Death Proof

Veröffentlicht February 2, 2011

Nahtoderlebnisse sollen einem ja dem Märchen nach eine gewisse Lebenslust bringen, insbesondere dann, wenn man schon bis zum Hals in Zynismus und Engstirnigkeit steckt. Nach dem Fast-Tod soll man begeistert, voller Elan und Euphorie aufspringen und die Faust in den Himmel recken und “ICH FICK EUCH ALLE RICHTIG HART” schreien, mit einem wahnsinnigen Lachen, nur mit Krankenhauslappen bedeckt, aus dem Fenster springen und die Welt erobern.

Ich sag euch jetzt mal was: das gilt maximal für die Menschen, die Schmerzen erlitten, den Tod vor Augen gesehen, und mit filmreifer Action davongekommen sind. Menschen, die gefoltert wurden, Menschen, die sich selbst in die Situation verfrachtet haben, Menschen, die durch Erfahrungen rennen mussten, die sie niemals machen wollten und nie wieder machen werden. Ich hingegen fühle mich genauso gut oder schlecht wie vorher, denn mein Nahtoderlebnis war nicht mal im Ansatz so befreiend oder beeinflussend wie die der geläufigen Dramen der Welt.

Ein Nahtoderlebnis mit Nachwirkungen (Epiphanie, Tragik, Schock, Lebenslust, der ganze apokalyptische Kram eben, den man aus Filmen und Literatur und Musik kennt) muss genossen werden. Ein Nahtoderlebnis, das in irgendeiner weise nachwirkt, muss erlebt werden. Ich kann euch eines sagen, Leute: ein allergischer Schock ist weder romantisch noch erwähnenswert und damit quasi fast schon zu bedauern. Jemand, der beim Surfen von einem Hai erwischt wird und sich losreissen kann, der weiß, was das Leben wert ist. Jemand, der in einen schweren Autounfall verwickelt ist, weil er gerne mal einen zu viel trinkt, wird daraus lernen, es nie wieder zu tun. Jemand, der einen allergischen Schock erleidet – also jemand wie ich – fühlt sich einfach nur von Gott und der Welt betrogen, denn niemals gab es eine unwürdigere Form des Nicht-Sterbens, und gar auch noch in einem Flugzeug. Und das alles mit fettem Ausschlag.

In kurzgefasster Form habe ich Australien mit Juckreiz verlassen, der plötzlich seinen Weg über meine Haut ebnete. Nesselsucht wird das in Fachkreisen genannt, Ursprung unbekannt. Mein letzter Allergietest liegt kaum ein Jahr zurück, wozu sich also sorgen machen? Vielleicht waren es auch nur Bisse von böswilligem, australischen Gekreuche. Man weiß es nicht. Man weiß es vor allem immer noch nicht.

Im Flugzeug steigerte sich mein Unwohlsein in ein Fieber, das ich nicht mit dem Ausschlag, sondern mit der Abreise in Verbindung brachte. Nach wenigen Stunden des hin-und-her-herumruckelns in meinem Sitz, merkte ich, dass ich keuchte. Oder vielmehr mein Sitznachbar, der unglaubliche Gary, der aus Borneo kommt, in Australien lebt und chinesische Vorfahren hat, merkte, dass ich keuchte. Er wachte nämlich davon auf. Und fragte mich, ob es mir gut ginge. Ab dann ging alles genau so schnell, dass ich nicht mal mehr Zeit hatte, in Panik zu geraten: ich bekam keine Luft, ich sah aus wie als hätte ich eine seltene Form von Lepra, der zuständige Steward rannte zum Notfallkasten, kramte etwas heraus, setzte mir die Kunst-Adrenalin-Spritze ins Bein und zack war alles wieder so, als wäre niemals etwas passiert. Ich murmelte ein Danke und schlief ein.

Nur das mit dem Aufwachen schien erst mal nicht zu klappen, denn meine Augen öffneten sich erst, als ich schon (4 Stunden später) am Tropf der Flughafenklinik hing. Auch hier setzte weder Angst noch Panik ein, verblüffend, wenn man bedenkt, wie sehr ich das dramatische Ende, dieses ganze Szenario, in meinem Leben schon herbeifantasiert habe. Wie heroisch, zu sterben, wenn man sich für jemanden opfert! Oder unter den Boden gehieft zu werden, weil man für sein Land gekämpft hat und drei Kinder hinterlässt und für immer als Held in den Erinnerungen der liebsten Menschen verbleibt.

An einem allergischen Schock zu Grunde zu gehen, das muss man erst mal verarbeiten. So ein fantastisches Leben, so viel Schönheit, all das für ein bisschen Ausschlag und natürliche Körperabwehrreaktionen verschwendet? Für so einen Abgang würde ich mich doch nur schämen. Haleluja also, das mir dieses Schicksal erspart geblieben ist. Für das nächste Mal habe ich mich bereits informiert und recherchiert, sorgfältig meine letzten (wohlformulierten) Worte ausgewählt und werde versuchen, mich an der Situation festzuhalten, die dann meine letzte im Leben sein soll. Unerwarteter Abgang. Pah, dass ich nicht lache.

 

13 comments in “Death Proof”

  1. *indigoidian.de* » Blog Archive » zitiert #453 says:


    [...] in Australien lebt und chinesische Vorfahren hat, merkte, dass ich keuchte.” (Sara über ihr Nahtoterlebnis. Übrigens schön, dass sie das so gut überstanden [...]

  2. Jan says:


    mach ma keinen scheiß :D

  3. lars says:


    Und als S. im Krankenhaus wieder aufwachte, schaute sie im Sinne von http://ragefac.es/100 durch und durch zynismusgeschwängert die Menschen um sich herum an, weil für jene die vorherigen Stunden weitaus nervenaufreibender waren als für die die Lebensklippe entlangwandernde Protagonistin des Zwischenfalls.

    Nur der Steward wird vermutlich etwas enttäuscht sein, lediglich als ausführendes Organ in einem Nebensatz erwähnt zu werden. Sei’s drum, immerhin haben alle etwas zu berichten.
    Gute Besserung! Ein Eloquenzabfall ist nicht zu erkennen, also offenbar alles im grünen Bereich.
    Hätten aber wenigstens Flatliners im Bordkino bringen können.

  4. S says:


    hahaha. i like your style.

  5. Jeriko says:


    Kleines Detail am Rande, oder ich habs nur nicht mitbekommen, was auch gut sein könnte: du hast Australien verlassen?

  6. S says:


    ich befinde mich offiziell nun in Malaysien und ab ganz bald schon auch wieder in Frankfurt.

  7. Happen vom 02.02.’11 | MartinBaron.net °°° Personal Homepage says:


    [...] “Death Proof” auf Dragstripgirl Ein Taxifahrer, der wie Michael Jackson singt Ein Marilyn Monroe GIF Jägermeister-Wirtshaus-Tour [...]

  8. Marcel says:


    The fuck ey, gute Besserung!

  9. HecPac says:


    Welche Airline ist das denn, deren Stewardse die korrekte Diagnose stellen, die richtigen Medis haben und des medizinischen Piercens mächtig sind? Die sollte(n) hier doch mal schleichbeworben werden.
    Oder war das d-i-e eine Standardprozedur für jedes Wehwehchen, zu der Du zufällig die passende Krankheit mitgebracht hast?

    (Puh, wenn das deine liebe Ich-habs-dir ja-gesagt-Mutter, die dich eh nicht weltreisen lassen wollte, alles hört, gibts zwei Jahre therapeutischen Stubenarrest.)

  10. trystyng says:


    stolpere hier manchmal vorbei, hoffe es ist alles wieder ok, war bestimmt nicht mal halb so lustig, wie es jetzt klingt

  11. Robby says:


    Das dachte ich mir auch. Kein “Ist hier jemand Arzt?” oder verzweifeltes, panisches Rumgerenne, sondern eine gezielte, kontrollierte und fokussierte Aktion. Awesome möchte ich fast sagen. Oder es war nur Glück und sie hatten nichts anderes als Adrenalin rumliegen.

    Aber ins Bein? Im Film rammen die sich das doch immer direkt ins Herz – BÄM. (Wobei ich das Bein wohl auch bevorzugen würde *hust*)

  12. emm says:


    Ich weiss nicht warum, aber der Track gehört auf Deinen Blog.

    http://www.tape.tv/musikvideos/Marteria/Sekundenschlaf

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