Als mein kleiner Bruder in der Grundschule war sollte einen Aufsatz über seine Familie schreiben. Ich erinnere mich daran, weil ich ihn zur Strafe für das Resultat an den Kompost-Zaun kettete, ihm gammlige Socken in den Mund stopfte und den ganzen Tag Simply Red laufen ließ.
Ein Satz, für den er heute noch bei jeder Gelegenheit fette Nackenschellen kassiert.
“Ich habe eine große Schwester, sie ist fett und ihr bester Freund ist der Computer.”
Ich weiß, schwer vorstellbar, dass ein so intelligentes und bezauberndes Wesen wie ich jemals in solch eine prekäre Situation der Verleumdung geraten würde, aber… es stimmt. Ich war fett. Oh Boy. Ich war so fett, ich hätte praktisch den Mond ersetzen können. Aber darum geht es jetzt hier nicht.

Es geht um die Entwicklung von Kids meiner Generation, die vom Internet erzogen wurden (frage mich, inwiefern sich hier „fett“ und „Internet“ bedingen). Das ist keine Aussage über die Fehlerziehung meiner Eltern, die haben alles richtig gemacht. Immerhin verkaufe ich weder Drogen an Kinder, noch haben sie mir das Tattoo erlaubt, dass ich mit zwölf Jahren haben wollte. Es war ein Tribal. Danke Mama.
Heute ist das Standard. Morgens E-Mails, nachmittags Surfen, ein paar Songs runterladen, Status updaten, Restaurant suchen. Nachts die Fetischpornos. Normal. Das war’s vor 10 Jahren noch nicht. “Du chattest? Was ist chatten? Mit wem chattest du denn? Was gibt’s denn zu chatten?” Keine Ahnung. Ich weiß es nicht mehr.
Ich weiß nur, dass es Menschen aus der ganzen Welt waren. Nerds, Studenten, Ärzte, Punks, Programmierer. Damals gab es ja auch kein “deutsches” Internet, nicht so wie jetzt. Da musste man gezwungenermaßen Englisch lernen. Aktzentfrei. Wer im IRC Chat mithalten wollte, der musste auch mit 10 Fingern tippen können. 104 Wörter pro Minute. Webseiten gab’s nicht auf Knopfdruck. HTML, CSS, PHP, Photoshop (zugegeben, talentlos). Wenn der PC kaputt war, musste man ihn selbst reparieren. Hardware, Software. Wenn die Eltern auf schmuddeligen Seiten surften, musste man die Kindersicherung selber einstellen. Privacy. Musik gab’s “kostenlos”. The Clash, The Cure, The Smiths.
Klar, auch heute kann das jeder haben. Die Frage ist wie dringend man es will, wenn es so selbstverständlich ist; wenn man nichts mehr entdecken muss, jedenfalls nicht so wirklich. Wieso holpriges Land wenn es Autobahnen gibt? Man, was für Harry Potter Hogwarts und für die anderen bekloppten Kinder Narnia war (ich hasse Narnia), das war das Internet für mich: Perspektive. Das Land der unendlichen Möglichkeiten. Ich entwickelte eine natürliche Neugier, weil sie gestillt werden konnte (so erkläre ich mir das natürlich im Nachhinein. Vielleicht war ich auch einfach nur ein Kellerkind und hatte keine Freunde). Man lernte zu lernen. Kochen? Internet. Schlösser aufknacken? Internet. Wände tapezieren? Internet. Kritisch denken? Zumindest teilweise Internet. Alle Voraussetzungen für meinen jetzigen Job? Definitiv: Internet.

Aber nur, weil ich jetzt so viel weiß und ein Genie bin (Achtung, abwertende Anmerkung die Sarkasmus impliziert, eigentlich aber ernst gemeint ist), heisst das natürlich nicht, dass wir deshalb die Schule abschaffen und stattdessen jeden Tag einen neuen Wikipedia-Artikel auswendig lernen. Ohne Schule wüsste ich ja nicht, wie ich mit offenen Augen schlafe. Und, okay, ich wüsste auch nicht wie ich meinen Horizont nicht nur über meine Interessen hinaus erweitere, sondern auch vertiefe.
On the left is Mr. Largo, my music teacher at school? He taught me that even the noblest concerto can be drained of its beauty and soul. - Lisa Simpson
Street Smart. So nennt man Menschen, die gelernt haben, mit den nötigsten Mitteln auf der Straße das Beste aus ihrer Situation zu machen. So ist es auch mit dem Internet gewesen (etwas weniger dramatisch vielleicht). Man wurde halt Netzmart (heh, ich weiß, “Net Smart”, “Netzsmart”, clever, heh).
Ja, es klingt noch einfacher heute, aber das ist es nicht. Ich schaue mir meinen kleinen Bruder an, die perfekte Zielgruppe für Küchenutensilien wie das iPad, und weiß, dass er niemals Netzmart sein wird. Netzmart ist nicht Google richtig benutzen oder Apps programmieren: es ist sich im Wirrwarr der Möglichkeiten durchschlagen und daraus lernen können, in einem eigentlich sehr beengtem Umkreis, gerade wenn man noch so jung ist. Aus einem Kaff-Kind wird ein virtueller Backpacker, ein Online-McGyver mit intrinsischer Motivation sich zu bilden, weil es plötzlich geht.
Selbstverständlichkeit hin oder her, viele werden wahrscheinlich auch ohne diese Erfahrung lernen zu lernen und auch umzusetzen, es gibt einen Haufen cleverer Kids da draußen, die auch über Abschlüsse und den ganzen System-Firlefanz mit Schule/Studium/Sterben hinaus erfolgreich sein werden. Nur tendenziell werden es eher weniger als mehr, zumindest habe ich das im Gefühl (FYI, Gefühl ist das neue empirische Wissenschaft).
Vielleicht ist es auch nur die Wehmut; zu wissen, dass meine Schulzeit vorbei ist und die globale Vernetzung nur dann funktioniert, wenn man seine Comfort-Zone verlässt und auch in der Realität zu leben weiß. Vielleicht werde ich nur alt und habe das erste Mal das Gefühl, auf eine “Ära”, wenn auch eine persönliche, zurückblicken zu können.
Und vielleicht – aber nur vielleicht – braucht der kleine Bruder einfach nur mal wieder eine Nackenschelle dafür, dass er immer noch mit dem Internet Explorer surft…





