Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse…
— 48 Stunden früher —
Ich wache im Wohnzimmer auf. Es ist halb neun morgens. Mir läuft die Brühe zwischen die Brüste, die Arschbacken, die Zähne. Es ist heiß. Ich stinke. Nein, mein Bruder stinkt. Der liegt mit verkrusteten Augen in seiner Schweißlache, eine Couch weiter. Er schnarcht. Im Rhythmus seines Atems blubbert Rotze aus seiner Nase. So friedlich.
Ich wecke ihn mit einem Liter kaltem Wasser.
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Meine Brüder heißen für mich schon immer Leslie Nielson und Milhouse. Der Einsatz dieser Namen ist völlig flexibel, mal ist es der eine, mal der andere – je nach Grad ihrer auswechselbaren Komik. Es hat sich so eingebürgert, und ist meine Rache für die ganzen Kniffe, Bisse, Gesichtsfurze und den Schwitzkastenterror, den ich mein Leben lang ertragen musste. Sie hassen es und ich bekomme regelmäßig Nippeltwister für diese Unworte ab. Das ist es mir wert.
Les und Mil sind also bei mir zu Besuch, in Berlin, und bereits nach einer Nacht ist eine nur unter Geschwistern bekannte Spannung zu bemerken. Früher hätten wir unsere Supersoaker aufgeladen und einen unbeobachteten Augenblick abgewartet. Heute: Krieg und Ausnahmezustand.
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Ich gucke Fernsehen, zappe, die Fernbedienung locker in der Hand haltend. “Hör mal auf umzuschalten und lass jetzt mal den Scheiss auf RTLII gucken”, höre ich Leslie maulen.
“Nein.” Ich zappe weiter.
“Ey, ohne Mist, du bist übertrieben behindert. Gib mir jetzt die Fernbedienung!”
“Nein. Ich wohne hier. RTLII ist für arme Loser.”
Ich höre seinen Kampfschrei zu spät, halte rechtzeitig mein Knie hoch um ihm Schmerzen zuzufügen, muss mich aber geschlagen geben. Die Schlacht um die Fernbedienung war dank meiner Porzellanknochen verloren, die Nacht wurde bei 35° im Schwitzkasten verbracht.
“LASS MICH LOS DU HURENSOHN!”
“HA HA, meine Mutter ist auch deine Mutter!”
“NEIN MAN DU BIST ADOPTIERT UND DEINE MUTTER IST NE HURE JETZT LASS MICH LOS!”
Der Schwitzkasten wird enger gezogen.
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Nielsen und Milhouse besprechen lautstark die dem Realismus getreue Umsetzung der BangBus Pornos auf YouPorn in der S-Bahn. Ein Penner setzt sich ob dieser ordinären Konversation ein Abteil weiter. Ich setze mir meine Kopfhörer auf und sehe nur zu, wie sie mich mit Grimassen verunsichern wollen.
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Wir zocken Playstation, ich verliere. Milhouse muss als jüngster das ganze Wochenende Sklave spielen und das Kabel für den Fernseher halten, damit das Bild nicht rauscht. Wir lassen ihn alle 10 Minuten Pause machen.
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Wenn mein älterer Bruder, Leslie Nielsen, sich dazu entscheidet mich zu ärgern, hält er mir seine Füße ins Gesicht (er ist bei der Bundeswehr und muss jeden Tag viele Kilometer mit diesen Hornhautmonstern laufen, außerdem wachsen ihm Haare an der Fußsohle) oder er fängt an, mich spontan zu kitzeln. Was er jedoch unter “Kitzeln” versteht könnte auch ganz einfach als Geheimdienst-Folter durchgehen.
Nach einer kurzen Ohnmacht (Sauerstoffmangel) komme ich wieder zu Bewusstsein und trete ihm in die Eier.
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Wir sitzen auf einer Brücke und vergeben gelbe, rote und schwarze an mittelschöne, hässliche und hartgeile Schnitten. Als die ersten schwarzen Karten vorbei laufen, steht Milhouse auf, zieht seine rutschende Hose hoch und ruft den Perlen “HOLA CHICAS WOLLT IHR HEUTE NICHT MAL MIT UNS PARTY MACHEN” hinterher.
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Ich reisse Milhouse im Schlaf drei Nasenhaare mit meiner Pinzette. Er jagt mich eineinhalb Stunden lachend durch die Wohnung, weil die Umsetzung dieser Idee genial war. Wir gehen uns in aller Freundschaft einen Döner holen. Er stopft mir die Reste in die Unterhose. Eine weiteres Designerstück von H&M ruiniert. Ich bin dankbar, keinen Kaugummi im Haar zu finden und freue mich bei diesem Glück. Meine Mitbewohnerin sperrt sich leise in ihrem Zimmer ein und ruft die Polizei.
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“Lass mal Mäcces.”
“Abtörn”
“Dann koch mal Freeesen”
“Abtörn”
“Ey du bist SO EINE BEHINDERTE GASTGEBERIN!”
“Was willst du mit deinem Gast Spast, als ob ich hier Hotel bin oder was!”
“Ähähähähähähä, blah blah blah, laberst scheisse und so!”
“Ey was willst du von mir du Hirsch lass mich in Ruhe LASS MICH LOS HÖR AUF AUA DAS TUT WEH AAAAH JA IST JA OK ICH BESTELL PIZZA das sag ich Mama du ArschloJA IST JA GUT ICH GEH DOCH SCHON!”
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Die Temperaturen backen draußen neue Lebewesen. Die Klimaanlage im Auto ist auf 15 Grad gestellt. Meine Lippen sind blau angelaufen. Nielsen trollt und lacht sich über mich tot. Ich rufe meine Mutter an und petze, doch sie lacht nur und entscheidet sich gegen ein Eingreifen ((sie nimmt ihre eigene Autorität, seitdem wir ausgezogen sind, auch nicht mehr wirklich ernst, was sich zunehmend als Problem entpuppt, und den Vater anrufen ist nach vielen Überlegungen einfach zu riskant, es ist nämlich gut möglich dass ich dabei selber für irgendetwas Ärger bekomme)) Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse.
Er brüllt zurück, voller Wut und Hass, und versucht mich einarmig in den Oberschenkel zu kneifen (ich wehre seine nach hinten grapschende Hand mit Bissen und Tritten ab) während Milhouse irgendetwas von Kurt Russel und Jean Claude Van Damm und ihrer absoluten Unfehlbarkeit erzählt. Wir schaffen es irgendwann einfach in ein Koma zusammen zu brechen, aus dem wir mit einer Vollbremsung geweckt werden.
Zu Hause angekommen verschwinden wir alle in unseren Zimmern, nachdem wir uns mit weiterem Gekreische und Rechtfertigung vor unseren Eltern den letzten Abschiedsgruß in den Sack getreten haben. Ich frage mich, ab wann es meinen Eltern eigentlich egal war, dass wir Schimpfwörter wie “Scheisse” und “Ficken” benutzen.

Broes Before Hoes, alter.