Reden wir eigentlich schon wieder alle über dieselbe Scheisse? Plötzlich taucht es überall auf: wir müssen wieder langsamer sein. Wir dürfen uns nicht von Instagram verschlucken lassen. Wir müssen mehr im Moment leben – nicht dem Internet und der Allgegenwärtigkeit der Vernetzung entsagen, sondern einfach nur wieder Muße finden. Und sich nicht hetzen lassen. Und auch mal alleine sein dürfen. Und Zeit/Raum bewahren. Und Langweile existieren lassen. Spaziergänge machen. Mal abschalten. Nicht mehr so viel von sich selbst preis geben. Nicht mehr von der Arbeitswelt unter Druck setzen lassen. Der Tatsache ins Auge sehen: das Fast Life ist eine kollektive Angelegenheit, die Überholspur ist voll von Bremsern, ein Projekt jagt das nächste, Emails checken ist das Zentrum der Arbeit geworden, Smartphones erlauben Availability, Bullshit-Bingo ist jetzt kein Spiel mehr das nur Manager gerne daddeln.

Da ist es, das Thema des Jahrtausends: wie können die Early Adopters es schaffen, aus dem Teufelskreis der Early Adopterei herauszubrechen, ohne an ihren eigenen Ansprüchen zu verzweifeln? Wie können wir frische Landluft atmen ohne dabei an die horrenden Kosten unserer Roaming-Gebühren zu denken? Wie können wir an Jobs kommen, wenn Schnelligkeit kein Maßstab mehr für die Qualität unserer Arbeit ist? Was macht uns eigentlich noch Spaß, wenn nicht die ständige Entdeckung von Neuem? Was ist Weiterentwicklung wenn nicht die Angst vor ewiger Stagnation? Wie ist das erst, wenn wir uns niederlassen möchten, und dann ein einziges Haus in einem einzigen Ort aussuchen müssen, mit einem einzigen Büro und minus WG-Flexibilität? Oh Gott, oh Gott, dieses Thema!

Wann geben wir zu viel von uns weg? Was ist eigentlich sozialer Druck, wenn nicht die hundertprozentige Bereitschaft, zu kommunizieren? Sind wir Versuchskaninchen unserer Generation? Merken wir das gerade? Müssen wir uns dagegen wehren oder die Dinge passieren lassen? BrandEins, Zeit, Malte Welding, ich hab keinen Bock das zu verlinken, ich muss nämlich noch ein paar E-Mails beantworten. Aber alle stellen dieselben Fragen und werfen Dinge in die Luft, die die größten Suchtkrüppel unter uns dann mit Begeisterung auffangen: ja, wir haben alles falsch gemacht, die Lösung liegt jetzt im “dagegen halten”, plötzlich sind alle wieder glücklich weil der Macdeckel zugeklappt und die Wäsche mal gewaschen wurde.

Informationsfluten, Filtertalente, in Social Media ertrinken und dann doch gerettet werden; das Gefühl, etwas zu verpassen, die Unfähigkeit in der Gegenwart zu leben, die Online-Askese; das kollektive Bewusstsein, dass wir nicht mehr alleine sein können, die Frage, ob wir überhaupt alleine sein müssen und die Antwort: nur dann wissen wir, was wir zu zweit oder zu dritt oder zu fünft sein können.

This article has 2 comments

  1. HecPac

    ‘sein lassen’ ist so unglaublich schwer (geworden). man muss es gegen das eigene schlechte gewissen, das gefühl, es tut mir nicht gut, aber jetzt schon, durchziehen. und meist eben nicht. scheiss endorphine. les immer essen.

  2. Sven E.

    Da ich ein Handy besitze, bin ich zwar immer erreichbar, widme mich meinen eMails, Twitter und Facebook aber nur zwei Mal täglich. Auch im Jahr 5 nach iPhone entscheide ich mich wohl gegen ein Smartphone, weil nach langem Abwägen wohl nur WhatsApp meine Lebensqualität tatsächlich steigern würde. Auf dem Klo, auf Reise oder während Wartezeiten zwischen Terminen lese ich lieber Bücher und selten Zeitungen statt Angry Birds, Draw Something oder Song Pop zu spielen. Über die aktuelle Nachrichtenlage informiere ich mich beim Frühstück beim Morgenmagazin zusammenfassend und abends über Artikel vertiefend statt über den Tag verteilt in Bruchstücken und ohne die Zeit zu haben weiterführenden Links zu folgen.

    Das ständige Gefühl etwas zu verpassen, führt, so mein Eindruck, bei vielen gleichzeitig zum Gefühl ständiger Langeweile. Außerdem sehe ich die Gewohnheit, alle Informationen in der Hosentasche bei sich zu tragen, tatsächlich als Angriff auf die Fähigkeit sich Wissen anzueignen.

    Man sollte sich weder eine Online-Askese auferlegen noch zu jedem Zeitpunkt alle Kommunkationskanäle beobachten, sondern einfach eine gewisse Kompetenz im Umgang mit den heutigen Möglichkeiten entwickeln und einen persönlichen Mittelweg finden.

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