"Girl gone wide."


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in unregelmäßigen abständen veröffentlichen protagonisten eines anderen lebens (anderer welten, dimensonen, zeiten und gesellschaftsformen) ihre gedanken, erlebnisse und traumata hier. manche sind alter egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. in einem zustand des nicht-da-seins finden sie ihren frieden darin, in die außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. um ihre anonymität zu wahren, werden nur ihre pseudonyme preisgegeben. willkommen in der restrealität…


“yonder” von aguno

“Komm”, sagt er. Er nimmt meine Hand in seine. “Lass uns Einen rauchen. Da vorne, am Ufer.” Ich nicke nur und blinzel an ihm vorbei. Mein Herz klopft hoch und stößt gefährlich an den Kloß in meinem Hals, der sich zu einem Brocken von Beton verwandelt hat. Ich habe Angst den Mund aufzumachen und ihn mit einem Wasserfall an Herz, Blut und Bauschutt zu ergeben. Also lasse ich mich ziehen, und wir sagen nichts.

Obwohl es so viel gibt, was ich noch sagen will.

Er legt seine Jacke auf das spitze Sommergras und setzt sich hin. Ich bleibe stehen und sehe dem Wasser bei seinem ruhigen Treiben zu. Er blickt gegen die Sonne zu mir hinauf, hält sich die eine Hand eine Stirn, die andere legt er auf den freien Platz auf der Jacke und kneift die Augen fest zusammen. “Setz dich. Bitte.”

Meine Beine sind steif. Zeitlupe. Ich nehme tief Luft. “Reiß dich zusammen”, beruhigt mich das Wesen in meinen Fußzehen, dass noch ein bisschen Kontrolle hat. Es zwingt mich in die Knie zu gehen und Platz zu nehmen. Mein Kopf bleibt starr auf den funkelnden Fluss gerichtet, der in der Nachmittagssonne nichts zu sagen hat, und auch nicht viel tut außer für mich da zu sein. Nach links geht es zu mir, nach rechts geht es zu ihm. Auf der anderen Seite existiert nur ein schwarzes Loch. Und hinter uns sind alle Menschen, an denen ich Tag für Tag vorbei laufe.

Er rollt das Papier liebevoll zusammen und leckt behutsam den Klebestreifen ab. Er macht den Joint an, nimmt einen tiefen Zug und starrt parallel mit mir auf das Wasser.

Die Zeit rauscht an uns irgendwie vorbei, während wir immer noch bewegunglos sitzen. Jeder einzelne Moment brennt sich ein und zieht sich hin. Obwohl wir beide einfach nur aufstehen, auflegen, beenden und abschließen wollen, bleiben wir da, zusammen und doch nicht zusammen. Die Sonne geht unter, der Fluss zieht stumm weiter. Wir bleiben sitzen und dehnen und strecken, was noch da ist. Bis nur noch ich da bin. Und irgendwann nur noch der Fluss. Bis der auch nicht mehr da ist.

by Anonym in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Immer, wenn ich jemanden bewundere; wenn mich jemand fasziniert, wenn ich so nah ran möchte wie nur möglich, legt sich völlig automatisch eine dicke Eisschicht, unabkratzbar, über meine ganze Haut und friert mich ein. Ich bin unfähig, Augenkontakt zu halten, unfähig, einen einzigen Satz geradeaus zu sagen, und wer auf meine Lippen schaut sieht, wie oft ich auf ihnen rumbeiße, sieht vielleicht auch wie oft ich versuche, meine Frisur zu richten. Ich stehe dann oft vor einem mentalen Spiegel und kritisiere meine Bewegungen, höre nicht mehr, wenn man mit mir redet, bin seltsam wenn ich angesprochen werde, stottere. Ich will so nah ran wie es nur geht und katapultiere mich ganz weit weg. Jede Wärme, die mir entgegen gebracht wird, verdampft in der Atmosphäre. Ich will, doch es geht nicht.

Ich fühle mich hingezogen, nicht sexuell, nicht unbedingt sexuell- unmerklich, einige Bewegungen sind es, die es auslösen. Es können Augenbrauen sein, die sich bei einem Wort nach oben verziehen oder Finger, die mit der Gabel spielen. Die Blicke die sich intensiv in meine Seele brennen, mich ausziehen und keuchend liegen lassen, und ich bin gelähmt, ich bin völlig überwältigt von so viel Impuls und Effekt und reagiere wie allergisch auf dieses Gefühl… eingenommen sein… benebelt sein… sich im Schatten verbotener Fantasien Dinge wünschen, die man selbst nicht direkt versteht, die man sich auch nie vorher gewünscht hat. Verboten, unerwidert, ein grausames Spiel mit heißen Gefühlen.

Aus meinem harten Kern wird weiche, klebrige Molasse die in den Händen fast fremder Menschen zerfließt, und die Unsicherheiten eines Mädchens, alle, die sie schon überwunden hat, werden plötzlich wieder hochgewürgt. So viele Jahre Arbeit von einem einzigen Blick vernichtet und für wertlos befunden, alles nur Täuschung. Es gibt keine Attitüde mehr, nur noch Qual, weil ich nicht bekommen kann was ich will, weil ich mich wie ein Idiot benehme, weil ich nicht mal mehr weiß, wozu das alles gut ist, warum das passiert, wie das jetzt zu stande kommt, an was ich mich erinnere, wieso es überhaupt wichtig ist, ist es denn wichtig?

Wie ein zwölfjähriges Kind, dass sich in einen Popstar verliebt; lächerlich, unbegründet, regelrecht naiv; und dabei ist es nicht Liebe. Es ist nichts. Nur eine Person, die mein Gesichtsfeld einnimmt. Ich bewundere sie. Weil ich noch nie in diese Welt eingetaucht war. Weil ich mich nie getraut hatte, einmal die Augen zu zu machen und frei zu sein. Ich rede mir ein, dass es jemanden gibt, der diesen Traum verwirklicht. Paralyisiert und unfähig, langsam atmend, kann ich unter so viel Druck die Worte nur noch herauspressen. Ich kann es nicht sagen. Ich kann es nicht zugeben. Ich trete zurück. Ich mache dicht. Es geht nicht. Ich bin kalt.

by Anonym in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Du hast mich gefragt: wo ist die Wut hin? Der Schmerz. Der Jähzorn. Diese Lust, etwas anzuzünden, dieses Brennen danach, jemanden zu treten und zu schlagen und sich zu wehren und alles in Grund und Boden zu schreien- die Wut auf die Eltern und darauf, dass jeder Mensch in eine ungerechte Dimension an Scheisse geboren wird, durch die er sich durchwühlen muss? Wo sind die mit Fäusten in den Himmel gereckten und mit erhobenen Köpfen durch den Horizont bohrenden Dämonen, die niemals aufgeben wollten, und die noch im Dreck an ihrer Wut festhalten konnten?

Da war die Schule, da waren die Vorurteile und die Wünsche und Vorstellungen, die man nicht teilte, und auf die man sich nicht einlassen wollte. Keine Kompromisse, keine Eingeständniss. Da waren jeden Tag die Vorwürfe, und jede Nacht die Freiheit sich in Tränen aufzulösen und in seine Kissen einzuschlagen, bis man vor Erschöpfung aufgab und seinen Träumen den Weg freigab.

Die im Delirium durchgestandenen Nächten mit den besten Freunden, die man so abgöttisch liebte, die die gleichen Gedanken dachten, die tanzenden Rebellen, die synthetischen Hirnficke, die Ignoranz und der Hass aller Teilnehmer der sich bündelte und zuletzt vom Schweiß der jugendlichen Angst weggespült wurde, bis es dann hieß: ich kann nicht mehr.

Die Furchtlosigkeit. Diese ewigen und epischen Schlachten gegen das eigene Gefühl, die Reflektionen im Spiegel, die man fort brüllte, die blutigen Arme, die man sich immer wieder aufkratzte, um aus dem einzigen Puzzlestück, das man besaß, ein ganzes Bild zu fantasieren. Um dem ganzen Problem, das man selbst war, und das die Welt um einen herum war, einen Sinn, eine Bedeutung, und zuletzt auch Halt zu geben. Man setzte sich in ein Auto voller Hofnarren, betrunken vor Schmerz und gesteuert von dieser blinden Rage, und man hielt seinen Kopf in den Wind und spürte die Tränen an den Wangen entlanglaufen und fragte sich alle wegweisenden Fragen, auf die heute immer noch keiner eine Antwort hat- Fragen, die keiner mehr stellt.

Und man fühlte sich angespuckt, von der Welt verachtet, von den Schönen geächtet, von den Intelligenten gehänselt und suchte ständig seinen Platz in dieser Mitte, umgeben von gleichgeschalteten Schafen, und man fühlte dieses Feuer, das einen so erzornte, so tief brennen, dass es von Null auf Dreitausend Grad und Jahre noch katapultieren sollte- so lange jedenfalls, bis nichts mehr davon übrig bleibt.

Bis jetzt. Es bleibt nichts zurück außer die Asche, die sich auf das halbzufriedene, apathische Wesen legt. Das, was sich nicht mehr gegen irgendwelche Ungerechtigkeiten erheben möchte. Das, was sich damit abfinden muss, sich über Wasser halten muss, Verantwortung tragen muss. Der Blick in den Spiegel spricht kein Urteil mehr aus sondern lediglich ein Gebet, endlich wieder Schlaf zu finden, endlich wieder ein lodern zu spüren, ein Funken Hoffnung darauf, dass man eines Tages vergessen könnte, was man mal war um blind weitermachen zu können.

Und die Songs, die man einst so liebte, sind schon lange keine Leidenschaft mehr wert. Und die Geisterschreie, die noch durch die Schulflure und Kinderzimmer hallen, echoen höchstens noch der kommenden Generation hinterher, die bald schon Wahlzettel unterschreibt und nicht mehr wütend ist. Nicht mehr wütend auf die Welt, nicht mehr wütend auf ihre Eltern, und nicht mehr wütend auf sich selbst.

Man blickt tief in das Loch hinein, kurz bevor man hineingetreten wird, und tut nichts dagegen. Man fühlt eine Erleichterung, dass es doch nun zu Ende gehen kann, dass man jetzt nicht meht weiter machen muss. Man setzt sich einen goldenen Schuss, und verabschiedet sich davon, dass alles Unheil dieser Welt nicht mehr auf den eigenen Schultern lastet.  Du hast das immer gewusst, das alles, und du wusstest auch, dass das Leben für diejenigen, die noch da waren, weiter gehen würde. Und das man vergessen würde, und dass die Wut eventuell verblasst. Das alles hast du gewusst. Ich hoffe, du wirst immer jung und wütend bleiben, Peter Pan.

by yeahs in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Und du? – Und du, lächelst…

… schaust mich an. Schaust mich an und sagst: „Die Menschen wollen keine Träumerei, schon lange nicht mehr. Das was du, hoffnungsloser Dichter, Inspiration nennst, finden sie lächerlich. Lächerlich, ja allein das Wort `Inspiration´, ist lächerlich.“ – Mir sind die Lippen zusammengefroren, bringe nur noch Stottern und Laute wie längst verhallte Trommelschläge hervor. Stoße, erbreche sie heraus. Und du? Und du? – Schweigst, machst eine deiner tiefgründig, realistisch sinnierenden Pausen. Lässt dir deine Weisheit noch einmal auf der Zunge zergehen. Und bevor du dich erbarmst sie hervor zu bringen, stammle ich: „Was du sagst sind keine Worte, selbst wenn du sprichst herrschst dieselbe leere, realistisch sinnierende Stille im Raum. Du lächelst, du lächelst dein heroisch ironisches Lächeln und dann gibst du deine ungetroffene Zustimmung, als hätte mein Schuss dich verfehlt.“ Du lächelst, sagst: „Wie sensibel du bist! Ist fast schon peinlich! Sei nicht so pingelig! Nicht alles muss elegant und geschmückt sein!“

Für dich bin ich immer nur der Belächelte, aus Prinzip werde ich belächelt, dass ist deine Stärke, dein Lächeln, es ist eine Maske die man nicht runter reißen kann. Durch sie hast du das Recht, recht zu haben, zu mehr bist du nicht in der Lage, du kannst dein Gegenüber nur übertrumpfen. Und wenn ich dann übertrumpft bin? – Was geschieht dann? – Ich schlage mit Worten auf dich ein, aus dem Bedürfnis heraus, dein Lächeln zu zerreden und du belächelst mein Reden, weil du nur lächeln kannst…

Ich gehe, habe keine Lust mehr auf deine Blicke, mehr hattest du mir nicht zu bieten, in unseren Gesprächen, du Schlauer, du Moderner, du stilvoll Wissender? Ich kenne dich, all das ist immer der selbe Ton, die gleiche Art, das selbe distanzierte Lächeln. Sprechpausen sind deine Sprachen, sie erwecken im Zuhörer die Sehnsucht dir zuzuhören und Inhalt zu finden, Etwas zu finden, dich zu finden: Was du sagst? Was du tust? Was du denkst? – Mich interessiert das alles nicht mehr, kenne dich, verstehe deine Technik, deine So-bin-ich-Stilfabrik, dein Sucht-mich-doch-bin-ich-wirklich-da? Dein Subtext langweilt mich, dein Text ist nicht vorhanden und das alles soll spannend sein?

Ich gehe, bedanke mich, du hast mir, dem Kind, dem Träumer und Schlafwandler, meine Sprache geschenkt. Ein schönes Geschenk, ich bedanke mich! Ich gehe, entschuldige mich stumm dafür, dass ich dich gefunden habe, dich nicht länger suchen wollte, dir eine Identität geschenkt habe. Es muss zerschmetternd sein sich derart zu verschreiben, sich aufzuopfern für Pausen, für weise Flecken, für Leerzeichen, für ein alles übertrumpfendes Lächeln.

Manchmal sehne auch ich mich danach, dann könnte ich ohne Arbeit arbeiten, könnte ohne zu denken, denken, schreiben ohne zu sprechen, sagen ohne zu erklären, versprechen ohne zu meinen, könnte leben ohne mich zu schämen, kämpfen ohne gekränkt zu werden.

Aber verstehst du nicht? – Wenn ich schreiben würde, so wäre dies keine Schrift und wenn ich dichten würde, so entstünde kein Gedicht und wenn ich sprechen würde, so teilte ich nichts mit und wenn ich leben würde, so wäre jeder Schritt, kein Schritt…

Ich entferne mich, bin nicht länger dein Tischkompane, starre keine Sekunde mehr auf deine Pausen, bin nicht mehr ergriffen von deiner Gewalt. Klein und erbärmlich soll ich endlich sein, ein Mensch mit Schwäche, mit Fehlern und Dummheiten, mit Naivität, mit manchem Starrsinn, so einiger Krankheit, doch frei von dir. Mit der Hoffnung etwas sagen zu lernen, Hörer zu finden die mich hören, die mich deswegen verstehen, mich wahrhaft auslachen können und ich werde vollkommen entblößt, doch überzeugt von der Entscheidung dafür, vor ihnen liegen, mich wälzen und drehen, verkrümmen. Und du? – Wirst über mir stehen und lächeln, … mit deiner unsichtbaren Schwäche im Gesicht, deinem Stolz, denn du, du, hast dich den Pausen verschrieben, dem Schweigen, den Leerstellen. Ich stehe auf. Ich gehe. Du winkst. Und lächelst…

by Anonym in Restrealität


In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Alle mögen Björn. Auch Katharina, die alle Kathi nannten, außer er. Jeder Name hat es verdient komplett zu sein, sagte Björn immer, für ihn war es ein Zeichen des Respekts.

Seit ihrem ersten Treffen hatte es ein Jahr, elf Monate und neunzehn Tage gedauert, bevor Katharina langsam herausfand dass Björn sie belog. Drei Monate und vier Tage später stritten sie sich zum letzten Mal. Es war kein Hollywood-Streit, statt Tellern flogen Anschuldigungen, Schimpfworte und Tränen. Alles Dinge, die mehr wehtun als zerbrochenes, mit Blumen bemaltes Porzellan. Sie wollte sich nicht von ihm trennen, doch schlussendlich hatte sie begriffen dass sie nicht ihn liebte, sondern den Traumprinzen den er für sie erschaffen hatte. Ihr schien als seien die letzten beiden Jahre mit ihm nie da gewesen, als würde sie plötzlich einem völlig fremden Menschen gegenüber stehen, der äußerlich nach dem aussah wonach sich ihr Herz sehnte, innerlich jedoch ein ganz anderer war, und während das anderswo nur eine Metapher ist, so entsprach es hier der Wahrheit. Björn wollte sich auch nicht von ihr trennen, obwohl er es hatte kommen sehen war sie immernoch diejenige bei der er sich selbst seine Liebe fast abgenommen hatte. Fast, und so verlor Katharina die Schlacht, Björn aber den Krieg, in dem er selbst sein größter Feind war. Doch er blieb gelassen.

Für Björn gibt es keine Freiheit. Freiheit bedeutet, der zu sein der man ist. Freiheit bedeutet Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber, etwas was wohl nicht auf der Liste der Dinge steht die Björn ausmachen. Es fing ganz klein an, eine kleine Bemerkung, eine Meinung, ein einziges Wort, und schon begann der Baum der Lügen zu wachsen, zog seine Wurzeln durch ihre Beziehung und zeigte an der Krone das Bild eines Menschen der nur noch wenig mit dem tatsächlichen Menschen zu tun hat. Björn war ein toller Mensch, respektvoll, tolerant, liebevoll und schwer nicht zu mögen, ein stiller Begleiter, zufälligerweise genau der Mensch nach dem sie gesucht hatte, ihr Traumprinz, nach dem sie lange gesucht hatte. Ihm war es nicht so wichtig ob sie religiös war oder nicht, obwohl er selbst an keinen Gott glaubte tat er ihren Glauben nie als Humbug ab, oder versuchte sie davon abzubringen. Ihm machte es nichts aus dass ihr Sex größtenteils aus Blümchen bestand, obwohl er das Kama-Sutra bei sich im Schrank stehen hatte verlangte er von ihr nie mehr als sie wollte. Mit Katharinas besten Freundin, der Kuh mit dem übergroßen Ego, verstand Björn sich immer blendend, ihm machte es mehr Spaß in der Scheißkälte Schlittschuh laufen zu gehen anstatt den ganzen Tag im Bett zu liegen und sich Filme reinzuziehen, und sie war für ihn immer die Nummer 1. Björn war immer wie sie es sich wünschte, nur er selbst, der war selten.

Anfangs wusste sie das noch nicht. Anfangs weiß es niemand, manche wussten es nie, wissen es bis heute nicht, aber für Björn war da immer ein kleiner Schatten, tief in seinem Innern begraben, der mit der Zeit zwar kleiner und kleiner wurde, doch immer da war. Immer. Früher war es sein größter Wunsch gewesen möglichst gelassen zu sein, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, für die durch Emotionen angetriebenen Ausbrüche seiner Mitmenschen hatte er stets nur Verachtung übrig. Doch dann, eines Tages, merkte er dass ihr Preis teurer war als das was er durch sie gewonnen hatte. Der Fluch der Gelassenheit kostete Björn seine Liebe, seinen Hass und seine Trauer. Er hatte es erreicht, kaum mehr etwas konnte die Mauer um seine Gefühle durchbrechen, und plötzlich fehlte im etwas. Ihm wurde klar, Katharina hatte ihn nie geliebt, sie hatte ihn nicht mal gekannt, sie hatte sich in das verliebt was aus ihm geworden war, das was er für sie geworden war, und er hatte sie nie geliebt, er mochte nur die Vorstellung von wahrer Liebe, von einem Topf und einem Deckel die aufeinander passen, einer Scheinwelt, die er erschaffen hatte.

Der Übergang hat gedauert, verlief schleichend, und heute weiß Björn nicht einmal mehr womit, oder warum es damals begonnen hat. Aus dummer, naiver, aber echter Wahrheit wurde Schweigen, ein großes Schweigen, dass keinem zustimmt, aber auch nie anderer Meinung ist. Lieber ließ er andere im Glauben Recht zu haben, anstatt einen Keil zwischen die Beziehung zu stampfen, so dachte er anfangs. Die Taktik funktionierte gut, alle mochten ihn, und mit seiner Moral kam er in Einklang indem er sich immer wieder sagte er habe seine Prinzipien nicht verraten, er könne nichts dafür wie andere sein Schweigen interpretieren. Das Argument eines Kindes, des Kindes das er damals war. Er unterdrückte sein Ich, und gaukelte seinen Mitmenschen damit Toleranz und Gleichgesinntheit vor. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr aus, irgendwann merkte er wie leicht es war zu sehen wonach sich andere sehnen. Er fing klein an, er veränderte seine Vergangenheit, er erzählte Geschichten anders und gab Entscheidungen anders wieder, er pflanzte seine Wurzeln um, für sie, oder ihn, oder sie. Er merkte wie leicht es ihm fiel, und so kamen die Lügen in der Gegenwart an, bekamen Hand und Fuß, aus Björn wurde ein anderer Mensch, und der Baum wuchs. Er hatte Erfolg mit dem was er tat, die Leute mochten ihn, manche liebten ihn, und er bekam immer mehr Übung darin jedem ein anderes, passendes Bild von sich zu zeigen, Gefühle vorzutäuschen und die Wahrheit immer weiter zu vergraben. Es war kein Spiel mehr, sein Leben war zu einer großen Lüge, zu einer großen Täuschung geworden, was gerade die Menschen betraf die ihm am nähsten standen. Die, die ihn am allermeisten liebten, bekamen die größten Lügen aufgetischt, denn sie waren es deren Verlust er am meisten zu verhindern versuchte, sie waren es für die er sich komplett aufgab.

Doch das war nicht das Ende, den letzten Schritt auf seinem Weg ging er ohne es zu wissen. Björn war 21, als ihm eines Tages bewusst wurde dass er angefangen hatte seinen eigenen Lügen zu glauben, dass er nicht mehr wusste was er fühlte, dass er im Grunde gar nichts mehr fühlte, nur noch zeigte was von ihm erwartet wurde, dass er zig verschiedene Menschen war. Irgendwo zwischen all den Lügen hatte er sich selbst verloren, er konnte graben so tief er wollte, die Gedanken und Emotionen die er fand waren nur Bruchstücke von dem was er wirklich war, und nicht mal bei ihnen wusste er ob sie wirklich wahr waren. Plötzlich war aus dem Baum ein Wald geworden, und er fand nicht mehr heraus. Plötzlich war das Schweigen kein Mittel zum Zweck mehr, sondern das einzige was er noch tun konnte ohne sich selbst zu fragen ob er es war, oder jemand anderes, den er irgendwann mal für einen Freund, seinen Vater oder eine Freundin erschaffen hatte. Sein Geist hatte die Lügen legitimiert, indem er die Wahrheit sterben ließ.

Es war die Zeit der großen Entscheidungen, als Björn klar wurde, dass die Mauern die er erbaut hatte ihn nun selbst ausschlossen, dass er weder Ja noch Nein sagen konnte. Ihm wurde bewusst dass jeder, der sich selbst für jemand anderen aufgibt, und sei der Gedanke dahinter auch noch so nobel, aufhört zu existieren, und damit die Liebe zu Grabe trägt. Er stand vor einem großen Fragezeichen, er wusste nicht wie weit er seinen eigenen Gedanken trauen konnte, er wusste nicht mehr was er wollte oder wohin ihn sein Leben führen sollte. Alles was er wusste war dass er sein halbes Leben damit verbracht hatte nicht zu lieben, nicht zu trauern, nicht zu weinen, nicht zu lachen und nicht zu hassen, dass alles nur ein einziges großes Schauspiel gewesen war, und dass es das war, wonach er sich jetzt am allermeisten sehnte, zu lachen und zu weinen, alles, bloß keine Gelassenheit. Er fühlte sich leer, so verdammt leer, ohne auch nur grob seine Zukunft vor Augen, ohne Menschen die ihn wirklich kannten, und fing an zu kämpfen, die unangenehme Wahrheit der angenehmen Lüge vorzuziehen, immer ein kleines bisschen mehr, immer weiter zu sich selbst, Menschen verlieren, Wahrheit gewinnen.

Nach Zwei Jahren, zwei Monaten und 23 Tagen mit Katharina hatte Björn eine weitere Schlacht im Krieg gegen sich selbst verloren. Heute bin ich 24 und kämpfe immernoch.

“Lieber als Liebe, als Geld, als Ruhm, gebt mir Wahrheit.”

- Chris McCandless

Danke Björn. Foto

by yeahs in Restrealität