Wir müssen jetzt das als Wahrheit annehmen, was wir bislang nur vermutet haben (und mit “wir” meine ich hauptsächlich mich und meine Filzläuse): wir werden medial gespalten. Die Welt besteht nun aus zwei Lagern, denjenigen, die sich noch von Fernsehen und Radio und damit der kulturellen Geschmacklosigkeit zuballern lassen, und denjenigen, die im Internet ihre Heimat gefunden haben. Sie beißen sich im Archiv aller Möglichkeiten fest, um altes zu neuem zu machen und im Zuge dessen auch zu revolutionieren. Auf internationaler Ebene, eben im Internet.
Interessanterweise hängen beide Stränge aber untrennbar miteinander zusammen, denn die “Trends” kommen eben aus dem Internet (s. Lovestep Nation, oder: wie Dubstep sich in zwei Richtungen entwickelt, einmal nämlich in Richtung melodischer R&B und IDM, und ein einmal in “How Much Is The Fish” Verstümmlung), werden später aber potenziell genutzt, um ein Genre oder eine Bewegung kommerziell groß aufzublasen (und wieder so glatt zu produzieren, dass all das, was mal individuell und interessant daran war, kaputt gestampft wird).
Aber das sind nur einige Gedanken, die mich zum 90s Hip Hop Spirit bringen sollten, es leider aber doch nicht tun. Mein Punkt war eigentlich: auch Hip Hop entwickelt sich gerade in tausend plus fünf explodierende Richtungen. Man, wie wir alle dachten, dass der Old School tot ist und es nur noch um Titten und Fuffis um Club geht. Und ey, das gibt’s ja auch noch, und das wird auch immer größer (meistens in Kombination mit ekligem Rave-Shit), aber die Alternative dazu war bisher nur ganz langsamer, monotoner und irgendwie gleichbleibender Conscious Rap. Es zählte bislang nicht mehr, wer am geilsten rappen und schreiben konnte und einen krassen Flow draufhatte, sondern wer am besten aussah, das optimale Zeitgeist-Image vertreten konnte und die besseren Producer hatte. Das alles nehme ich niemandem übel, aber es ist durchaus Zeit für eine weitere Kategorie an Talenten, die all das kombinieren können.
Enter Nitty Scott MC (ICH MEINE SIE HAT DA EIN “MC” STEHEN, DAS IST WIE SICH SELBST EINEN DOKTORTITEL GEBEN, NICHT MAL DAS MACHEN DIE RAPPER VON HEUTE NOCH!), die ich ohne Probleme neben solche Vorzeigekandidaten wie Kendrick Lamar und Earl Sweatshirt stellen kann. Denn es geht eben nicht nur um die fettesten Beats und die krasseste Show, es geht auch um ein Gefühl für den Sprachgesang, um eine gewissenhafte Auseinandersetzung mit Themen, um einen schlagfertigen Charakter in der Stimme, irgendetwas, was sie von der trüben Masse der Spaßrapper hervorhebt. Und ich meine jetzt gar nicht: lasst uns alle wieder Dead Prez sein und nur noch von Politik und gesellschaftlichen Zuständen singen, denn auch das ist eine ignorante Schiene, die ich langweilig finde. Im Gegenteil: ich will alles. Das ganze Paket. Ich will Feuer, ich will Potenzial, ich will krasse Töne und krassen Flow. Natürlich gehört auch ein Vorreiter wie Lupe Fiasco in diese Liste, aber ey, logo, das ist genau das was ich meine: er hat es mal so weit gebracht, jedem die Stimme zu verschlagen, dann wurde er in die Mangel aller wichtigen Geldmacher dieser Welt genommen und zack, das letzte Album war ein Flop, weil es sehr, sehr weit weg von dem war, was er einst konnte. Ich nehme ihm das nicht übel- das ist der Verlauf der Dinge.
BB: I ask this questions seriously because you brought up a good point when you described that people suggest collaborations. Do you feel the industry yet?
NS: Oh, yeah, definitely. I get hit with it all the time. I get a lot of feedback that’s like, “Yo, you’re dope. I love your sound. I love what you’re doing. But if you ever want to become a household name, if you ever want to become a megastar you’re going to have to do this.”
BB: Where’s that coming from? From your fans? From people in general? From Industry people?
NS: Not fans. I think it’s the industry approach to the situation because my fans specifically, I think they just love what I do. I don’t think they love me because they want me to get to “the next level.” I think they just appreciate it for what it is because my definition for success is not that. I’m here for longevity. I’m here to have a career. I’m not here for my 15 minutes. I’m humble about it and I get a lot of people that hit me with the industry [perspective], wanting me to switch up my whole style to be more mainstream and more commercial. That’s not my thing. I think an Emcee like myself, I think I can bridge gaps in a way that I can f*ck with the Underground and the Mainstream. I think the issue with an Underground artist getting to a certain height is that their sound and their message is going to be sacrificed. It’s not that we’re mad that you’re where you are. It’s more that when you get there, everything you sold us up until now gets thrown out the window. So, I feel like if you sort of make that promise to your fans like, “Yo, I’m going to be me. I’m going to stay true to what made you gravitate to me in the first place no matter where my career takes me. If you give them that security, you can go to the next level with your shit and not have to sacrifice anything because you’re fan base was built from the ground up. It wasn’t bought or sold or shoved down anyone’s throat. It was very grassroots from the bottom. They liked what I was doing. So the bigger it gets, it’s just getting bigger. It’s just being seen on a larger platform. It doesn’t mean that I’m switching everything up. There are ways to do that. Not every artist can break that mold without losing the respect of the Underground, but I think that I can do that. – (via)
Aber: ich fände es sehr, sehr schön, wenn sich dieser Trend, zurück zum Rap zu gehen, auch medial konstituiert und man zukünftig wieder damit Kohle scheffeln kann, ein einzigartiges Talent zu sein.
Nitty Scotty MC verkörpert da ja vor allem nicht nur genau meine persönliche Forderung (Authentizität, Talent, Durchschlagkraft und das Potenzial, kommerziellen Erfolg zu haben ohne gleich in den Pop-Wolf zu kommen), nein, sie ist erst verdammte 20 Jahre alt und dazu noch eine coole Frau. Sie wirkt tough und so, als wüsste sie genau was sie wollte. Das ist ‘ne Backmischung für den perfekten Kuchen. Jetzt fehlt nur noch die Aufmerksamkeit, aber an der zweifle ich keine Sekunde. Aber das eigentlich ein Kind die Wurzeln des Hip Hops aufspüren kann (im Internet), sich daran festbeisst und sie wieder hochbringt, das ist etwas ganz großes. Die Zukunft von (qualitativ hochwertigem) Rap & Hip Hop könnte gerettet sein, zumindest für mich.
(Übrigens gehe ich bei allen Beobachtungen nur von mir aus. Sicherlich gab es auch zwischenzeitlich herausragende Talente und es gibt sie bestimmt auch unter den besserverdienenden. Allerdings bemerke ich immer mehr, wie eben auch Freiräume für solche jungen Künstler geschaffen werden, die ihnen dienlich sind. Das finde ich gut.)
Im Guardian (Herz, Seele und Mumu meines Informationsbeschaffungskörpers) ist ein Artikel erschienen, der dieses fanatische “Zurückdenken” und den Retromove in der Musikszene (und begleitetend in Fashion und Kultur als Gesamtbild) beschreibt und wie sich gerade in diesem Bereich zwei Welten gegenüber stehen; einmal die Ibiza-House Maloche, die von David Guetta, dieser Hure, angeführt wurde und bei den Rednecks in den USA gerade einschlägt wie eine Bombe (als ob wir noch mehr Eurotrash Musik gebraucht haben); aber andererseits auch die Indie-Schiene, die sich an 60er Jahre Hippie und Blues und anderem Kram anlehnt.
Retro is not a completely new phenomenon, of course: pop has an extensive history of revivals and creative distortions of the musical past. What is different about the contemporary retromania is the aspect of total recall, instant recall, and exact recall that the internet makes possible. Fans can drown themselves in the entire history of music at no cost, because it is literally all up there for the taking. From YouTube’s archive of TV and concert performances to countless music, fashion, photography and design blogs, the internet is a gigantic image bank that encourages and enables the precision replication of period styles, whether it’s a music genre, graphics or fashion. As a result, the scope for imaginative reworking of the past – the misrecognitions and mutations that characterised earlier cults of antiquity like the 19th-century gothic revival – is reduced. In music especially, the combination of cheap digital technology and the vast accumulation of knowledge about how specific recordings were made, means that bands today can get exactly the period sound they are looking for, whether it’s a certain drum sound achieved by Ringo Starr with help from the Abbey Road technicians or a particular synth tone used by Kraftwerk.
Ein besonders anregender Punkt im Text ist die Frage, an was wir uns eigentlich zurück erinnern, wenn wir in einigen Jahren das Retrospiel auf das 21. Jahrhundert projezieren? Wir werden Bilder haben, die so aussehen, als wären sie vor 20 Jahren geschossen worden, und Musik, die sich so anhört, als wäre sie mindestens 40 Jahre älter als sie ist. Es ist eine Verzerrung der Zeit.
What seems to have happened is that the place that The Future once occupied in the imagination of young music-makers has been displaced by The Past: that’s where the romance now lies, with the idea of things that have been lost. The accent, today, is not on discovery but on recovery. All through the noughties, the game of hip involved competing to find fresher things to remake: it was about being differently derivative, original in your unoriginality.
Und das ist mit Sicherheit jedem schon mal aufgefallen, dieses Gefühl, einen guten (!) Song schon mal gehört zu haben und sich darüber sogar zu freuen. An manchen Tagen jedoch ist man lediglich übersättigt und fragt sich, ob es jemals wieder etwas “neues” geben wird (James Blake und Weeknd waren für mich die einzigen Künstler der letzten Zeit, die im Mainstream/Pop Business zumindest “fresh” gewirkt haben – aber auch das ist alles nicht experimentell, sondern nur ein Zusammenwurf bereits bestehender, neuer und alter Elemente ihrer jeweiligen Genres).
Ich kann den (gefühlsmäßigen) Drang zur Professionalisierung derzeit in meinem Umfeld nicht nachvollziehen. Gerade in ewas kreativen Gefilden – so wie etwa dem Bloggen/Schreiben, Webdesign/Mediengestaltung, Fotografieren, und vielen anderen Dingen. Selbstverständlich ist es schön, sich sein Geld und damit seine Sicherheit im Leben mit etwas zu verdienen, dass einem Spaß macht und vielleicht sogar auch liegt. Aber für mich kommt das fast nicht in Frage.
Gerade heute, wo wir viele Freiheiten haben, uns mit neuen (und auch alten) Technologien eigenständig umzuschauen und Horizonte zu versetzen, macht es natürlich auch Sinn, in vielen Gewässern mal abzutesten ob man auch darin schwimmen kann und nicht erfroren untergeht. Ich habe das an einigen meiner mittlerweile erfolgreichen Freunden beobachten können, die sich ausprobierten um festzustellen: hey, das ist was für mich. Das will ich machen. Nichts anderes: nur das.
Ich schreibe für mein Leben gerne, aber ich habe überhaupt kein Bedürfnis, das zu meinem Standbein im Leben zu machen. Ich freue mich darüber, wenn es in seltenen Augenblicken auch etwas abwirft… aber nicht unbedingt, weil es notwendig ist, sondern weil es zufällig ist. Viele Blogger allerdings haben diesen seltsamen Business-Aspekt im Blick, aber die Wahrheit ist: nein, ein Blog hat nicht die Konsequenz, durch Erfolg auch zu einem vielgelesenen Magazin zu werden. Und das muss er auch nicht.
Meine Freude am Fotografieren wird mir oft von arroganten Pennern genommen, die mich an jeder Stelle kritisieren: hey, das sieht scheisse aus, oder hier, da kennst du dich aber auch noch nicht genug aus. Und wie, du kennst den-und-den nicht, der ist super berühmt, also wenn du das schon nicht weisst, wird das mit dir ja nie was in der Branche. Hä? Wer hat denn je behauptet, dass ich in irgendeine Branche will? Ich will fotografieren, das mache ich auch. Wenn ich Lust habe, mich zu belesen, weil ich besser werden möchte, dann mache ich das in meiner Freizeit auch. Erst letztens habe ich eine Diskussion überhört, die mich extrem genervt hat: es ging darum, wie ätzend es ist, dass heutzutage jeder Spast mit seinem iPhone irgendwelche App-Fotos macht und damit alles so generisch wirkt – anstatt sich mal mit Fotografie auseinanderzusetzen, anstatt mal eine richtige Kamera ohne diese scheiss Effekte zu kaufen, und so weiter.
Ich sehe das völlig anders: ich freue mich, wenn auch Leute, die sich noch nie mit soetwas auseinandergesetzt haben, einen Spaß an Kreativität entdecken und einfach drauf los machen. Das gilt für Blogger und für Fotografen und für Webdesigner und für Hobbysportler. Geht ja auch keiner in den Verein um eines Tages Geld damit zu verdienen. Scheisse, und wenn jemand nebenher gerne Matheaufgaben löst, dann soll er das tun, und es erwartet auch keiner, dass er Astronaut wird.
Warum ich darüber nachdenke: ich bin zur Zeit in Überlegungen vertieft, wie meine Zukunft aussehen soll. Ich bin noch nicht bei der genetischen Zusammensetzung meiner perfekten Kinder angelangt, da sind noch einige Jahre, die mit Plänen gefüllt werden müssen. Ich würde mir gerne die Zeit nehmen, in den nächsten paar Jahren noch an meiner vergänglichen Schönheit zu zehren und lieber zur Uni gehen als wie die letzten zwei Jahre stramm für eine doch aufgegebene Karriere zu arbeiten. Wenn ich das gegenüber Bekannten erwähne, dann heisst es immer: ganz klar, du schreibst doch so gerne, dann schreib doch ein Buch! Oder studiere Literaturwissenschaften! Journalismus! Irgendwas mit Medien! Aber ich verstehe das nicht.
Ich verstehe nicht, wieso ich mich durch ein Studium quälen soll, was mir im schlechtesten Falle das versaut, was ich gerne mache (weil es zur Aufgabe wird), und im besten Fall einfach uninspirierend wird, weil ich mich mit nichts mehr umgebe, worüber ich tatsächlich schreiben kann. Irgendwie hat das doch was destruktives. Ich kann doch erstmal etwas machen, dass ich nicht gerne mache, weil ich es nicht kann. Ich will etwas lernen, meinen Horizont erweitern. Wenn ich dann immer noch (darüber) schreiben will, dann hält mich nichts davon ab.
Kids, lasst euch nicht den Spaß nehmen von irgendwelchen nörgelnden Profis, die meinen, sie hätten sich durchgesetzt. Das inflationäre Aufgebot unserer professionellen Kreativwelt ist so lächerlich wie auch überflüssig, und am Ende kommt man doch nicht ganz groß raus, weil man sich ständig nur in einem Feld bewegt. Wie es schon Jan Delay mal gesagt hat:
“Wer Hip Hop macht aber nur Hip Hop hört betreibt Inzest”
“Wir sind nur einmal jung” rechtfertigt alles- jeden Fehler, jede unmoralische Handlung, jede rücksichtslose Bewegung und jede Distanzierung vom Gemeinwohl in einem einzigen Satz gefangen und abgenickt. Wir erlauben unseren Kindern diese Freiheiten, weil sie noch früh genug die Hürden und die Lasten eines verantwortungsvollen Leben auf ihren so schwachen Schultern spüren werden. Manche entscheiden sich freiwillig dafür, manche haben nie die Gelegenheit ihre Limits zu sprengen und werden in das Erwachsensein reingeboren; ich, ich bin hier mittendrin und mir dessen bewusst. Aber nicht für immer.
Ich weiß, du und ich, wir werden die nächsten drei oder vier Jahre noch toben und spielen wollen, unsere Grenzen austesten wollen und sehen wohin uns diese verrückte Welt und die augenscheinlich nie endende Jugend hinführen wird, aber ich sage dir ganz ehrlich und unvermittelt: ich bin nicht für immer jung, und ich will mir nicht für immer alle Möglichkeiten offen halten. Ich will die nächsten Jahre mit dir und euch auf Drogen verbringen und jeden Tag chaotischer leben als vorher, dazulernen, wissbegierig aufsaugen und im Dreck aller Träume wühlen. Ich will die nächsten Jahre von einem spontanen Trip zum nächsten jetten, ich will auf Parties gehen, studieren, die Welt sehen. Ich will mit dir in einem Bett liegen und darüber philosophieren warum wir nie zusammen sein können, ich will berührt werden und verletzt werden und ich will alle Erfahrungen in eine kleine Schatzkiste packen und daraus ein Paket für meine Zukunft schnüren: voller Wortschatz, Selbstsicherheit, Erfahrung, Freundschaft, Schmerz, Meinungen und Urteil. Denn ja, eines Tages will ich wissen, was mich glücklich macht. Was mich nicht glücklich macht. Wogegen ich mich kategorisch entschieden habe, bewusst, welche Politik ich gut finde und welche Beziehungen ich nicht mehr eingehen möchte. Ich will mich festlegen. Ich will Menschen nicht gut finden, sie verurteilen können, weil sie nicht nach meinen Prinzipien leben; nicht um sie zu bessern oder um die Welt zu verändern, sondern um in meinem eigenen kleinen Mikrokosmos ein Stück Fassung zu bekommen, für mich, für dich, für meine ungeborenen Kinder und für das, was unsere Welt so viel schöner macht: die Ruhe und die Gelassenheit der Sicherheit und Liebe. Prinzipien und Grundsätze nach meinen Maßstäben finden, endlich ein fertiges Bild malen. Es muss nicht jedem gefallen, die Farben müssen nicht passen, aber ich muss endlich mit diesem Kunstwerk zufrieden sein und sagen können: das ist das, was ich in den letzten fünf Jahren mitgenommen habe, und das ist die Komposition und das sind die Farben, die mich heute zeichnen.
So weit bin ich noch nicht, natürlich nicht. Wir beide wollen das jetzt nicht für uns. Festlegen und Pläne schmieden, dafür ist unser Drang nach “mehr” noch viel zu stark. Wir können uns noch nicht für einen Weg entscheiden, weil uns so viele Wege theoretisch gefallen. Und ach. Dafür ist dieser Luxus unserer Generation ja da, um zu testen, und dafür können wir uns glücklich schätzen. Wir spielen mit uns, mit unseren Gefühlen, und wir akzeptieren jede Richtung und jede Begegnung weil es sich so schön von unserer Bucket List abhaken lässt. Aber ich kenne mich jetzt gut genug. Ich weiß, dass meine Haltestelle irgendwann kommen wird, und ich werde von diesem Highspeed-Zug springen und mich für ein Leben außerhalb der schnellen Bewegung entscheiden. Nicht um stehen zu bleiben, sondern um ein Tempo zu finden, das ich für immer halten kann.
Ich hoffe du schaffst das auch.
Für B, ohne den ich den roten Faden schon längst verloren hätte. Fotos by Tamara Lichtenstein (via)
Obwohl ich schon immer wusste dass ich nach der Schule weggehen würde – weil ich alles und jeden hasste und nie richtige Freunde und Zusammenhalt fand – war es kurz vor meinem Umzug nach Berlin doch nicht so einfach. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, plötzlich war es auch gut, zu Hause zu sein. Nachdem meine damals beste Freundin von unserem Plan absprang und ich mich auf einmal völlig alleine in dieser riesigen und beeindruckenden Stadt befand, war es so als hätte mir das Schicksal einen Streich spielen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinwegkam. Und jetzt, wo ich endlich angekommen bin, reise ich wieder aus in die weite Welt.
Vielleicht brauche ich das, damit dieser befürchtete Stillstand nie einsetzt, der mich geistig völlig lähmt; vielleicht ist das jetzt auch nur so weil ich jung bin und Entscheidungen treffe, die ich nicht richtig einschätzen kann. Ich nehme keine dieser Entscheidungen zurück: auch wenn es hart war, Berlin hat mir nicht nur gut getan sondern mein Wesen regelrecht verändert. Und auch wenn es jetzt erst mal hart wird, mein endlich, ENDLICH geschmücktes und vorbereitetes Nest zu verlassen, wird auch die Reise gut, keine Frage.
Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, meine Seele gerade ein bisschen aufzusplitten und meine Horcruxe in der Welt zu verteilen. Niemals richtig zum Atem gekommen sein. Nie wissen, wo ich nächstes Jahr bin – und obwohl ich das genau SO will, macht es mich auch völlig verrückt. Ich fange ja jetzt schon an zu planen, was nach der Reise ist, obwohl ich noch hier bin. Gleichzeitig möchte ich nichts darüber wissen, so verwirrend das klingen mag. Ich provoziere das geplante Chaos. Es wirkt verzerrt und kompliziert und auswegslos, aber für mich ist es ganz klar konstruiert und kontrolliert. Ich warte auf den Tag, an dem ich unerwartet, unbewusst stolpere und so tief falle und hart aufpralle wie noch nie in meinem Leben.
Diese Entscheidungen waren aus der Flucht heraus geboren; sie haben mich befreit, jedes Mal wieder haben sie mein Leben besser gemacht. Aber nicht, weil ich gegangen bin, sondern weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich gehen kann wenn ich will. Vielleicht ist es auch das, was mich in dieser ganzen Beziehungswelt so aufhält, diese langen Strecken, aus denen man eben nicht mehr flüchten kann sobald man sich darauf eingelassen hat. Diese augenscheinliche Bewegungslosigkeit, der einem den Wind aus den Segeln nehmen will- ein anderes Leben zu führen, dass einen dazu zwingt, einen anderen Weg zu wählen, vielleicht sogar ein anderes Ziel. Einer der nicht schlechter ist, sondern anders und gefestigter. Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt? Wenn man gar keinen Grund hat zu flüchten und es trotzdem tut, um seine Seele zu beruhigen, so lächerlich es klingt? Und dabei tun wir gerade nichts lieber als in der Vergangenheit und in unserer Kindheit herumzuwühlen um vielleicht eines Tages ein bisschen zu verstehen, woher unsere Angst eigentlich rührt.
Ich und alle anderen sagen auch immer “du bist so jung”, aber so jung fühle ich mich gar nicht mehr. Es liegt alles vor mir, jede Möglichkeit mein Leben zu gestalten, und ich entscheide mich bewusst gegen Commitment, egal ob es um Arbeit, um Freundschaften, um Beziehungen, um Familie geht. Vielleicht komme ich davon eines Tages weg. Aber die traurige Wahrheit ist: ich wäre nicht die erste, die es nicht schafft. Ich sehe mich selbst in zehn Jahren an der selben Stelle herumtreten wie jetzt, wo man es noch entschuldigen kann, und der chaotischen, nie festgelegten Unendlichkeit hinterherrennen ohne jemals eine richtige Berechnung angestellt zu haben, ohne mal angehalten und nach dem Weg gefragt zu haben: im Alleingang, Top-Speed, mit flüchtigen Bekanntschaften und einem Hustenanfall auf halber Strecke.
Und in zehn Jahren immer noch alleine und festgebunden an meine “Freiheit”. Genauso festgebunden wie man in einer Beziehung wäre; nur einsamer.
Ich mache mir für neue Jahre immer nur maximal Meta-Vorsätze. Sehr beliebt sind die Varianten “Dieses Jahr mache ich mir einen Vorsatz, den ich halten kann” oder “Dieses Jahr habe ich bis zum 6. Januar Zeit, 3 Menschen von ihren Vorsätzen abzubringen“. Ja, ich bin ein schlechter Mensch, aber wir hatten ja jetzt schon genug Zeit herauszufinden, dass schlechte Menschen sexy sind und auch in der Hölle noch mehr Spaß haben werden als die ganzen dahervegetierenden Pimmel da draußen. Ups, hat jemand Pimmel gesagt?
Dieses Jahr startete dafür Abseits jeglicher Norm. Nein, ich war nicht plötzlich gut gelaunt und fand mein Leben schön. Es war auf eine andere Art und Weise.. anders. Am 31. Dezember 2009 wachte ich mit Herzklopfen auf (ich weiß, ich habe das jetzt schon sehr oft erwähnt, aber ich bin wirklich mit Herzklopfen aufgewacht und das ist nicht nur ein stilistisches Mittel, welches die Dramatik meiner Entscheidung & Gefühle betonen soll, nein, es war tatsächlich so und ich dachte ich müsste sterben vor Anstrengung), ich war schweißgebadet von einer wahnsinnigen Eingebung.
Das letzte Mal, dass ich soetwas empfand, war der Tag, an dem ich plötzlich wusste, dass Cumin die geheime Zutat für alles war, was Hackfleisch beinhaltete. Mein Leben war schlagartig nicht mehr freitodgefährdet. Außerdem ist mir das auch mal passiert, als ich eines morgens wusste, dass ich meine Sachen packen und einfach so nach Berlin ziehen würde, mit Sicherheit eine der besten Entscheidungen meines Lebens, auch wenn das vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich nicht mehr so viele behinderte Emos um mich herum habe. Vielleicht.
Und so war es auch dieses Mal: ich wachte auf und wusste, ich würde eine Weltreise machen. Endlich. Jetzt, ja. Es war ein Vorsatz, und mein Herz brannte. Es geht nicht darum, dass man auf einmal überraschend einen völlig absurden Traum verfolgt, nur weil man gelangweilt ist von seinem Leben. Ich bin ganz und gar nicht gelangweilt. Ich bin müde, gestresst, ich renne von einem Menschen zum nächsten, ich habe Spaß, ich bin gut gelaunt (meistens) und erst vor einigen Tagen musste ich feststellen, dass ich doch kein Block aus Schokoeis bin, sondern sogar in der Lage sein kann, Gefühle für jemanden zu hegen. Ok, und manchmal bin ich auch gelangweilt. Aber so war das nicht.
I mean, lol?
Es war ein Moment, in dem ich wusste, dass ich es schaffen könnte. Nicht der Traum war neu, sondern lediglich die Motivation dahinter. Worauf ich die ganze Zeit gewartet habe – ein innerlicher Arschtritt und, so schmerzhaft es auch wird, die finanziellen Möglichkeiten – ist endlich eingetroffen. Ich habe jetzt schon bestimmt 10 verschiedenen Menschen versucht zu erklären, wie das ist. Ich dachte, jeder hätte diesen Moment, einfach aufwachen und wissen, was zu tun ist, aber alle gucken mich immer an als wäre ich Gilbert Grape und hätte es nur noch nicht gemerkt. Banausen, das alles.
… am gleichen Tag noch verbrachte ich 12 Stunden damit, mich über diese Weltreise zu erkundigen, Pläne zu schmieden, mich einzulesen. Sylvester ging irgendwie an mir vorbei, meine Gedanken galten nur der Reise (übrigens war der Kommentar meiner Mutter dazu original (mit Grammatikfehlern weil sie erst seit 25 Jahren in Deutschland lebt, zwei Studiengänge und eine Ausbildung hinter sich hat und das mit der Sprache immer noch nicht hinbekommt), ich schwöre bei meinen ungeborenen Kindern, “du bist wie der schwulen Junger von dieser Fernsehen, der lebt nuuur in seinem Kopf, warum musst du reisen, hä? ICH BRINGE DICH UM!!“). Ich hab schnell tausend Seiten vollgetippt und so viele Informationen zusammengetragen, die schlussendlich sortiert werden müssen, und ich habe immer noch nicht den Grund der Recherche angekratzt. Das auf diesem Blog für mich auseinanderzufriemeln wäre nur zum Leidwesen aller Leser. Aber weil die Infos und der ganze Prozess auf jeden Fall trotzdem interessant sind, habe ich einfach einen anderen Blog gestartet:
Have Love Will Travel (übrigens auch der Titel eines sehr cooler Songs). Ja, das Layout ist hässlich, aber ich habe es meine Mutter aussuchen lassen, weil die ihn ja dann irgendwann lesen muss während sich alle von meinen Postkarten-Posts langweilen. Ich werde meinem Schreibstil trotzdem treu bleiben und hin und wieder mal das Wort “ficken” einschmeissen, for the kicks.
DragstripGirl.de bleibt dann wohl für’s Erste weltreisefrei, während Have Love Will Travel ein Wochenendprojekt wird. Es wird nicht so langweilig, wie man es sich vorstellt, aber es wird vor allem hoffentlich auch noch ein bisschen Kohle bringen, damit ich in den nächsten 10 Monaten nicht vollständig hungern muss. Ich bin ja kein Fan von Selbstmarketing, aber ich weiß, dass manche Menschen sich für das Thema interessieren, daher würde ich mich freuen, wenn ihr den Feed abonniert und hin und wieder für ein bisschen Traffic sorgt (ihr wisst schon, Dinero muchacho). Außerdem gibt’s da auch bestimmt irgendwann Titten. Und wer einen Werbeplatz braucht sagt Bescheid.
Ich erlaube außerdem ausschließlich in diesem Beitrag hier, dass man sich über mich und meine Träume lustig macht. Dann hat jeder mal seine Zweifel geäußert und mit dem Finger auf die fette Trulla gezeigt, die glaubt, irgendwie genug Kohle sammeln zu können und dann echt alleine durch die Pampa zieht, obwohl sie noch nicht einmal in ihrem Leben in einem Zelt übernachtet hat und nicht aus dem Haus gehen kann, ohne sich die Haare zu glätten. Das dürft ihr alles hier in den Kommentaren hinterlassen. Aber danach: danach haltet ihr entweder die Fresse und lasst mich alleine in meinen wahnsinnigen Vorstellungen versagen, oder ihr gebt mir alle Informationen, Tipps, Hinweise und gebrauchten Dingen, die man so benötigen könnte, die ihr habt. Ja, verdammte scheisse, ich nehme auch Visa und Schecks an.
Ich bin enttäuscht von der Zukunft. Twitter, Latitude, Wave, Facebook- großartig, noch mehr Erinnerungen daran, dass ich überhaupt keine Freunde habe und ständig nur irgendwelche Links mit Fremden austausche. Fremde, mit denen ich meistens im echten Leben bewusst und verständlicherweise nichts zu tun hätte.
Ich habe letztens ein N95 gefunden ((ich habe es nicht zurückbringen können, ihr unsportlichen Moralaposteln, und abgesehen davon ist es jetzt bereits das sechste Mobiltelefon, dass ich so vom Boden aufklaube, irgendwann reicht es auch mit dem positiven Karma und man steckt den Scheiss halt ein. Es war höhere Gewalt!)), und habe mich tierisch gefreut dass auch ich jetzt den Schritt in die Zukunft mache und mobil im Netz bin. Bis mir auffiel, dass es mich nicht kickt, nicht bockt, und ich viel lieber meine Bettwäsche aufhängen möchte. Ich habe nichts zu erzählen aus meinem “Unterwegs-Leben”, weil ich kein Unterwegs-Leben mehr habe.
Und jetzt will man mich vielleicht auf meine Ignoranz hinweisen und sagen, dass dies die notwendigen Schritte in die Zukunft sind, und das wir so alle immer enger vernetzt werden, Brücken schlagen können zu Menschen, mit denen man ansonsten nicht in Berührung kommen würde. Man möchte mich doch bitte wachrütteln und mir zeigen, dass ich selbst der Informations- und Kommunikationssucht erlegen bin, das deutlichste Beispiel diese Plattform! Ich könne das alles ja nur nicht richtig schätzen, und man muss ja auch die positive Seite sehen. Aber am Ende läuft es trotzdem darauf hinaus, dass wir über das Leben auf einer Metaebene schwadronieren, ohne überhaupt mehr zu wissen, was das Leben eigentlich ist.
Es sollte aus mehr bestehen als Fakten, Informationen, Essays und Tweets. Mehr als nur das geschriebene Wort. Mehr als nur ein Video von etwas, was vielleicht gar nicht passiert ist. Aber das gibt es nichts, denn uns passiert nichts mehr. Wir setzen uns nur noch einen virtuellen Helm auf, der uns in eine unendliche Welt eintauchen lässt. Wir stellen uns lieber vor, wie wir Berge erklimmen, anstatt es zu tun. Das ist gut und das ist schlecht. Aber vor allem ist es deprimierend, wenn man so sehr an der Zukunft teilnehmen möchte und feststellt, dass der Fortschritt dorthin selbst es ist, der einen davon abhält.
Ich rede hier nicht von Kausalitäten und dem “gefährlichen Internet”, aber ich kann verstehen, wieso Leute an Überfettigung oder wegen eines Amoklaufes sterben: von einem Extrem ins Nächste, wenn das alles ist, was uns übrig bleibt. Und die Diskussion darüber? Es verändert sich nichts, außer die Plattformen, auf denen wir unsere inhaltslosen Nachrichten verbreiten. Die gleichen Themen und Best Of’s wie vor drei oder sechzehn Jaren. Nicht nur in anderen Wörtern, sondern auch in anderen Gewändern. Diesmal aber nicht auf einem Blog, im Fernsehen oder in der Zeitung, sondern in einem Wave. Oder in einem Tweet. Oder bei Ffffound.
Der Kontext bleibt auf der Strecke. Plötzlich sammeln wir irgendwelche Grafikschnipsel, auf denen weise Zitate stehen. Wir haben keine Zeit mehr, das ganze Buch zu lesen, weil wir vielleicht den Tagesstream verpassen könnten. In ein paar Jahren werden diese Spruchfetzen auf Häuserwände projeziert, nämlich per Laserstick aus der Hosentasche heraus. Und so drücken wir uns dann aus. Nicht mehr mit Händen und Füßen, nicht mehr mit Papier und Stift, sondern mit Lichteffekten und ohne Kontext. Wir sehen nicht, wer hinter der Kunst steht. Wir drehen nur noch Filme, die von Filmen inspiriert sind, nicht von der Realität. Ist es Sucht, ist es ein Überfluss an Synthetik, ist das das natürliche Habitat des Menschen, ist das Evolution oder Depression? Und dann stellt sich die ganz großartige Frage, so klar oder vielleicht doch nicht so klar: wer braucht noch Kommunikationsmittel, wenn es nichts mehr zu kommunizieren gibt, und niemanden, mit dem man kommunizieren will?
Ein Haufen Pixel auf einer ewig langen Timeline.
Versteht mich nicht falsch: ich finde das alles nicht schlecht. Oh, im Gegenteil. Ich bin der größte Fan von kurzlebigen Informationsfluten, die dann wieder langsam aus meinem Gehirn bröckeln. Und ja, ich bin die erste, die sich dieser Sucht, Leidenschaft, Krankheit hingibt. Aber es bleibt nicht ohne bitteren Nachgeschmack, wenn ich das Gefühl habe, nach 15 Stunden Arbeit im Internet genug gelebt zu haben.
Und es macht mir Angst zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin.