Life of Y

Veröffentlicht February 1, 2011

Menschen ziehen an fremde Orte auf der Suche nach einem besseren Leben. Das bessere Leben erweist sich meist in der Reise selbst, zumindest müssen das viele bisher so festgestellt haben, denn es hat sich herumgesprochen und heutzutage ist es normal, ja verdammt noch mal erwartet, dass man den Arsch hochbekommt und weggeht um vielleicht, eventuell, mit Zufriedenheit zurückzukommen, oder, im wortwörtlichen „sehnsüchtigem Sinn“, irgendwo das bessere Leben tatsächlich zu finden.

Ich habe Menschen kennen gelernt, die sind stehen geblieben. Nicht anders, als auch in ihrer Heimat, nur eben woanders. Im seltensten Fall war diese Entscheidung aufgrund von örtlicher Begebenheiten getroffen worden, sondern aufgrund von Umständen; Menschen, die man trifft und die zu Freunden werden, Arbeit, die man schon immer machen wollte und plötzlich (oder zufällig) angeboten wird. Wenn man das Meer und den ewigen Sonnenschein addiert, erscheint einem alles viel einfacher als in, sagen wir mal, Deutschland.

Für mich war (und ist) Berlin ein Ort, der mir vieles beigebracht hat, mir in einer ausschlaggebenden Phase des Lebens bei- oder im Weg stand, aber immerhin immer da war, wenn ich ihn gebraucht habe. Der Grund für meine Reise – und das wird mir jetzt erst klar – ist gar nicht die Flucht gewesen, oder sogar die Suche nach einem besseren Leben. Die Reise war (und ist) ein wohlgeformter, mit dem Zirkel gemalter Kreis, der mich immer wieder ohne Anfang oder Ende nach Berlin zurückbringen wird. Um für immer irgendwo bleiben zu wollen, muss man sich sicher sein, dass man nirgendswo anders sein möchte. Ich dachte, ich könnte mir das per Anhalter durch sieben Kontinente beweisen, mein Herz beweist mir allerdings etwas anderes: die schönen Länder, Städte und Gelegenheiten der Welt verblassen im strahlenden Sonnenschein der fantastischen Begegnungen und der dadurch entstandenen Freundschaften, die damals in Berlin ihren Platz gefunden haben. Meine Freunde und mein Leben, das ich verlassen habe, haben mich nicht verlassen. Niemals. Und mein Heimweh ist keine Sehnsucht nach Sicherheit oder Commitment oder Settlement; mein Heimweh ist pure Liebe und ein Herz, platzend vor Glück, das viel aufnehmen und durchstehen und ertragen kann, ohne jemals aufzuhören für die Menschen zu pochen, die das magische Berlin zu meinem zu Hause gemacht haben.

Ich bin mir bei all dem, mit meinen unglaublich jungen zweiundzwanzigeinviertel Jahren ziemlich sicher. Wieso – diese Frage wird sich wohl kaum jetzt beantworten lassen – fällt es mir also so schwer, von meiner Reise Abschied zu nehmen und nach Hause zu finden? Genauso schwer, wie vor meiner Reise Abschied von meiner Heimat zu nehmen? Oder von meiner Familie, als ich ausgezogen bin? Von meiner Schule, als ich Abitur gemacht habe?

Jede Entscheidung weiterzuziehen wurde bewusst abgewogen, jedes einzelne Mal habe ich mich schlecht gefühlt, nur um nach wenigen Monaten des Durchbeissens an ein Hoch zu kommen, dass ich mir nie erträumt hätte… um dann alles abzubrechen und wieder weiterzumachen. Nur zu gerne würde ich die Ironie des Schicksals für so viele Widersprüche verantwortlich machen, aber ich weiß es viel besser: es muss so sein. Denn wie in jedem Kreis gibt es nicht nur Abschiede, sondern auch Widersehen.

Und auf die freue ich mich ganz besonders.

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Frühlingskippe

Veröffentlicht March 15, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rhomer und um das alles zu begreifen
wird man was man furchtbar haßt, nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.

Ich stehe auf dem Balkon. Es ist Frühling, noch nicht wirklich warm, aber warm genug, um eine Weile im Sonnenlicht zu stehen und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Ich blicke an den dreckigen Betonwänden des Plattenbaus gegenüber vorbei auf das erste aufkeimende Grün des dahinterliegenden Parks und mache mir Gedanken darüber, wie oft ich diesen Weg in den letzten drei Monaten zu dir gegangen bin.

Meine Lippen sind trocken, der Balkon ist dreckig und unten tragen die ersten Alkoholiker ihre Pfandflaschen zum Supermarkt um die Ecke. Die Sonne scheint, ich möchte einen Schnaps. Stattdessen zünde ich mir noch eine Zigarette an. Wie lange stehe ich hier schon?

Ich habe Hunger. Wir haben noch nicht gefrühstück oder geduscht. Dein Geruch liegt noch auf mir und das leichte Brennen an meinem Hals zeugt von deiner rastlosen Stutenbissigkeit, mit der du mich durch die Nacht getrieben hast.

Ich drehe mir langsam eine weitere Zigarette. Unten auf der Straße spielen Kinder in Anziehsachen, die ihnen ihre Eltern bei billigen Kleidungsdiscountern gekauft haben. Ich höre den Hund von Simone aus der Wohnung im ersten Stock bellen und denke mir, dass sie sich bestimmt über einen gemeinsamen Kaffee freuen würde. Man kennt sich.

Mich fröstelt ein wenig. Trotz der Sonne ist es doch kalt genug, dass ich eine Gänsehaut bekomme, während ich, unter dem Versuch meine Fassung zu bewahren, in meinen Taschen zum wiederholten Male nach meinem Feuerzeug suche. Manchmal sind Automatismen das einzige, was einem in bestimmten Situationen bleibt.

Drinnen höre ich dich lachen. Ich inhaliere so tief, dass mein Magen rebelliert und ich meine ganze Kraft darauf verschwenden muss meine grüne Galle nicht über die Balkonbrüstung zu entleeren.

Langsam spüre ich, wie die Taubheit der letzten Minuten von mir weicht, welche bis dahin noch Kontrolle versprochen hat. Meine Augen erden feucht und ich versuche mich auf das Zwitschern der Vögel zu konzentrieren, um dem Drang der Tränen nicht nachgeben zu müssen.

Die Balkontür hinter mir wird zu einer Mauer, deren Höhe und Breite sich meiner Wahrnehmung entzieht. Was allerdings durchdringt ist deine Stimme und ich zwinge mich, den Blick in Blocktristesse des Ghettos gerichtet, einen weiteren Zug zu nehmen.

Ich zittere, nicht nur vor Kälte, stehe rauchend im Frühlingssonnenschein und warte darauf, dass du endlich aufhörst mit ihm zu telefonieren.

 
 
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