Generation Facebook

Ich teile mit vielen Menschen einen gewissen Lebensstil und bin traurig darüber dass man ihn aus objektiver Sicht so gerne als einen einsamen, schnelllebigen, wertlosen und von Konsum gefüllten betiteln möchte. Als ob man mir von Anfang an absprechen möchte, dass ich unter diesen Umständen jemals so etwas wie Zufriedenheit oder Glück empfinden könne. Als ob die Kultur, die ich heute genieße, alleine weil sie moderner ist als diejenige, die vor 20 Jahren existierte, meinem persönlichen Zerfall gleicht.

Vor einer Ewigkeit nannte man solche Leute mal: verkrachte Existenzen. So schwarzweiß ist es heute nicht mehr. Dieselben Leute haben immerhin die Welt in die Tasche gesteckt. Die sie überall mit sich herumtragen, zumal sie jedes Jahr noch kleiner, flacher, leichter und marcjacobsiger wird. Sie sind nicht verkracht, sie sind: die Facebook-Generation. Wer sollte sie dafür verurteilen? Während man früher gesellschaftlich sanktioniert, isoliert und zum Verlierer abgestempelt wurde, wenn man mit 30 oder 40 stundenlang auf der Couch lag und sich mit Nonsens befasste, gibt es heute ein anderes kollektives Bewusstsein. Ein Wir.

Heutzutage krepieren wir alle an Burnout, es gibt mehr Kriege als je zuvor, wir sozialisieren nur noch über virtuelle Kommunikationsmittel, wir glauben nicht mehr an Gott, wir wissen nicht mehr die Romantik der Langweile zu schätzen und wissen nichts mit uns anzufangen. Während wir sinnlos “Brause trinken” und “Bon Iver hören”, geht unser Leben an uns vorbei, und wir erinnern uns ins 70 Jahren an nichts mehr von Bedeutung. Wenn wir etwas googlen möchten, landen wir im vierstündigen Delirium zwischen Klicks und Zeitvertreib.

Dabei verstehe ich diese andere, angeblich bessere und ältere Welt nicht so wie ihr. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo die Dinge schnell sind. Und ich gehöre hier rein. Ich will nicht vor meiner Zeit leben und den Dingen entsagen, die mich gleichzeitig auch formen. Der vom Internet erschaffene Lebensraum ist meiner. Den könnt ihr mir nicht einfach wegnehmen, nur weil ihr überfordert zu sein scheint, oder diese Entwicklung nicht versteht, oder so gerne in die Nostalgie eurer eigenen, angeblich besseren “damaligen” Lebensweise verfallt. Ich kenne die Probleme unserer Gesellschaft und versuche ihnen auszuweichen, so gut es geht, aber ich betitel mich nicht als Opfer der Informationsfluten, sondern als ihr Meister. Ich verbringe sehr, sehr viel Zeit im Netz, schon seit meinem 11. Lebensjahr, und trotzdem finde ich noch genug Platz mich zu entfalten. Ich bin sehr glücklich, habe ein schönes Leben, bin ein zurechnungsfähiger Mensch. Ich schicke lieber eine E-Mail, als zur Post zu gehen, und ich kommuniziere lieber über Facebook, als zu telefonieren. Das heisst nicht, das ich beides nicht könnte, und das heisst auch nicht, dass ich nicht befähigt bin, ohne meine “künstliche” Umgebung zu leben; aber wer mir meine Kultur, meine Zeit und meine Entwicklung wegnehmen möchte, riskiert dass ich an dieser anderen Unnatürlichkeit verzweifle.

Dieses Wir hat es sich ziemlich dauerhaft und komfortabel eingerichtet im Wartezimmer zum Erwachsenwerden. Man geht mal eben ins Internet, um die nächste Apotheke zu googeln, und kann hinterher nicht genau erklären, warum das letztlich dann doch drei, vier Stunden in Anspruch genommen hat. Man muss es übrigens auch niemandem erklären, keiner fragt danach. Dank Facebook weiß man dafür nun endlich wieder, was die alten Schulfreunde gerade so machen; nämlich in etwa dasselbe, nur eben in Amerika. “Und ich dachte immer, ich würde klüger werden. Und dass wir irgendwann reich wären . . . ” sagt Jason in “The Future”.

Ihr habt mir diesen Zoo gebaut, mich gefüttert und erzogen, mich beschützt und mir das Leben leicht gemacht, und jetzt erwartet ihr, dass ich richtig viel Bock habe in die Wildnis zurück zu gehen und mich einfach vor meine Feinde zu werfen? Wisst ihr was: die Schnelllebigkeit, über die ihr euch beklagt, ist ein Teil meines Weltbildes. Die Sinnsuche, die es jetzt nicht mehr gibt, hat euch selbst in den Wahnsinn getrieben. Es bleibt keine Zeit zur Reflektion, sagt ihr, und wir werden unter Druck gesetzt, sagt ihr, aber hier bin ich, und ich reflektiere, und ich bin zurechnungsfähig, und ich liebe das alles, weil ich es nicht anders kenne. Das heisst nicht, dass meine Liebe zum Leben weniger wert ist als eure. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich euch eines Tages besser verstehen werde, als ihr mich jemals verstehen könntet. Nur entwertet mich nicht aufgrund der Zeit, in der ich geboren wurde: ich glaube nämlich, dass ich ziemlich schnell erwachsen werde in dieser Welt und mir dessen auch bewusst bin. Hört auf, mich in das kollektive Bewusstsein der versagenden, inhaltsleeren Hipstergeneration zu pressen, die sich mit Sinnlosigkeit zumüllt, bis es Sinn findet. Wir sind genauso erfolgreich oder unerfolgreich wie die Generationen vor uns, ihr seht uns nur besser, weil Facebook euch lässt.

Das ist eine Antwort auf den Artikel “Generation Facebook – Im Wartezimmer zum Erwachsen werden”, von Rebecca Casati, veröffentlicht am 6.11.2011 in der Süddeutschen Zeitung

November 14th, 2011 Posted in Gangster | 10 Comments »

Zeit für Messersets

Ich sehne mich immer genau dann danach, eine Zeitung zur Hand zu haben, wenn mich entweder eine Fliege nervt oder ich spontan gekaufte Tankstellen-Geburtstagsgeschenke verpacken muss. Da ich aber in Zeiten geboren wurde, die das Abhölzern von Regenwäldern für etwas, dass eine durchschnittliche Lebenszeit von 12 Stunden hat, zunichte machen, habe ich nie eine Zeitung zur Hand. Die Fliegen fange ich mit meinen wabbeligen Arschbacken und die Geschenke wickel ich in Lidl-Prospekte ein oder werfe sie dem Geburtstagskind einfach in die hässliche Fresse.

Mein mediales Leben befindet sich hauptsächlich im Internet, und das zurecht. Ihr Steinzeitmenschen, die ihre Informationen noch mit 24-stündiger Verspätung einholt- ihr wisst überhaupt nicht, wie das ist, on the fast lane. Ein Harlekin des Nachrichtenzeitalters! Harder, Better, Faster, Stronger. Wir trinken unseren Kaffee nicht, wir kauen die Bohnen beim Stuhlgang-Bloggen auf dem Klo! Wir kaufen Batterien für unsere Bücher! Wir töten die Kinder des Feindes mit ABC-Waffen und nuklearen Analbomben!

Allerdings habe ich auch einsehen können, dass der schnelle Neuigkeiten-Konsum von Twitter, Feedreader und Co. nicht unbedingt ausreicht, um tatsächlich “im Bilde” zu sein. Das ist ja ein bisschen wie Waldorfschule. Man macht immer nur die Sachen, die einem Spaß machen, und blockiert die Horizonterweiterung. Ich finde, ein bisschen Bildungszwang darf auch im Alter nicht fehlen. Klar, in der 5. Klasse hätte ich auch am liebsten nur Kunst-, Deutsch- und Englischunterricht gehabt, weil ich meine Mitschüler in diesen Fächern regelrecht zerfickt habe, aber dann könnte ich heute auch niemals das:

2+2=5

Impressive, I know.

Jedenfalls habe ich mir also überlegt, dass ich mich mit einem Zeitungsabo (also ausgegebenem Geld) dazu zwingen könnte, auch mal über Style, Musik, Kultur und Schlagzeilen hinaus mehr Wissen aufzubauen und damit der Weltherrschaft immer näher zu kommen. Und, okay, ich will auch das ganz großartige Messer-Set als Prämie. Aus persönlichen Gründen, und weil die Frankfurter Rundschau nicht mehr das typische Zeitungslayout hat, mit dem man andere (und sich selbst) so schön in den Wahnsinn treiben kann, habe ich mich für die Zeit entschieden. Hach, die Zeit! Stellt euch vor: das sind Blogbeiträge zu ganz vielen Themen, die (im besten Falle) informativ sind, durchdacht sind, richtig erarbeitet und recherchiert wurden! Keine Rechtschreibfehler! Und wenn, dann ist es mir auch egal! Hauptsache eine Stange Geld ausgeben, um sowieso keine Zeit zu haben, um die Meinung fremder Menschen zu lesen! Was für ein irres Konzept. Da gibt’s nicht mal ein “Über den Autor”. Da steht dann nicht, was seine Lieblingsbücher sind, was er so twittert und ob man gemeinsame Freunde bei Facebook hat. Und der wird dann mein Lehrer für’s Leben (oder zumindest so lange, bis mich irgendwer rechtzeitig daran erinnert, dass ich diese Naturkatastrophe kündigen muss).

So viel zum geplanten Zeitungsabo. Nachdem ich also eines morgens aufwachte und das Thema “Weiterbildung durch Papierverschwendung” ganz oben auf der Prioritäten-Liste stand, schritt ich zur Tat. Ich füllte das Online-Formular aus und schickte die Studentenbescheinigung per E-Mail hin. Das ist jetzt zwei Wochen her. Es passierte: nichts.

Es kam keine Rechnung und erst recht keine Zeitung. Vielleicht ist das auch das Geheimnis der Bild-Zeitung: die schicken ihre Verdummungspropaganda wahrscheinlich innerhalb der ersten 4 Minuten raus und kommen persönlich jedes Jahr mit den Zeugen Jehovas und den Scientology Fotzen vorbei, um das Geld einzutreiben. Und in der Zwischenzeit warte ich auf meine akademische Bereicherung und nichts passiert, rein gar nichts. Auf meine E-Mail mit der essentiellen Frage “HALLO WANN KRIEGE ICH MEIN MESSERSET!” wurde mir auch nicht geantwortet (die GASAG hat mir übrigens auch noch nicht geantwortet; das ist jetzt für das Zeitungsthema nicht unbedingt relevant, aber man fragt sich ja trotzdem, warum seelenlose Wirtschaftshuren mein Geld nicht wollen. Vielleicht, weil ich eine islamische Frau bin mit Wurzeln in der Achse des Bösen und meinen Lebensunterhalt mit SEO verdiene und die Heteroflexibilität der College-Jahre vertrete. Das passt ja auch alles nicht ins gutbürgerliche deutsche Vorstellungsbild der perfekten Frau).

Und so ist das jetzt also. Seitdem ich auf meine Zeitung warte, sind folgende Dinge passiert, über die ich mich nicht ausreichend informieren konnte, weil mir dafür der selbstgebaute Druck fehlte:

- Menschen starben in Norwegen
- Amy Winehouse starb in London
- Irgendwas mit Griechenland
- Der Sommer wurde abgeschafft

Für meine Bildungslücken mache ich die Scheisse mit der fehlenden Zeitung verantwortlich, denn man kann nicht behaupten, dass ich mich nicht zumindest bemüht habe, ein intelligenterer, belesenerer Mensch zu werden. Selbstverständlich lese ich die Zeit Ausgabe auch täglich online, um auf dem neuesten Stand zu bleiben; nichtsdestotrotz ärgere ich mich über den fehlenden thematischen Tiefgang und auch die 15 Minuten Ruhe, die ich mit dem Lesen der Zeitung assoziiere (nein, keine Sorge; ich mache mir nichts vor. Das wird so in etwa wie eine Anmeldung im Fitnessstudio, wo man drei Mal hingeht um dann vier Jahre zumindest für’s Gewissen zu bezahlen).

Ich komme also in eigenem Selbstversuch endgültig zu dem Schluss, dass die fetten Print-Jahre vorbei sind. Print ist tot, weil es arschlangsam ist und die eine Sekretärin, die meine Anmeldung verbummelt hat, ist daran Schuld. Die Post ist auch Schuld. Alles, was älter als 25 Jahre ist, ist Schuld. Und nicht mal das Messerset habe ich bekommen.

August 1st, 2011 Posted in Gangster | 7 Comments »