random, zusammenhangsloses bild

Ich habe die letzten paar Tage damit verbracht – ohne BH, hauptsächlich von grünen Elfen bespaßt, in Salt&Vinegar Chips eingerieben, Prossekschen in Jogginghose gurgelnd, im Sexchat Inserate aufgebend – meine Seitenstrangvagina groß zu pflegen und bin stolz auf meinen Kadaver weil er ausnahmsweise nicht im, sondern vor dem Urlaub krank wird. Zwar in der stressigsten Woche des Jahres, wenn ein “Launch” (nukleare Testraketen aus meinem nordkoreanischen Exil? WER WEISS!) bevor steht, wenn das Herz mal wieder rumzickt, wenn die Ferien angefangen haben und man deshalb eigentlich durchweg sternhagelvoll sein müsste. Eigentlich müsste mein Blut aus MDMA-Kristallen bestehen, genau jetzt. Ich müsste in einem richtig schäbigen Berliner Schuppen stehen und mir die Füße blutig tanzen und dann aus Dehydrations-Gründen mit einem Schlaganfall in die Charité eingeliefert werden. Stattdessen trinke ich Kaffee und Tee GLEICHZEITIG – weil ich ein Rebell bin – und muss trotzdem in die Charité, aber halt wegen der unsexy Seitenstrangangina.

Das alles soll euch eigentlich nur das Intro für ein Leben sein, dass ihr niemals bewundern werdet. Die Angina lateralis ist daran nicht primär Schuld, aber unter diesen Umständen erschwert sie mir ein aufregendes, interaktives Dasein, für das man sich einen BH anziehen muss. Warum sollte ich also eine App wie Vine runterladen, die ganz offensichtlich spannenden Menschen in den Ghettos von Brasilien vorbehalten sein sollte? Menschen, die keinen Zugang zu hochwertiger Video-Technologie haben, könnten so die seltene Aufmerksamkeitsspanne einer ganzen Generation einnehmen. 15 Sekunden Videoclip Zusammenschnitt. Und was passiert? Ich filme eine Zigarette ab und übe Stop-Motion-Gekritzel. WEIL ICH ES KANN. Andere aus meinem Stream “filmen” die U-Bahn in ihren beweglichen Elementen. Seht ihr, das Leben wird nicht spannender mit Vine, das ist leider das ernüchternde Ergebnis. Genauso wie das Essen mit Instagram nicht leckerer wird.

Dennoch melden sich von Tag zu Tag mehr Leute aus meinem Twitter- und Facebook-Feed bei Vine an, selbst, wenn sie all diese Dinge schon instagramt haben, noch und nöcher, und man eigentlich denken müsste dass die visuelle Selbstdarstellung seinen Zenit erreicht und überschritten hat und nun nur noch in einer überstilisierten Version des Harlem Shakes endet. So stelle ich mir das vor: etwas so selten sinnloses wie der Harlem Shake ist verantwortlich für den Weltfrieden, denn die Welt ist vorbei, die Geschichte ist beendet, es gibt nichts mehr, was das Leben wert wäre, wenn nicht der Harlem Shake. Etwas so sinnloses als Ausdruck der menschlichen Verzweiflung. Und dann kommt wieder ein neues Medium, Vine, und der ganze Scheiss geht doch von vorne los.

Dabei ist die Connection zwischen Vine und dem Harlem Shake gar nicht so unintuitiv. Die letzten Tage, die ich im Kamille-Mief verbrachte, erstellte ich innerliche Mindmaps zum Thema “GIFs, Aufmerksamkeit, Vine, HARLEM SHAKE”. Dann las ich den “Grund der Popularität des Harlem Shakes” auf Techcrunch und alles kristallisierte sich:

The end product is remarkably snackable. When you see someone share a Harlem Shake to Facebook or Twitter, there’s very little risk to clicking the link. Worst-case scenario, you burned 30 seconds. Best case, you get a nice surprise and a laugh. No one wants to sit through several minutes of home-made content where the payoff is uncertain. It’s part of the reason why Twitter’s 6-second video sharing app Vine is succeeding where un-capped video sharing apps have failed.

Wahnsinn, oder? Wie einfach man diesen Zusammenhang herstellen kann. Vine gibt dir die Möglichkeit, Variablen zu füllen. Das ist viel wichtiger, einfacher, zugänglicher als alles “selbst” zu machen. Im Vine-Format kann man eigentlich kaum scheitern, genauso wie ein Harlem Shake kaum scheitern kann.

Wieso hat eigentlich Cinemagramm, viel versatiler und eigentlich auch umfangreicher als App, nicht so einen Start gehabt? Nun, erstmal gehört Cinemagramm nicht zu Twitter. Aber viel besser ist doch das Timing von Vine gewesen: der Trend zum GIF bietet sich an. Die Formel geht auf. Man muss tatsächlich nur die ein oder andere Variable verändern und hat schon etwas ganzheitlich kreatives erschaffen, ohne sich dabei zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Mit Short Stories, mit GIFs, mit dem Harlem Shake, mit all diesen Dingen kann man a) kaum kritisiert werden, b) niemandem die kostbare Zeit rauben, c) sich genügend Raum für Selbstdarstellung nehmen, d) keinen Inhalt transportieren, der “falsch” im Sinne von unlogisch ist, e) sich von echter Arbeit an sich selbst und seinem Umfeld und seinem kreativen Output voll und ganz entschuldigen. Man wird Opfer einer Formel und schaltet seine Kreativität systemisch gleich. Wir amüsieren uns inhaltslos zu Tode mit all diesen kleinen, wertlosen Content-Sprenkelchen. Und immer, wenn irgendeiner im syrischen Krieg Twitter oder Instagram benutzt, hat sich das alles schon gelohnt, weil es ja auch GENUTZT werden kann. Es kann auch genutzt werden, mit Sinn und Verstand, und deshalb ist es ja auch gut, wenn wir es benutzen, damit DIESE Leute gehört werden können.

Man muss Postman nicht vollständig zustimmen; keine Ahnung, ob das Fernsehen unsere Nervenzellen getötet hat. Womit er aber recht hat: unsere Medien transformieren unsere Sprache, unsere Kommunikation, unsere Denkweisen. Vine ist die symptomatische, völlig logische Fortsetzung dieser Entwicklung. Ich approve den Untergang total. Die Welt wird genauso zusammenhangslos und zerfleddert wie die Gedanken auf meinem Blog. Hier außerdem eine schöne Liste an post-apokalyptischer Literatur. Habt ihr ein bisschen Bock auf Gänsehaut?

What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one. Orwell feared those who would deprive us of information. Huxley feared those who would give us so much that we would be reduced to passivity and egoism. Orwell feared that the truth would be concealed from us. Huxley feared the truth would be drowned in a sea of irrelevance. Orwell feared we would become a captive culture. Huxley feared we would become a trivial culture, preoccupied with some equivalent of the feelies, the orgy porgy, and the centrifugal bumblepuppy. As Huxley remarked in Brave New World Revisited, the civil libertarians and rationalists who are ever on the alert to oppose tyranny “failed to take into account man’s almost infinite appetite for distractions”. In 1984, Huxley added, people are controlled by inflicting pain. In Brave New World, they are controlled by inflicting pleasure. In short, Orwell feared that what we hate will ruin us. Huxley feared that what we love will ruin us.

Übrigens ist der Harlem Shake wirklich mal so etwas wie ein nativer Harlem-Tanz gewesen. Bevor es noch den Dougie, den Jerk oder den Chicken Noodle Soup (MOTHERFUCKER!) gab, hatte der Harlem Shake dank P.Diddy den Weg zum Mainstream gefunden. Ich sage das, weil diese Transformation auch wieder so faszinierend ist, selbst wenn sie erstmal nichts mit Aufmerksamkeitsspannen und Selbstveräußerungen in der Pläsierkaserne Internet zu tun hat.

This article has 5 comments

  1. the real n

    Dabei darf man nur nicht vergessen, dass das alles auch auf einem System der totalen Selbstreferentialität beruht. Die aus deinem Twitter-Feed stoßen ja auch dazu, weil du damit angefangen hast, weil irgendwer den du kennst es auf einmal hatte. Das Prinzip der “Early-Adopters” ist alles was es braucht. Es spricht ja nichts dagegen kurze, geniale Clips mit dem iPhone zu drehen und bei twitter hochzuladen. Schwer ist es nicht und wer sich diese kurze Mühe macht, der hat vielleicht auch eine gute Idee, die zu gefallen weiß. Aber wenn man es nur macht, weil es jetzt die formulierte Möglichkeit dazu gibt, mit dummen Namen und follow-button, dann ist ja klar, dass dort nichts bei rumkommt. Das ist ja das traurige. Die ganzen Kreativen, spannenden Leute brauchen erst mal eine app, die ihnen sagt, dass sie jetzt spannend und kreativ sein sollen.

    1. yeahs

      Obwohl ich dir nicht widerspreche, denke ich dass Kreativität sowieso was gänzlich anderes ist. Oder wie ja Reckwitz so schön gesagt hat: Kreativität ist auch nur noch Selbstzweck.

  2. Pingback: Das Resonanz-Vakuum | dragstripgirl //

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