Syrian Brainwash

Syrian Brainwash

Über Whatsapp kommuniziert es sich ganz gut nach Damaskus. Andere Probleme als die, die man täglich den Nachrichten entnehmen kann, sind wichtiger. Da gibt es noch Schule und persönliche Krisen innerhalb der Familie. Das Setting wird zwar erwähnt – im Hintergrund der Bürgerkrieg, im Vordergrund wie immer der leidige Alltag -, ist aber eher so etwas wie die Landschaft auf dem Greenscreen. Ob Bomben oder Palmen als Tapetenmuster ist eigentlich auch egal.

Auf Facebook werden Status Updates über Herzschmerz und Miley Cyrus geteilt. Urlaubsbilder aus Beirut, geschossen vor einigen Wochen. Der Effekt mag für diejenigen vor Ort einleuchtend sein, in mir explodieren innerlich die Widersprüche in einem lichterlohen Inferno der Verwirrung. Was die Medien berichten: grausame Gasangriffe, potenzieller Eingriff viel größerer Militärmächte, Tote am Straßenrand, Kinder die ihre Eltern verlieren, keine genaue Trennlinie von Gut und Böse. Ständig die Angst vor dem Anruf. Stattdessen Eilmeldung per Whatsapp: ein lustiges YouTube-Video.

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Kaum einer berichtet von den wohlhabenden syrischen Sunniten, die im Schatten des Präsidentenpalasts in Damaskus noch geschützt sind. Sie würden sich nicht als Anhänger des Regimes bezeichnen, haben sie doch bislang ein gutes Leben mit “ehrlicher Arbeit” führen können, was auch immer das sein mag. Ihre Angst vor der Opposition ist größer, denn jegliche (vor allem das, was im Westen so bezeichnet wird) Freiheit wird ihnen von fundamentalistischen Idioten genommen oder – noch schlimmer- von den Amerikanern (/Israelis) aufgezwungen. Dem Regime treu aus Angst vor der Veränderung, deshalb so ignorant gegenüber Opfern von Gasangriffen und Granatenwerfern?

Kein Kopftuch tragen müssen, in gemischte Schulen gehen, Urlaub in Kalifornien machen, kurze Hosen tragen: das kann man in Damaskus durchaus. Konnte. Nicht jeder. Eine ganzheitliche “Aufklärung”, wenn man das nun an diesen kleinen Dingen so benennen möchte, fehlt in den unteren sozialen Milieus. Dort fehlt einiges: Schule etwa, oder faire Arbeit. Trotzdem. So heuchlerisch es sein mag, das ist eine eigene Art von sich breit machender Freiheit, die nun durch potenziellen Eingriff in den Krieg von Außen genommen wird. Was passiert dann? Wer sind die, die gegen das Regime arbeiten? Islamisten? Oder die gleichen fähigen Menschen, die bereits in Ägypten ihr bestes versuchen?

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Dass es kein Schwarzweiß-Denken hier gibt ist ein Konflikt, der nicht nur außenpolitisch große Kopfschmerzen bereitet. Wie fragt man seine Verwandten: auf wessen Seite stehst du? Und sie dann nicht zu verurteilen. Wie versucht man sich mit ihnen zu solidarisieren – immerhin sind sie es, die leiden müssen – ohne seinen eigenen, relativ objektiven Blick zu forcieren? Sie sagen “wir gehen nicht, bis wir mit unserem Land zufrieden sind oder sterben”, obwohl sie es sich leisten könnten einfach abzuhauen. Tschüss. Ins Asylheim nach Hellersdorf? Auf gar keinen Fall. Wie diese Araber eben sind: “Mein Land ist mein alles. Mit all seinen Fehlern ist es perfekt. Die westlichen Medien erzählen nur Scheisse.”

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Sie lacht. Nichts wird vorbei sein wenn sich Russland und die USA einig werden. Es wird weitergehen. Wir können nicht aufgeben. Wir sind die letzten, die gegen Israel kämpfen.

September 14th, 2013 Posted in Crystal Meth | 3 Comments »

SYRIAN DABKE

Mit meiner Familie ist es wie mit einer schlechten Tragikomödie über Immigranten in Deutschland, die beim FilmFilm am Mittwoch auf Sat1 gezeigt wird: ordentlich fehlgeschlagen. Dafür kann keiner was. Allah wollte die Atombombe aller Familienstrukturen zünden, auf repeat stellen und dazu ein bisschen Dabke tanzen. Eigentlich ist dieser Tanz geradezu die beste Metapher für unsere katastrophale Mischpoke: jeder steppt seinen eigenen Scheiss zusammen weil keiner Bock drauf hat aber irgendwer bestimmt beleidigt ist über die Unhöflichkeit auf dem Stuhl sitzen zu bleiben.

Wir sind, rein individuell gesehen, jeder ein kleines Kunstwerk für sich. Mein kleiner Bruder ist pumpender Medizininformatikstudent der Beats produziert, mein großer Bruder sitzt bei sechs Jahren beim Bund und hat immer noch keinen XBox Rekord geknackt, mein Vater ist halb-taub, halb-blind und schreit deshalb sinnlos durch die Gegend und meine Mutter hat sich irgendwann “well fuck all that shit” gedacht und die Karrierekurbel gedreht. Jetzt macht sie Ministerium-Hopping in Hessen und hofft darauf, die erste schwarze Präsidentin der BRD zu werden.

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November 7th, 2012 Posted in Crystal Meth | 4 Comments »