Telefonwarteschleife

Veröffentlicht June 9, 2011

Ich distanziere mich von meiner Heimat und identifiziere mich mit dem Ort meiner Wahl – das kann Berlin sein, das hätte aber auch jede andere Stadt der Welt sein können. Und so vergehen mittlerweile schon Jahre, die ich nicht mehr zu Hause – das heisst in meinem Elternhaus bin – und die Distanz wächst auch auf zwischenmenschlicher Ebene, auch wenn wir alles versuchen, damit das nicht passiert. Das ist schon kulturell so impliziert, und das “deutsche Verhalten”, wie es meine Eltern so gerne nennen – d.h. so schnell wie möglich ausziehen und “sein eigenes Ding” machen – wird nur mit einer enttäuschten Inkenntnisnahme aktzeptiert.

Anfangs bin ich in der Freiheit solcher Ereignisse aufgegangen, vom unbesorgten Leben bishin zu den ganz neuen Möglichkeiten und der persönlichen Weiterentwicklung: die Welt steht dir offen, sagte ich mir, und es stimmte so zu hundert Prozent. Aber jetzt, drei Jahre später, passieren Dinge, die mich auf den Boden der Tatsachen zurückholen, namentlich Krankenhausbesuche, schwere oder prägnante Lebensabschnitte und tragische Autounfälle, die ich hier, 500 Kilometer weiter, nur über’s Telefon berichtet erstattet bekomme.

Ich weiß, dass ich daraus keine Konsequenz ziehen kann, jedenfalls keine unmittelbare. Es ist, wie es ist, und meine Gegenwart hier ist mir wichtiger als so ziemlich alles, was ich zu Hause gelassen habe. Entscheidungen wurden getroffen, Sachen wurden gepackt, ein neues Leben wurde begonnen, eines unabhängig, wenn auch emotional verbunden, mit den Menschen die mich zuvor großgezogen und gepflegt haben. Aber einen Anruf zu bekommen, dass die Mutter im Krankenhaus liegt, weil sie einen schweren Autounfall auf der Autobahn hatte (ihr geht es gut), das ist ein stiller Herzinfarkt, der sich in der Seele wie schwarzer Teer verbreitet; und hier stelle ich mir die Fragen, die sich wahrscheinlich jeder stellt, wenn er so weit weg vom Geschehen ist. Was ist, wenn es das nächste Mal schlimmer ausgeht? Was, wenn ich fünf Stunden brauche, bevor ich da bin, bevor ich mich verabschieden kann, bevor ich eingreifen kann? Was passiert mit mir, wenn es so weit ist?

Und da sind ja nicht nur die Eltern. Da sind meine Brüder, die jeden Tag Scheisse bauen, meine Freunde, die ihre eigenen dramatischen Schicksale auf ihren Schultern spüren. Ich kapsel mich davon nicht ab; ich bin einfach nur nicht da. Das ist auch einer der bewegenden Gründe gewesen, warum meine semi-Weltreise schon vorzeitig abgebrochen wurde. Nicht da zu sein, zu verpassen und sich dessen bewusst zu sein, dass man durchaus was zu verlieren hat… das war zu viel für mich. Dabei ging es aber hauptsächlich (und ironischerweise) um Berlin. Jetzt geht es um die Heimat, die ich nur noch selten zu Hause nenne. Es gibt für dieses Problem keine Lösung, so weit bin ich schon. Aber ich kann beim Auflegen des Hörers nicht vergessen, das eine andere Welt außerhalb meiner Stadt existiert, so trügerisch sicher ich manchmal im Alltag vom Gegenteil bin.

 
 

30GradSchneechaos

Veröffentlicht December 7, 2010

Zu Hause fühlt sich so viel schwerer an, wenn man nicht da ist, um da zu sein. Für Freunde, für Familie. Es fühlt sich an, als würde ein riesiger Greifarm mein Herz umschlingen und so fest zusammen drücken, bis mir das Blut in die Augen steigt und statt Tränen nur noch rote, klebrige Flüssigkeit über meine Lippen fliesst. Auf Reisen sein und Lachen müssen, während meine besten Freunde abwechselnd im Krankenhaus liegen, während meine Mutter langsam in ein Alter kommt, wo sie alle drei Wochen zum Arzt musst und keiner weiß, was falsch ist, und mein Bruder 20 Kilo abnimmt, weil er seine Operation leider nicht so gut überstanden hat, wie alle gedacht haben.

Es tut weh, sie nicht zu umarmen, wenn ich genau weiß, dass sie weint und weint und weint und nicht mehr weiß wie es ist, eine Familie zu haben, jemand, der nicht verstehen muss, sondern einfach nur da ist. Genauso, wie die Tage, an denen es mir genauso geht, und keiner verstehen kann, und jede Umarmung in Nichtigkeit verblasst. Ich kenne das. Weil man manchmal alleine durch muss, obwohl man gar nicht wirklich muss.

Ich dachte, ich bin über den Punkt hinaus gekommen, wo ich noch so an zu Hause denke und fühle, aber es gibt internationale Verbindungen, Connections, die man nicht abschütteln kann (und, wem mache ich was vor, auch nicht will). Alles ist gut hier, aber nicht in mir, und nicht in dir. Ich bin nicht da um dir glücklich zu gratulieren, dass du der Rockstar wirst, so, wie ich es vorhergesagt habe. Und ich bin nicht da um dir zu erzählen, was in mir eigentlich vorgeht, wen ich hier getroffen habe, mit wem ich meine schlaflosen Nächte teile, und das tut mir Leid.

Und am Ende lese ich einen Zeitungsbericht und er erzählt mir von deinem schweren Unfall, ein Foto von einem überschlagenen Auto. Alles um mich herum bleibt stehen und ich möchte zu dir rennen und dir sagen dass es mir Leid tut, dass ich nicht da war, dass ich es vielleicht hätte verhindern können – auch wenn das nicht wahr ist – und ach, so viel, so viel. Aber ich sage stattdessen nichts, denn all das, das kann man nicht in Worte fassen. Und wenn dein Leben nur langweilig ist und du nicht viel zu erzählen hast, ist es dennoch nicht dasselbe, wie die Blicke die wir teilen und das Verständnis, dass wir uns metaphysisch und auf absolut unerklärlichen Ebenen entgegen bringen. Keiner weiß, wie es mir geht. Keiner weiß, wie es dir geht. Alles ist so schwer, wenn man nicht zu Hause ist, und alles dreht sich nur noch darum, diesen Fakt zu ignorieren.

Aber ich vergesse dich nicht. Niemals.

30GradSchneechaos · Kategorien: Weltreise · Comments Off
 
 
© Copyright 2009-2011 dragstripgirl · All rights reserved