"Girl gone wide."


Info

Posts tagged tod

Choose another tag?

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Du hast mich gefragt: wo ist die Wut hin? Der Schmerz. Der Jähzorn. Diese Lust, etwas anzuzünden, dieses Brennen danach, jemanden zu treten und zu schlagen und sich zu wehren und alles in Grund und Boden zu schreien- die Wut auf die Eltern und darauf, dass jeder Mensch in eine ungerechte Dimension an Scheisse geboren wird, durch die er sich durchwühlen muss? Wo sind die mit Fäusten in den Himmel gereckten und mit erhobenen Köpfen durch den Horizont bohrenden Dämonen, die niemals aufgeben wollten, und die noch im Dreck an ihrer Wut festhalten konnten?

Da war die Schule, da waren die Vorurteile und die Wünsche und Vorstellungen, die man nicht teilte, und auf die man sich nicht einlassen wollte. Keine Kompromisse, keine Eingeständniss. Da waren jeden Tag die Vorwürfe, und jede Nacht die Freiheit sich in Tränen aufzulösen und in seine Kissen einzuschlagen, bis man vor Erschöpfung aufgab und seinen Träumen den Weg freigab.

Die im Delirium durchgestandenen Nächten mit den besten Freunden, die man so abgöttisch liebte, die die gleichen Gedanken dachten, die tanzenden Rebellen, die synthetischen Hirnficke, die Ignoranz und der Hass aller Teilnehmer der sich bündelte und zuletzt vom Schweiß der jugendlichen Angst weggespült wurde, bis es dann hieß: ich kann nicht mehr.

Die Furchtlosigkeit. Diese ewigen und epischen Schlachten gegen das eigene Gefühl, die Reflektionen im Spiegel, die man fort brüllte, die blutigen Arme, die man sich immer wieder aufkratzte, um aus dem einzigen Puzzlestück, das man besaß, ein ganzes Bild zu fantasieren. Um dem ganzen Problem, das man selbst war, und das die Welt um einen herum war, einen Sinn, eine Bedeutung, und zuletzt auch Halt zu geben. Man setzte sich in ein Auto voller Hofnarren, betrunken vor Schmerz und gesteuert von dieser blinden Rage, und man hielt seinen Kopf in den Wind und spürte die Tränen an den Wangen entlanglaufen und fragte sich alle wegweisenden Fragen, auf die heute immer noch keiner eine Antwort hat- Fragen, die keiner mehr stellt.

Und man fühlte sich angespuckt, von der Welt verachtet, von den Schönen geächtet, von den Intelligenten gehänselt und suchte ständig seinen Platz in dieser Mitte, umgeben von gleichgeschalteten Schafen, und man fühlte dieses Feuer, das einen so erzornte, so tief brennen, dass es von Null auf Dreitausend Grad und Jahre noch katapultieren sollte- so lange jedenfalls, bis nichts mehr davon übrig bleibt.

Bis jetzt. Es bleibt nichts zurück außer die Asche, die sich auf das halbzufriedene, apathische Wesen legt. Das, was sich nicht mehr gegen irgendwelche Ungerechtigkeiten erheben möchte. Das, was sich damit abfinden muss, sich über Wasser halten muss, Verantwortung tragen muss. Der Blick in den Spiegel spricht kein Urteil mehr aus sondern lediglich ein Gebet, endlich wieder Schlaf zu finden, endlich wieder ein lodern zu spüren, ein Funken Hoffnung darauf, dass man eines Tages vergessen könnte, was man mal war um blind weitermachen zu können.

Und die Songs, die man einst so liebte, sind schon lange keine Leidenschaft mehr wert. Und die Geisterschreie, die noch durch die Schulflure und Kinderzimmer hallen, echoen höchstens noch der kommenden Generation hinterher, die bald schon Wahlzettel unterschreibt und nicht mehr wütend ist. Nicht mehr wütend auf die Welt, nicht mehr wütend auf ihre Eltern, und nicht mehr wütend auf sich selbst.

Man blickt tief in das Loch hinein, kurz bevor man hineingetreten wird, und tut nichts dagegen. Man fühlt eine Erleichterung, dass es doch nun zu Ende gehen kann, dass man jetzt nicht meht weiter machen muss. Man setzt sich einen goldenen Schuss, und verabschiedet sich davon, dass alles Unheil dieser Welt nicht mehr auf den eigenen Schultern lastet.  Du hast das immer gewusst, das alles, und du wusstest auch, dass das Leben für diejenigen, die noch da waren, weiter gehen würde. Und das man vergessen würde, und dass die Wut eventuell verblasst. Das alles hast du gewusst. Ich hoffe, du wirst immer jung und wütend bleiben, Peter Pan.

by yeahs in Restrealität