Holy Other // HELD

Ich weiß, ihr alle hättet gerne zorningen, düster brodelnden, anonymen Sex in einem Hotelzimmer mit Film Noir Ästhetik. Ich weiß aber auch, dass ihr alle verpickelte Teenager seid, die nicht wissen, dass die Realität ganz und gar nicht so schweigsam, intensiv und heroinbespritzt ist. Ihr kriegt ausschließlich neonfarbige Bettwäsche mit Mickey Mouse Muster und habt Bordüren die zum Terrakotta-Anstrich in Schwammtechnik passen. Das ist ein hartes Schicksal für all die blühenden Hormone, das verstehe ich. Und deshalb soll wenigstens eurem Gehörgang ein bisschen geschmackvolle Zärtlichkeit gebühren.

Das neue Album “Held” von Holy Other – die mit “Touch” ja bereits einen auditiven Softporno erschaffen haben, der einem lange nicht mehr in Ruhe lässt – liefert auf jeden Fall die passende Stimmung für a) jede Beerdigung oder b) jedem Beischlaf, der in einsamen Tränen endet. Wie sehr die Leidenschaft der Geschlechter an Schmerz und düstere Abgründe grenzt, das muss jeder individuell herausfinden. Aber keine Frage: diese Musik ist tragisch in ihrer Ehrlichkeit. Weiche Synths und wortlose Harmonien umschlingen sich in schwarz-weiß, ergeben sich den Sollbruchstellen der Bassline und kreieren ein Nahtoderlebnis, das auf dem Höhepunkt nur noch mit einem Orgasmus verglichen werden kann: flüchtig und doch zeitlos, geheim und doch für jedermann zu sehen und zu empfinden.

Die entstellen Vocals und die Mollakkorde machen einen von Zigarettenrauch erfüllten Raum der Klänge. Held, ich kann es gar nicht anders sagen und verzichte auch nicht auf das offensichtliche Wortspiel, ist mein persönlicher Held und hat mich an verletzlichen Stellen berührt – so, wie es bisher nur Burial konnte (und dieser Vergleich mag zwar nicht abwegig sein, bringt es dennoch nicht auf den Punkt). Extase und Freudenrausche benebeln die Sinne in Form von Musik. Was soll ich noch sagen, außer, dass es für so etwas kein Genre gibt, kein Raster, in dass es sich einfügen kann? Es ist eine formvollendete Ausführung des Zeitgeistes, minimalistisch, düster, aber aussagekräftig und zwischen Hoffnung und dem definitiven Ende gefangen.

Die LP ist auf TriAngle erschienen, dem britischen Label, das auch How To Dress Well und Clams Casino vertritt. High Quality Supershit. Zu kaufen gibt es Held auf Amazon.

September 3rd, 2012 Posted in Musik | Comments Off

The Lost Art Of Pickpocketing

Als ich klein war, wollte ich viele Dinge werden, deshalb bringt es jetzt nichts in nostalgische Wege zu verfallen. Hervorheben kann man aber den intensiven Wunsch, eines Tages eine unglaublich intelligente (und verdammt gutaussehende) Diebin oder mindestens Spionin zu werden, zwei Berufe, die sich lediglich in ihrer Moral unterscheiden.

Nicht Geldgier oder Armut haben mich zu solchen verwerflichen Träumen animiert, lediglich die Herausforderung eines Jobs, der viel Smartheit verlangt und ein hohes Risiko bedarf. Ja, das sind die Dinge, die mich am Leben halten, so tragisch es auch klingen mag. Ich hatte mir das Training in einem rumänischen Zigeunerlager so vorgestellt wie die Schulung eines Ninjas: unfassbar schwierig, harte Aufnahmeprüfung, und so weiter, und so fort. Eine romantische Vorstellung, die aber scheinbar nicht nur meine ist, wie ich heute in diesem (traurigen) Artikel von Slate feststellen konnte.

But even if Fagins abounded in the United States, it’s unclear whether today’s shrinking pool of criminally minded American kids would be willing to put in the time to properly develop the skill. “Pickpocketing is a subtle theft,” says Jay Albenese, a criminologist at Virginia Commonwealth University. “It requires a certain amount of skill, finesse, cleverness, and planning, and the patience to do all that isn’t there” among American young people. This is “a reflection of what’s going on in the wider culture,” Albenese says. If you’re not averse to confrontation, it’s much easier to get a gun in the United States than it is in Europe (though the penalties for armed robbery are stiffer). Those who have no stomach for violence can eke out a living snatching cell phones on the subway, which are much easier to convert to cash than stolen credit cards, or get into the more lucrative fields of credit card fraud or identity theft, which require highly refined skills that people find neither charming nor admirable in the least. Being outwitted mano a mano by a pickpocket in a crowded subway car is one thing; being relieved of your savings by an anonymous hacker is quite another.

Meine eigene Motivation, diesen unglaublichen Beruf am Leben zu erhalten, beschränkt sich auf eine leicht kleptomantische Ader im zarten Alter von zehn Jahren. Ich habe damals herausgefunden dass die meisten Kindermagazine und -comics zu schlecht für mein Charles Dickens gewöhntes Niveau waren, und professionalisierte mich darin, lediglich die Überraschungen aus den Heften zu klauen. Jede Micky Maus Ausgabe in meinem Dorf musste regelmäßig dran glauben. Später brach diese kriminelle Ader wieder aus, wenn die Schlangen bei H&M zu lang waren, um eine halbe Stunde für Ohrringe zu verschwenden, aber ach, was soll ich sagen. Aus mir ist nichts geworden, und mein Talent beschränkte sich auf wertlosen Ramsch. Weshalb ich aufhörte.

Auch wenn ich diejenige sein werde, die abgezockt wird: ich bin froh, dass es die talentierten Pickpockets wenigstens in Europa noch gibt. Wir sollten manche Traditionen, so negativ sie sich auf das Individuum auch auswirken, einfach am Leben erhalten – für die Romantik.

February 25th, 2011 Posted in Gangster | 3 Comments »

Traumwelten

Ein Weinfest in der Heimat: es wird getrunken, es wird getanzt, es wird geflirtet und alle halten sich – auf eine ganz familiäre Art und Weise – für das Coolste, was es gibt. Es ist Fashion Week ohne die Anonymität (und mit einer schlechten Tanzkapelle, die mir die Ohren bluten lässt).

Alte Freunde, bekannte Gesichter, falsches und echtes Lachen, kleine Dramen, viel beschämtes Weggucken, weil man sich dann doch nicht gut genug kennt, und zwei Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit… kleine Konversationen werden angeknuspert, und plötzlich ist da auch so eine kleine Erkenntnis, dass die Menschen hier gar nicht so anders sind als die in der Großstadt. Nur das mit den Träumen ist so gegenwärtig.

Alle haben so viele Träume. Sie reden von Existenzgründungen, von Selbstständigkeit; von Reisen und von Ausbrüchen und von der trägen Berechenbarkeit ihrer Leben. Sie treffen sich jährlich am Weinfest und haben ihren Spaß, ja, aber mit Wehmut in der Stimme. Ich bin wie ein Tampon, der diese Träume aufsaugt und verwirklicht, und sie werden es nicht Leid, mir das zu erzählen: du bist nach Berlin gezogen, du hast etwas anderes gemacht, du hast Geld verdient, du machst so eine Reise. Es erklingt kein Unglück, das nicht. Sie sind zufrieden und glücklich. Aber da ist so eine Sehnsucht, wie Träumer sie verpacken. Diese Konnotation des Unwirklichen, Unschaffbaren, Unrealistischen. Das ist ein Traum. Es wäre schön, aber es ist nicht. Schön ist, was wir hier haben. Damit muss man halt leben.

Ich finde nicht, dass das die schlechtere Variante ist zu leben. Überhaupt nicht: Gelegenheiten kommen und gehen im Leben, manche Menschen haben mehr Glück, es gibt keine Gerechtigkeit und mal sehen, wie zufrieden oder unzufrieden ich in fünfzehn Jahren bin. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um die angeblichen Träume, denen man für ein glückliches Leben folgt. Ich bin glücklich. Ich bin jung, ja, da ist noch sehr viel Zeit für Unglück. Aber: Ich bin meinen Träumen nicht gefolgt. Weil es keinen konkreten Traum gab. Nur Hunger. Und Angst, sehr viel Angst, aber auch Entschlossenheit. Ich wollte machen, ich war ungeduldig, unzufrieden, und ich hatte Angst und ich habe immer noch Angst und ich werde wohl mein Leben lang Angst haben. Es ist so eine einfache und genauso berechenbare Formel gewesen wie das Einmaleins-Leben auf dem Land; es ist keine Pionierarbeit und es ist keine besondere Charakterstärke. Es ist nichts besonderes, aber im Kontrast wirkt es so.

In Berlin vergisst man das oft, weil so viele Menschen hergekommen sind, um Dinge umzusetzen. Ich sehe keine Träume in Berlin; maximal, wenn mir jemand Einsicht in seine Gedankenwelt gibt. Ich sehe nur Ergebnisse, ich sehe viel Kunst hier, ich sehe kreative Köpfe mit aufsteigendem Rauch aus den Ohrenkaminen, weil so viel gearbeitet wird. Eine unglaubliche Motivationsenergie, dieses kollektive “Schaffen”, nicht, weil man seine Aufgabe im Wirtschaftsrad unserer Gesellschaft erfüllt; vor allem wegen dem Hunger, den instinktiven Drang, diesen Hunger aber auch zu stillen und nicht nur auszuhalten.

Ja, es ist ein starker Kontrast. Nicht, weil hier Träume in Erfüllung gehen. Ich weiß nicht, was meine Träume sind. Ich weiß nicht, wie ich in 20 Jahren am zufriedensten bin – ich weiß nicht, was ich mal machen will, wenn ich groß bin. Ich mache einfach jetzt. Ich mache den ganzen Tag. Ich bin zukunftslos. Ich bin das schlechteste Vorbild, das man sich für ein Kind vorstellen möchte; aber in meiner Stimme erklingt keine Wehmut, zumindest noch nicht. Und ich gehe das Risiko ein, weil es keine Träume gibt, die ich mir verbauen könnte.

Vielleicht ja auch “Traum”, ein anderes Wort für Unzufriedenheit. Vielleicht sind Träume etwas für Unfallopfer, die keine Beine mehr haben und gerne wieder laufen möchten. Vielleicht sind Träume nur das, was wir in unserem Schlaf erleben. Vielleicht liege ich völlig falsch: vielleicht bin ich ein Loser der Träume, vielleicht nicht romantisch genug, vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der korrekten Definition.

Vielleicht ist wirklich nur der Weg das Ziel, und alles andere völlig nebensächlich.

July 18th, 2010 Posted in Berlin, Gangster | 3 Comments »