Es gibt tausende Gründe, mit dem Rauchen aufzuhören. Geld und Gesundheit, aber auch stinkende Hände, gelbe Zähne, Umweltverpestung und die Unterstützung einer ziemlich gefährlichen Lobby. Jedes Mal, wenn ich wieder einen Anlauf mache, um aufzuhören, habe ich diese ausformulierte Illusion einer neuen Realität, eines neuen Lebens: ich werde besser aussehen, keine Falten werden sich um meine Augen bilden, ich werde frischere Haut haben und schneller laufen können. Meine Haare werden glänzen, meine Zähne werden wieder weiß, ich rieche nach Holunderblüten und Schokoladenkuchen.
Meine Nase wird nicht mehr laufen, mein Hals wird nicht mehr weh tun, ich werde so viel Geld sparen, dass ich mir innerhalb weniger Wochen auch noch Fett absaugen lassen kann. Wenn ich nur mit dem Rauchen aufhöre, dann ändert sich alles zum besseren. Es ist dieses eine, dumme Laster.
Leider ist es auch genau diese Vorstellung, die mich dann immer wieder zurückwirft. Denn sobald ich aufhöre, sobald mich kein Qualm mehr umgibt, fällt mir erst mal auf, wie sich gar nichts verändert. Ich habe keine Zigarette mehr in der Hand, aber es bleibt alles beim Alten, und die Treppen laufe ich jetzt auch nicht schneller rum. An dieser schwachen Stelle kratze ich mir den Kopf und frage mich, wieso ich mir selbst diese schöne Illusion, “alles wird eines Tages besser, wenn ich mit dem Rauchen aufhöre” nehme, nur um dann mit der tristen Wahrheit konfrontiert zu werden: nichts wird besser. Ich habe lediglich eine Sache weniger, über die ich mich aufregen kann.
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rhomer und um das alles zu begreifen
wird man was man furchtbar haßt, nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.
Ich stehe auf dem Balkon. Es ist Frühling, noch nicht wirklich warm, aber warm genug, um eine Weile im Sonnenlicht zu stehen und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Ich blicke an den dreckigen Betonwänden des Plattenbaus gegenüber vorbei auf das erste aufkeimende Grün des dahinterliegenden Parks und mache mir Gedanken darüber, wie oft ich diesen Weg in den letzten drei Monaten zu dir gegangen bin.
Meine Lippen sind trocken, der Balkon ist dreckig und unten tragen die ersten Alkoholiker ihre Pfandflaschen zum Supermarkt um die Ecke. Die Sonne scheint, ich möchte einen Schnaps. Stattdessen zünde ich mir noch eine Zigarette an. Wie lange stehe ich hier schon?
Ich habe Hunger. Wir haben noch nicht gefrühstück oder geduscht. Dein Geruch liegt noch auf mir und das leichte Brennen an meinem Hals zeugt von deiner rastlosen Stutenbissigkeit, mit der du mich durch die Nacht getrieben hast.
Ich drehe mir langsam eine weitere Zigarette. Unten auf der Straße spielen Kinder in Anziehsachen, die ihnen ihre Eltern bei billigen Kleidungsdiscountern gekauft haben. Ich höre den Hund von Simone aus der Wohnung im ersten Stock bellen und denke mir, dass sie sich bestimmt über einen gemeinsamen Kaffee freuen würde. Man kennt sich.
Mich fröstelt ein wenig. Trotz der Sonne ist es doch kalt genug, dass ich eine Gänsehaut bekomme, während ich, unter dem Versuch meine Fassung zu bewahren, in meinen Taschen zum wiederholten Male nach meinem Feuerzeug suche. Manchmal sind Automatismen das einzige, was einem in bestimmten Situationen bleibt.
Drinnen höre ich dich lachen. Ich inhaliere so tief, dass mein Magen rebelliert und ich meine ganze Kraft darauf verschwenden muss meine grüne Galle nicht über die Balkonbrüstung zu entleeren.
Langsam spüre ich, wie die Taubheit der letzten Minuten von mir weicht, welche bis dahin noch Kontrolle versprochen hat. Meine Augen erden feucht und ich versuche mich auf das Zwitschern der Vögel zu konzentrieren, um dem Drang der Tränen nicht nachgeben zu müssen.
Die Balkontür hinter mir wird zu einer Mauer, deren Höhe und Breite sich meiner Wahrnehmung entzieht. Was allerdings durchdringt ist deine Stimme und ich zwinge mich, den Blick in Blocktristesse des Ghettos gerichtet, einen weiteren Zug zu nehmen.
Ich zittere, nicht nur vor Kälte, stehe rauchend im Frühlingssonnenschein und warte darauf, dass du endlich aufhörst mit ihm zu telefonieren.