Essen ist fantastisch, aber es gibt nicht viel zu tun. Die “Neue Stadt”, außerhalb der Medina, ist keine Stadt. Sie ist eine Ansammlung von teuren Geschäften und Sandsteinplattenbauten. Überall stehen Resorts und Kameltreiber, die Touristen abziehen. In der Medina selbst verirrt man sich meistens nur. Am dritten Tag wurde uns schon langweilig und wir machten einen Ausflug nach Ourika und Sitti Fatma mit dem jungen Mann, der sich um unser Riad (also unser Hotel) kümmerte. Hätte ich gewusst, dass wir dort einen Wasserfall besichtigen, hätte ich mich nicht dazu aufgerafft, aber so ist es; es ist mein Schicksal, jeden Wasserfall auf der Welt angucken zu müssen, und dabei gibt es nichts, was ich langweiliger finde. Wasser fällt Berg hinunter. Ganz, ganz große Sache. Ich wäre gerne in die Sahara gefahren aber dafür hat die Zeit natürlich nicht gereicht.

Backpacken ist natürlich etwas gänzlich anderes, als mit der Mutter in den Kurzurlaub zu düsen. Backpacken, das ist ganz zufällig gucken wo man als nächstes hingeht, und zwar voll und ganz an den Menschen orientiert, die man trifft. Oder an den Karten, die man sieht oder an den Reiseberichten, die man lies. Alleine die Tatsache, dass ich in Marrakech nach drei Tagen gelangweilt war, jedoch nicht weiter konnte (schließlich musste ich nach Hause fliegen), hat mich voll irritiert. In einem anderen Land noch Fernweh haben, genau das ist das, was das Backpacken so erfüllt: man kann weiter. Und es hat mich in den Füßen gejuckt, ich wollte weiter in den Süden, durch ganz Afrika reisen und niemals aufhören. Stattdessen saß ich ein paar Tage später wieder im Flugzeug zurück und musste schlucken. Was für eine Krankheit, dieses Reisen.

Klar, dass man im Alter auch mal mehr Ängste ertragen muss: Angst vor dem Tod, vor Routine, Geldsorgen, solche Sachen. Dass ich in meinem Alter langsam Angst vor dem Fliegen bekomme ist eher verwunderlich. Mir hat das Fliegen nie etwas ausgemacht, aber je öfter ich im Flugzeug sitze, desto eher werde ich nervös. Ich fliege seit dem ich denken kann mindestens ein Mal im Jahr, und dieses Jahr – wir haben erst Februar – habe ich es schon geschafft, in 8 verschiedenen Fliegern zu sitzen. Vielleicht ist das das Gesetz der Statistik. Ich hatte jetzt bestimmt schon über 200 gut gelaufene Flüge in meinem Leben und mein Bewusstsein (also die Angst) möchte mir wahrscheinlich durch die Blume hin mitteilen, dass mein Kontingent an Glück und Wahrscheinlichkeit bald aufgebraucht ist. So wird also jeder weitere Flug, der mich näher an mein Ziel bringt (welches ich bisher noch nicht definieren kann) mir ein Stück meiner Seele rauben. Ich schreibe ein Buch, ich nenne es “Gefickt vom Leben, oder: wie Gott einen einzigen Mensch hasste.”

Ich werde fett. Ich merke, dass es Zeit wird, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, weil ich schon nicht mehr weiß, wie sich Hunger anfühlt. Ich muss wieder anfangen zu rauchen und mich von Thai-Essen ernähren um meine Figur zu halten. Außerdem wird es Zeit, von zu Hause abzuhauen, wenn die Mutter Dinge sagt wie “Du bist hier nicht im Urlaub, mach was für den Haushalt”. Es wird Zeit.

 
 

Marrakech

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Ich bewundere Menschen, die in ihren Ambitionen und Leidenschaften auch eine berufliche Zukunft sehen, sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und dabei auch noch verdammt cool aussehen. Das gilt nicht für jeden Beruf, es gibt nämlich kein Universum, in dem Sportreiten oder Kunstturnen als “cool” bezeichnen werden könnte, aber lassen wir das.

Mein ganzes Leben lang wollte ich nichts anderes außer auf der Couch skommern und hin und wieder schlechten GV praktizieren, aber es sollte nicht sein. Ich musste mich einem unfairen System unterwerfen, Mathe und Physik lernen, mit den Opfern unseres Planeten zur Schule gehen und auch noch mit Firlefanzen wie Eltern und Religion und ganz furchtbar rücksichtslosen Männern ertragen. Also runter von der Couch, ganz bestimmt keinen GV und dem elendigen Leben nachgehen. Der einzige Pluspunkt bei dieser Qual war, dass ich anfing mich in Geschichten zu verstecken und irgendwann selber Lust hatte, Geschichten zu schreiben. Glücklicherweise habe ich die FanFiction-Phase eines jeden 12-Jährigen Autors übersprungen und bin direkt zum Bloggen gekommen. Und das ist sowohl der Anfang, als auch das Ende meiner künstlerischen Passion. Ich schreibe gerne auf, welch Pein und Höllenleiden meine Nerven zwingen, weil ich sonst meinen Kopf auf Beton aufschlagen würde. Nicht zu schreiben ist für mich wie für einen Heroin Junkie nicht zu fixen, wie Charlie Sheen nicht zu ficken, wie für Xena nicht zu fisten und wie für Guttenberg nicht zu fußnoten. Eine durstige Notwendigkeit also.

Das alleine sagt leider nichts über die Qualität meines Gekritzels aus; ich rede und reflektiere meine eigenen Texte nicht sehr gerne und mir fehlt die Geduld, die Ausdauer, die Motivation, daran irgendetwas zu ändern. Ich habe keine gesunde Beziehung zu Meta-Ebenen. Themen so lange in Wörter aufzulösen bis sie verschwinden ist wie so lange ein Wort laut aufzusagen bis es seinen Sinn verliert. Einigen wir uns auf die Tatsache, dass ich hier bin, weil ich hier sein muss, und ihr hier seid, weil ihr sonst nichts Besseres zu tun habt und weil ich gut aussehe.

Aber egal, wie sehr ich es brauche und liebe, mir fehlen Worte. Mir fehlen Sätze, ganze Konzepte, Strukturen. Ich kann viel über die Gehirnwindungen gestörter Menschen (also ich) philosophieren, aber ich kann nichts beschreiben, ich kann keine Situationen oder Momente oder Äußerlichkeiten in Worte fassen. Ich kann sagen, was ich denke; das kann jeder Stammtischbesucher. Ich kann keine Filme und keine Musik kritisieren oder reflektieren, weil mir Vokabeln fehlen und ich keine Metaphern finde. Ich fliege in den Urlaub und rieche und sehe unglaubliche Dinge und könnte bestimmt Romane darüber schreiben, aber tatsächlich kann ich es nicht. Ich höre und fühle und nicht ein Wort lässt sich finden um das für immer in Papier (oder in die digitale Alternative) zu prägen. So lange, wie meine Erinnerungen reichen, und dann… nichts mehr.

Also habe ich mir eine Kamera gekauft. Nicht, dass ich fantastische Fotos schießen würde, das meine ich nicht; deshalb auch meine anfängliche Bewunderung für Menschen, die in ihrer Freizeit etwas finden, was sie in ihrem Leben erfolgreich (also mit Anerkennung und ohne finanziellen Stress) integrieren können. Versteht mich nicht falsch; mein Drang, etwas zu fotografieren, hat nichts mit der Aussortierung meines kranken Kopfes zu tun, kompensiert also nicht die fehlenden Worte. Aber das Werkzeug der Fotografie ist wertvoll, unglaublich wichtig, um vielleicht, eines Tages, wenn meine eigenen Bilder schon verblasst sind, endlich die richtigen Worte zu finden…

Leider reicht alles nicht an die Farben und Momente und fantastischen Explosionen der Inspiration und Ästhetik meiner Kurzreise nach Marrakech heran. Dieser Ort ist toxisch und ansteckend in seiner Schönheit und in seinem Chaos. Obwohl ich selbst in Damaskus schon viele Male in der alten Stadt war und dort eher genervt war von herumlaufenden Hühnern und ständig pöbelnden Verkäufern, war dasselbe Bild mit einer Kamera verfolgt und mit einem ganz anderen Auge für die schönen Dinge ein komplett anderes. Auf einmal juckt es mich umso mehr, in den Mittleren Osten zu reisen und all die Dinge, die mich vorher so frustriert haben, weil ich sie nicht benennen konnte, für immer auf Bildern zu verbannen. Selbst, wenn sie auf Ewigkeiten in meiner Schublade (oder halt auf meiner Festplatte) zerrotten, das ist es mir wert. Und an dieser Stelle bedanke ich von ganzem Herzen bei meiner guten, alten Canon. Ohne sie hätte mir das alles nicht halb so viel Spaß gemacht (und aus Prinzip auch ein ganz spezielles Dankeschön an mein Moleskine).

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Monday Bloody Monday

Veröffentlicht February 7, 2011

Es ist Montag. Seit fünf Monaten ist es das erste Mal Montag für mich, und ich mache Papierkram – Arbeitsamt, Versicherung, Banken, Steuererklärung. Vielmehr, ich versuche es zu machen. Meine Gedanken schwenken ab zu den letzten Bildern aus Melbourne, die sich wie ein schlechtes, gestrecktes .gif ständig wiederholen. Ich kann es nicht abschalten. Ich kann über nichts anderes aus meiner Reise nachdenken, ich erinnere mich nicht mal mehr. Ich kann mir die Bilder nicht angucken, weil ich Angst habe, dass es noch mehr dieser Loops hervorruft. Mein Melbourne-Loop quält mich. Ich versuche etwas anderes zu sehen.

Was ich sehe: wie die Freunde, die ich mir auf der Reise gemacht habe, weiterreisen. Was ich sehe: dass ich die nächsten zwei bis vier Monate, je nach dem, wie schnell ich das Geld für die nächste Planetenwanderung zusammgenspart habe, einfach nutzlos vor mich hinvegetieren werde. Ich weiß noch nicht mal, was mich mehr frustrieren würde: jetzt arm und total am hustlen in Australien mein Geld zu verlieren, oder hier den Erwachsenen zu spielen und alles noch mal neu zu strukturieren. Ich weiß ja, wieso ich nach Hause geflogen bin, aber ich hätte ja nicht ahnen können, dass das so schwierig wird; nicht auf Reisen, nicht in Berlin, mit dem Kopf voll in Papierkram und die Lungen bis zum Zerbersten mit Purple Haze. Willkommen in der Vorstadt.

Ich fasse, klaglos, desillusioniert, enttäuscht und gleichzeitig stolz zusammen: das schönste daran, zu Hause zu sein, ist auch das schlimmste. Das fast schon panische Schreien und die Tränen meiner Mutter, als ich durch die Tür gefallen bin, stoned und erschöpft von Turbulenzen und Hangovern und allergischen Reaktionen; meine wunderbaren Freunde, die mich am Flughafenausgang mit ihrem absolut bescheuertem Banner (YEAH SARA IS BACK) in die emotionale Knie gezwungen haben; die Erleichterung, in einer RMV-Bahn zu sitzen, wohlwissend, dass mich hier definitiv keiner beklauen wird und ich meinen Scheiss deshalb einfach liegen lassen kann. Alles Gründe, um hier zu sein, und alles Gründe, um direkt wieder abzuhauen.

Ich hänge in der Luft herum. Ich hasse die Tatsache dass es noch kalt ist, und dass es einfach schwer ist, sich hier vom Arsch hochzubewegen. Im Internet passiert nichts Neues, ich werde nichts haben, worüber ich schreiben kann, die Parties werden sich wiederholen und der saubere Geruch und die geradelinigen Autobahnen werden mich in den Wahnsinn treiben. Wenn ich nur dieses beschissene Studium endlich abschließen könnte, halt, endlich anfangen könnte, dann hätte ich wenigstens die Rechtfertigung (und überhaupt die Möglichkeit) im asiatischen Ausland zu arbeiten, weiter zu reisen, Australien zu überspringen, wieder zu arbeiten, und so weiter, und so fort. Um nicht daran zu denken, dass das alles noch ein paar Jahre dauern wird, denke ich lieber an das, was unmittelbar vor mir steht.

Döner, ich freue mich auf Döner. Und Falafel. Schwarzbrot mit Nutella. Das Essen von meiner Mama. Eine gute Feierei mit den Freunden. Auto fahren. Koks für 60 Euro im Sonderschnitt (FICK DICH AUSTRALIEN, FICK DICH!). Unendlicher Musikdownload. Meine DSLR. The Cure laut aufdrehen und sich in die Winterjacke einlümmeln und kalte, weiße Luft ausatmen. Ich freue mich vor allem darauf, meinen nächsten Trip zu planen. Bald. Morgen schon. Das muss doch irgendwie. Verdammt noch mal.

 
 

Life of Y

Veröffentlicht February 1, 2011

Menschen ziehen an fremde Orte auf der Suche nach einem besseren Leben. Das bessere Leben erweist sich meist in der Reise selbst, zumindest müssen das viele bisher so festgestellt haben, denn es hat sich herumgesprochen und heutzutage ist es normal, ja verdammt noch mal erwartet, dass man den Arsch hochbekommt und weggeht um vielleicht, eventuell, mit Zufriedenheit zurückzukommen, oder, im wortwörtlichen „sehnsüchtigem Sinn“, irgendwo das bessere Leben tatsächlich zu finden.

Ich habe Menschen kennen gelernt, die sind stehen geblieben. Nicht anders, als auch in ihrer Heimat, nur eben woanders. Im seltensten Fall war diese Entscheidung aufgrund von örtlicher Begebenheiten getroffen worden, sondern aufgrund von Umständen; Menschen, die man trifft und die zu Freunden werden, Arbeit, die man schon immer machen wollte und plötzlich (oder zufällig) angeboten wird. Wenn man das Meer und den ewigen Sonnenschein addiert, erscheint einem alles viel einfacher als in, sagen wir mal, Deutschland.

Für mich war (und ist) Berlin ein Ort, der mir vieles beigebracht hat, mir in einer ausschlaggebenden Phase des Lebens bei- oder im Weg stand, aber immerhin immer da war, wenn ich ihn gebraucht habe. Der Grund für meine Reise – und das wird mir jetzt erst klar – ist gar nicht die Flucht gewesen, oder sogar die Suche nach einem besseren Leben. Die Reise war (und ist) ein wohlgeformter, mit dem Zirkel gemalter Kreis, der mich immer wieder ohne Anfang oder Ende nach Berlin zurückbringen wird. Um für immer irgendwo bleiben zu wollen, muss man sich sicher sein, dass man nirgendswo anders sein möchte. Ich dachte, ich könnte mir das per Anhalter durch sieben Kontinente beweisen, mein Herz beweist mir allerdings etwas anderes: die schönen Länder, Städte und Gelegenheiten der Welt verblassen im strahlenden Sonnenschein der fantastischen Begegnungen und der dadurch entstandenen Freundschaften, die damals in Berlin ihren Platz gefunden haben. Meine Freunde und mein Leben, das ich verlassen habe, haben mich nicht verlassen. Niemals. Und mein Heimweh ist keine Sehnsucht nach Sicherheit oder Commitment oder Settlement; mein Heimweh ist pure Liebe und ein Herz, platzend vor Glück, das viel aufnehmen und durchstehen und ertragen kann, ohne jemals aufzuhören für die Menschen zu pochen, die das magische Berlin zu meinem zu Hause gemacht haben.

Ich bin mir bei all dem, mit meinen unglaublich jungen zweiundzwanzigeinviertel Jahren ziemlich sicher. Wieso – diese Frage wird sich wohl kaum jetzt beantworten lassen – fällt es mir also so schwer, von meiner Reise Abschied zu nehmen und nach Hause zu finden? Genauso schwer, wie vor meiner Reise Abschied von meiner Heimat zu nehmen? Oder von meiner Familie, als ich ausgezogen bin? Von meiner Schule, als ich Abitur gemacht habe?

Jede Entscheidung weiterzuziehen wurde bewusst abgewogen, jedes einzelne Mal habe ich mich schlecht gefühlt, nur um nach wenigen Monaten des Durchbeissens an ein Hoch zu kommen, dass ich mir nie erträumt hätte… um dann alles abzubrechen und wieder weiterzumachen. Nur zu gerne würde ich die Ironie des Schicksals für so viele Widersprüche verantwortlich machen, aber ich weiß es viel besser: es muss so sein. Denn wie in jedem Kreis gibt es nicht nur Abschiede, sondern auch Widersehen.

Und auf die freue ich mich ganz besonders.

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Melbourne – My House

Veröffentlicht January 20, 2011

Es gibt kaum eine Möglichkeit, das irgendwie charmant, eloquent oder gar weise auszudrücken, deshalb werde ich es hier in den simpelsten Worten einfach niederwerfen, so, wie es sich nämlich anfühlt: alleine reisen ist nicht so toll. Wenn erst einmal die größten Hürden überwunden sind, die Erfahrungen, die neuen Menschen im Umfeld, die Eindrücke und das Geschehene sorgfältigt eingeordnet und ordentlich katalogisiert wurden, bleibt einem nichts anderes mehr übrig außer sich geschlagen zu geben, frische Luft einzuatmen und trotzdem noch alleine zu sein. Fotografieren macht kaum Spaß, wenn man alleine – der verlassene Tourist – auf der Straße steht und die Leute einen anglotzen, als sei man ein Alien, weil man völlig entzückt ist von einer bemalten Wand. Es macht keinen Spaß, ganz viele, großartige Bars zu sehen, in die man sich nur mit seinem imaginären Freund setzen kann. Shoppen, ohne am Ende jemanden zu haben, der einem zu den großartigen Schnäppchen gratulieren kann. Selbst wenn man Menschen trifft, die nicht ganz so schlimm sind wie das herkömmliche Hostelpack, selbst dann muss man sich ein bisschen dazu zwingen, nicht an die Wärme und das Verständnis und den Humor seiner liebsten Menschen zu denken. Selbst in den Momenten, wo alles nicht richtig läuft und man sich nur mal kurz aufregen möchte, muss man eine E-Mail schreiben um zu vermitteln, was eigentlich gerade passiert.

Melbourne wirft mich in einen seltsamen Zustand zurück, ja, katapultiert mich geradezu wieder in eine Zeit, die ich so nur aus meinen ersten Monaten aus Berlin kenne. Ich erinnere mich daran, wie ich die Leute beneidete, die in dieser großen Stadt einen Zufluchtsort gefunden hatten. Ich würde in Kreuzberg durch die Straßen schlendern und zusehen, wie die wunderbaren Kaffees von schnatternden Menschen bevölkert wurden und traute mich nicht, mich alleine hinzusetzen und meinen Kaffee alleine zu genießen. Ich hasste es, in meiner Küche zu stehen und für mich alleine zu kochen, niemanden anrufen zu können, der mal schnell vorbeikommt um einen Film zu gucken. Niemand, mit dem ich mein Leben teilte.

Genauso wie Berlin ist eben Melbourne eine wunderbare Stadt, in der ich sicherlich Monate, wenn nicht sogar Jahre verbringen könnte und jeden Tag eine andere Ecke mit Faszination betrachten würde. Hier scheidet sich natürlich der Wille zum Reisen von dem Gedanken an das Bleiben, und hier stelle ich auch fest, wie sehr sich meine Motivation in den letzten Monat grundlegend geändert hat. Das erste Mal von zu Hause auszuziehen um mir ein bisschen “eigenes Leben” in der Fremde zu erwarten war nicht einfach, aber ich habe es irgendwie durchgezogen – nicht ohne durchpeitschende Tiefmomente, nicht ohne irgendwann kurz vor dem Ausrasten zu sein, nicht ohne mich unter Arbeit zu vergraben und nicht ohne charakterliche Hürden, aber man verzeiht sich selbst, wenn man jung ist. Es hat am Ende geklappt – am Ende, bevor ich reisen gegangen bin.

Viele Backpacker, die in Australien sind, waren vor Kurzem noch zu Hause und haben mit ihren Eltern eine Abiturabschiedsgrillparty gefeiert. Sie sind das erste Mal von zu Hause für längere Zeit unterwegs, frische 19 oder 20 Jahre alt, in vollem Willen, sich irgendwo niederzulassen und zu arbeiten und ein neues Land zu erkundigen, vielleicht eine neue Heimat zu finden, glücklich zu werden, Abenteuer zu erleben. Das alles scheint wie eine Illusion für mich, nicht, weil ich das nicht auch haben könnte, sondern weil ich durch und durch zu faul, zu müde bin, das noch mal durchzumachen. Ich will mich nicht auf das festlegen, was ich in Berlin verlassen habe, das Reisen hat mir gezeigt, dass es durchaus möglich ist, sich woanders zu Hause fühlen zu können. Aber in Asien hatte ich zwei komplette Vollidioten, die das mit mir geteilt haben, also zumindest ein Stück Heimat. Hier bin ich, mit gewisser Ausnahme, alleine. Ich suche mir alleine ein Hostel, ich ziehe tagsüber alleine durch die Gegend, ich lerne Menschen kennen (aber was für welche) und erschaudere bei der Vorstellung, mir wieder in einer neuen Stadt einen Job, eine Wohnung, einen Freundeskreis suchen zu müssen. Ein Grund dafür, wieso ich Australien bald den Rücken kehren werde. Finanziell gesehen ist Australien ein Ort, an dem man für längere Zeit bleibt. Ohne die oben genannten Faktoren ist das Bleiben aber nicht einfach. Here’s a thing: ich will reisen. Nicht bleiben.

Das ist einerseits befreiend und andererseits niederschmetternd, weil ich genau weiß, dass ich mir Berlin momentan nicht aussuchen kann. Ich möchte nicht sagen, dass es langsam Zeit wird, ernst zu werden und mal an die Zukunft zu denken, denn die Zukunft wird gerade jetzt in diesem Augenblick gelebt; aber es gibt Dinge, die ich machen möchte und auch durchziehen will, geistig verdummende Dinge wie etwa “studieren” (Gänsehaut), und auch, wenn ich Glück mit den Noten und Wartezeiten und so weiter hatte, Berlin ist nicht gnädig. Jeder will ein Stück von dem, was ich mal hatte, und ich habe mich aus diesem Mittelpunkt wieder in das Greencard-Roulette geworfen, weil die Reise jetzt erst einmal wichtiger war (oder ist).

Von Null anfangen lässt mich fast in Tränen ausbrechen, denn ich vermisse (!) meinen alten Trott tatsächlich. Oder vielmehr mein altes Leben in Berlin. Allerdings weiß ich auch, dass mein altes Leben nie wieder aktuell sein wird, mit oder ohne Berlin. Langsam muss ich mich wohl an den Gedanken gewöhnen. Es wird wohl bedeuten, dass ich schweben muss, in Unsicherheit, und in Neuanfängen. Schon wieder. Vielleicht sollte ich einfach für immer Reisen. Und plötzlich verstehe ich es, wenn manche Backpacker mich mit traurigen Augen angucken und sagen, sie könnten nie wieder nach Hause gehen, aus Angst, langsam zu verschwinden.

 
 

DPS/SYD – Run Away

Veröffentlicht December 27, 2010

Es ist schwierig, sich in der Welt zu verlieren. Es ist anders als den Nat Geo Adventure Channel einzuschalten und den Abenteurern bei ihren Abenteuern zuzusehen. Ich beschwere mich nicht darüber; nicht mehr. Ich bin ein einfacher Tourist mit CO2 Fußabdrücken, einer dicken Kreditkartenrechnung und freue mich über kostenlose Business Class Upgrades und vielleicht werde ich niemals die Gelegenheit haben, in einen Zug ohne Final Destination zu steigen. Vielleicht werde ich nie das Gefühl haben, verloren zu sein, nie umgeben von der Unsicherheit der Wüste. Vielleicht war das mal so. Vielleicht gibt es Menschen, deren Leben daraus bestehen, von Kathmandu nach Bondi Beach zu jetten um zu surfen, zu tauchen, zu skydiven, zu fotografieren, zu skateboarden, zu leben und zu entdecken. Ich kann mit Sicherheit für die Existenz absolut hirnverstümmelter Goa-Spasten attestieren, klebengebliebene Insekten mit furchtbaren Frisuren und einem Faible für schlechtgedröhnten Psy-Jungle-Trance und ebenso schlechten Mushroomdröhnungen. Aber das sind keine Abenteurer, das sind Hobbyphilosophen, deren Wichtigtuerei auch Ghandi noch zum Genozid herausfordern könnten. Nukleare Wegbombung von 95% abrasierten Dreadlocks, eine neue Petition in meinem Namen, und glaubt mir, ich unterschreibe drei Mal.

Meine Reisehelden sind verrostet; meine idyllischen Reiseträume und -erwartungen und -illusionen verstaubt. Ich bin zu müde um mich darüber aufzuregen, denn ich habe jetzt schon sechs Tage am Stück damit verbracht, genauso flüssig zu scheissen wie zu trinken und ich bin zu paralysiert um mich darüber aufzuregen, weil ich nicht mehr an das Reisen glaube. Nicht mehr an die Romantik des Reisens. Ich glaube daran, dass es mir Spaß macht, Menschen an lauen Abenden bei rumgehenden Spliffs kennen zu lernen und meine Jokes zu formulieren. Ich glaube daran, dass ich es liebe, nicht zu wissen, was ich am nächsten Tag machen werde (insofern ich nicht tatsächlich reise). Ich muss nicht arbeiten und für die nächsten 2-3 Monate werde ich auch weiterhin nicht über das große Geld (oder eher die große Geldverlustigkeit) nachdenken müssen. Ich glaube daran, dass das Reisen ein inflationäres, aber auch selbstverständliches Angebot unserer Jugend geworden ist, brought to you by Ryan Air und wirtschaftlichem Erwartungsdruck was den Lebenslauf angeht. Wie, du hast mit fünf Jahren noch keinen Abschluss einer anerkannten Elite-Privat-Windelschule gehabt? Na dann auf auf, ins Ausland! Und, natürlich, danke auch der Militärtechnologie, ohne welche unsere Welt wohl noch im Mittelalter stecken würde. Krieg (Macht, Verteidigung, Schutz, politische Wahrung seiner Selbst, oder eben Krieg) ist der Antrieb in unsere Zukunft, und ich bin mitten in reingeboren worden. Nur, weil ich mir gerne die Rolling Stones anhöre und Bob Dylan nicht aufhört in meinem Kopf zu spucken, heisst das nicht, dass ich die Zeit zurückdrehen kann. Zeiten, wo man nicht alles über jeden Ort wusste. Wo jeder Schritt durch die nasse Pampa irgendwo in Balabuga einen epischen Moment im Leben eines Niemanden spielte, der dann zum Held gekürt wurde. Meinem verstaubten Held.

Sich in der Welt zu verlieren ist schwierig, weil es keinen Ort mehr gibt, an dem man sich verlieren kann. Oder, wenn man kann, will (denn es gibt auch für Verloren-Sein gewisse Grenzen, das mit den Schlagen und Spinnen, das haben wir ja schon ausführlich besprochen, das ist nichts für mich). Also irren von Thailand nach Kuta Beach auf dem ganzen Weg Backpacker umher und flüstern sich im Stille-Post-Verfahren ihre sogenannten „Geheimtipps“ ins Ohr, doch jedes Mal, wenn man diesen Tipps folgte, jedes Mal wenn man seine Sachen aufgeregt packte und weiterzog und auf etwas mehr Verlustgefühl hoffen durfte, jedes Mal traf man ein weiteres Pack Gleichgesinnter, alle wieder im selben Prozess des Austausches, „ich habe gehört, Burma ist noch ziemlich jungfräulich, da muss man mal mit der Machete durchgehen, das muss man sich mal trauen“. Aber, ganz im Ernst, ich will nicht nach Burma und mit einer Machete den Wald bekämpfen um mich dort dann wider meiner urbanen Natur niederzulassen um ein Buch darüber zu schreiben wie ich mich mit wilden Pilzen selbst vergiftet habe. In Alaska. Mit Eddie Vedder im Hintergrund. Ich will das nicht, ich will das nicht, ich will das nicht. Ich will keinen Ed-Hardy-Strass-Steine-Resort-Urlaub auf Ibiza mit furchtbaren Pop-Medleys und Schlager-House-Remixen, und nach all meinen Beschwerden und nach meinem ganzen Rummosern und dem ständigen Suchen nach irgendetwas, was mir diese Reise bringen soll, fällt es mir wie Schuppen vor die Augen, wie ein dicker Pickel, der darauf pochte, seinen Eiter an den Spiegel zu spritzen: ich kann mich nicht in der Welt verlieren. Ich kann mich nur in Menschen verlieren. Oder mit ihnen. Oder um sie herum oder vor ihnen, aber die Welt ist völlig egal.

Jetzt ist es zum ersten Mal so weit: kein Plan. Absolut keine Richtung. Niemand, der mich begleitet. Ich bin völlig frei (wenn auch zerfickt vom Jetlag und 300 Euro leichter dank überteurer Hostels) in Sydney angekommen und es gibt nichts, was ich mir für diesen Tag erdacht habe. Nichts, was ich vor 8 Monaten schon mal auf eine Excel Liste geschrieben habe. Ich kann nicht in mein Dorm, weil gefühlte 30 Leute dort noch schlafen. Es regnet. Alles ist anders als gedacht. Aber alles ist gleichzeitig viel besser. Und so geht es einfach weiter.

Chile, Hawaii, Libanon, Deutschland, Vietnam, egal ob es die Reisenden oder die Natives sind, Indien, Nepal, China, scheiss drauf; und wenn ich eines Tages auf dem Mond lande und meinen Namen in Stein ritze, „Sara war hier und hatte Dünnschiss, vielen Dank, Thailand!“, dann hat das alles meine Helden nicht mehr zum Leben erweckt. Egal wie viele Länder ich bereise, egal was ich sehe oder nicht sehe oder mache, egal ob ich aus einem Flugzeug springe oder mir die Wirbelsäule beim Surfen anknacke, nichts davon wird The Beach sein. Nichts davon wird das sein, was meine Helden verkörpern. Aber manchmal muss man eben sein eigener Held sein. Und genau das einzige genießen, was einen so völlig aus der Bahn geworfen hatte: das man auf dieser ganzen weiten Welt niemals verloren sein wird.


(By the way, Weihnachten zog an mir vorbei wie der D-Zug an Bielefeld. Nicht, dass es mich je großartig interessiert hätte, als Moslem besteht mein einziges Weihnachtsritual daraus an Heiligabend mit meinen Brüdern bei McDonalds vorbeizufahren und mit den anderen Kanacken rumzuhängen. Diesmal lag ich den ganzen Tag am Pool und habe Shroomies gefüttert und bin letztendlich wieder bei McDonalds gelandet. Wie jedes Jahr also).

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30GradSchneechaos

Veröffentlicht December 7, 2010

Zu Hause fühlt sich so viel schwerer an, wenn man nicht da ist, um da zu sein. Für Freunde, für Familie. Es fühlt sich an, als würde ein riesiger Greifarm mein Herz umschlingen und so fest zusammen drücken, bis mir das Blut in die Augen steigt und statt Tränen nur noch rote, klebrige Flüssigkeit über meine Lippen fliesst. Auf Reisen sein und Lachen müssen, während meine besten Freunde abwechselnd im Krankenhaus liegen, während meine Mutter langsam in ein Alter kommt, wo sie alle drei Wochen zum Arzt musst und keiner weiß, was falsch ist, und mein Bruder 20 Kilo abnimmt, weil er seine Operation leider nicht so gut überstanden hat, wie alle gedacht haben.

Es tut weh, sie nicht zu umarmen, wenn ich genau weiß, dass sie weint und weint und weint und nicht mehr weiß wie es ist, eine Familie zu haben, jemand, der nicht verstehen muss, sondern einfach nur da ist. Genauso, wie die Tage, an denen es mir genauso geht, und keiner verstehen kann, und jede Umarmung in Nichtigkeit verblasst. Ich kenne das. Weil man manchmal alleine durch muss, obwohl man gar nicht wirklich muss.

Ich dachte, ich bin über den Punkt hinaus gekommen, wo ich noch so an zu Hause denke und fühle, aber es gibt internationale Verbindungen, Connections, die man nicht abschütteln kann (und, wem mache ich was vor, auch nicht will). Alles ist gut hier, aber nicht in mir, und nicht in dir. Ich bin nicht da um dir glücklich zu gratulieren, dass du der Rockstar wirst, so, wie ich es vorhergesagt habe. Und ich bin nicht da um dir zu erzählen, was in mir eigentlich vorgeht, wen ich hier getroffen habe, mit wem ich meine schlaflosen Nächte teile, und das tut mir Leid.

Und am Ende lese ich einen Zeitungsbericht und er erzählt mir von deinem schweren Unfall, ein Foto von einem überschlagenen Auto. Alles um mich herum bleibt stehen und ich möchte zu dir rennen und dir sagen dass es mir Leid tut, dass ich nicht da war, dass ich es vielleicht hätte verhindern können – auch wenn das nicht wahr ist – und ach, so viel, so viel. Aber ich sage stattdessen nichts, denn all das, das kann man nicht in Worte fassen. Und wenn dein Leben nur langweilig ist und du nicht viel zu erzählen hast, ist es dennoch nicht dasselbe, wie die Blicke die wir teilen und das Verständnis, dass wir uns metaphysisch und auf absolut unerklärlichen Ebenen entgegen bringen. Keiner weiß, wie es mir geht. Keiner weiß, wie es dir geht. Alles ist so schwer, wenn man nicht zu Hause ist, und alles dreht sich nur noch darum, diesen Fakt zu ignorieren.

Aber ich vergesse dich nicht. Niemals.

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Passnummern

Veröffentlicht December 3, 2010

Identität. Ich wünschte es wäre etwas solides, etwas, dass man greifen kann. Meine Passnummer, auf den Oberarm tättowiert, hier, das bin ich, ein paar Zahlen, ein paar Buchstaben – deutsche Staatsbürgern, 166 cm groß, braune Augen, dunkelbraunes Haar, geboren am und in, Eltern von, Fingerabdrücke, Aufenthaltsorte. Keine Hobbys, keine Interessen, keine Gedanken, keine Hintergründe, keine Interpretationen, keine Zuordnungen; nur das, was wahr ist. Nur schwarz und weiß. Einscannen, evaluieren, weitergeben.

Es würde die WieistdasWetterwokommstduherwashastdugemacht-Unterhaltungen unter Reisenden vereinfachen, weil ich keine Antworten auf die Fragen habe, die man mir stellt. Wo kommst du her? Berlin. Nicht, weil ich dort aufgewachsen bin, sondern weil ich dort hingehöre. Was machst du, wenn du nicht reist? Belanglosigkeiten, aber vor allem den Pfeil Richtung Zufriedenheit zu folgen, dem richtigen Pfeil, einer von den vielen, neonblinkenden Pfeilen, Las Vegas State of Mind. Wie verdienst du dein Geld? Gar nicht, und davor nur mit viel Hustle. Du siehst nicht Deutsch aus? Weil meine Eltern nicht aus Deutschland kommen. Wieso isst du kein Schweinefleisch? Weil ich die Kultur der Religion, in der ich aufgewachsen bin, auch angenommen habe. Bist du Moslem? Ja, aber das hat nichts mehr mit Gott zu tun. Was hörst du für Musik? Alles, was ich gut finde. Hast du einen Lieblingsfilm? Ja, nämlich alle Filme, die auch auf deiner Liste stehen. Und Lieblingsserien? Friends, immer noch. Wieso bist du auf Reisen? Weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Und wo gehst du als nächstes hin? Ich weiß es wirklich nicht. Und was machst du, wenn du zurück kommst? Meine Mutter umarmen. Willst du noch was trinken? Nein, ich will tot umfallen.

Eine Nummer, die man auf Kompatibilität prüfen könnte, wie ein Barcode, ein Piep heisst „ja, könnte passen“, zwei Piep heisst „Renn so schnell du kannst“, und das innerhalb von einer Sekunde, kein Lächeln verschwendet, keine Worte verschwendet, keine Gefühle investiert, keine Enttäuschungen kassiert, keine Rechtfertigungen formuliert, keine Verurteilung ertragen. So einfach wäre das, wenn meine Passnummer einscannbar wäre, drei, vier Fakten, mehr braucht es nicht, ja, nein, schwarz und weiß, nicht mehr und nicht weniger.

Ich habe hier – mit Sicherheit – Freunde für‘s Leben gefunden, so ist das, wenn man Fremde trifft. Identität zählt nicht. Das alles oben, die ganze langweilige und ewig widerholte Konversation, sie zählt nicht, sie sagt nichts. Es sind die Geheimnisse zwischen Unbekannten, die es ausmachen. Menschen die sich nicht kennen und ihre beschämensten, seltsamsten oder bescheuertsten Gedanken auspacken, vor sich hinlegen und anderen die Gelegenheit geben, darauf herumzutreten, wo keine Passnummer zählt, wo es kein schwarz weiß gibt, wo keine Namen wichtig sind. Das sind sie, die Freunde, die Fremden, die es nicht verurteilen, die es aktzeptieren, dass man keine Facebook Freunde wird, dass man sich nie wieder sieht, dass alles in wenigen Momenten vorbei ist. Die Passnummer wurde nicht mal berücksichtigt; was zählte war ein einziger ehrlicher Moment ohne Angst und ohne Bloßstellung.

„Du siehst aus, als müsstest du dich gleich übergeben.“ „Das muss ich aber nicht.“ „Wieso ziehst du dann so ein Gesicht?“ „Der Geruch erinnert mich an meine Ex-Freundin.“ „Welcher Geruch?“ „Deiner.“ „Das tut mir Leid.“ „Das muss es nicht.“ „Tut es aber. Ich hasse es, Erinnerungen wach zu rufen, die ich immer noch nicht bewältigt habe.“ „Welche sind es bei dir?“ ….

Identität ist überflüssig, keine Hürde, sie lässt keine ehrlichen Freundschaften zu, nur ein vorgezeichnetes Bild, dass dann mit Farben ausgemalt werden kann. Du Pastell, ich neon, er schwarz weiß, sie schattiert. Ich will nichts von dir wissen. Scheiss auf alle Nummern dieser Welt. Wir sind niemand. Wir nehmen uns jetzt die Identität. Du, und ich, und unsere Erinnerungen.

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California Sunrise

Veröffentlicht November 10, 2010

Ich werde auf jeden Fall in die USA reisen. Dort kann ich dann meine Kindheit aufarbeiten.

 
 

Sexy Saigon: Best Friends Forever

Veröffentlicht November 8, 2010

Sperre drei Menschen in einen Aufzug mit Spiegeln und du erhälst den chinesischen Akrobatenzirkus aus Europa, der noch nie so etwas Tolles gesehen hat und sich unbedingt wie bekloppt mit allen möglichen Grimassen fotografieren muss. Willkommen im einsamen Behindertenverein, der seine Krankheit jetzt auch in deinem Land ausbreitet!

Wenn man so lange aufeinander hockt, und sein Leben ohne Ausnahmen teilt, dann bleibt einem nicht viel anderes übrig als sich dieser neuen Familie hinzugeben und die Reibereien, die gute Laune und die beschissenen Regentage in Saigon zu genießen. Dann brüllt man sich manchmal von Straßenseite zu Straßenseite irgendwelche Fäkalausdrücke an die Köpfe, springt sich gegenseitig zum Spaß in den Rücken, klaut sich gegenseitig das Essen vom Teller und redet offen und ehrlich über den nicht funktionierenden (oder zu gut funktionierenden) Stuhlgang. Neue Menschen in der Gruppe werden kritisch beäugt und erst nach einer langen Phase (2-4 Städte) evaluiert.

Und es setzt Routine ein: der erste Tag wird mit kulinarischen Genüssen verbracht. Beefsteak zum Beispiel. Am letzten Tag wird gepackt und überlegt, wie es als nächstes weiter geht und wer sich darum kümmert, ein Hotel rauszusuchen. Das endet dann immer in blutigen Schlägereien, dicken Klatschen ans Kinn und Frankfurter Wurst in den Popo. Aber so muss es sein.

Alles in allem sind wir wie Tiere, die sich überhaupt nicht verstehen, aber auch nicht ohne einander können. Wir motzen uns gegenseitig an, weil wir dreilagiges Klopapier vermissen und mal wieder Lust auf Vollkornbrot hätten und uns die Augenbrauen bis in die Stirn wachsen, aber eigentlich ist die Liebe voll in der Luft, man muss nur hinter den Horizont schauen, da, wo sich unsere Herzen in einer Pisslache von Reiseschwierigkeiten spiegeln. Es fehlt nur noch, dass wir uns nachts brutal die Schmockpickel ausdrücken um am nächsten Tag über die Narben unserer Freundschaft zu lachen. Ein herrliches Schauerspiel, verfasst von Sartre, gespielt von drei Amateuren aus dem deutschen Vorstadtdschungel.

Aber es ist voll gut so, und ich erlebe jeden Tag unzählige Momente, an denen ich Schurzen muss vor Lachen und mich kaum noch einkriege, weil das Teamwork ist, diese Hass-Liebe, und ich das so noch nie mit jemandem teilen durfte. Und hoffentlich nie wieder darf. Sexy Saigon gehört der Vergangenheit an, morgen geht es in die Zukunft nach Kambodscha. Wir sind gespannt – vor allem auf die kulinarischen Köstlichkeiten, die uns an Tag 1 erwarten.

 
 
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