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Ich feier kein Weihnachten. Als Kind gläubiger Moslems durften wir einmal im Jahr für knapp 30 Tage hungern und wenige Wochen später zum Dank ein Schaf schlachten, um die blutigen Überreste an arme Menschen zu verteilen. Meine deutschen Freunde Silke und Klaus haben sich in der Zwischenzeit an kleinen Hundewelpen, Holzmöbel und neuen Schulranzen von 4You erfreut. Und ihr fragt euch, warum ich gestört bin.

Später haben meine Brüder und ich uns angewöhnt, an Heiligabend zu McDonalds zu fahren und dort mit den anderen Immigrantenkindern auf drei eintönige Feiertage anzustoßen (die Juden durften nicht, die hatten Hanukkah, aber meistens schimmelten da noch ein paar Chinesen rum. Von denen waren einige auch hundertprozentig Massenmörder oder mindestens Tierquäler, so, wie die von ihren Eltern getriezt wurden. Dabei habe ich mich immer gefragt, was die eigentlich bei McDonalds machten).

Aber nur, weil ich Weihnachten aufgrund der Langweile boykottiere und völlig davon traumatisiert bin, jedes Jahr drei Tage lang aus Mangel an heidnischen Freunden und geschlossenen Etablissements mit meinen Eltern und Brüdern in einem Haus eingesperrt zu sein– jedenfalls, nur weil ich diesem Feiertag gegenüber latent abgeneigt bin, heisst das nicht, dass ich solche Feste des Konsums und Größenwahns wehement ablehne oder gar boykottiere. Mitnichten.

Ich werde zwar ungerne beschenkt (weil ich meine Wutausbrüche unterdrücken muss, wenn man nach unzähligen Bemerkungen einfach nicht verstanden hat, was ich denn eigentlich wollte), habe aber eine Leidenschaft für das Verfassen von Wunschzetteln entwickelt. Von einem komplett möbilierten Traumhaus in ewiger Perfektion bishin zu meiner eigenen H&M-Filiale steht da so einiges drauf. Für das, was halbwegs machbar ist, gibt es Amazon.

Das mit dem Konsum und dem Geld, alles schön und gut. Irgendwann wird es stumpf, weil man vieles von dem, was auf der Liste steht, weder braucht noch eigentlich dringend will. Ich möchte hier keinesfalls behaupten, dass Geld nicht glücklich macht, ich will ja nicht den Eindruck einer sentimentalen alten Trulla erwecken.. aber: es ist zu einfach. Deshalb habe ich letztens eine ganz andere Liste erstellt. Einen Wunschzettel an Dingen, die man sich nicht kaufen kann ((wenn wir ehrlich sind, dann können wir wahrscheinlich alles heutzutage kaufen. Ich möchte damit sagen, dass das Dinge sind, die man sich echt nicht kaufen müssen sollte)). Ich habe es mal in etwa so realistisch gehalten wie bei einem herkömmlichen Wunschzettel, deshalb steht da Weltfrieden und so ein Gesülze nicht drauf. Ich wünsch mir ja auch keinen neuen A5 für meinen Nachbarn.

Wunschzettel 2010:

Laktase: Wenn es eines gibt, dass mein Körper vermisst, dann ist es wohl die Fähigkeit, Milch und Milchprodukte zu verarbeiten. Einmal einen Latte Macchiato ohne die zermürbenden Konsequenzen genießen. Das wär’s.

Ein Baby: Was? Guckt mich nicht so an. Ich will ein fettes Speckbaby, dass die ersten sechs Monate seines Lebens nichts anderes macht außer Sabbern und Schlafen. Das sind keine wirklich hohen Ansprüche. Ich weiß, ich weiß, das kann man sich letztendlich doch irgendwie kaufen, aber ich bin da recht konservativ.

Zahlenverständnis: Manchmal glaube ich selber kaum, wie gut ich mich ohne jegliches Verständnis für die rudimentärsten Regeln der Mathematik durch das Leben schummeln konnte. Wirklich: ich bin beeindruckt. Gleichzeitig bin ich aber auch verdammt beschämt und es gibt nichts, was ich mir sehnlicher wünsche, als einfach mal weniger als 3 Minuten für einen einfachen Prozentsatz zu benötigen.

Animal Collective: Eigentlich meine ich “Verstehen, warum alle so auf Animal Collective stehen”, und dazu zählt widerrum eigentlich alles, was ein tierisches Lebewesen im Namen trägt. Vor allem die Bären-Konsorten da hinten. Ich versteh es einfach nicht. Es ist ja nicht so, als würde ich das schlecht finden, was die machen. Ich kann damit nur prinzipiell nichts anfangen. Da ist kein richtiger Gesang. Das fiepen nervt irgendwann. Es hat kein bestimmtes Genre. Ich kann mich nicht damit identifizieren. Bin ich zu alt dafür? Bin ich zu jung dafür? … mich einmal in das Gehör einer anderen Person versetzen und die Gefühle durchmachen, die für mich wie Rätsel bleiben. Oh, ja.

Schlaf: Das ist zwar eher ein temporäres Problem, aber wenn es eins gibt, was mich jetzt sofort auf der Stelle zum glücklichsten Menschen aller Zeiten machen würde: noch ein einziges Mal in meinem Leben ruhig ausschlafen. Einfach nur die Augen zu, zack bäm kein Gedanke nur noch dunkle Ruhe. Keine Albträume, keine Zwischenzustände, keine Qualen, keine Langweile, keine Augenringe, keine Kopfschmerzen, keine Depressionen, nichts mehr. Einfach. Nur. Schlafen.

Weihnachtsessen: Das hört sich jetzt nicht besonders spektakulär – weil selbstverständlich – an, aber in meiner Hemisphäre des Lebens gibt es soetwas nicht. Es gibt keinen Gänsebraten, es gibt keinen Rotkohl, keine Klöße. Sicher, Fladenbrot und Humus, das ist ja auch was Feines, aber ich wünsche mir jede Weihnachten wieder, dass meine Mutter im vergangenen Jahr heimlich einen Kochkurs für gute Deutsche Küche besucht hat. Hat sie nie. Und so eins im Restaurant ist ja nicht dasselbe.

Konzentration: Ich fange so viele Sachen gleichzeitig an, dass ich überhaupt nicht weiß was ich jetzt am ehesten machen sollte. Das fängt bei der Musik an und hört im Supermarkt auf, wo ich sieben Runden pro Gang brauche um alles zu finden und mitzunehmen, weil mein gestörter Blick ständig abgelenkt wird. Nachdem ich rausgefunden habe, dass man ADS in Deutschland bei Erwachsenen sehr schwer behandeln lassen kann, habe ich mich auch dagegen entschieden, dass mal diagnostizieren zu lassen. Was soll’s auch bringen. Auf jeden Fall bin ich mir ziemlich sicher, dass ich einen schwerwiegenden Konzentrationsschaden habe. Es könnte auch mit der Schlaflosigkeit und der Multitasking-Mentalität meines Jobs zusammenhängen, aber, ja, so ist es halt.

Jugend: Und damit meine ich nicht das jugendliche Aussehen, davon habe ich für die nächsten Jährchen noch genug. Ich werde ja immer noch im Kino gefragt, wo denn meine Eltern sind, wenn ich mir einen FSK 12 Film anschauen möchte. Nein, ich wünsche mir vielmehr wieder die Energie, die ich mit 15 hatte. Die Risikofreude, die Angstlosigkeit, zum Beispiel wenn man versucht in hohen Schuhen Skateboard zu fahren und sich dabei den Knöchel bricht. Oder wenn man in der S-Bahn laute Musik spielt und mit seinen Freunden feiert- egal wie bescheuert es aussieht oder wie die Leute mit gerümpften Nasen weggucken. Oder über zugefrorene Pfützen schliddert, einen Abhang in Mülltüten runterrodeln, aus 10 Meter Höhe von einer Klippe springen. Kurzum: Das Gefühl, das man bekommt, wenn man dumme Sachen macht ohne dabei die Konsequenzen zu bedenken. Heute muss ich mir schon beim Kauf einer Cola überlegen, ob ich es mir leisten kann oder will, ob ich fit genug bin um nach acht Uhr noch das Haus zu verlassen und ob ich vielleicht die Gefühle eines entfernten Bekannten verletzt habe, als ich nicht zum Geburtstag angerufen habe. Jugendliche Ignoranz, Naivität und manchmal auch die Apathie, die aus der Rebellion gegen Eltern und andere Authoritäten entsteht: alles besser, als selbst einer von denen zu werden, die mit dem Finger zeigen und sich empört abwenden.

Entourage Season 7: Jetzt, jetzt, jetzt, jetzt.

Perspektive: Ziemlich langweilig. Aber Perspektive, das wäre doch mal was schönes. Ich will dabei gar nicht wissen, wo ich in 10 Jahren bin, sondern ich würde gerne wissen, wo ich gerne wäre. Eine ungefähre Richtung. Will ich studieren? Will ich weiterarbeiten? Will ich Penner sein und unter der Brücke leben? Nur ein kleiner Hinweis, das wäre schön.

BFF: Vielleicht der wichtigste Punkt auf der Liste; vielleicht hängt dieser Punkt mehr als alles andere auch mit meiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit zusammen. Vielleicht, weil ich nie Teil einer großen Clique war, und wenn, dann nie so wirklich glücklich damit wurde. Weil sich in meinem Leben immer mindestens eine Person befunden hat, der ich alles erzählen konnte, und die mir alles bedeutete auf der Welt (mal abgesehen von meiner Familie): eine beste Freundin. Unabhängig von der Lebenssituation, in der man sich befand, unabhängig von den Freunden, die man hatte oder dem Job, dem man nachging: man war einfach Best Friends Forever. Es stellte sich immer heraus, dass dem nicht so ist; und so schwimme ich schon wieder in einem Sumpf, wo ich zwar von unglaublich guten Menschen umgeben bin (die ich auch um nichts in der Welt ersetzen würde), die alle zu meinem Freundeskreis gehören… aber jeder hat schon seinen BFF gefunden. Ich weiß nicht, ob dieses Label unnötig ist. Vielleicht ist es ja so. Aber ich vermisse etwas, dass man nicht einfach so auf der Straße findet. Dumme TV-Shows gucken und darüber lachen, zusammen auf’s Klo gehen, über Männer lästern, über die Zukunft philosophieren. Eine Konstante, die sich nicht ändert. Jemanden finden, der genauso tickt. Klamotten tauschen. Outfits kritsieren. Um drei Uhr nachts den Sorgen der Anderen zuhören. Im Club abspasten. Sich wie Säue benehmen. In Jogginghosen zu DM gehen und für eine Million Euro Deos und Make Up kaufen.

Mehr Songs wie diesen hier:

Viel Spaß beim Geschenke auspacken, ich träume dann mal weiter.

  • Ui Saripari, das klingt nicht so aufmunternd aber wir wollen jetzt auch nicht die Hoffnung verlieren. Es geht bergauf: du gehörst doch jetzt schon in einen Freundeskreis, in eine Clique, oder?

    Es hilft zwar nicht sonderlich aber “Jugend” und “Perspektive” suchen wir doch Alle. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, durch die Clique kommen auch diese 2 Sachen mit sich. Besonders ein Austausch mit den richtigen Leuten und einfach mal Blödsinn machen, da kann die Clique lebenswichtig werden. Ich habe natürlich meine Buddies aber dieses Jahr habe ich auch neue Freunde gewonnen. Und irgendwann wenn die Clique wächst wird sich auch eine BBF daraus ergeben.

    Konzentration und Zahlenverständnis ist Übungssache, das kannst du dir aneignen. Da musst du dich auf deinen Hosenboden setzen.

    Animal Collective ist scheiße!

    Laktase? Hoffe doch auf die Gentechnologie.

    Ein Baby? Da solltest Du vielleicht noch mal darüber nachdenken!?

    Und Entourage und deine gewünschte Mukke wird auf jeden Fall kommen.

    Das Weihnachtsessen können wir ja Alle zusammen mal nachholen, wenn ich mal in Berlin bin.
    Und wenn das da oben Alles erledigt ist, kannst Du auch wieder schlafen! Gute Nacht!

  • @Roitsch: Du hast auf jeden Fall Recht. Aber wenn man ehrlich mit sich selbst ist, dann packt man eben auch die wunden Stellen auf einen Wunschzettel, da, wo es halt weh tut.

    Bei einer Sache musste ich gerade lächeln: Unfassbar, wie viele Freunde ich dieses Jahr eigentlich gewonnen habe. Und noch unfassbarer, wie sehr es weh tut, einen Freund aus meinem alten Leben verloren zu haben. Da muss man immer durch.

    .. nur in Sachen Musik hab ich nicht mehr so viel Hoffnung. ;)

  • Es gibt bereits einen entsprechenden Enzymersatz für laktoseintolerante Menschen, einfach mal el Dottore fragen. Dann klappts auch wieder mit der Latte. =)

    Und was die Konzentration betrifft hat Ritalin auch bei Erwachsenen ab einer gewissen Dosis eine beachtenswerte Wirkung. Ausprobieren wöllt ich es trotzdem nicht wirklich…

  • ich denke mal, sie meint, dass man in deutschland als erwachsener das ritalin nicht zwingend hinterher geworfen bekommt.

  • .
    Welcome to the club, Laktose-Diskriminateuse. Aber dein/dieser Wunsch IST erfüllbar. Zum einem gibt es “laktosefreie” Milch, die allerdings recht süß schmeckt (weil die Laktose darin schon in einfache Zuckermoleküle aufgespalten wurde), im Supermarkt. Konnte mich so endlich nach geschätzten 15 Jahren Milchabstinenz vorm TV vollstopfen mit selbstgemachten Spekulatius und KAKAO galore.
    Zum anderen, wie Denis schon erwähnte: aus der Apotheke gibt es “Laktase zum Einnehmen”. Rezeptfreie Tabletten, die man gegen die Kirmes im Darm bei Bedarf präventiv schluckt.

    Das mit dem Rotkohl ist wirklich hart!

  • toll. Diese Wunschliste ist wertvoller und ehrlicher als alle anderen. Vor allem wenn man sich das soweit eingestehen kann und sich selbst erkennt. Du bist auf dem Weg. Denn nur wer das erkennt, kann auch etwas ändern :)

  • @HecPac: Ja, ich weiß.. man kann alles mögliche gegen diese Unverträglichkeit machen. Aber ich bin zu geizig für Sojamilch und zu sensibel für irgendwelche Tabletten. Außerdem: es geht ja darum, dass man sich soetwas nicht “kaufen”, sondern maximal ersetzen kann. :)

    Trotzdem danke.
    @Denis: Ja, das mit dem Ritalin.. äh.. sagen wir’s mal so: es wirkt bei mir sogar sehr gut. Ein bisschen zu gut. Das liegt aber vielmehr an dem, was vor dem Ritalin mal da war. Wir wollen da mal nicht tiefer einsteigen, aber Ritalin wäre jetzt wirklich nicht das Richtige. Abgesehen davon, dass es das halt nicht so einfach zu haben gibt.

  • Ein Baby, mit Anfang 20?! Oo Gut, es gab ja sogar Zeiten, wo ich sogar schon mal drüber nachgedacht habe… aber mehr ist es (glücklicherweise) noch nicht geworden. Und wird es sobald auch nicht.

    Schlaf… ich möchte ja nicht sagen, ich wäre in der Hinsicht gesegnet (dafür gönne ich mir selbst zu wenig), aber werfe einfach mal Entspannungsverfahren ein. Ich bin selbst noch nicht dazu gekommen eins zu lernen, finde aber AT ganz interessant (und habe im Laufe meines Lebens wohl so etwas ähnliches entwickelt. Oder ich bin immer zu müde *lach**).

    Konzentration: Ich denke, man kann sich mit irgendwelchen “Krankheitsdiagnosen” auch selber hemmen. Und/oder entlasten. Mir gefällt die wertschätzende Wahrnehmung der systemischen Richtung. Und so wie die Fähigkeit abgelenkt werden zu können manchmal im Wege steht, ebnet sie diese in anderen Kontexten. Sich selbst wertschätzen lernen, dann kann man sich auch weiterentwickeln.

    Weitere Kommentare spare ich mir. Schöner Wunschzettel.

  • @S:

    Habe den Tenor deiner Wunschliste schon verstanden und die Wehmut/Melancholie darin. Männer sind aber immer so praktisch veranlagt und (zer)stören mit ihrem Sinn für Realismus gern den Zauber von Momenten und Posts. So auch hier. Da denkt er halt, ein Schluck Milch könnte den “Schmerz” etwas lindern. :)

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