Dogmatische Grundsätze eignen sich nicht für mich. Nicht virtuell, nicht real, nicht im Leben, niemals. Alles ändert und dreht und verformt sich in meinen Händen und die Bedeutung vieler Dinge nimmt gerade einen großen Anlauf um in ein Becken voller NICHTS zu springen.
So ändert sich das alles ganz schnell, und plötzlich wird aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft, aus einer Freundschaft eine Beziehung – zu zweit steht man dann da, sich an den Händen haltend, während die Menschheit, die Welt und alle ihre Bewohner im Zeitraffer hinter diesem Portrait vorbeigespult wird, völlig belanglos. Menschen kommen und gehen, gute Dinge und schlechte Dinge passieren. Aus einem kleinen Projekt, dass als Aggregator von Vorlieben dienen sollte, wurde ein persönliches Output und ein kleines Lager mit viel Platz für Erinnerungen. Und Erlebnissen. Und Liebe. Und vielvielviel Krimskrams.
dragstripgirl. restrealität. basti und nico (die nicht mehr da sind). freunde. spreeblick. republica. stammtische. ganz viel berlin. ganz viel frust. ganz viel musik. ARBEIT/WORKAHOLIC. ganz viel persönliches. das alles wurde hier aggregiert, in weniger als einem jahr. back to the future wurde back to the past. ein stück quarterlife-crisis, ein stück erwachsenwerden hier. immer mehr text, immer weniger inhalt.
die subtilität und das nichts-sagen wurden radikal vernichtet, obwohl ich beides so liebe.
Marcel fragte mal: was ist, wenn das, was man gestartet hat, nicht mehr das ist, was man will? Was ist, wenn man selbst nicht mitgewachsen ist? Und ich sage: dann mach ich es wieder so, dass es mir gefällt. So, wie es ich will. Hatte allerdings nicht gemerkt, dass ich’s dann doch nicht so gemacht hab. Weil es sich in Stein gemeißelt fühlte.
Ist es aber nicht. Ich weiß nicht, was hier in Zukunft stehen wird, ich weiß nicht, ob es diese Ankündigung wert ist. Vielleicht ändert sich nichts – vielleicht aber doch. Ich möchte nur sagen: es beginnen bald vielleicht zwei Reisen. Mit viel Beschallung und Belichtung. Vielleicht.
Wir befinden uns im Jahre 2010. Millionen von Kids verblöden sabbernd auf den Sofas ihrer Wohnzimmer vor ihren Fernsehern; es laufen Datingshows auf MTV und voyeuristische Trash-Reportagen über die soziale Unterschicht auf Pro 7. Schule ist schon lange aus, Mutti bügelt die Wäsche. Tick. Tock.
Wir sind medial und vor allem musikalisch stecken geblieben, so war zumindest das Gefühl — bis dann plötzlich etwas aus der “elitären” Hipster-Szene entsteht, dass zumindest die virtuelle Generation ein bisschen wachrüttelt: eine Mischung aus Rapmusik mit Qualität, die sich von genrefremden Einflüssen inspirieren lässt. Kann es sein? Ist es so weit? Entwickelt sich auch Sprechgesang jetzt endlich weiter?
Kid Cudi
Es könnte tatsächlich die Zeit gekommen sein. Introducing Hipster Hop: endlich nicht mehr für Hip Hop schämen müssen. Pharrell machte den Anfang als konsequenter Superproduzent, indem er Elemente aus Fashion, Indie und Rap zu einem unkonventionellen Stück Kunst verwandelt, und das fast immer, wenn er an einem Projekt beteiligt ist. Aber Skateboard-P hat fette Unterstützung im Nacken- im Netz entwickelt sich dagegen gerade etwas, dass keine große Unterstützung braucht, um hochzukochen.
Es ist wichtig, Genres jenseits der Stereotypen und endlose Listen von Klischees, über die sie bekannt geworden sind zu erweitern. Hip Hops klimatische Abwandlung und der Attitude-Shift, der damit einher geht, ist definitiv gesund – Künstler agieren aus dem Underground heraus und würfeln Möglichkeiten zusammen, die tatsächlich auch im Mainstream ankommen. Sie hören nebenbei einen Mix über Last.FM während sie party poker spielen und lassen sich von den medialen Weiten inspirieren. Es ist eine interessante Zeit für den Hip Hop und diese Genre-Mixe, sowohl für Produzenten als auch für Künstler.
Mixtapes im ursprünglichen Sinne sind wieder angesagt, es gibt keine Namen im Biz wenn der Flow nicht stimmt, es wird gedroppt und gesaugt in ehrenhafter Low-Budget Produktion, “Living The Dream”: so haben Hipster Hop Vorreiter KiD CuDi und mein persönlicher Favourite, Lupe Fiasco, den größten Teil ihres Fames und schließlich einen Deal gewonnen ((offiziell bezieht sich Hipster Hop ausschließlich auf die Musik, also Rap mit vielen Synth-Einlagen und Typen, die eben wie Hipster aussehen und nicht wie Rapper– für mich ist der Begriff etwas weitläufiger, eher ein “Alternative Rap” Synonym, dass eben in der Ära der Hipster entstanden ist)). Poser und Flasher? Shit yeah, das hat echter Rap so in sich, aber nein, kein Ghetto, keine Waffen, und wenn es um Drogen geht– die haben ehrlich gesagt noch in keinem Genre gestört. Eine Revolution, die sich vielleicht auch im Mainstream durchsetzen wird (wenn es nicht bereits schon so ist– wer weiß schon noch, was Mainstream ist und was nicht, selbst MTV ist tot. Und ob das gut oder schlecht ist, lasse ich mal so stehen).
Hipster Hop ist gut, weil er der Sprechgesangsfanseele gut tut. Nicht nur, weil er sich vor allem elektronischer Elemente bedient und damit den Inzest in der ganzen Branche bricht (man hat sich ja gefühlt wie bei den Amish im Hip Hop), sondern weil er es erlaubt, “Multikulti” eine ganz neue Bedeutung zu verpassen.
Ich will es so ausdrücken: Hipster Hop ist Symbolbild für eine Wandlung, die sich langsam aber sicher eingeschlichen hat- sicher, keine große Überraschung, kennen wir schon seit dem Erfolg der Arctic Monkeys, das Erbe des Internets ist auch gleichzeitig der Aufstieg der Underdogs. Es gibt keine zentrale Anlaufsstelle mehr für die Verteilung von guter Musik, es sind die Votes der Menschen, die zählen.
Aber ich glaube einfach nicht daran, dass es nur daran liegt. Ich glaube, das Internet liefert die Distributionsmittel und die Möglichkeit der Änderungen, eine Voraussetzung, aber das führt nicht zum zwanghaften Wandel. Man könnte sich weiterhin zurücklehnen und die Medien spielen lassen, doch stattdessen findet man sich in einer Welt voller no-name, no-show Mixtapes wieder, ein Wunderland der Auswahl. Plötzlich findet man sich selbst an einem Mikrofon, will Wellen der Begeisterung auslösen und das schöne ist: man weiß, dass man es kann.
Plötzlich können auch mittelbürgerliche KiDs aus Oklahoma ihre Kunst herausposaunen, herauspoesieren- und eine Fanbase finden. Buenos Aires. Bangkok. Berlin.
Ich glaube fest daran, dass nach all dem Überfluss an stupidem Bullshit, der aus allen Genitalen dieser Welt herausfließt, die Qualität am Ende überleben wird. Weil es nicht anders geht. Das hier ist nicht Idiocracy. Wenn wir uns an Verdummung und Monotonie vollgefressen haben, und wenn wir nur noch mit unzureichender Kulturzufuhr vor uns hinvegetieren, wird sich etwas ändern. Dafür sorg ich schon. Ich und meine Shotgun.
Es kommen Mixtapes, netzweite Distributionsmöglichkeiten und schließlich: die Befreiung. Hipster Hop.
Der wohl schönste Track aus dem Tape ist der Titeltrack der Serie selbst, “I Need A Dollar” von Aloe Blacc. Unfassbar, endlich wieder gute Musik. Check it Out: