Ich sehne mich immer genau dann danach, eine Zeitung zur Hand zu haben, wenn mich entweder eine Fliege nervt oder ich spontan gekaufte Tankstellen-Geburtstagsgeschenke verpacken muss. Da ich aber in Zeiten geboren wurde, die das Abhölzern von Regenwäldern für etwas, dass eine durchschnittliche Lebenszeit von 12 Stunden hat, zunichte machen, habe ich nie eine Zeitung zur Hand. Die Fliegen fange ich mit meinen wabbeligen Arschbacken und die Geschenke wickel ich in Lidl-Prospekte ein oder werfe sie dem Geburtstagskind einfach in die hässliche Fresse.

Mein mediales Leben befindet sich hauptsächlich im Internet, und das zurecht. Ihr Steinzeitmenschen, die ihre Informationen noch mit 24-stündiger Verspätung einholt- ihr wisst überhaupt nicht, wie das ist, on the fast lane. Ein Harlekin des Nachrichtenzeitalters! Harder, Better, Faster, Stronger. Wir trinken unseren Kaffee nicht, wir kauen die Bohnen beim Stuhlgang-Bloggen auf dem Klo! Wir kaufen Batterien für unsere Bücher! Wir töten die Kinder des Feindes mit ABC-Waffen und nuklearen Analbomben!

Allerdings habe ich auch einsehen können, dass der schnelle Neuigkeiten-Konsum von Twitter, Feedreader und Co. nicht unbedingt ausreicht, um tatsächlich “im Bilde” zu sein. Das ist ja ein bisschen wie Waldorfschule. Man macht immer nur die Sachen, die einem Spaß machen, und blockiert die Horizonterweiterung. Ich finde, ein bisschen Bildungszwang darf auch im Alter nicht fehlen. Klar, in der 5. Klasse hätte ich auch am liebsten nur Kunst-, Deutsch- und Englischunterricht gehabt, weil ich meine Mitschüler in diesen Fächern regelrecht zerfickt habe, aber dann könnte ich heute auch niemals das:

2+2=5

Impressive, I know.

Jedenfalls habe ich mir also überlegt, dass ich mich mit einem Zeitungsabo (also ausgegebenem Geld) dazu zwingen könnte, auch mal über Style, Musik, Kultur und Schlagzeilen hinaus mehr Wissen aufzubauen und damit der Weltherrschaft immer näher zu kommen. Und, okay, ich will auch das ganz großartige Messer-Set als Prämie. Aus persönlichen Gründen, und weil die Frankfurter Rundschau nicht mehr das typische Zeitungslayout hat, mit dem man andere (und sich selbst) so schön in den Wahnsinn treiben kann, habe ich mich für die Zeit entschieden. Hach, die Zeit! Stellt euch vor: das sind Blogbeiträge zu ganz vielen Themen, die (im besten Falle) informativ sind, durchdacht sind, richtig erarbeitet und recherchiert wurden! Keine Rechtschreibfehler! Und wenn, dann ist es mir auch egal! Hauptsache eine Stange Geld ausgeben, um sowieso keine Zeit zu haben, um die Meinung fremder Menschen zu lesen! Was für ein irres Konzept. Da gibt’s nicht mal ein “Über den Autor”. Da steht dann nicht, was seine Lieblingsbücher sind, was er so twittert und ob man gemeinsame Freunde bei Facebook hat. Und der wird dann mein Lehrer für’s Leben (oder zumindest so lange, bis mich irgendwer rechtzeitig daran erinnert, dass ich diese Naturkatastrophe kündigen muss).

So viel zum geplanten Zeitungsabo. Nachdem ich also eines morgens aufwachte und das Thema “Weiterbildung durch Papierverschwendung” ganz oben auf der Prioritäten-Liste stand, schritt ich zur Tat. Ich füllte das Online-Formular aus und schickte die Studentenbescheinigung per E-Mail hin. Das ist jetzt zwei Wochen her. Es passierte: nichts.

Es kam keine Rechnung und erst recht keine Zeitung. Vielleicht ist das auch das Geheimnis der Bild-Zeitung: die schicken ihre Verdummungspropaganda wahrscheinlich innerhalb der ersten 4 Minuten raus und kommen persönlich jedes Jahr mit den Zeugen Jehovas und den Scientology Fotzen vorbei, um das Geld einzutreiben. Und in der Zwischenzeit warte ich auf meine akademische Bereicherung und nichts passiert, rein gar nichts. Auf meine E-Mail mit der essentiellen Frage “HALLO WANN KRIEGE ICH MEIN MESSERSET!” wurde mir auch nicht geantwortet (die GASAG hat mir übrigens auch noch nicht geantwortet; das ist jetzt für das Zeitungsthema nicht unbedingt relevant, aber man fragt sich ja trotzdem, warum seelenlose Wirtschaftshuren mein Geld nicht wollen. Vielleicht, weil ich eine islamische Frau bin mit Wurzeln in der Achse des Bösen und meinen Lebensunterhalt mit SEO verdiene und die Heteroflexibilität der College-Jahre vertrete. Das passt ja auch alles nicht ins gutbürgerliche deutsche Vorstellungsbild der perfekten Frau).

Und so ist das jetzt also. Seitdem ich auf meine Zeitung warte, sind folgende Dinge passiert, über die ich mich nicht ausreichend informieren konnte, weil mir dafür der selbstgebaute Druck fehlte:

- Menschen starben in Norwegen
- Amy Winehouse starb in London
- Irgendwas mit Griechenland
- Der Sommer wurde abgeschafft

Für meine Bildungslücken mache ich die Scheisse mit der fehlenden Zeitung verantwortlich, denn man kann nicht behaupten, dass ich mich nicht zumindest bemüht habe, ein intelligenterer, belesenerer Mensch zu werden. Selbstverständlich lese ich die Zeit Ausgabe auch täglich online, um auf dem neuesten Stand zu bleiben; nichtsdestotrotz ärgere ich mich über den fehlenden thematischen Tiefgang und auch die 15 Minuten Ruhe, die ich mit dem Lesen der Zeitung assoziiere (nein, keine Sorge; ich mache mir nichts vor. Das wird so in etwa wie eine Anmeldung im Fitnessstudio, wo man drei Mal hingeht um dann vier Jahre zumindest für’s Gewissen zu bezahlen).

Ich komme also in eigenem Selbstversuch endgültig zu dem Schluss, dass die fetten Print-Jahre vorbei sind. Print ist tot, weil es arschlangsam ist und die eine Sekretärin, die meine Anmeldung verbummelt hat, ist daran Schuld. Die Post ist auch Schuld. Alles, was älter als 25 Jahre ist, ist Schuld. Und nicht mal das Messerset habe ich bekommen.

This article has 7 comments

  1. melancholieunduebermut

    fail für DIE ZEIT, dass sie nicht reagieren auf eine abo-bestellung. ich hoffe, du bekommst wenigstens dein messerset noch.
    ansonsten, sehr gute beschreibung! ich habe mich teilweise wiedererkannt.

  2. ShoBeazz

    toll. als postzusteller UND exwaldorfschüler gleich zweimal in die fresse bekommen. und dabei habe ich gar nicht geburtstag.

    (nee stimmt aber… von allen sachen, die angeblich durchs internet verdrängt werden, ist die papierzeitung die, die das am ehesten verdient. man kann dem kurz hinterherweinen, so wie man auch kutschen und schwarzweißfernsehern hinterhergeweint hat. aber dann merkt man, daß es auch ohne geht, und viel besser).

    (bei zeitSCHRIFTEN sieht das noch irgendwie anders aus, finde ich. aber vielleicht kommt mir das nur so vor, weil ich welche abonniert habe, und kann ganz leicht auseinanderargumentiert werden).

  3. Babel

    ich find zeitungen toll! damit kann man hüte basteln wenn man ne bude streicht und den boden belegen. und wenn die schuhe nass sind zeitung knüddeln und rein zum trocknen. und omas tipp: zum fensterwischen benutzen… also zum abtrocknen nacher. gibt keine streifen.

    wenn ich nen kamin hätte würde ich damit das feuer anmachen. sry ich könnt net ohne :( bitte niet!

  4. N

    Ich muss mich ja mal dazu bekennen — ich liebe Die Zeit, die bringen naemlich immer dieses geniale Die Zeit Campus raus. Das Magazin ist ein einziges Wunder an interessanten Fakten, Humor und das obwohl ich gar kein richtiger Student (nur Doktorant) mehr bin. Allerdings hab ich auch noch nie versucht das zu abbonieren..mhhh…

  5. Philipp

    Ha,
    ich habe das ganz toll gemacht. Ich hab mir eine Mitbewohnerin besorgt, die ein Abo hat. Null Stress, null Kosten! Und wenn ich sie mal nicht lese, habe ich kein schlechtes Gewissen, wegen Kohle. Und wenn doch, fühle ich mich ungemein klüger. Wirklich, weil im Internet mache ich immer 10 Sachen gleichzeitig. eMail, Musik, Chat und noch Blogs lesen, und am Schluss bin ich verwirrt.

  6. JeriC

    Bin ich mit 25 Jahren also auch pauschal schuld?
    Und, jaja, die Zeit. Die habe ich zu meinen Studentenzeiten (Herrje, wie das klingt!) immer in der Hochschulbibliothek gelesen. Im Moment beschränkt sich mein Printmedienkonsum allerdings eher auf c’t und, ja, ich gestehe, die NEON.

  7. Pingback: Fuck You, I can't » Meine politische Apathie » Leben » AMY&PINK

Comments are closed.