Was macht Jesse Boykins III anders (oder besser), als Rihanna’s We Found Love es jemals könnte? Eigentlich bestehen beide Songs, sogar beide Videos, aus denselben Zutaten: glitzerpoppige Synth-Rhythmen mit R&B-Stimme und Vintagefeeling. Es gibt womöglich nur eine kleine, feine Linie der Würzmischung, die dann das Rezeptergebnis abrundet, und obwohl ich verlockt bin hier die Köche aufzuführen (Calvin Harris vs. Gold Panda), komme ich eher zu dem Schluss dass das eineRezept nämlich das Original von Muttern ist, das andere die skalierte Formel für die Systemgastronomie.
Der Kantinenfraß ist notwendig und richtungsgebend und bereichernd, aber er enthält keine Vitamine und wahrscheinlich keine Inhalte, hat keinen gesellschaftlichen Mehrwert, dient nicht dem Genuss sondern nur der Sättigung und rechtfertigt nur noch die Existenz von Radiosendern und bedient Menschen, die sich gerne einreden, innerhalb der Populärkultur zur Subkultur zu werden.
Ich bin mittlerweile ein großer Fan von Jesse Boykins geworden, der sich perfekt in den aktuellen Synth-Bass-R&B-Post-Dubstep Trend einreiht, immerhin doch mit konsequentem Sound und sympathischer Bewandung. Sein Mixtape, Way Of A Wayfarer, welches ausschließlich von Gold Panda produziert wurde, kann man sich kostenlos herunterladen.
Wir müssen jetzt das als Wahrheit annehmen, was wir bislang nur vermutet haben (und mit “wir” meine ich hauptsächlich mich und meine Filzläuse): wir werden medial gespalten. Die Welt besteht nun aus zwei Lagern, denjenigen, die sich noch von Fernsehen und Radio und damit der kulturellen Geschmacklosigkeit zuballern lassen, und denjenigen, die im Internet ihre Heimat gefunden haben. Sie beißen sich im Archiv aller Möglichkeiten fest, um altes zu neuem zu machen und im Zuge dessen auch zu revolutionieren. Auf internationaler Ebene, eben im Internet.
Interessanterweise hängen beide Stränge aber untrennbar miteinander zusammen, denn die “Trends” kommen eben aus dem Internet (s. Lovestep Nation, oder: wie Dubstep sich in zwei Richtungen entwickelt, einmal nämlich in Richtung melodischer R&B und IDM, und ein einmal in “How Much Is The Fish” Verstümmlung), werden später aber potenziell genutzt, um ein Genre oder eine Bewegung kommerziell groß aufzublasen (und wieder so glatt zu produzieren, dass all das, was mal individuell und interessant daran war, kaputt gestampft wird).
Aber das sind nur einige Gedanken, die mich zum 90s Hip Hop Spirit bringen sollten, es leider aber doch nicht tun. Mein Punkt war eigentlich: auch Hip Hop entwickelt sich gerade in tausend plus fünf explodierende Richtungen. Man, wie wir alle dachten, dass der Old School tot ist und es nur noch um Titten und Fuffis um Club geht. Und ey, das gibt’s ja auch noch, und das wird auch immer größer (meistens in Kombination mit ekligem Rave-Shit), aber die Alternative dazu war bisher nur ganz langsamer, monotoner und irgendwie gleichbleibender Conscious Rap. Es zählte bislang nicht mehr, wer am geilsten rappen und schreiben konnte und einen krassen Flow draufhatte, sondern wer am besten aussah, das optimale Zeitgeist-Image vertreten konnte und die besseren Producer hatte. Das alles nehme ich niemandem übel, aber es ist durchaus Zeit für eine weitere Kategorie an Talenten, die all das kombinieren können.
Enter Nitty Scott MC (ICH MEINE SIE HAT DA EIN “MC” STEHEN, DAS IST WIE SICH SELBST EINEN DOKTORTITEL GEBEN, NICHT MAL DAS MACHEN DIE RAPPER VON HEUTE NOCH!), die ich ohne Probleme neben solche Vorzeigekandidaten wie Kendrick Lamar und Earl Sweatshirt stellen kann. Denn es geht eben nicht nur um die fettesten Beats und die krasseste Show, es geht auch um ein Gefühl für den Sprachgesang, um eine gewissenhafte Auseinandersetzung mit Themen, um einen schlagfertigen Charakter in der Stimme, irgendetwas, was sie von der trüben Masse der Spaßrapper hervorhebt. Und ich meine jetzt gar nicht: lasst uns alle wieder Dead Prez sein und nur noch von Politik und gesellschaftlichen Zuständen singen, denn auch das ist eine ignorante Schiene, die ich langweilig finde. Im Gegenteil: ich will alles. Das ganze Paket. Ich will Feuer, ich will Potenzial, ich will krasse Töne und krassen Flow. Natürlich gehört auch ein Vorreiter wie Lupe Fiasco in diese Liste, aber ey, logo, das ist genau das was ich meine: er hat es mal so weit gebracht, jedem die Stimme zu verschlagen, dann wurde er in die Mangel aller wichtigen Geldmacher dieser Welt genommen und zack, das letzte Album war ein Flop, weil es sehr, sehr weit weg von dem war, was er einst konnte. Ich nehme ihm das nicht übel- das ist der Verlauf der Dinge.
BB: I ask this questions seriously because you brought up a good point when you described that people suggest collaborations. Do you feel the industry yet?
NS: Oh, yeah, definitely. I get hit with it all the time. I get a lot of feedback that’s like, “Yo, you’re dope. I love your sound. I love what you’re doing. But if you ever want to become a household name, if you ever want to become a megastar you’re going to have to do this.”
BB: Where’s that coming from? From your fans? From people in general? From Industry people?
NS: Not fans. I think it’s the industry approach to the situation because my fans specifically, I think they just love what I do. I don’t think they love me because they want me to get to “the next level.” I think they just appreciate it for what it is because my definition for success is not that. I’m here for longevity. I’m here to have a career. I’m not here for my 15 minutes. I’m humble about it and I get a lot of people that hit me with the industry [perspective], wanting me to switch up my whole style to be more mainstream and more commercial. That’s not my thing. I think an Emcee like myself, I think I can bridge gaps in a way that I can f*ck with the Underground and the Mainstream. I think the issue with an Underground artist getting to a certain height is that their sound and their message is going to be sacrificed. It’s not that we’re mad that you’re where you are. It’s more that when you get there, everything you sold us up until now gets thrown out the window. So, I feel like if you sort of make that promise to your fans like, “Yo, I’m going to be me. I’m going to stay true to what made you gravitate to me in the first place no matter where my career takes me. If you give them that security, you can go to the next level with your shit and not have to sacrifice anything because you’re fan base was built from the ground up. It wasn’t bought or sold or shoved down anyone’s throat. It was very grassroots from the bottom. They liked what I was doing. So the bigger it gets, it’s just getting bigger. It’s just being seen on a larger platform. It doesn’t mean that I’m switching everything up. There are ways to do that. Not every artist can break that mold without losing the respect of the Underground, but I think that I can do that. – (via)
Aber: ich fände es sehr, sehr schön, wenn sich dieser Trend, zurück zum Rap zu gehen, auch medial konstituiert und man zukünftig wieder damit Kohle scheffeln kann, ein einzigartiges Talent zu sein.
Nitty Scotty MC verkörpert da ja vor allem nicht nur genau meine persönliche Forderung (Authentizität, Talent, Durchschlagkraft und das Potenzial, kommerziellen Erfolg zu haben ohne gleich in den Pop-Wolf zu kommen), nein, sie ist erst verdammte 20 Jahre alt und dazu noch eine coole Frau. Sie wirkt tough und so, als wüsste sie genau was sie wollte. Das ist ‘ne Backmischung für den perfekten Kuchen. Jetzt fehlt nur noch die Aufmerksamkeit, aber an der zweifle ich keine Sekunde. Aber das eigentlich ein Kind die Wurzeln des Hip Hops aufspüren kann (im Internet), sich daran festbeisst und sie wieder hochbringt, das ist etwas ganz großes. Die Zukunft von (qualitativ hochwertigem) Rap & Hip Hop könnte gerettet sein, zumindest für mich.
(Übrigens gehe ich bei allen Beobachtungen nur von mir aus. Sicherlich gab es auch zwischenzeitlich herausragende Talente und es gibt sie bestimmt auch unter den besserverdienenden. Allerdings bemerke ich immer mehr, wie eben auch Freiräume für solche jungen Künstler geschaffen werden, die ihnen dienlich sind. Das finde ich gut.)
Das Internet fragmentiert meinen Kopf und meine Seele so stark, dass alle populären Begrifflichkeiten von “Informationsrausch” bishin zu “Kuration” für mich in Sinnlosigkeit untergehen. Bilder, Videos, Musik, Worte, Zitate, Sammlungen, Geschmack, Fashion, Design, Ästhetik.
Früher einmal hat mich das alles berührt. Seltene Schönheiten in der Fotografie oder goldene Textstücke, die man nicht alle Tage auf den dreckigen Straßen des Netzes findet, sie haben mich inspiriert, beflügelt, angetrieben, bewegt dazu eigene Leistungen in diesen Rahmen zu bringen. Und ich sammelte all das, was mich (virtuell) erfüllte.
Leider übersteigt zur Zeit der inspirierende Content die Aufnahmefähigkeit. Stellt euch vor, all die schönen, glitzernden, bunten Dinge, sie verschwimmen zu einem Einheitsbrei und werden unverdaut wieder ausgeschissen. So machen es alle. Was übrig bleibt ist der bittere Nachgeschmack von Werbung, denn daraus scheint alles nur noch zu bestehen. (Fashion) Photography, Product Placement, DSLR Video Mini Stories mit Sponsoren.
Und weil das nicht genug ist zerstreut sich auch noch die Sammelkultur auf Plattformen, deren einziges Ziel ist eine Userbase aufzubauen die sich zugehörig fühlt um fortan ihre Musen (diese Musen sind übrigens alle Schlampen) mit anderen, gleichgesinnten Interessenten zu teilen. Tumblr ist dafür ein gutes Beispiel, auch wenn es sich als Blog-Sammelschubladen-Hybrid noch als ziemlich flexibel erweist. Wo einst der Sammelindividualismus war sehe ich aber heute eine strenge Community-Klausel (und manchmal auch elitär). Ffffound für Bildchen, Svpply für Produkte (oder halt Bildchen), Pinterest.. wieder für Bildchen, aber thematisch angeordnet. Quote.FM: für Zitate (und Texte, je nachdem), diverse Blogs, dann gibt’s ja auch noch Twitter, dann gibt’s ja auch noch tausend andere Möglichkeiten, zu sammeln, zu teilen, zu finden. Mein Feedreader explodiert vor Möglichkeiten. Kennt ihr dieses Wikipedia Ding, wo man anfängt was zu lesen und sich dann stundenlang im Informationsüberschuss verliert? Ich beschwere mich nicht darüber, dass es so ist, immerhin suche ich mir das ja selber aus und könnte mich durchaus von dieser endlosen Maschine der Ästhetik zurückziehen und mich auf das wesentliche konzentrieren.
Mich stört es nicht. Ich suche eben nur den einen Weg und bediene mich deshalb aller mir angebotenen Dienste. Und frage mich in diesem Sinne auch, wieso das alles so selbstverständlich passiert. Soll ich alle Produkte auf eine Liste packen, und die schönen Bildchen auf eine andere? Wieso führe ich überhaupt Listen, was werde ich später mit diesen Bildchen machen, oder mit den Videos, oder deren Inhalten? Bisher war es immer so, dass sie mich inspirierten, wie gesagt. Mittlerweile ziehe ich meine Inspiration aus den einsamen Momenten an meinem Ceranherd, während ich mir unspektakuläre Dinge koche, die auf keinem Foodie Blog dieser Welt zu sehen wären.
Vor allem aber: inwiefern charaktersiert uns dieses Verhalten, das scheinbar aus dem Internet entstanden ist? Ich sammel die gleichen Bilder wie alle anderen, ich mache mir da nichts vor, wenn hier jemand auf der Höhe des Zeitgeistes liegt dann ich. Nicht vorne, nicht hinten, auf der Höhe.
Ich finde es jedenfalls ziemlich interessant, dass um den Trend des “Sammeln und Teilen” herum schon Start Ups gegründet wurden, die sich genau darum kümmern sollen. Sie finanzieren sich dann wahrscheinlich über Werbung oder Placements, denn wem fällt es schon auf, wenn die Power User irgendwann nur noch Produkte / Fotos von Marken teilen, die dafür bezahlen?
Am liebsten ist ja jeder immer noch sein eigener Kurator, der sich von der Masse mit seinem geführten Museum abheben will. Mal sehen, wohin sich das noch entwickeln wird. Ich bin ja der Meinung das zu viel “Inspiration” auch eine Blockade sein kann. Ich merke es an mir selber, doch ich kann um’s Verrecken nicht aufhören.
Seit Wochen verfolgt mich schon das “Koksen ist Achtziger”-Poster aus der neuen Fritz-Kola Kampagne. Überall ist es zu sehen! Und obwohl ich die Aussage sehr gewagt finde (waren die in letzter Zeit mal in einem Club? Ich glaub sogar die Schlager-Fatzken aus dem ARD sind druff), finde ich den Claim extrem cool, das Poster stilvoll und die Cola selbst- naja, wir wissen ja alle, was ich von viel Koffein halte. Je mehr, desto besser. Plus ich kann mir das Geld für Ritalin sparen ((haha, ich meine Koks)).
Jedenfalls bin ich jetzt auf der Suche nach diesem Poster, und wisst ihr was? Ich finde es einfach nicht! Nach ausführlicher Recherche und mit Hilfe der Twitteria habe ich zwar den Ursprung lokalisiert, bestellbar ist es trotzdem nicht. In einem Anfall von Wehmut, Trauer und Gestörtheit hab ich mal den Königen der Fritz Kola Firma eine weinerliche E-Mail geschickt, die sie bittet, nein, geradezu auffordet, einen kleinen Kunden doch mit so einem Poster zu beglücken. Es passt so perfekt in mein Zimmer..
Bitte liebe Fritz-Kola, ich will das Poster nicht geschenkt haben, ich will es kaufen. Für ganz viel Geld. Ganz sicher. Pretty please?
PS: Ich mach mal später noch ein Foto von meiner Flaschensammlung hier im Büro. Scheiss auf Pfand.
In Berlin gibt es ein Gesellschaftssystem, das Menschen in zwei Kategorien einteilt: Hipster und Sonstige. Zu welcher ich persönlich gehöre, hängt von meiner Laune und von der Dicke meines Geldbeutels ab. Alle anderen reißen sich um die seltenen Plätze in der Hipsteria.
Was ein Hipster ist? Einerseits eine Form der Unterwäsche. Andererseits: Hipster sind die mit dem besseren Musikgeschmack, dem arroganteren Lächeln und dem Boho-80er-Fashion-Look. Die Motivation ist definitiv unklar, eine Bewegung ist es irgendwie auch nicht, und wieso ist Glitter wieder in? Viele Phänomene reihen sich da auf. Bei Emos musste man ja nicht lange auf die Selbstmorde warten, bei Hipstern wünscht man sich das ja zeitweilen ein bisschen. Vor allem dann, wenn sie Originalität, Inside Jokes und das Privileg aus einer reichen Familie zu kommen nehmen, um es zu einem teuren Trend zu verarbeiten, der inflationär zwischen Teenagern herumgereicht wird bis er auf ewig versagt. Und traurige, kreative Kindsköpfe zurücklässt.
Für mehr ausführlichere und sozialkritischere Auseinandersetzungen mit dem Thema geht es bei Adbusters weiter. In Berlin kann man sich, auch wenn man nicht dazu gehören will, sehr leicht mit der Look-Seuche anstecken. Obwohl man nie zur Elite gehören wird, kupfert man sich hier und da einen Trend ab und what, auf einmal sieht man aus wie aus SoHo importiert. Ich gehöre sogar dazu, zu den Pseudo-Hipstern. Allerdings bin ich die tatsächliche Verkörperung von Cool und habe wirklich einen besseren Musikgeschmack als alle anderen. Deshalb ist das auch überhaupt nicht schlimm. Um diese Erkentniss zu feiern, habe ich beschlossen mir eine hübsche Uhr im Retro-Chique Look zu kaufen.
So viel zum Thema Hipster. Mehr gibt es dann, wenn ich mich in ihre Reihen eingeschlichen habe und aus dem elitären Kreis Insiderberichte zur Verfügung stellen kann.