Las Vegas Dreaming

Früher war es mein größter Traum, in ein echtes Casino zu gehen und zu spielen. Noch heute gehe ich sehnsüchtig an den ganzen Spielhallen in Berlin vorbei und frage mich, ob ich jemals den Mut haben werde, reinzugehen. Ich weiß zwar, dass so eine Spielhalle nichts mit den “echten” Las Vegas Casinos zu tun hat, aber es wäre jedenfalls ein Anfang. Einmal in der verrauchten Spelunke zwischen den anderen Stammgästen hinsetzen und eine Münze in die Slotmaschine einwerfen. Einmal. Und bei diesem einen Mal müsste dann natürlich auch der fette Gewinn rumkommen.

Die seltsame Obsession begann mit dem Online-Poker. Es gab mal diesen langen Hype im Fernsehen und im Internet, und plötzlich haben alle Poker gespielt. Mein großer Bruder auch. Und weil ich viel mit ihm und seinen Freunden rumgehangen habe, wollte ich das natürlich auch. Ich schaute mir nachts Poker-Sendungen an und spielte um Spielgeld im online Casino Portal. Irgendwann war ich mutig genug, im echten Spiel zu spielen. Und so saß ich dann fast jede Woche in einer wöchentlichen Runde mit den atzigen Typen und habe gezockt; meistens Cashgames, manchmal Tuniere.

Ich war natürlich blutige Anfängerin, aber ich habe meine Naivität und mein Glück (ohne es zu wissen) ausgespielt und zack, gewonnen. Die ganze Zeit: gewonnen. Richtig dreist gewonnen. Alle waren irgendwann sehr wütend auf mich, weil ich nicht wusste, wie man blufft, und weil die anderen ständig aus ihrem Spiel geworfen wurden. Hier saß also dieses kleine, unbescholtene Mädchen und zog die eiskalten Profis ab. Das hat denen überhaupt nicht gefallen, aber weil ich eben die kleine Schwester war, hat es auch niemanden besonders gestört. Das Geld habe ich ihnen trotzdem abgezogen.

Nach ein paar Monaten hatte ich so viel Geld wie noch nie in meinem Leben. Das war krass. Ich verprasste es für Red Bull und kaufte Musik und ging fast jeden Tag bei McDonalds essen (damals noch ein Zeichen des Wohlstands für uns Teenager). Aber irgendwann hörte die Glückssträhne auf, weil ich natürlich irgendwann auch gewinnnen wollte. Und wie man ja weiß ist das das Ende einer naiven Anfängerglücksphase.

Jedenfalls denke ich auch heute noch mit einem Lächeln an die ganze Kohle, die ich damals zum Fenster geworfen habe. Heute wäre das wahrscheinlich ähnlich. Trotzdem will ich genau deshalb einfach in eine Spielhalle gehen, nur ein einziges Mal zwei Euro einwerfen und schauen, was passiert: wenn es das Schicksal so will, dann gewinne ich direkt und kann zufrieden und glücklich nach Hause gehen. Wenn nicht? Dann habe ihc wenigstens auch das noch ausprobiert!

November 6th, 2014 Posted in Konsumbehindert | Comments Off

What We Wore

What We Wore” ist ein wunderschönes Projekt, das mit Hilfe von privaten Fotos die Styles und Fashionbewegungen seit den 1950er Jahren in Großbritannien aufzeigt. Natürlich kann man den Modediskurs in Texten und Veröffentlichungen verfolgen. Doch es ist eben diese private Welt, die ein realistisches Bild nachzeichnen kann. Schnappschüsse aus vergangenen Zeiten sind trotz ihrer dokumentarischen Dichte immer noch viel seltener und schwerer zu greifen als die Bilderflut von heute, sodass es immer spannend wirkt und sich wie ein Privileg anfühlt, die Vergangenheit so zu verfolgen.

What We Wore is a project initiated by ISYS ARCHIVE to create a people’s style history of Britain from 1950 to the present day. It’s about people and their personal stories why they wore what they did and what it meant for them.

Wenn man einen Abriss über die verschiedenen Stile von heute machen wollen würde, müsste man sich erstmal durch einen ziemlich großen Haufen Bilder durchwühlen. Ich meine, riesig. Wahrscheinlich würde sich niemand dieser Herausforderung annehmen wollen. Ich hätte jedenfalls keinen Bock Fashion anhand von Selfies und überfilterten Instagram-Bildern nachzuzeichnen.

Whateverest. What We Wore wird anscheinend auch im Herbst 2014 als kleines Lookbook in die Vergangenheit veröffentlicht. Bis dahin ist es aber auch ganz schön, sich durch das übersichtliche Archiv durchzuklicken.

March 3rd, 2014 Posted in (Pop)Kultur, Konsumbehindert | Comments Off

Passnummern

Identität. Ich wünschte es wäre etwas solides, etwas, dass man greifen kann. Meine Passnummer, auf den Oberarm tättowiert, hier, das bin ich, ein paar Zahlen, ein paar Buchstaben – deutsche Staatsbürgern, 166 cm groß, braune Augen, dunkelbraunes Haar, geboren am und in, Eltern von, Fingerabdrücke, Aufenthaltsorte. Keine Hobbys, keine Interessen, keine Gedanken, keine Hintergründe, keine Interpretationen, keine Zuordnungen; nur das, was wahr ist. Nur schwarz und weiß. Einscannen, evaluieren, weitergeben.

Es würde die WieistdasWetterwokommstduherwashastdugemacht-Unterhaltungen unter Reisenden vereinfachen, weil ich keine Antworten auf die Fragen habe, die man mir stellt. Wo kommst du her? Berlin. Nicht, weil ich dort aufgewachsen bin, sondern weil ich dort hingehöre. Was machst du, wenn du nicht reist? Belanglosigkeiten, aber vor allem den Pfeil Richtung Zufriedenheit zu folgen, dem richtigen Pfeil, einer von den vielen, neonblinkenden Pfeilen, Las Vegas State of Mind. Wie verdienst du dein Geld? Gar nicht, und davor nur mit viel Hustle. Du siehst nicht Deutsch aus? Weil meine Eltern nicht aus Deutschland kommen. Wieso isst du kein Schweinefleisch? Weil ich die Kultur der Religion, in der ich aufgewachsen bin, auch angenommen habe. Bist du Moslem? Ja, aber das hat nichts mehr mit Gott zu tun. Was hörst du für Musik? Alles, was ich gut finde. Hast du einen Lieblingsfilm? Ja, nämlich alle Filme, die auch auf deiner Liste stehen. Und Lieblingsserien? Friends, immer noch. Wieso bist du auf Reisen? Weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Und wo gehst du als nächstes hin? Ich weiß es wirklich nicht. Und was machst du, wenn du zurück kommst? Meine Mutter umarmen. Willst du noch was trinken? Nein, ich will tot umfallen.

Eine Nummer, die man auf Kompatibilität prüfen könnte, wie ein Barcode, ein Piep heisst „ja, könnte passen“, zwei Piep heisst „Renn so schnell du kannst“, und das innerhalb von einer Sekunde, kein Lächeln verschwendet, keine Worte verschwendet, keine Gefühle investiert, keine Enttäuschungen kassiert, keine Rechtfertigungen formuliert, keine Verurteilung ertragen. So einfach wäre das, wenn meine Passnummer einscannbar wäre, drei, vier Fakten, mehr braucht es nicht, ja, nein, schwarz und weiß, nicht mehr und nicht weniger.

Ich habe hier – mit Sicherheit – Freunde für‘s Leben gefunden, so ist das, wenn man Fremde trifft. Identität zählt nicht. Das alles oben, die ganze langweilige und ewig widerholte Konversation, sie zählt nicht, sie sagt nichts. Es sind die Geheimnisse zwischen Unbekannten, die es ausmachen. Menschen die sich nicht kennen und ihre beschämensten, seltsamsten oder bescheuertsten Gedanken auspacken, vor sich hinlegen und anderen die Gelegenheit geben, darauf herumzutreten, wo keine Passnummer zählt, wo es kein schwarz weiß gibt, wo keine Namen wichtig sind. Das sind sie, die Freunde, die Fremden, die es nicht verurteilen, die es aktzeptieren, dass man keine Facebook Freunde wird, dass man sich nie wieder sieht, dass alles in wenigen Momenten vorbei ist. Die Passnummer wurde nicht mal berücksichtigt; was zählte war ein einziger ehrlicher Moment ohne Angst und ohne Bloßstellung.

„Du siehst aus, als müsstest du dich gleich übergeben.“ „Das muss ich aber nicht.“ „Wieso ziehst du dann so ein Gesicht?“ „Der Geruch erinnert mich an meine Ex-Freundin.“ „Welcher Geruch?“ „Deiner.“ „Das tut mir Leid.“ „Das muss es nicht.“ „Tut es aber. Ich hasse es, Erinnerungen wach zu rufen, die ich immer noch nicht bewältigt habe.“ „Welche sind es bei dir?“ ….

Identität ist überflüssig, keine Hürde, sie lässt keine ehrlichen Freundschaften zu, nur ein vorgezeichnetes Bild, dass dann mit Farben ausgemalt werden kann. Du Pastell, ich neon, er schwarz weiß, sie schattiert. Ich will nichts von dir wissen. Scheiss auf alle Nummern dieser Welt. Wir sind niemand. Wir nehmen uns jetzt die Identität. Du, und ich, und unsere Erinnerungen.

December 3rd, 2010 Posted in Urlaub | Comments Off