I THINK SHE READY

Wo ist eigentlich auch der Unterschied zwischen “es möglich gemacht bekommen” und “absoluter sell-out sein”? Sponsored Partys, weil man seine Message in die Welt schreien möchte: Markenname auf der Flasche und Umsonst-Werbung für den “Enabler”. Das kenne ich noch aus meinem Abiturjahrgang, da haben wir das ganze Dorf abgeklappert um Leute zu finden, die gegen einseitige Anzeigen in unserem ABI-BUCH (!!!!) den Druck springen ließen. Ich setze die Anführungszeichen da nicht ran, weil ich das System selbst so erschreckend finde, sondern weil es lediglich ein bisschen stillos ist. Ich meine, ich hab auch nicht in einem armen Dorf in der Nähe von Bratislava gelebt, ich komme aus einer westdeutschen Kleinstadt wo jeder zum 18. Lebensjahr erstmal eine neu geleasten VW Golf vorgesetzt bekommt und pünktlich um 19 Uhr zum Abendessen nach Hause muss, zumindest in der Welt meiner Oberstufe. Da, wo ich als Quotenausländerin immerhin noch so viel Dekadenz besaß mich dafür einzusetzen, dass wir doch bitte andere Möglichkeiten für den Druck finden als irgendeinen Dulli-Bäcker aus der Einkaufspassage mit sozialem Druck zu nötigen.

Jedenfalls war die ganze Diskussion für mich sowieso gestorben als unser Abimotto gewählt wurde (AbituriENTEN). Heute lebt diese Diskussion in mir wieder auf, denn ich befinde mich in einem Strudel des Werbe-Sogs: man wird gefördert (durchaus auch mit finanziellen Mitteln… meist aber eher nicht), um ein T-Shirt des Förderes zu tragen, wenn man es mal so ausdrücken möchte. Im Sport eine sehr angesehene Sache, übrigens. Im persönlichen Bereich möchte ich da gar nicht näher drauf eingehen, denn bisher lief es auf “eine Hand wäscht die andere” hinaus und ich möchte behaupten, dass meine persönlichen “Profite” immer hoch genug lagen dass ich mich nicht ausgenutzt fühlte. Und falls sich hier einige höchst beleidigte Leser angesprochen fühlen sollten auf diesen ganzen Nissan-Kram und vielleicht etwaige andere Werbe-Leistungen, die zum Beispiel auf diesem Blog getätigt wurden: macht euch mal locker, esst mal ein leckeres Eis, habt Spaß am Leben, denn den habe ich auch. Gegen Kritik sei nichts einzuwenden, aber ich glaube hier nahm bis jetzt kein Fremdkörper die Überhand und ich lege größten Wert darauf, immer ein nettes Experimentierfeld zu haben. Dennoch: es gibt Angebote, die will man nicht ausschlagen, weil sie einem Traum gleichen. Traumjobs, zum Beispiel.

Als ich meine Weltreise 2010 startete, ging ich mit eigenem Geld los. Ich hatte hart und ehrgeizig gespart, bin ungefähr 8 Monate auf Tour gewesen und zufrieden wieder in Berlin angekommen, auch wenn ich letztendlich nicht die ganze Welt gesehen habe. Heute würde ich das nicht mehr machen. Das ist zu viel Geld für zu wenig Komfort. Ich erwarte keine fünf Sterne Design Hotels, nicht nach den Holzpritschen in Bangkok; aber wer die Welt sehen will, muss entweder Reisejournalist sein, sehr niedrige Standards und viel Zeit haben oder die Gelegenheit nutzen, wenn man seine Leidenschaft (das Schreiben oder Fotografieren) mit einem gewissen kommerziellen Erfolg bündeln kann. Die Buh-Rufe kommen selbstverständlich, auch wenn ich mir heutzutage darüber keine Sorgen mehr mache. Ich weine immer noch einer gewissen amerikanischen Laxheit hinterher, die hier trotz Internet-Globalisierungs-Kommunikations-Gedings niemals angekommen ist. Wer Inhalte scheisse findet, darf sie gerne scheisse finden. Wer Inhalte scheisse findet weil sie an Geld gekoppelt sind, der soll es bitte selber und anders besser machen, wenn er wie ich sechs Kinder mit dem Namen Ahmadullah Mohammed Al-Rahman al Rahim zu pflegen hat und das nächste schon im Anmarsch ist. Just kidding. Aber wenn ich damals die Weitsicht, die Zeit für die Arbeit und die Geduld gehabt hätte, dann hätte ich es sofort anders gemacht. Mir den kleinen Ausflug bezahlen lassen im Tausch gegen Extra-Absätze (wir reden hier jetzt auch nicht von gebrandetem Urlaub, sondern von Jobs).

Worauf ich hinaus will: wenn man Dinge sowieso gerne machen würde, es aber alleine – also ohne die Anzeige des lokalen Bäckers aus der Einkaufspassage – nicht schafft, muss man sich dann dafür ein bisschen schämen? Ist das tatsächlich ein Sell-Out, oder wäre es verkappter Idealismus und ein bisschen Torheit, wenn man es für einen Sell-Out halten würde? Wie bereits erwähnt: in dieser Welt mache ich niemanden mehr den Vorwurf, in kommerziellen Rahmen zu denken und zu handeln. Please Dear God, gerade im Internet werden so viele Möglichkeiten gegeben, da möchte ich niemandem im Wege stehen. Das heißt aber nicht, dass ich die Inhalte gut finden muss, denn darauf kommt es letztendlich an. Für mich verhält es sich so: lieber lasse ich mir einen bezahlten Post oder Artikel zu einer chinesischen Wandergruppe auf einer verlorenen Insel vorlesen, der GUT ist, als eine lieblose Ansammlung an Fakten und zusammengewürfelten Bildern, die von Werbebannern umrahmt werden. Es ist eine gewisse Balance, es ist aber auch persönliche Präferenz. Whatever.

Ich denke über all das nach, weil gerade das Video vom Diplo-produzierten FKI Video “I Think She Ready” veröffentlicht wurde und man in diesem interaktiven Spektakel kleine Shopping-Links finden kann. Die Verknüpfung zu meinen unsortierten Gedanken überlasse ich euch.

(Das auch nur so, falls sich jemand mal gewundert hat, worüber ich eigentlich den ganzen Tag beim Musik hören nachdenke)

April 4th, 2012 Posted in Gangster, Musik | 8 Comments »

Sunshine

Irgendwie zynisch und seelenlos, aber notwendig und aufregend: so wird die Werbeindustrie, die “Werbung” generell in der Kurz-Dokumentation “Sunshine” dargestellt. Der Amerikaner, der in Shanghai Fast Food Werbung für McDonalds verkauft, erzählt von seinem Alltag bei seiner Arbeit in dieser schön gemachten Mini-Doku.

Werbung ist ein faszinierendes Feld, und nicht zuletzt weil jeder der potenzielle Empfänger von Werbung ist, sondern weil sie unüberwindbar geworden ist, tückisch und schleichend. Genauso hat die Branche selbst etwas magisches an sich: unendliche Ressourcen, schmerzhafte Kreativarbeit, die Leiden junger Menschen, die sich in moralischen Konfliktzonen bewegen müssen, die Drogen, der Wahnsinn, das Abheben, und am Ende ist es wie in vielen anderen Branchen auch: keiner weiß so richtig, was er tut, aber man tut, und das nennt sich dann Arbeit.

March 23rd, 2012 Posted in Gangster | Comments Off

Old Economy Marketing 2.0

Woher weiß man, dass alte Menschen plötzlich das Internet für sich entdecken? Auf einmal werden Manifeste geschrieben, Gesetze abgesegnet und Grundsatzregeln veröffentlicht. Hach. Die Zeit der grenzenlosen Rebellion ist vorbei, und alles, was vorher soetwas wie einer flüssigen Entwicklung gleichen konnte, soll heute in steife Formen gegossen werden.

Wahrscheinlich, weil alte Menschen mit Veränderungen nicht mitkommen. Frei nach dem Motto: OK, jetzt haben wir schon sechs Jahre gebraucht, um das Internet zu verstehen, jetzt soll die Scheisse nicht von vorne anfangen, lasst uns das alles mal zusammenfassen.

Bestes und jüngstes Beispiel ist ja dieses eEtiquette-Ding, das im schönen Telekom-Pink gestaltet wurde. Es ist wie eine Anleitung zum Atmen: irgendwie selbstverständlich und nutzlos, außer für die, die es schon lange nicht mehr können und am Sauerstoff-Tropf hängen. Gucken wir uns das vermeindliche Regelpaket der Netzhöflichkeiten einmal an:

Ich meine, das ist wirklich liebevoll, dieses Ding, aber, wirklich? Gibt’s jetzt wirklich Menschen, die sagen, oh ja, das ist das, was das Internet gebraucht hat! Endlich ein paar Grundsätze, wie man sich auf Facebook, Twitter und Blogs zu verhalten hat! (Dat sind bestimmt wieder diese zerschossenen iPad User, die das geil finden. iPad User sind das neue Streber, die man verprügeln muss).

Ahahahaha. Wer kommt auf solche Ideen? Sind das junge Menschen, die sich krampfhaft irgendetwas ausdenken müssen, um ihre Chefs zu befriedigen, oder sind das wirklich die Ungeheuer der Mitte-Vierzig, die glauben, dass das genau das ist, was die Welt braucht? Ich meine, wenn das wenigstens lustig wäre. Ich kenne es ja von meinem Job, dass man manchmal irgendwie versuchen möchte, die Zeichen der Zeit zu treffen, und sich dabei in irgendetwas verstrickt was so offensichtlich konstruiert ist. Das ist in etwa genau so mit “Fail” bestempelt wie Unternehmen, die sich auf Street Art versuchen um Jugendliche “in ihrer Sprache/Kunst” anzusprechen. Der Kanal mag ja genau der richtige sein, aber die Umsetzung schreit einfach “oh man ich bin geistig so alt, ich hatte als Kind einen Dickkopfdinosaurier als Haustier”. Sicherlich jetzt keine Anklage an “alte” Menschen, aber eher so diese typische PR-Methodik, die mich immer wieder verblüfft.

Am besten ist natürlich die Tatsache, dass es diese Grundsätze als Buch zu kaufen gibt. Als Buch, versteht ihr. Ein Buch über das Internet. Ich weiß nicht, dagegen sieht BP fast schon wieder wie ein Vorbildunternehmen aus, wenigstens haben die ihren Scheiss nicht mit Absicht fabriziert.

Vielleicht bin ich auch einfach nur nicht die Zielgruppe für soetwas, und mein kleiner Bruder findet’s dann wieder toll. Oh Gott, vielleicht bin ich einfach zu alt, vielleicht brauche ich keine Regeln, weil ich sie gemacht habe. Mein Kopf ist gerade explodiert.

(Übrigens macht das die Telekom für mich jetzt nicht unbedingt unsympathischer. Es ist wie, als hätte ich plötzlich Lust bekommen, meine Oma über den Kopf zu streicheln und sie langsam ins Altersheim zu bringen)

July 22nd, 2010 Posted in Uncategorized | 5 Comments »