Wundertüten

Meine Eltern sind in einer eher zweifelhaften Diktaktur aufgewachsen, die ihnen jeglichen Spaß am Leben verbieten wollte. Sie hatten kein fundamentales Problem mit ihrer Kultur oder gar ihrem Land, dafür vergleichsweise nicht viel und deshalb gingen sie nach Europa. Für ein besseres Leben. Für sich und anschließend auch für ihre Kinder.

Sogesehen sind meine Eltern in den späten 80er Jahren das Äquivalent zu der deutschen Nachkriegsgeneration gewesen. Sie arbeiteten hart und belohnten sich mit dem überaus strapazierten Konsum von Fleisch. Jeden Tag gab es mindestens ein kleines Lamm zu essen. Sie besaßen nagelneue Audis und waren erpicht darauf, alles zu besitzen, bevor sie wieder in eine Diktatur mussten (man weiß ja nie)- und am besten so wenig wie möglich von ihrem Sparschwein abzunagen. Das machte sie zu paradoxen, sparwütigen, couponnutzenden Geizhälse, die gleichzeitig aber Geld verschwendeten als wäre es im Grundgesetz verankert.

Die Angst-Gier ist auch in mich verpflanzt worden (im Zweifelsfall sind ja auch immer die Eltern schuldig). Ich bin heute ein schlecht geknotetes Bündel aus Messi-Strukturen, Burn-Out Potenzial und Umsonst-Horder. Letzteres bezeichnet die Art von Mensch, die auf Events geht um Goodie Bags voller Nippes und Ramsch abzugreifen. Ich bin der typische Messebesucher, der dann nach Hause zu seinen Kindern kommt und erst Mal werbebedruckte Gummibärentüten, Kullis und Wandkalender-Poster verteilt. WAS KOSTENLOS IST, KANN NICHT SCHLECHT SEIN!

Mit dieser Einstellung habe ich an der  Universität meinen Hort des überflüssigen Konsums gefunden. Denn Studenten der Geisteswissenschaften, die ärmsten Säue des Landes, werden an der Uni noch wie Menschen mit Bedürfnissen behandelt.

Sie kriegen eine ganze Wundertüte voller zielgruppengerechter Häppchen vorgesetzt. Sie ist bedruckt wie eine Cornflakes Packung, mit bunten Bildchen und ganz viel Text, den man in den strunzlangweiligen Vorlesungen über Makroökonomie, Werbung und Konsum, die Marx’schen Prinzipien und die Psychologie des Menschen aufsaugen kann. Die Tüten enthalten kleine Snacks, manchmal auch Bier, um den sozial unangesehenen Entzug kurzzeitig zu überbrücken, oder einen kleinen Red Bull Shot, damit man die Augen noch aufkriegt. Die wissenschaftlich geprägte Fachzeitschrift “Maxi” ist auch dabei, sie bildet unsere Akademiker vor allem auf dem Klo aus, wenn er mal wieder so richtig hart scheissen muss und leider kein Lexikon der menschlichen Organe zur Hand hat.

In der Zeit stellte ein kluger Autor die Frage, wo denn eigentlich die Intellektuellen in Europa abgeblieben sind. Wisst ihr, die sitzen im Hörsaal und freuen sich darauf etwas geschenkt zu bekommen. Hauptsächlich eine Tüte voller Scheisse, die eines Tages vielleicht verantwortlich für die Abholzung unseres Regenwaldes und für die Marketing-Verblendung selbst unserer größten “Denker” ist. Aber ich bleibe bei meiner zwanghaften Fremdbestimmung und bewege mich im selben Strom der dümmlichen Studentenhorden: WAS KOSTENLOS IST, KANN NICHT SCHLECHT SEIN!  Und so werde auch ich mir beim nächsten Mal wieder das Tütchen holen, einerseits, um mich vordergründig elitär darüber aufzuregen, dass so etwas überhaupt produziert wird, andererseits (und vielleicht auch nur heimlich), weil hey, da ist ja ein Bleistift drin für den ich kein Geld ausgeben musste. Yay.

Dieser kleine Kampf zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Geist wird in mir persönlich ja desöfteren ausgetragen. Am Ende gewinnt immer eine gewisse Ironie. Ein Individuum, dass sich zwar der Problemstellung seiner Gegenwart “bewusst” ist, sich aber nicht dagegen auflehnen will/kann. Ein “Bewusstsein” zu entwickeln ist für mich dahingehend mindestens genauso leer, wie keines zu haben, wenn dieses Bewusstsein keine Veränderungen erzwingt. Im Gegenteil. Man versinkt in einem hoffnungslosen Zynismus. Dann lieber zu seiner ambivalenten Machtlosigkeit gegenüber des Konsums stehen, die Hände ausbreiten und so viel materialistischen Regen wie möglich auffangen versuchen.

November 18th, 2011 Posted in Gangster | 5 Comments »

I Love College

Studenten. Ich bin in erster Linie skeptisch, als ich am ersten Tag – das Semester hat noch nicht begonnen – das Unigebäude betrete. Nach drei Jahren der akademischen Abstinenz werde ich mich nun wieder in Hallen der Bildung begeben. Meine Erwartungen sind hoch: ich werde mit ungefähr Gleichaltrigen die Philosophie des Lernens erleben. Ich werde mit Gleichgesinnten, mit kulturinteressierten Menschen den Hörsaal teilen und Zeuge eines Reifeprozesses werden. Ich werde mit intelligenten und gebildeten Leuten philosophieren und diskutieren können.

Gemeinsam werden wir das System kritisieren, und wir werden Erfolg haben. Wir sind immerhin die Elite unserer Generation, wir sind diejenigen, die die Welt und unser Land vorantreiben. Wir sind jung und stark. Wir werden, wie schon viele junge Geisteswissenschaftler und Akademiker vor uns, die ersten sein, die protestieren. Wir sind die 10%, die gesellschaftlich was ausmachen können.

Es dauerte ungefähr 10 Minuten, bis ich meine Vorstellungen zusammenklappte und zurück zu den anderen verstaubten Ideen stellte (Weltfrieden, Gerechtigkeit in der 3. Welt, G.W. Bush als Präsident). Studenten sind ab sofort meine Erzfeinde.
Mir war nicht klar, dass die Schule schon einen ziemlich guten Einblick darin bietete, wie die Welt funktioniert. Die Menschen in meinem Abiturjahrgang waren mitunter in drei Kategorien einzuteilen: die Streber, die Slacker und die absoluten Vollidioten.

Die Streber sind ausnahmsweise mal die Guten. Sie mögen zwar Pferdemädchen und Nerd-Jungs gewesen sein, aber sie hatten ihren eigenen Swag, nämlich Intelligenz und Ausdauer und, wenn man das so sagen möchte, Leidenschaft. Auch, wenn diese Leidenschaft augenscheinlich uncoolen Subjektiven wie etwa “Jugend Forscht” oder anderen Handfurz-Hobbies galt (Turnen, Modelleisenbahnsammeln, und so weiter). Nur, weil ich nicht dazu gehöre und meinen eigenen Style kultiviere, heißt das ja nicht, dass ich diese Nische für ihren Style verurteile. Nein, nein. Diese Jungs und Mädels gehören nicht zu meinem Kreis, aber ihr eigener ist definitiv berechtigt, sinn- und wertvoll. Nerds haben gewonnen, vor Kurzem sogar mit 10% bei Landtagswahlen. Sie werden die seltsamen Ingenieure, die krassen Informatiker und die sozial ein bisschen abgestümmelten Mathematiker.

Die Slacker haben alle sehr diverse Profile. Ihre einzige Einsamkeit besteht in der Rebellion gegen das deutsche Bildungssystem. Sie sind gleichzeitig unter- und überfordert. Texte, Fakten, Daten auswendig lernen? Lieber kiffen, skaten, zocken oder anderen Scheiss bauen. Musik machen, Filme gucken und sich irgendwie durch die Schule schummeln. Das sind zwar keine schulkonforme Wege, aber sie zahlen sich aus: hier wird der Unternehmer in Spe schon gebaut. Mit so wenig Aufwand wie möglich so gut wie möglich abschneiden, das ist das schulische Ziel der Faulen. In diesem Prozess erlernen sie eben ganz andere Dinge, die das Leben später meistern, fast in jeglicher Hinsicht.

Beide Gruppierungen waren Minderheiten in der Schule. Der Rest meines Jahrgangs bestand aus einer ganz anderen, viel wesentlicheren Gruppe an Menschen, die mir – wie ich erschrocken feststellen musste – auch auf der Uni wieder begegnet. Jeden Tag, und zwar zu 90% aller Anwesenden, werden die Hallen, Räume, Sääle und wertvollen Mensatische von ihnen belegt. Man kann nicht vor ihnen flüchten. Es sind genau dieselben Menschen, die mir auf meiner Reise durch Südostasien begegnet sind und am härtesten stanken. Es sind die Bremsen.

Die Bremsen: das sind die süßen Mädchen und die “interessierten” Jungs, die eigentlich wie Streber aussehen, aber gerne Slacker wären. Sie sind nichts von beidem. In der Schule waren es immer die, die sich zu Wort gemeldet haben, um genau das zu sagen, was der Lehrer eben schon gesagt hatte. Konsequent, jedes Mal. Es sind die, die nach jeder Klausur weinten, weil sie sich sicher waren, sie würden “eine SECHS!!” bekommen, um später dann eine 2+ zu kassieren und sich trotzdem noch darüber aufzuregen. Das sind die, die den Abiturball so behindert organisiert haben dass man als normaler Mensch nach der Todesstrafe für Kitsch und Geschmacklosigkeit fragte.

Die Bremsen, Kinder, sie sind überall. In der Uni melden sie sich zu Wort um zu diskutieren, obwohl der Professor überhaupt keine Diskussion möchte. Sie kauen einem das Ohr mit irgendwelchen politischen oder humanistischen Motiven ab, ohne selber zu verstehen, worum es geht. Die Bremsen, das sind die Leute, die tatsächlich die Summe all ihrer Begegnungen sind, denn sie haben keinen eigenen Charakter. Sie studieren Geisteswissenschaften, wie sie früher Deutsch- und Englisch-LK gewählt haben, nicht aus wahrem Interesse, sondern weil sie ihre Slacker-Streber-Gelüste hier entfalten können.

Meine persönliche Suche nach geistiger Entfaltung kommt also auch im Unigebäude wieder zum Stillstand, und wieder hänge ich mich lieber an die Slacker und suche mir auch ein paar coole Streber, um beiläufig nicht an sozialem Schwund zu verkümmern. Doch das ist leichter gesagt, als getan: viele Bremsen treten nämlich erst in Aktion, wenn sie unbeobachtet von ihren neuen, “coolen” Freunden sind, und so verbringt man erst ein paar angenehme Stunden mit jemandem, der angenehm wirkt, es aber doch nicht ist (wie sich vor allem während der Seminare ergibt).

Die Dozenten sind da auch keine große Hilfe. Das in der Schule noch halbwegs pädagogisch mit den minderbemittelten Hirnleerständen umgegangen werden muss erschließt sich mir. An der Uni jedoch – da erwarte ich Härte und Stränge. Stattdessen fühle ich mich wie auf einer Waldorfschule, alles, was fehlt, ist dass wir soziologische Theorien nachtanzen. Anstatt eine falsche Antwort als auch solche zu kennzeichnen, sagen Dozenten gerne soetwas wie: “Ja, ja, aha, interessant, aber gibt es sonst noch jemanden, der etwas dazu sagen würde?” Nein, lieber Dozent, gibt es nicht, denn wenn es nicht im Buch steht oder nicht gerade von Ihnen schon vorgekaut wurde (ach, und selbst dann!), gibt es keine Hoffnung – außer die Slacker/Streber erlösen das Kollektiv von ihrem Leid, gebremst zu werden. Aber dafür sind diese Gruppen sozial entweder zu eingeschüchtert oder zu abgehoben.

Für die Bremse ist die Transferleistung ein riesiges, schwarzes Loch. Sie können viel reden, aber ihr Gelaber ist inhaltlos. Genau diese Menschen sollten nicht Philosophie oder Kulturwissenschaften studieren. Sie gehören zu Jura oder zu BWL, dort haben sie genaue Anleitungen, müssen sich nur um eine geregelte Festanstellung bemühen, können beim Radiohören in der Mittagspause mit ihren Kollegen tratschen und für immer ein glückliches Dasein auf Erden genießen. Aber sie finden ihren Platz einfach nicht, und bremsen mich in meiner wirklich sehr stark ausgeprägten Euphorie.

Auch meine Versuche, mich zumindest in das statische Mobiliär der Universität zu verlieben, scheiterten an der (eher hässlichen) Modernität der Bauten als auch an der Umgebung (Brandenburg?!). Was mich aber am meisten und auf täglicher Basis irritiert: die heiligen Hallen sind Werbetafeln für Politik, Religion und Versicherungen. Studenten werden day by day gefüttert mit Dingen, die ihnen als “Vorteile” serviert werden (und mit widerlichem Mensaessen), stattdessen sind sie nur eine weitere (schlecht angezogene und sehr geldarme) Zielgruppe für die Werbebranche. Das wäre nur ein kleines Problem, wenn diese angeblich bedachten und bewussten Menschen (ich meine, das ist doch die wachsende Elite unserer Nation, oder?) das hinterfragen würden. Aber Bremsen hinterfragen nicht, Streber züchten Bakterien und Slacker schwänzen wahrscheinlich sowieso. Wieder ein Bildungssystem, das nicht gerade zur intrinsischen Motivation beiträgt.

Aber davon lasse ich mich nicht unterkriegen. Meine Einteilung in Menschengruppen und meine Bilder von Bremsen und Strebern dienen nicht der Realität, sie dienen einer persönlichen Überheblichkeit und einem Drang, in die Sterne zu greifen. Sich nicht zufrieden zu geben mit bürokratischen Bergen, seine Zeit weder als One Man Wolf Pack abzusitzen noch sie mit den Bremsen zu verschwenden. Ich lasse mich nicht von den Pfeifen zermürben, und ich werde weiterhin nett bleiben. Mit Bremsen habe ich immerhin viel gemeinsam: sie haben inhaltsleere Aussagen, und ich habe konsequenzenlose Ansagen. Wir sitzen alle im selben Boot, aber wenn es hart auf hart kommt, werde ich trotzdem ans Ufer schwimmen können. Watch me.

November 6th, 2011 Posted in Gangster | 9 Comments »

Kill People Burn Shit Fuck School

Man hätte den langsamen Zerfall, die innere Explosion meines Selbstbewusstseins, eigentlich in 60 fp/s aufnehmen sollen. Man hätte gesehen, wie sich die glitzernden Mopswelpen und die singenden schwulen Einhörner in meinem Bauch auf einmal zu von Maden zerfressenen Kadavern mutieren. Man hätte gesehen, dass die Realitäts-Mafia mich und all meinen Optimismus an einem Betonklotz auf den Boden des Mariana Trench gezogen hat. All das passierte so schnell wie das diabolische Zwinkern meiner hämischen, zweifelnden Gedankenmonster, die von Anfang flüsterten: das wird nichts.

Die Dinge werden so schwierig, wenn man alles richtig machen möchte. Aber es gibt zwischen “viel Geld verdienen” und “sehr, sehr wenig Geld verdienen” für Studenten keinen lohnenswerten Zwischenraum. Freibeträge werden überschritten, Leistungen fallen weg, Versicherungen stellen sich quer, entweder man ist mit 23 schon selbstständige Pornoqueen ohne Angst, zu viel Steuern bezahlen zu müssen, oder man lässt es ganz sein, muss Bafög beziehen, Minijobs machen und hat keine Zeit, sich ein kleines, ein klitzekleines Standbein aufzubauen. Worüber beschwere ich mich eigentlich? Man kann sicherlich auch von 200 Euro im Monat leben. Ich habe vergessen, wie das ist. Zwei Jahre Festanstellung können einen in Sicherheit wiegen.

Wie unwahrscheinlich, das sich jemand wie ich monatelang darauf freut, endlich Dinge zu lernen. Endlich mal auch wieder gedankliches Niveau zu erhöhen. Ich will Hausarbeiten schreiben und Sprachen erlernen und mit Kommmilitonen über wichtige Angelegenheiten diskutieren. Ich will Zeitung lesen und die großartige akademische Bildung unter meiner Haut spüren, die mir mit dem Semesterbeitrag und einer halbwegs gerechten Abiturnote versprochen wurden. Stattdessen muss ich mich darum kümmern, alles so schnell wie möglich so abzusichern, dass ich eben doch wieder ne 40 Stunden Woche schiebe, nur für viel weniger Geld und für beschissenere Arbeitszeiten.

Am Ende des Tages habe ich keine Probleme, ich bin nur jetzt schon genervt, weil Student sein eigentlich auch für mich bedeutet hat, Möglichkeiten zu gewinnen, die mir gerade wieder genommen wurden.

October 20th, 2011 Posted in Gangster | 1 Comment »