Spinning Away


Ich sitze gerade im Restaurant unserer Unterkunft. Es gibt W-Lan, das halbwegs schnell läuft, und im Hintergrund dudelt ein Thai mit einer schönen Stimme Bob Dylan Klassiker auf der Gitarre für drei anwesende Leute herunter. Meine Haut schält sich endlich vom Sonnenbrand; ich sehe aus wie unser neues Haustier, der Gecko Mustafa aus unserem Bad, dem anscheinend die diversen Enddarmausscheidungen gefallen, denn abhauen will er nicht.
Alles in allem eine sehr beruhigte Stimmung. Ich reise mit zwei alten Bekannten – Cat, mit der ich schon im Kindergarten war und in unserer Jugend eine intensive on/off Beziehung führte, und JJ, der damals mit meinem großen Bruder in die Klasse ging und mittlerweile einen Freundeskreis in meinem Alter aus meiner Heimat bequemt. Als ich nach Berlin ging, flüchtet ich genau vor diesen Leuten: Menschen, deren Horizont nicht über ihr Kaff hinaus ging, die Art von Typen, die nur einen Club kennen, sich dort 3 Tage Tony Montana einbuchten und denn wieder ihrem ewig öden Drama vs Arbeitsleben nachgehen, wo jeder jeden betrügt. Hier werden Soaps geschrieben. Und dennoch ist es gut, mit ihnen unterwegs zu sein- einerseits für mich, weil ich das niemals mit guten Freunden hätte machen können, ohne mich grundtief für meine alltägliche Scheisse zu schämen (inkl. meine iTunes Shuffle Liste, die absolut unerträglich ist, wenn man mit coolen Leuten rumhängt, haha), andererseits, weil ey, Menschen können sich ändern. Und auf Reisen ändert man sich. Und so ist das gerade für uns: wir verändern uns zusammen, einerseits zum Positiven, andererseits so, wie es keiner hätte erwarten können.
Aber ich kann es nicht verleugnen. Es ist schwieriger, viel, viel schwieriger, als ich es mir hätte vorstellen können, einfach komplett loszulassen. Die Zeit bleibt für einen gewissen Augenblick stehen, und spätestens, wenn man dann einen Song hört oder kurz online geht– stellt man fest, dass man für ein Jahr weg sein wird. Und das die Zeit nur für einen selbst stehen geblieben ist, und nicht für den Rest der Welt. Nicht für Berlin, nicht für die Crew, nicht für die Eltern, da geht alles weiter. Alle sagen “S, man, das ist so cool, dass du das machst!”, aber ich frage mich hauptsächlich, wieso man weg geht, wenn alles gut ist, und wieso man Entscheidungen, die in gänzlich anderen Lebenssituationen getroffen wurden, eigentlich nicht einfach genauso spontan über den Haufen wirft wie man sie gemeißelt hat um nicht einen riesigen Riss in seiner Zeitleiste zu verursachen?
Nach zwei Wochen voller Abenteuer und geflasht sein sind solche Momente wohl selbstverständlich für jeden Reisenden. Ich warte noch auf den Augenblick, an dem ich mich voll im Momentum wiederfinde und vergesse, dass es jemals soetwas wie ein zu Hause gab. Vielleicht ist das dann auch der Moment, an dem ich nie wieder zurückkehren möchte. Vielleicht einer, wo ich nicht mehr mit soetwas wie einem zu Hause umgehen kann, wo das Reisen mich einfach mittreibt, weil man es gewohnt ist. Vielleicht ist das dann der Augenblick, an dem ich zurückkehre und feststelle, dass nichts mehr für mich übrig geblieben ist. Vielleicht passiert das auch nie, und ich kehre bereits in wenigen Monaten zufrieden zurück, in dem Wissen, das es nichts auf der Welt gibt, was mich mehr bewegen kann als das, was ich eh schon habe.
Vielleicht werde ich mit der Zeit an einen ganz anderen Horizont gespült- da, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt, wo ich mir nicht mehr vorstellen kann, jemals wieder ein Teil vom Alltag zu sein. So wie es damals war, das was vor einem Monat war, das was mir jetzt schon wie vor tausend Jahren vorkommt. Vielleicht ist es auch genau jetzt Zeit, sich einmal davon zu lösen, und sich davon zu distanzieren, was mal war. Nur das “warum”, das erschließt sich mir jetzt noch nicht genau. Warum man weggeht, wenn alles gut ist. Und warum es so lange dauert, bis das Momentum kommt.


5 comments in “Spinning Away”
October 13th, 2010 at 16:45
Danke.
October 13th, 2010 at 16:47
Vielleicht einfach mal kurz mit deiner Reisetruppe zum Bahnhof gehen…. ah wartet mal hab noch nen wasser vergessen…. artzefatze um die ecke in einen beliebigen Zug einsteigen und weg biste… dann jehts erstma los, nich immer dieses deutsch gequatsche am anderen ende der welt und dann kommste viel schneller an den punkt den du da oben beschreibst… egal ob du ihn haben willst oder nicht.
October 13th, 2010 at 19:51
ersma: was für geile bilder, AUSRUFEZEICHEN.
liest sich, als ob du ne menge spass hast. wenn du jetzt noch lepra bekommst, ist mein neid perfekt. allein die siff-romantik in der bahn, haach.
diese deine reflexionen kannst du nur unterwegs anstellen. hinterher (wenn es das denn gibt), wenn du wieder statisch sein solltest, werden sie bestimmt umgekehrt verlaufen.
danke für die farben.
October 14th, 2010 at 12:25
Großartige Eindrücke.
Getroffen hat mich vor allem: “Aber ich frage mich hauptsächlich, wieso man weg geht, wenn alles gut ist, und wieso man Entscheidungen, die in gänzlich anderen Lebenssituationen getroffen wurden, eigentlich nicht einfach genauso spontan über den Haufen wirft [...]” – Damn, denn genau das geht mir seit Wochen auch durch den Kopf, trotz dass ich in einer 1000 mal undramatischeren Situation bin. Ich bin vor knapp 2 Wochen temporär von Dresden nach München gezogen, mit dem Wissen, nicht mehr zurückzukehren (aber auch nicht in M zu bleiben). In Dresden war alles awesome und gut und überhaupt. Wozu geht man? Wenn ich mein Herz frage, sagt das immer nur: Die Zeit war reif, man.
Vielleicht ist das die Antwort. Weißte – so 42-mäßig.
S, egal wie du da raus kommst, es wird gut sein und dich ein Stückchen – oder viel viel – näher an dein Ziel gebracht haben. Du wirst noch ankommen. Schiss haben und Kopfzerbrechen auf dem Weg dahin sind dafür Opfer – aber man, das ist gut und das gehört dazu und überhaupt.
October 14th, 2010 at 22:00
[...] Wo wahr werden darf, was ich sonst nicht zulasse. Oder wie die dragstripgirl-Sara schreibt “vielleicht einer, wo ich nicht mehr mit soetwas wie einem zu hause umgehen kann“. Der eine Ort. Der eine Freundeskreis. Der eine Job. Es ist wie eine monogame Beziehung. [...]