Sky, Sand, Sydney

Wenn man Sydney irgendwie zusammenfassen müsste, wäre wohl ein komprimiertes, kleines aber feines Europa mit einem riesigen Chinatown dazwischen die angemessenste Beschreibung. Von Newtown über Surry Hills bis Darlinghurst findet man sich in einem klassischen Bild von Londons hipsten Stadteilen wieder, die einen von Thai bis Italiano mit den fantastischsten und vielfältigsten Auswahlmöglichkeiten an kulinarischen Delikatessen, großartigen Cafés und schönen Plätzen beschenken. Zugegeben, CBD – das, was man von Sydney aus dem Fernsehen kennt, der Central Business District – lehnt sich eher der amerikanischen Kultur an, große Malls und spiegelnde Skyline, aber all das passt genauso hier hin wie es nun mal gerade ist. Zweifellos, und endlich wieder, eine ur-europäische Großstadt. Genau das, was ich seit drei Monaten so schwer im südostasiatischen Urwald zwischen Moskitos und hässlicher Psytrance Musik vermisst habe.

Eine europäisch-amerikanische Großstadt, zweifllos, wären da nicht diese kleinen, leicht irritierenden Dinge, die mich von einem ausgeprägt erleichtertem Heimatgefühl plötzlich wieder in absolute Befremdlichkeit werfen.

Da wäre vor allem, nicht zuletzt und gar hauptsächlich: das Wasser. Sydney ist weniger eine Stadt im ursprünglichen Sinne als eine monströse Bucht. Nicht nur die ihrer Zeit voraus entworfene Oper prägt das Bild, sondern auch die weißen Segel herumdümpelnder Boote, die Fähren, die im Berliner S-Bahn Takt von einem bis zum anderen Ende der Stadt pendeln, die Strände, an denen man sich wie auf den schönsten Inseln fühlt und von Surfern belagert werden. Hier ist etwas, dass ich noch nie so erlebt habe und wofür ich unendlich dankbar bin, irgendwie ein Hoffnungstropfen in meiner urban angehauchten Psyche: eine Stadt am Meer. Im Meer, tatsächlich.

Man verliert sich sehr schnell an diesem magischen Ort, der irgendwie alles zu sein scheint und sich doch nicht richtig entscheiden kann; Touristenmagnet, Strandidylle, Hipsterparadies oder kommerzieller Mittelpunkt. Ich möchte gar nicht erst versuchen, Sydney mit irgendeiner anderen Stadt auf der Welt zu vergleichen; es geht nicht. Und gerade bei dem Gedanken daran, Berlin daneben zu stellen und Pros/Kontras zu formulieren, erschauert es mich am ganzen Körper: ihr müsst verstehen, man kann Berlin nicht wirklich vergleichen, weil es immer der Ort sein wird, an dem ich meine Restjugend verbringen möchte. Aber man kann genauso wenig Sydney vergleichen, denn dieses Stück Erde ist mindestens genauso einzigartig.

Wie bereits formuliert, sind es vor allem die kleinen Dinge, die einen so irritieren – das Wasser ist keine Selbstverständlichkeit, aber man gewöhnt sich daran, jeden morgen den wunderschönsten (und traumhaftesten) Ausblick auf einen der berühmtesten Häfen der Welt zu werfen. Nein, es sind die kleinen Dinge, an die ich mich nicht gewöhne. Dass die Australier alles wie eine Frage formulieren und mich damit in ihrem Englisch komplett in den Wahnsinn treiben. Oder dass man im botanischen Garten Kakadus von Baum zu Baum fliegen sieht und sie noch bis in die Nacht hinein so lange kreischen hört, bis man selbst zur Shotgun greifen will. Oder dass man im Museum of Contemporary Art kopfkratzend vor nichtsaussagender (weil völlig neuer!) Aboriginal Kunstwerken steht und sich fragt, wo denn jetzt die Picasso-Wannabes hängen.

Dinge sind anders. Die Tickets für den Bus kauft man bei 7-11, in Convenience Stores ist alles teurer als in den Supermärkten und die Clubs machen generell um 2 Uhr morgens zu (was ehrlich gesagt besser für alle Beteiligten sind, da Australier in diesen Gefilden leider auch noch nichts von elektronischer Musik gehört haben und wenn, sich dann lieber auf gehirnschädigende Hip Hop House Remixe beschränken und ich anschließend gerne mal mit einem befreienden Sprung von der massiven und eindrucksvollen Harbour Bridge flirte). Es gibt unglaublich viele Asiaten hier, nach einer Stichprobenzählung konnte ich mehr ausmachen, als ich in Vietnam insgesamt zählen konnte. Seltsam fühlt man sich hier, wenn man zwischen Reihenhäusern, die eher an einsame Orte im Nirgendwo erinnern, plötzlich das Meer und die Wellen aufbrodeln sieht. Strahlend blauer Himmel, die Sonne brennt einem den Hautkrebs direkt unter die ersten Schichten, und dann ist das auch noch der schlechteste Sommer Australiens (es regnet alle drei Tage).

Kleine Märkte in alten Stadtteilen, Bars, in denen man nicht Rauchen darf, völlig desorganisierter Verkehr und dann sitzt man zwischen sechs Leuten in einer chinesischen Bude mit seinen Freunden wo man sich für 50 Dollar die Woche ein Zimmer teilt das eigentlich für maximal 3 Personen gemacht ist am Fenster und sieht einen verdammten Schwarm riesiger Fledermäuse am Himmel. Gotham Fucking City.

Oder man trinkt Flat White (Kaffee in Australien zu bestellen ist auch erst mal eine Kunst, für die man ein Lexikon braucht) im Draußen-Café des NSW Museum of Art und sieht einen Ara (oder jedenfalls einen bunten, kleinen Papagei) den Tisch langspazieren. Einfach so. Das sind dann so die Momente, wo man rafft, dass man nicht in Europa ist, sondern in Australien, auf der anderen Seite der Welt, wo jede Sekunde ein Känguruh ins Bild springen könnte, und wo alle drei Minuten jemand wegen Krokodilen, Quallen, Haien, Spinnen oder Schlangen stirbt. Zumindest sagt man das so. In Australien kann man an vielen Dingen sterben.

Der massivste Unterschied, den ich aber bis jetzt festnageln konnte, ist das Internet. Nicht, dass das Internet sich am anderen Ende der Welt anders verhält, aber die Leute spinnen hier. Die sind absolut rückwärts. Es gibt keinen unlimitierten Data Plan. Anders ausgedrückt: man bezahlt hier per Gigabyte an Download. Und dann läuft das im Pre-Pay Plan auch noch ab, meistens schon nach einem Monat. Nicht, dass das bei mir irgendwas ausmachen würde, immerhin knall ich die zwei Gig, die mir im Monat zustehen in zwei Tagen runter, aber ach du Scheisse, sind die denn komplett bescheuert? Dass man da nicht auf die Barrikaden geht und Randale macht und absolute Revolution ankündigt. Ich fange damit jetzt mal an, indem ich offline gehe. Wir sehen uns in Melbourne wieder, wo ich mit genauso wenig Plan herumdümpel, bis ich einen Job finde. G‘day mate.

January 8th, 2011 Posted in Urlaub | 3 Comments »