Ich trage eigentlich kaum Schmuck. Nicht, weil ich etwas prinzipielles gegen Schmuck habe (Blutdiamanten und die ganze Kontroverse darum mal abgesehen), sondern weil ich alles in meinem Leben in erster Linie verliere oder kaputt mache, insbesondere Dinge, die irgendwie an meinem Körper drapiert wurden und in Vergessenheit geraten. Ohrringe, Ketten, Armbänder und Ringe: ich habe schon unzählige hochwertige Kleinteile geschenkt bekommen, vor allem von meiner Mutter und Rest-Familie, und doch ist nichts übrig geblieben als der Mini-Elefanten Anhänger, den ich zu meiner Geburt geschenkt bekam. Er ist ganz in Gold mit kleinen Diamanten, und ich trage ihn so gut wie nie, weil ich erstens keine Kette habe, die filigran genug wäre, und zweitens viel zu viel Angst habe, ihn zu verlieren.

Kein echtes Gold zu tragen ist auch nichts, was gegen meine Arbeiter-Prinzipien spricht, aber das widerliche Abrosten der Farbe und die schwarzen Finger, wenn man mal einen falschen Ring getragen hat, das ist es mir nicht wert. Irgendwie nervt es auch. Ich kauf mir soetwas nicht, ich wünsche mir soetwas nicht. Ich wünschte mir manchmal, dass ich mehr Gefallen daran finden könnte, es peppt ja auch durchaus mal einen Look auf. Aber darüber mache ich mir zwei Sekunden am Tag Gedanken und geh dann schön weiter nerdig im Internet surfen.

Meine Mutter hingegen, in typischer “edle Dame aus hohem arabischen Haus”-Manier, meine Mutter sammelt Schmuck in jeder Form wie ein Messi Dreck sammelt. Für sie ist es mehr als nur ein Statussymbol, so viel von Wert zu besitzen: für sie ist es zugleich finanzielle Anlage, aber vor allem trägt jedes einzelne Teil in ihrem Besitz einen symbolischen Wert. Eine Erinnerung. Von Tradition heruntergereichte Stücke, Hochzeitsschmuck, der Schmuck, den ihre Mutter ihr vor Kurzem erst geschenkt hat, alles in allem kein billiges Zeug. Sie trägt es mit Stolz, und sie erzählt gerne die Geschichten der kleinen Klunker. Für sie ist das aber auch keine Geldsache. Sie rennt auch heute noch jeden Tag in die kleinen Nippes-Geschäfte und kauft sich bunte Ohrringe und kitschige Anhänger. Sie ist nicht behangen wie ein Weihnachtsbaum, aber sie hat auf jeden Fall eine sehr stark ausgeprägte Leidenschaft, die mich immer an mir selbst zweifeln lässt. Aber es gibt Dinge, die kann ich eben nicht so richtig leiden, und Schmuck gehört dazu. Es sieht gut aus an anderen, aber an mir nervt es.

Es gibt nur ein Teil, dass nicht von meiner Hand kommt: die Uhr. Seit mehreren Jahren trage ich nun eine sehr simple Vintage Casio Uhr, diese Digitale, die eigentlich auch jeder hat. Ich besitze auch wertvollere Uhren, aber die haben alle meinen Style von heute verfehlt und deshalb gebe ich mich zufrieden. Sie funktioniert. Sie zeigt mir die Zeit auf die hässlichste Art und Weise an und wurde von Robotern erschaffen, aber ich ziehe sie maximal zum Schlafen oder zum Duschen aus und vermisse sie, wenn sie nicht wieder schnell an mein Handgelenk zurück kommt. Uhren sind auch die ersten Accessoires, die mir an anderen auffallen. Aus irgendwelchen Gründen – obwohl ich mich nie damit auseinandergesetzt habe, jedenfalls nicht bewusst – kenne ich die Unterschiede zwischen hochwertigen, also teuren Uhren, und den Fakes und Billigteilen, diese typischen Nichts-Uhren, wie sie Esprit macht, um nur jetzt etwas zu nennen was mir auch auffällt. Das regt mich nicht auf, das emotionalisiert mich null – aber irgendwie ist da doch dieser minimale Drang, mir selbst eines Tages eine Uhr anzuschaffen, die schön ist. Und schwer. Und wertvoll.

Es gab dieses Jahr eine Phase, in der ich meine Uhr nicht tragen konnte. Ich konnte mir nicht erklären, warum das etwas mit der Zeit zu tun hatte. Es war mit Sicherheit keine schöne Phase, aber wieso ich die Uhr nicht mehr tragen konnte, verstehe ich trotzdem nicht. Jeder Blick auf das Ziffernblatt bewies vielleicht, dass die Zeit nicht stehen geblieben war. Das konkurrierte mit meinen herzzerreissenden Gefühlen. Es war paradox: in meinem Gehirn war alles auf Stillstand gesetzt, ein Nullwert erschaffen worden. Aber das Leben ging weiter. Im großen und ganzen führte mir die Uhr nur vor, wie falsch meine negative Einstellung war, und wie falsch generell mein Gefühl wohl sein musste. Irgendetwas stimmte nicht, und statt mich damit auseinanderzusetzen, warf ich im verzweifelsten Moment dieser kleinen Reise durch meine Gefühlsunterwelt die Uhr in den Müll. Meine Mutter fischte sie heraus, zwei Monate später freute ich mich wie Bolle darüber, sie wieder zu haben. Ich hätte mir jederzeit eine neue Billig-Uhr für 15 Euro kaufen können, aber ich dachte gar nicht daran. Erst als ich sie auf meinem alten Bett liegen sah, bei einem Spontanbesuch in der Heimat, erst dann wurde mir bewusst: ach so, cool. Meine Uhr. Ja, wird ja auch mal wieder Zeit.

Möglicherweise ist auch genau das, was mich an der Uhr so festhält (nicht an dieser spezifischen, sondern an dem Konzept “Armbanduhr” generell): die Zeit. Natürlich ist ein dickes Teil am Arm das Prollo-Statussymbol schlechthin. Wer Rolex sagt, muss auch “oh Gott du hast einen kleinen Pimmel” sagen. Aber es kommt mir fast schon so vor, als wäre eine teure, schöne Uhr, das einzig wertvolle, was ich niemals verlieren würde. Geht auch gar nicht: ich lege sie ja nicht ab. Und es ist nicht nur sinnloser Schmuck, denn Zeit ist alles, was in diesem von uns konstruierten Leben tatsächlich einen gewissen Wert hat. Die Uhr ist eine Erinnerung daran, dass die Dinge anfangen, laufen und zu Ende gehen.

Aber natürlich ist das Tick-Tock auch negativ belastet. Zeit rinnt. Und es ist eben doch nur ein menschliches System, dass einen auf täglicher Basis die Nerven zerbombt. Wir denken, es läuft alles geradeaus, ein linearer Strang. Zeit, die sich nach vorne bewegt, aber nicht im Kreis und nicht flüssig und nicht flexibel ist. Das ist ein stures Konzept, viel zu steif – eigentlich – aber es ist ein Konzept, in dem man nicht nur aufwächst, sondern das auch noch so logisch wirkt. Genauso logisch wie es ist, seine CDs nach Titel zu ordnen. Es ist Ordnung, ein Gefühl der Sicherheit, so unklug es auch sein mag, sich daran festzuhalten.

Ich blicke auf die schönsten Uhren der Welt und sehne mich nach ihnen. Das mag auch größenteils ein gerechtfertiger Materialismus meinerseits sein, aber wie gesagt, eine Uhr ist auch mehr als nur ein Anhängsel. Sie erfüllt eine Funktion. Vom Handwerk, dass dafür noch notwendig ist, mal ganz abgesehen: das finanzielle Opfer ist also entschuldbar. Und dann ist es auch so wie mit meinem Tattoo am Fuß, auf dem “Bismillah Al Rahman Al Rahim” auf arabisch steht, ein kleines persönliches Paradox: die Religion verbietet es, sich zu tättowieren, und doch widme ich es Gott. So zwiegespalten ist auch meine Beziehung zur Uhr: ich kann mir vielleicht eines Tages eine fünftausend Euro Cartier kaufen. Aber ich kann mir niemals die Zeit kaufen, die sie darzustellen versucht.

This article has 1 comments

  1. Jessi

    ein besonders schöner letzter abschnitt! bemerkenswert wie du selbst einen text aus der kategorie “fashion” literarisch so umsetzt

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