Old Economy Marketing 2.0

Woher weiß man, dass alte Menschen plötzlich das Internet für sich entdecken? Auf einmal werden Manifeste geschrieben, Gesetze abgesegnet und Grundsatzregeln veröffentlicht. Hach. Die Zeit der grenzenlosen Rebellion ist vorbei, und alles, was vorher soetwas wie einer flüssigen Entwicklung gleichen konnte, soll heute in steife Formen gegossen werden.

Wahrscheinlich, weil alte Menschen mit Veränderungen nicht mitkommen. Frei nach dem Motto: OK, jetzt haben wir schon sechs Jahre gebraucht, um das Internet zu verstehen, jetzt soll die Scheisse nicht von vorne anfangen, lasst uns das alles mal zusammenfassen.

Bestes und jüngstes Beispiel ist ja dieses eEtiquette-Ding, das im schönen Telekom-Pink gestaltet wurde. Es ist wie eine Anleitung zum Atmen: irgendwie selbstverständlich und nutzlos, außer für die, die es schon lange nicht mehr können und am Sauerstoff-Tropf hängen. Gucken wir uns das vermeindliche Regelpaket der Netzhöflichkeiten einmal an:

Ich meine, das ist wirklich liebevoll, dieses Ding, aber, wirklich? Gibt’s jetzt wirklich Menschen, die sagen, oh ja, das ist das, was das Internet gebraucht hat! Endlich ein paar Grundsätze, wie man sich auf Facebook, Twitter und Blogs zu verhalten hat! (Dat sind bestimmt wieder diese zerschossenen iPad User, die das geil finden. iPad User sind das neue Streber, die man verprügeln muss).

Ahahahaha. Wer kommt auf solche Ideen? Sind das junge Menschen, die sich krampfhaft irgendetwas ausdenken müssen, um ihre Chefs zu befriedigen, oder sind das wirklich die Ungeheuer der Mitte-Vierzig, die glauben, dass das genau das ist, was die Welt braucht? Ich meine, wenn das wenigstens lustig wäre. Ich kenne es ja von meinem Job, dass man manchmal irgendwie versuchen möchte, die Zeichen der Zeit zu treffen, und sich dabei in irgendetwas verstrickt was so offensichtlich konstruiert ist. Das ist in etwa genau so mit “Fail” bestempelt wie Unternehmen, die sich auf Street Art versuchen um Jugendliche “in ihrer Sprache/Kunst” anzusprechen. Der Kanal mag ja genau der richtige sein, aber die Umsetzung schreit einfach “oh man ich bin geistig so alt, ich hatte als Kind einen Dickkopfdinosaurier als Haustier”. Sicherlich jetzt keine Anklage an “alte” Menschen, aber eher so diese typische PR-Methodik, die mich immer wieder verblüfft.

Am besten ist natürlich die Tatsache, dass es diese Grundsätze als Buch zu kaufen gibt. Als Buch, versteht ihr. Ein Buch über das Internet. Ich weiß nicht, dagegen sieht BP fast schon wieder wie ein Vorbildunternehmen aus, wenigstens haben die ihren Scheiss nicht mit Absicht fabriziert.

Vielleicht bin ich auch einfach nur nicht die Zielgruppe für soetwas, und mein kleiner Bruder findet’s dann wieder toll. Oh Gott, vielleicht bin ich einfach zu alt, vielleicht brauche ich keine Regeln, weil ich sie gemacht habe. Mein Kopf ist gerade explodiert.

(Übrigens macht das die Telekom für mich jetzt nicht unbedingt unsympathischer. Es ist wie, als hätte ich plötzlich Lust bekommen, meine Oma über den Kopf zu streicheln und sie langsam ins Altersheim zu bringen)

July 22nd, 2010 Posted in Uncategorized | 5 Comments »