photo by US Army Africa

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 war die erste Weltmeisterschaft, die ich ununterbrochen verfolgte. Fast jedes Spiel – egal ob Deutschland oder nicht – sah ich mir an, fieberte mit. Die Main Arena, dem Public Viewing Bereich auf dem Main in Frankfurt, war knapp einen Monat lang mein zu Hause. Ich lernte Menschen aus aller Welt kennen. Ich feierte und schrie und gröhlte und tanzte und stöhnte und liebte es, mich manchmal ganz klein zu machen und den Leuten dabei zuzusehen, wie sie gebannt auf den Bildschirm starrten. Das Lächeln in ihren Gesichtern, das Zucken in ihren Augen. Wie verkrampft sie sich aneinander festhielten. Wie sie sich umarmten und küssten, auch wenn sie sich nicht kannten. Es war ein anderes Deutschland, da können wir uns alle einig sein.

Doch auch, wenn ich mich gerne an die Gänsehaut und an die Musik und an die Bilder erinnere, die in den schönen Momenten passierten, am markantesten wird mir wohl für immer das Halbfinale zwischen Italien und Deutschland im Gedächtnis bleiben. Die Tränen, die die Wangen meiner deutschen Freunde hinabliefen, waren nichts im Vergleich zu den Tränen, die meine Oma damals ließ. Meine Oma, die für einige Wochen zu Besuch in Deutschland war. Meine Oma, die keine einzige Fußballregel kannte. Meine Oma, die in Deutschland alle paar Jahre Urlaub machte.

Ich fragte sie, lachend, warum ausgerechnet sie denn jetzt weine. Sie sah mich an, schluchzend (und es bricht einem das Herz, die eigene Oma weinend zu sehen) und sagte: “Ihr habt gelernt, zu lachen und Gefühle zu zeigen. Ich habe Angst, wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, dann habt ihr es wieder vergessen.”

Damals verstand ich nicht so richtig, was sie damit meinte. Mit dem Näherrücken der WM in Südafrika und der Vorfreude jedes einzelnen Menschen in diesen Straßen merke ich aber, wie sehr sich die Leute hier nach dem Ausrasten sehnen. Danach, explodieren zu können. Sich freuen zu können. Irgendwie etwas, was man hier sonst nicht so wirklich kann (oder will).

Meine Oma ist seit dem Märchensommer 2006 nicht mehr in Deutschland gewesen. Diesen Juni kommt sie, pünktlich zur WM, wieder vorbei. Gut, dass wir ihren Deutschlandschal nie weggeschmissen haben- wir brauchen doch noch ein bisschen Support.

This article has 11 comments

  1. Jeriko

    Wir brauchen, denke ich, meistens einen Anlass, um den inneren Partylöwen in uns rauszulassen. Klar könnten wir die ganze Zeit feiern, aber die meisten tun es beispielsweise nur an Karneval. Oder bei Weltmeisterschaften. Weshalb ich es 2006 von einigen auch als sehr kurzsichtig empfand, die feiernden Menschen einfach abzuspeisen und in eine Schublade zu stecken, bloss weil sie sich von ihnen genervt fühlten.

    Ich für mich habe die WM nicht gut in Erinnerung. Mein Interesse für Fussball ist nicht wirklich vorhanden, ich hätte Public Viewing auch als Anlass zum Feiern genommen – mir ist aber dort erst so richtig klar geworden, dass ich in Mannheim in 1 1/2 Jahren niemanden kennengelernt habe und die meiste Zeit allein war. Naja shit happens, 2010 wird awesome. Bestimmt.

  2. S

    @Jeriko: Gut, bei mir persönlich kommt noch der Fußballwahn hinzu, auch wenn ich sonst nicht wirklich patriotisch bin (ok, Championsleague für die Bayern wäre jetzt aber schon echt fett, einfach weil das Team diese Season hammermäßig organisiert und wunderbar talentiert gespielt hat).

    Aber ich glaube nicht, dass es nur ums “Feiern” ging, weil ja, feiern kann man auf Parties. Vielmehr war es die herzliche Art von Feier. Meine Mutter sagt immer “kein Wunder, dass Deutschland das Land des Alkohols ist, wenn die sich nicht besaufen langweilen die sich doch gegenseitig zu Tode”. Das finde ich lustig, weil andere Menschen nicht interessanter oder unbedingt aufgeschlossener sind, sondern weil Deutsche (meiner Auffassung nach) sich ungerne die Blöße ihrer Emotionen geben ohne einen passenden Auslöser in der Tasche. Ich bin da selber so, wenn ich mit meinen Freunden hier unterwegs bin, ändere mich aber schlagartig, wenn ich mit meinen Eltern oder in Syrien bin.

    Es drückt sich auch darin aus, dass man viel lacht, viel schreit und sich herzlich an andere Leute bewegt- ohne Skepsis und ohne Misstrauen, so wie wir hier das gerne machen. Zumeist sehr subtil und individuell, aber doch irgendwie merklich.

  3. Jeriko

    … was ich mit “feiern” meinte :-)

    Was die Emotionen angeht: Meine Ex-Schwägerin ist Argentinierin, wennn ihre Eltern zu Besuch kamen prallten Welten aufeinander, wenn die Mama mit ihrer absoluten Offenheit an die Menschen herangegangen ist. Bei der WM wäre das nicht aufgefallen, weil sie dort nur eine unter vielen gewesen wäre. Es war halt dieses Zugehörigkeitsgefühl, dass man einer unter vielen ist, und für einen Moment mal ganz anders, vielleicht sogar ehrlicher, als sonst sein kann. Just in dem Moment kommen mir Konzerte in den Sinn…

    Ich fand die Weltmeisterschaft großartig, aber eben nicht wegen des Fussballs, sondern weil dieses Wir-Gefühl da war. Und zwar bei allen, nicht nur den Deutschen.

  4. B

    Was ganz schrecklich furchtbar 2006 waren nicht nur die Leute, die jubelnde Menschen zum Kotzen fanden, oder die ganzen Fahnen an den Autos belächelten, sondern die, die zu Protesten gegen übertriebenen Nationalstolz aufgerufen haben.

    da dachte ich mir sehr oft, wie viel fürze queer sitzen müssen um so hardcore zu sein :D.

  5. zimtsternin

    Ich freu mich auch schon wieder total drauf.
    Aber ich glaube an die WM 2006 kommt einfach nichts mehr so schnell heran.
    Außerdem fehlen mir auch noch dazu die richtigen Leute. Leider.
    Das Sommermärchen war schon toll. Und den Film dazu könnte ich mir immer und immer wieder anschauen.

  6. Hausschuh

    So, nun versuch ich doch noch mal auf Bs Kommentar zu antworten…

    Was ich erschreckend fand, war tatsächlich das schwarz-rot-gold… ähnlich auch wie jetzt beim Euro Vision SOngcontest…

    Und ich muss mich da doch fragen, gibt es kein anderes positives referenzsubjekt? Muss ich die Deutschlandfahne schwingen, um meine Sympathie zur Mannschaft kundzutun? Kann ich nicht auch ein Lena-Mayer-Landhut-Plakat in der Hand haben, muss das Schwarz-Rot-Gold sein?

    Und wenn ja, was sagt das aus!? Geht es, wenn ich mich nicht auf Lena (weil das ja jetzt gerade wieder aktuell war) oder die dt. Nationalmannschaft beziehe vlt nicht doch um mehr als den Sngcontest? Geht es vielleicht doch darum, dass Ddeutschland gewinnt und nicht lena, die man toll findet!?
    Und wenn das so ist; warum?
    Versteh ich nicht…

    zumal bei vielen da einfach nochmal eine Verklärung stattfindet. Ich habe es an Deutschland bisher immer geschätzt, dass sich dieser Nationalismus und Patriotismus in grenzen gehalten hat. Das ist nichts was ich brauche, ncihts was ich schätze oder womit ich mich identifizieren kann. Ich finde es traurig, wenn leute nur in schwarz-rot-gold feiern können. Ich finde es erschreckend, wie sich Menschen mti soetwas schmücken und dabei total verkennen, was diese farben noch bedeuten. Nämlich auch eine Ausgrenzung. Deutschland ist kein Verein wo jeder mitmachen kann der möchte.

    Und das hat nichts mit kein Spaß an Fußball zu tun. Den kann ich aber auch ganz mannschaften oder Spielerbezogen haben.

    Sorry für die Rechschreibfehler, bin gerade sehr im Stress. Ergänz es bei Bedarf auch gerne nochmal…

    H.

  7. Hausschuh

    Achso, nur nocheinmal ein kurzer Nachtrag. Mal abseits dessen, dass das gerade natürlich total verkürzt war; da gibte s natürlich zwei Aspekte… nämölich einmal die Alltägliche, Fußball in den Stadien und der (fan)kult darum, und die Debatte um den nationalismus und dessen Einzug in den Alltag und die damit verbundenen Implikationen (Exklusion etc)…

    Und natürlich eine fehlende Kritik und Umgang mit reaktionären ‘Strömungen’, Verhgalten -whatever- im Fußball und im Stadion (seien es nun Sprüche (von wegen der südamerikanische Fußball sei genetisch vom deutschen bspw zu unterscheiden, Dynamo Dresden und die Transpis), Homophobie, eine Offenheit für die Rechte usw usf.)…

    sorry, ist ein wenig wirr

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