Während Kontrollverlust zwar in den hippiesquen Zeiten der Selbstbefreiung als schick und zwingend notwendig gilt, wenn man nicht als verstaubter Spießer dem kulturellen Untergang geweiht sein möchte, kann Kontrollverlust auch ziemlich ätzend sein. Wenn man sich, sein Wohlergehen, seine Flexibilität und die Hälfte seiner Zurechnungsfähigkeit abgibt. Und seien wir mal ehrlich: die meisten Leute sind wie wir. Auch sie sitzen die meiste Zeit mit den Händen über dem Kopf zusammengeschlagen vor ihrem Leben und fragen sich, welche Spirituose sie heute bevorzugen. Genauso, wie sie vor ihrem Bildschirm sitzen und auf Facebook akrobatische Siegeszüge für virtuelle Ablenkungstuniere turnen. Und das sind dann die Leute, die die Schrauben an unseren Flugzeugen festziehen, und die für die Sicherungen in unserer Wohnung zuständig sind, und die das Fernsehprogramm gestalten, und die unseren intellektuellen Texte schreiben.

Jeden Tag geben wir ein Stück unserer Unabhängigkeit ab. Das ist ja auch okay, man kann ja auch nicht alles. Nicht alles wissen, nicht alles können. Wir geben Kontrolle darüber ab, was auf diesen Gebieten passiert, und auch das ist okay, denn viele haben sich spezialisiert und sind besser in ihrem Fach als wir (selbst, wenn sie die meiste Zeit Minesweeper spielen und ihre Vorgesetzten hassen und Geldprobleme haben).

Es ist aber nur so lange okay, bis wir die Kontrolle nicht mehr zurückhaben können. Während viele konkrete Dinge lose in unserer Atmosphäre schweben und greifbar bleiben, sind es unsere Herzen meistens genau dann nicht, wenn wir einen Rückzug starten möchten. Und dann geht das Gepaddel ums Überleben los. Entweder, man lässt weiterhin jemand anderes die Kontrolle darüber haben und baut eventuell große Scheisse, oder man erkämpft sich in bitterer Schlacht zurück, was schon längst Scheisse geworden ist.

Kontrollverlust ist ein anderes Wort für die Ehrfurcht vor der Hoheit, die man über sich akzeptiert. Und so lange die Hoheit einen guten Tag hat, sieht man nicht die Schläge, die einem für die miesen Tage (meistens Montage) bevorstehen.

This article has 1 comments

Comments are closed.