Im Guardian (Herz, Seele und Mumu meines Informationsbeschaffungskörpers) ist ein Artikel erschienen, der dieses fanatische “Zurückdenken” und den Retromove in der Musikszene (und begleitetend in Fashion und Kultur als Gesamtbild) beschreibt und wie sich gerade in diesem Bereich zwei Welten gegenüber stehen; einmal die Ibiza-House Maloche, die von David Guetta, dieser Hure, angeführt wurde und bei den Rednecks in den USA gerade einschlägt wie eine Bombe (als ob wir noch mehr Eurotrash Musik gebraucht haben); aber andererseits auch die Indie-Schiene, die sich an 60er Jahre Hippie und Blues und anderem Kram anlehnt.

Retro is not a completely new phenomenon, of course: pop has an extensive history of revivals and creative distortions of the musical past. What is different about the contemporary retromania is the aspect of total recall, instant recall, and exact recall that the internet makes possible. Fans can drown themselves in the entire history of music at no cost, because it is literally all up there for the taking. From YouTube’s archive of TV and concert performances to countless music, fashion, photography and design blogs, the internet is a gigantic image bank that encourages and enables the precision replication of period styles, whether it’s a music genre, graphics or fashion. As a result, the scope for imaginative reworking of the past – the misrecognitions and mutations that characterised earlier cults of antiquity like the 19th-century gothic revival – is reduced. In music especially, the combination of cheap digital technology and the vast accumulation of knowledge about how specific recordings were made, means that bands today can get exactly the period sound they are looking for, whether it’s a certain drum sound achieved by Ringo Starr with help from the Abbey Road technicians or a particular synth tone used by Kraftwerk.

Ein besonders anregender Punkt im Text ist die Frage, an was wir uns eigentlich zurück erinnern, wenn wir in einigen Jahren das Retrospiel auf das 21. Jahrhundert projezieren? Wir werden Bilder haben, die so aussehen, als wären sie vor 20 Jahren geschossen worden, und Musik, die sich so anhört, als wäre sie mindestens 40 Jahre älter als sie ist. Es ist eine Verzerrung der Zeit.

What seems to have happened is that the place that The Future once occupied in the imagination of young music-makers has been displaced by The Past: that’s where the romance now lies, with the idea of things that have been lost. The accent, today, is not on discovery but on recovery. All through the noughties, the game of hip involved competing to find fresher things to remake: it was about being differently derivative, original in your unoriginality.

Und das ist mit Sicherheit jedem schon mal aufgefallen, dieses Gefühl, einen guten (!) Song schon mal gehört zu haben und sich darüber sogar zu freuen. An manchen Tagen jedoch ist man lediglich übersättigt und fragt sich, ob es jemals wieder etwas “neues” geben wird (James Blake und Weeknd waren für mich die einzigen Künstler der letzten Zeit, die im Mainstream/Pop Business zumindest “fresh” gewirkt haben – aber auch das ist alles nicht experimentell, sondern nur ein Zusammenwurf bereits bestehender, neuer und alter Elemente ihrer jeweiligen Genres).

This article has 6 comments

  1. Georg Flausenkopf

    Musik war immer eine Entwicklung, die besonders auch von der Möglichkeiten der Klangerzeugung getragen wurde. Elektronische Musik kam z.B. nur weil es auf einmal möglich war halbwegs hörbares aus Computern rauszuholen. Das schaffte einen neuen Horizont für Musiker, eine neue Spielwiese. (Autotune ist da auch son Phänomen)

    Wir werden meiner Meinung nach in Zukunft mit einem Brei leben müssen,für Künstler ist es einfach wichtig sich aus diesem Brei etwas besonders zu formen. The Weeknd, James Blake oder auch Metronomy haben das gut hinbekommen. Es muss ja nicht immer die Erfindung des Rads sein, dennoch gebe ich dir Recht, die Musik ist in ihrer Entwicklung hängen geblieben. Das liegt aber vielmehr auch an uns Hörern, als an der mangelnden Kreativität der Künstler. Der breite Musikmarkt (ich rede nicht von uns) lässt sich wenig auf Experimente ein und wo keine Kunden da kein Geld etc.

  2. Matthias

    Das ist das häßliche Gesicht der Postmoderne, die sich in immer wieder neu durchgewürfelten Kombinationen ein und desselben begrenzten Formenkreises aufrecht erhält, weil sie aus ihrer inneren Schwäche heraus den Trugschluß propagiert, es könne keine Innovationen mehr geben. Die immer fortwährende Suche nach dem Neuartigen ist vielleicht das Charakteristikum der Moderne und indem sie auch dieses letzte Diktum abzulösen suchte, löschte sie sich nicht etwa selbst aus, sondern konvergierte in diesem gräßlichen Punkt, den sie “post” ipsum nennt. Die Postmoderne ist so wenig echt wie erträglich und da liegt des Pudels Kern: Ihre fest eingewebte ästhetische, philosophische, wie soziale Schwäche ist der Stein des Anstoßes und der Grund, warum sie schal und fad ist. Jede Schwärmerei und jede weinerliche Melancholie als Grundhaltung der Erinnerung und Orientierung an vergangene Zeiten ist feige und lähmend zugleich. Denn es ist eine Augenwischerei vor den Anforderungen dieser Zeit. Daher und für nicht viel weniger ist die Postmoderne ein Greuel.

  3. Matthias

    WARNUNG: Musik-Zeitreisen mit David Guetta (dieser Hure!)ist gefährlich!

    Wenn bei 160 km/h auf der A1 plötzlich “Ey Yoo Sexy Bitch” aus dem Fluxkompensator aka Autoradio tönt, ist man auf einmal wieder 14 und in den Autoscooter auf der heimischen Dorfkirmes zurückversetzt. Gefährliche Kombination!

  4. Kunststurz

    Total interessanter Aspekt, und es ist wirklich so. Kann man den Artikel irgendwo komplett online lesen?

    Es ist, als gäbe es keine Möglichkeit, das 21 Jahrhundert musikalisch zu umreißen, als gäbe es dieses als solches gar nicht. Irgendwie gruselig.

Comments are closed.