What We Wore

What We Wore” ist ein wunderschönes Projekt, das mit Hilfe von privaten Fotos die Styles und Fashionbewegungen seit den 1950er Jahren in Großbritannien aufzeigt. Natürlich kann man den Modediskurs in Texten und Veröffentlichungen verfolgen. Doch es ist eben diese private Welt, die ein realistisches Bild nachzeichnen kann. Schnappschüsse aus vergangenen Zeiten sind trotz ihrer dokumentarischen Dichte immer noch viel seltener und schwerer zu greifen als die Bilderflut von heute, sodass es immer spannend wirkt und sich wie ein Privileg anfühlt, die Vergangenheit so zu verfolgen.

What We Wore is a project initiated by ISYS ARCHIVE to create a people’s style history of Britain from 1950 to the present day. It’s about people and their personal stories why they wore what they did and what it meant for them.

Wenn man einen Abriss über die verschiedenen Stile von heute machen wollen würde, müsste man sich erstmal durch einen ziemlich großen Haufen Bilder durchwühlen. Ich meine, riesig. Wahrscheinlich würde sich niemand dieser Herausforderung annehmen wollen. Ich hätte jedenfalls keinen Bock Fashion anhand von Selfies und überfilterten Instagram-Bildern nachzuzeichnen.

Whateverest. What We Wore wird anscheinend auch im Herbst 2014 als kleines Lookbook in die Vergangenheit veröffentlicht. Bis dahin ist es aber auch ganz schön, sich durch das übersichtliche Archiv durchzuklicken.

March 3rd, 2014 Posted in (Pop)Kultur, Konsumbehindert | Comments Off

Best Songs 2011

Jeder Song bindet sich an einen Moment und wird damit zu einem Bedeutungsträger, einem Symbol für die Zeit, ein Konservat, gebündelte Erinnerungen. Meine Lieblingssongs werden zu kleinen Schatztruhen, die Gefühle und Bilder vergangener Zeiten in sich bergen. Eine Liste der besten Songs ist willkürlich; jeder einzelne davon gehört auf meinen Number 1 Spot, denn jeder einzelne wiegt schwer in meiner Geschichte. Am Ende des Tages bewährt sich dann, was ich im Lichte aller mir verfügbaren Gedanken und Gefühle auch bewusst als “das beste” bewerte; nur, das kann man dann eher im subjektiven Licht betrachten, rein objektiv liegt mir nichts ferner als musikalische Rezensionen zu den 100 besten Songs des Jahres schreiben…

Zusammengefasst: Musik ist anekdotisch. Diesmal soll der Jahresrückblick aber mehr sein als nur eine Liste mit seltsam-introvertierten Kommentaren meinerseits. Diesmal sollt ihr auch was davon haben. Der Berliner Lifestyle- und Streetwear-Store Def-Shop war so großzügig, für diesen Beitrag 2×1 WESC Kopfhörer zu spendieren. Was ihr dafür machen müsst? Euren Lieblingssong 2011 in die Kommentare posten (mit einer funktionierenden E-Mail Adresse!). Dafür habt ihr bis zum 3. Januar 2012 Zeit. Wer in Berlin ist, sollte sich auf jeden Fall den Store auf der Friedrichstraße mal reinfahren. Basketballschuhe, Sneaker, alles da – nicht entgehen lassen.

Wer die Vergangenheit auch noch mal antesten möchte, findet die 200 aus 2000 Liste und das Best Of 2010 in den Archiven. Zu 2011 gibt es folgende Zusammenfassung: dieses Jahr war dem Hip Hop verschrieben, mehr als jemals zu vor. Dieses Jahr hat vor allem Drake (rein quantitativ) die Liste erobern können. Was das über mich und ihn aussagt ist zwar fraglich, aber wir wollen jetzt nicht zu weit vorgreifen. Einzig wofür ich keine Zeit mehr hatte: die mediale Ausstattung mit Download-Links oder Grooveshark-Playlist. Aber ich denke, das werden wir alle gemeinsam überleben. Habt Geduld beim Laden: so viele YouTube-Videos auf einer einzigen Seite sind für die schnellste W-Lan Connection nur schwer zu verkraften (ich habe es bereits nach den ersten Beschwerden ausgedünnt).

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December 29th, 2011 Posted in Musik, Ohne Worte | 56 Comments »

The Kid

Könnte ich um zehn Jahre in die Vergangenheit reisen, würde ich mein damaliges Ich finden und um einen High-Five bitten. Ich würde sagen, “Kid, du hast nichts falsch gemacht. Du wirst nichts falsch machen. Deine Eltern sind zu sehr in ihrer eigenen Welt eingespannt, um dir das zu sagen, aber dafür bin ich hergekommen, hurra! Und hier noch ein paar Dinge: Du wirst mit 18 zum ersten Mal eine Analfissur haben, warte damit nicht drei Wochen, bis du zum Arzt gehst, denn es wird chronisch und du wirst jedes Jahr mal wieder das Gefühl haben, vergewaltigt zu werden. Das ist auch der Grund für die generelle Grimmigkeit in deinem Leben, also ja, kümmere dich darum, mehr Ballaststoffe und weniger Fleisch und so weiter.”

“Du wirst in dienem Leben immer Entscheidungen treffen, und das ist auch okay so. Du wirst kurz stehen bleiben, Luft holen und dich umschauen, aber du verweilst nicht, du entscheidest dich. Du siehst den anderen dabei zu wie sie welken, wie sie nicht wissen, was sie tun sollen. In der Zwischenzeit tust du die Dinge, die du möchtest. Du arbeitest dafür, du gehst Risiken ein, du haust ab und siehst, wie die Welt dir gefällt, und wenn sie dir nicht so gut gefällt wie zu Hause, dann fährst du zurück. Weil du keine Angst davor hast, zu lächeln und zu sagen: alles wird okay.”

“Es wird nicht immer so sein in der nächsten Zeit, aber du trägst irgendwann einen Sack voller Zufriedenheit mit dir herum. Er ist voll mit unglaublichen Dingen, die du gesehen und erlebt hast, mit Erinnerungen an Menschen und an die Momente, wo du dir den Bauch halten musstes vor Lachen. Er ist voll mit Musik und Filmen und so weiter, aber auch mit schlechten Dingen, von denen du lernst. Immer, wenn du dich im Leben fragst, wo es hin gehen soll, wirfst du deine Entscheidung in diesen Sack, und immer, wenn du diese Entscheidungen wieder rauskramst und schon in einem recht schweren Beutel rumwühlst, merkst du, wie viel du schon gesammelt hast.”

“Irgendwann stellst du auch fest, dass nicht jeder so ist. Das Zeit individuell einteilbar ist. Manche Menschen brauchen länger, manche können direkt ins kalte Wasser springen. Du befindest dich irgendwo in der Mitte, und du zerrst deinen Sack glücklich mit dir herum. Die anderen verstehen nicht, wie man so sprunghaft und augenscheinlich unentschieden sein kann, aber ich bin da, um dir das zu erklären: weil man keine Angst hat, zu versagen. Es gibt nichts, was du verlieren kannst, außer dich selbst. Du wirst oft merken, wie apathisch du im Gegensatz zu anderen bist, wie rational, wie unkreativ, wie langweilig, wie durchschnittlich, wie überlegt. Aber das bist du. Und du gehst mit einem Lächeln durch’s Leben, weil du vollkommen glücklich damit bist. Und wenn du auf einmal keine Lust mehr hast auf das, was du gerade machst, dann machst du was anderes, solange du noch du alleine bist, und nicht du plus zwei oder drei Kinder. High Five, Kid. Das wird eine fantastische Zeit.”

Interpretiert das, wie ihr wollt. Ich habe noch nie so genossen, frei zu sein, wie jetzt. Das hat nichts mit Australien selbst zu tun, sondern mit der Tatsache, dass ich hier bald wieder abhauen werde, und das einfach so tun kann. Wieso und wann wird eines Tages bestimmt auch mal erläutert, aber hauptsächlich tut mir der Wechselkurs nicht gut und außerdem habe ich keine Lust zu arbeiten und alleine Zahnpasta für 8 Dollar sollten jeden davon abhalten, hierher zu kommen. Solide und Flexibel.

January 18th, 2011 Posted in Crystal Meth | 8 Comments »

Passnummern

Identität. Ich wünschte es wäre etwas solides, etwas, dass man greifen kann. Meine Passnummer, auf den Oberarm tättowiert, hier, das bin ich, ein paar Zahlen, ein paar Buchstaben – deutsche Staatsbürgern, 166 cm groß, braune Augen, dunkelbraunes Haar, geboren am und in, Eltern von, Fingerabdrücke, Aufenthaltsorte. Keine Hobbys, keine Interessen, keine Gedanken, keine Hintergründe, keine Interpretationen, keine Zuordnungen; nur das, was wahr ist. Nur schwarz und weiß. Einscannen, evaluieren, weitergeben.

Es würde die WieistdasWetterwokommstduherwashastdugemacht-Unterhaltungen unter Reisenden vereinfachen, weil ich keine Antworten auf die Fragen habe, die man mir stellt. Wo kommst du her? Berlin. Nicht, weil ich dort aufgewachsen bin, sondern weil ich dort hingehöre. Was machst du, wenn du nicht reist? Belanglosigkeiten, aber vor allem den Pfeil Richtung Zufriedenheit zu folgen, dem richtigen Pfeil, einer von den vielen, neonblinkenden Pfeilen, Las Vegas State of Mind. Wie verdienst du dein Geld? Gar nicht, und davor nur mit viel Hustle. Du siehst nicht Deutsch aus? Weil meine Eltern nicht aus Deutschland kommen. Wieso isst du kein Schweinefleisch? Weil ich die Kultur der Religion, in der ich aufgewachsen bin, auch angenommen habe. Bist du Moslem? Ja, aber das hat nichts mehr mit Gott zu tun. Was hörst du für Musik? Alles, was ich gut finde. Hast du einen Lieblingsfilm? Ja, nämlich alle Filme, die auch auf deiner Liste stehen. Und Lieblingsserien? Friends, immer noch. Wieso bist du auf Reisen? Weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Und wo gehst du als nächstes hin? Ich weiß es wirklich nicht. Und was machst du, wenn du zurück kommst? Meine Mutter umarmen. Willst du noch was trinken? Nein, ich will tot umfallen.

Eine Nummer, die man auf Kompatibilität prüfen könnte, wie ein Barcode, ein Piep heisst „ja, könnte passen“, zwei Piep heisst „Renn so schnell du kannst“, und das innerhalb von einer Sekunde, kein Lächeln verschwendet, keine Worte verschwendet, keine Gefühle investiert, keine Enttäuschungen kassiert, keine Rechtfertigungen formuliert, keine Verurteilung ertragen. So einfach wäre das, wenn meine Passnummer einscannbar wäre, drei, vier Fakten, mehr braucht es nicht, ja, nein, schwarz und weiß, nicht mehr und nicht weniger.

Ich habe hier – mit Sicherheit – Freunde für‘s Leben gefunden, so ist das, wenn man Fremde trifft. Identität zählt nicht. Das alles oben, die ganze langweilige und ewig widerholte Konversation, sie zählt nicht, sie sagt nichts. Es sind die Geheimnisse zwischen Unbekannten, die es ausmachen. Menschen die sich nicht kennen und ihre beschämensten, seltsamsten oder bescheuertsten Gedanken auspacken, vor sich hinlegen und anderen die Gelegenheit geben, darauf herumzutreten, wo keine Passnummer zählt, wo es kein schwarz weiß gibt, wo keine Namen wichtig sind. Das sind sie, die Freunde, die Fremden, die es nicht verurteilen, die es aktzeptieren, dass man keine Facebook Freunde wird, dass man sich nie wieder sieht, dass alles in wenigen Momenten vorbei ist. Die Passnummer wurde nicht mal berücksichtigt; was zählte war ein einziger ehrlicher Moment ohne Angst und ohne Bloßstellung.

„Du siehst aus, als müsstest du dich gleich übergeben.“ „Das muss ich aber nicht.“ „Wieso ziehst du dann so ein Gesicht?“ „Der Geruch erinnert mich an meine Ex-Freundin.“ „Welcher Geruch?“ „Deiner.“ „Das tut mir Leid.“ „Das muss es nicht.“ „Tut es aber. Ich hasse es, Erinnerungen wach zu rufen, die ich immer noch nicht bewältigt habe.“ „Welche sind es bei dir?“ ….

Identität ist überflüssig, keine Hürde, sie lässt keine ehrlichen Freundschaften zu, nur ein vorgezeichnetes Bild, dass dann mit Farben ausgemalt werden kann. Du Pastell, ich neon, er schwarz weiß, sie schattiert. Ich will nichts von dir wissen. Scheiss auf alle Nummern dieser Welt. Wir sind niemand. Wir nehmen uns jetzt die Identität. Du, und ich, und unsere Erinnerungen.

December 3rd, 2010 Posted in Urlaub | Comments Off