VTE/HAN – Lemonworld

Veröffentlicht October 26, 2010

Der Himmel zwischen Ventiane und Hanoi ist ein Meer aus roter Sonne und wunderschön geformten Wolken. Im Flugzeug fühlt es sich so an, als würden wir nur darüber gleiten, in einem Hauch von Licht und kühlem Wasser. Jeder guckt aus den kleinen Fenstern, die Kinder rammen ihre Knie in die Unterleiber ihrer Eltern, drücken sich die Nasen platt und saugen das wunderschöne Bild kichernd und auch ein bisschen verblüfft auf; genauso wie ich.

Ich liebe das Reisen- also das Reisen selbst. Im Bus aus dem Fenster hinaus blicken und Landschaften vorbei ziehen lassen. Im Taxi die Stadt vorbeirasen sehen, mit ihren dreckigen Tuk Tuks und den Motorrädern und Rollern, von Bangkok nach Hanoi ist es immer wieder derselbe Smog, der einen den Atem anhalten lässt. Die Bootsfahrten zwischen den Wasserfällen, das Buchen von neuen Zwischentrips. Ich hasse es, anzukommen. Schon wieder in eine neue Stadt fallen gelassen werden, und erst einmal herausfinden, wo man als Tourist hin muss, um nicht unterzugehen. Schon wieder herausfinden, wer Freund ist, und wer nur Abzocken möchte. Schon wieder auspacken, schon wieder so tun, als wäre ein Stück zu Hause aufgeschlagen worden, obwohl es eine Illusion ist. Reizüberflutung. Ich hasse es, anzukommen.

Es verhält sich damit wie mit den Entscheidungen, die ich treffe; es fällt mir nicht schwer, mich festzulegen, aber ich hasse es, am Ziel angekommen zu sein. Lieber befinde ich mich in dem Moment dazwischen, wo alles geendet ist, wo nichts neues anfängt, ein Schwebezustand, der einem nichts vorgaukelt. Eine Reise, die eigentlich nur im Kreis geht und niemals endet. Reflektieren, was passiert ist, verarbeiten, was man gesehen und gefühlt hat – und Vorfreude und Erwartungen auf das kommende aufbauen. Nur dass es eben nie das ist, was man sich vorher ausgemalt hat, wenn man erst mal da ist. Und genau deshalb hasse ich es.

Das schöne sind bisher die universalen Dinge gewesen; die, die jeder versteht. Kinder, die zwar hart arbeiten, aber genauso lachen und spielen wie die Kinder von Berlin über Damascus nach Vang Vieng. Oder die Polaroidkamera, die wirklich jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn man abdrückt und das Bild verschenkt. International verständlich ist es auch, wenn eine Frau aus ganzem Herzen schreiend, kämpfend und weinend aus einem Krankenhaus getragen wird, und klar ist, dass sie gerade ein Kind, ihren Mann oder ihre eigene Mutter verloren hat..

Wenn ein kleiner, frecher Junge den vollblockierten Touristen erklären muss, wie man Pho Bo richtig isst, und sich dabei totlacht, weil man die Stäbchen falsch herum hält; oder eine alte Frau sich selber fast in den Exitus lacht, weil ich meine Katzenmütze aufhabe und sie einfach nicht versteht, wie man das bei so einer Hitze machen kann (und übrigens ist die Mütze nicht wirklich warmhaltend, und außerdem trage ich sie nur, weil sonst kleine Kinder mit ihren bappigen Fischsoßenhänden meine wundervolle Lockenpracht andatschen und das Duschen im eiskalten Wasser soll ja auf täglicher Basis beim Sara-Tier für viel Aggressionspotenzial sorgen…).

In jedem Fall ist das Reisen anders, als ich es mir vorgestellt habe. Die Menschen sind wie bei uns auch; manche mit merkwürdigeren Gewohnheiten als andere. Manche sind Arschlöcher, andere sind regelrecht Engel, die einen beschämen. Wie bei uns auch. Die Touristen sind auch wie bei uns: alle strunzdumm und nur dabei, sich von A nach B zu saufen. Ich will das nicht WIRKLICH verurteilen, auch wenn ich tatsächlich sogar nichts trinke; ich frage mich nur, ob das für die alles ist. Manche holen regelrecht Listen mit Ländern und Orten raus um zu vergleichen, wer schon weiter gekommen ist; für mich sind es Ex-oder-Hopp Listen, wer kann sich wo weniger an irgendetwas erinnern, was er gesehen oder getan hat.

Ich habe jedenfalls für mich persönlich mit dem Sight Seeing und dem ganzen Scheiss abgerechnet. Ich will mir keine Tempel mehr ansehen und in Hostels irgendwelche Pakete buchen (mit Ausnahme von Halong Bay, was ansonsten relativ schwer zu bepaddeln ist). Ich will einfach nur durch die Stadt laufen und im wahrsten Sinne des Wortes reisen. Mich verlieren. Verirren. Nicht mehr rausfinden. Irgendwo hinsetzen und sagen: ich bin da, aber ich will nicht nur draußen stehen und rein gucken. Ich will drin sein. Und wenn das mit einer Katzenmütze, einem Polaroidbild und dem Spiel mit einem kleinen Kind anfangen muss, dann soll es nunmal so sein.

 

7 comments in “VTE/HAN – Lemonworld”

  1. Jeriko says:


    Katzenmütze <3

  2. l. says:


    ich fühl dich so mit dem am ziel angekommen sein! man hat immer, immer, immer zu hohe erwartungen und wird deswegen grundsätzlich enttäuscht

  3. Jan says:


    fuck it. ich komm vorbei. wo biste grad?

  4. Sven says:


    Ich verschlinge momentan deine Einträge…

  5. DT64 says:


    Du bist meine Lieblingstouristin. Wünsch Dir viel Erfolg mit dem neuen Ansatz! XX

  6. Anonymous says:


    [...] via [...]

  7. vehtoh says:


    glaub bei mir steht auf der kiste mit diesen erinnerungen “stimmung-auf-der-nachhause-fahrt-vom-schullandheim/ferienlager” drauf. irgendwie ist noch alles da um einen rum und das ist gut und irgendwie sieht man gleichzeitig dabei zu wie es trotzdem vorbeigeht. ohne dass man es festhalten kann.

    vllt. der moment, wo man anfangen sollte zu spielen.

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