Clean sein. Kein Hämmern mehr, kein Tinnitus mehr. Kein atomarer Mundgeruch mehr. Die Hände riechen nicht so, als hätte man einen Aschenbecher gefingert. Die Haare stinken nicht. Die Klamotten müssen nicht gewaschen werden. Keine Dehydrierung. Keine Halsschmerzen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich noch nie physisch so wohlgefühlt habe (mal abgesehen von dem Schwabbelwabbel am Bauch, der zehn Minuten nach einem Anstoß noch für Nachbeben sorgen kann). Ich bin fit, man. Ich bin so fit, ich tanz’ nachts um drei hauptsächlich mit schnuckeligen schwulen Butterschnitten noch zu Apparat und laufe fast komplett von Kulturbrauerei bis Reinickendorferstraße, weil ich keine Lust habe auf die U-Bahn zu warten – und auch nicht zu betrunken bin, und nicht tot hinfalle, wenn ich es versuche. Und auf dem Weg durch den frühen morgen ist es auch nicht schlimm daran zu denken, dass ich am nächsten Tag wieder arbeiten muss, mit 21 kann man schon mal nur zwei Stunden pennen und trotzdem gut drauf sein (das wusste ich nicht, ich hab mit sechzehn schon geglaubt, ich wäre alt).
Die ersten Vögel geben den Takt zu den Beat aus meinen Kopfhörern und die ersten Sonnenstrahlen bewandern die Straßen (so, dass sogar die potthässliche BND-Baustelle irgendwie romantisch aussieht). Ich nicke und singe laut mit zu den Songs in meiner Playlist weil niemand da ist, den das stören könnte (bis auf die zwei, die am Fenster standen und mir entsetzt zugesehen haben, bis ich sie bemerkte und mich erschreckte und lachte und weinend wegrannte).
Das Verlangen ist nicht mehr da. Die Gewohnheit ist nicht mehr da. Vierzehn Tage! Und nicht einmal habe ich überhaupt mit dem Gedanken gespielt. Es ist einfach… weg. Wie kam das? Ich weiß es nicht. Fast drei Jahre habe ich versucht, es loszuwerden. Zum 10. Tag wachte ich nachts weinend und schwitzend und schreiend auf, und habe meine Fäuste ins Kissen geschlagen, weil ich dachte, ich hätte geraucht. Ich hasste mich. Ich habe nicht verstanden, wieso ich jetzt geraucht hatte. Aber das war nur ein böser Traum gewesen.
Seitdem will ich einfach nur noch tanzen und vielleicht einen Marathon laufen (und vor allem möchte ich viel Zucker und Fett in mich hineinschaufeln). Wenn man bei Flickr nach Raucherthemen sucht, kommen meist Frauen zum Vorschein, die ein sexy-verrucht rebellisches Image verkörpern wollen/sollen. Falten, Husten und grüne dicke Brocken rausschleimen sind irgendwie nicht sexy. Stinken auch nicht. Wenn man damit verführerisch aussehen will, darf man halt nicht mehr als 2-3 Zigaretten pro Jahr rauchen. Viel Glück dabei, ich bin raus.
Nach einem ernüchternden Blick auf meinen Kontoauszug am ersten des Monats, nachdem meine Lunge nur noch rotgrüne Schleimbrocken fabrizierte und das Kopfkissen von einer dicken Schicht meiner vornächtlichen Magensäure überzogen war, wusste ich, dass das schöne Leben als unbesiegbares Stück Jugendfleisch vorbei war. Es summierte sich langsam, aber mit tragendem Fortschritt. In den letzten Wochen waren die Symptome meines leichtsinnigen Lebens nicht mehr zu ignorieren.
via Chris.Jeriko
Ich bin in den kalten Monaten wieder regelrecht aufgequollen. Die Speckebene, die sich um meinen Körper gelegt hat, droht zum allesfressendem, lebendem Tier zu mutieren. Meine Haut sieht aus wie ein Mienengraben in Sarajewo. Ich schmecke ohne Glutamat nicht mehr. Harte Wahrheit: ich bin klinisch tot. Und deshalb muss sich in meinem Leben etwas grundlegend ändern. [Weiterlesen]
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rhomer und um das alles zu begreifen
wird man was man furchtbar haßt, nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.
Ich stehe auf dem Balkon. Es ist Frühling, noch nicht wirklich warm, aber warm genug, um eine Weile im Sonnenlicht zu stehen und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Ich blicke an den dreckigen Betonwänden des Plattenbaus gegenüber vorbei auf das erste aufkeimende Grün des dahinterliegenden Parks und mache mir Gedanken darüber, wie oft ich diesen Weg in den letzten drei Monaten zu dir gegangen bin.
Meine Lippen sind trocken, der Balkon ist dreckig und unten tragen die ersten Alkoholiker ihre Pfandflaschen zum Supermarkt um die Ecke. Die Sonne scheint, ich möchte einen Schnaps. Stattdessen zünde ich mir noch eine Zigarette an. Wie lange stehe ich hier schon?
Ich habe Hunger. Wir haben noch nicht gefrühstück oder geduscht. Dein Geruch liegt noch auf mir und das leichte Brennen an meinem Hals zeugt von deiner rastlosen Stutenbissigkeit, mit der du mich durch die Nacht getrieben hast.
Ich drehe mir langsam eine weitere Zigarette. Unten auf der Straße spielen Kinder in Anziehsachen, die ihnen ihre Eltern bei billigen Kleidungsdiscountern gekauft haben. Ich höre den Hund von Simone aus der Wohnung im ersten Stock bellen und denke mir, dass sie sich bestimmt über einen gemeinsamen Kaffee freuen würde. Man kennt sich.
Mich fröstelt ein wenig. Trotz der Sonne ist es doch kalt genug, dass ich eine Gänsehaut bekomme, während ich, unter dem Versuch meine Fassung zu bewahren, in meinen Taschen zum wiederholten Male nach meinem Feuerzeug suche. Manchmal sind Automatismen das einzige, was einem in bestimmten Situationen bleibt.
Drinnen höre ich dich lachen. Ich inhaliere so tief, dass mein Magen rebelliert und ich meine ganze Kraft darauf verschwenden muss meine grüne Galle nicht über die Balkonbrüstung zu entleeren.
Langsam spüre ich, wie die Taubheit der letzten Minuten von mir weicht, welche bis dahin noch Kontrolle versprochen hat. Meine Augen erden feucht und ich versuche mich auf das Zwitschern der Vögel zu konzentrieren, um dem Drang der Tränen nicht nachgeben zu müssen.
Die Balkontür hinter mir wird zu einer Mauer, deren Höhe und Breite sich meiner Wahrnehmung entzieht. Was allerdings durchdringt ist deine Stimme und ich zwinge mich, den Blick in Blocktristesse des Ghettos gerichtet, einen weiteren Zug zu nehmen.
Ich zittere, nicht nur vor Kälte, stehe rauchend im Frühlingssonnenschein und warte darauf, dass du endlich aufhörst mit ihm zu telefonieren.